Matratze sagt nein

Glauben Sie das Matratzen eifersüchtig sind? Mir war der Gedanke bisher fremd, aber nach den letzten Nächten möchte ich es nicht mehr ausschließen. Meine Matratze jedenfalls beschert mir seit einer Woche unangenehm viele und erstaunlich lebhafte Träume. Ich träume fast jede Nacht und so gut wie immer lebhaft, aber nur selten erinnere ich mich am nächsten Morgen noch klar an die Zusammenhänge. Die Träume der letzten Woche dagegen sind mir ausnahmslos noch alle präsent. Das ist ungewöhnlich und ich vermute, dass es etwas mit meiner Matratze zu tun hat. Genauer gesagt, mit den Befindlichkeiten meiner Matratze, die ich in den letzten Jahren wohl gründlich unterschätzt habe.

Angefangen hat es vor genau einer Woche. Da träumte ich vom Auszug aus der Wohnung, die ich mit einem Mann teilte, von dem ich dachte, dass er mein Mann werden würde. Während ich das dachte, war er der Mann vieler anderer Frauen und als ich es begriff zog ich aus. Die Matratze, die wir uns damals geteilt hatten, überlies ich ihm und schlief ein paar Wochen auf meinem Sofa, bevor mir meine Eltern eine neue besorgten. Ich mochte die neue und vermisst meinen Alten nicht. Alleine schon, weil niemand mehr im Schlaf auf meine Seite rollte und mir den Platz strittig machte.

Das taten in den folgenden Jahren andere Männer. Und von ihnen träumte ich Anfang der Woche. Nicht in chronologischer Reihenfolge und auch nicht alphabethisch geordnet. Auch wenn ich niemanden Rechenschaft ablegen muss…so viele waren es nicht. Aber mehr als einer blieb übernacht. Daran erinnerte mich meine Matratze, indem ich von ihnen träumte. Keine Albträume – zum Glück – eher ein Rückblick an gemeinsam verbrachte Zeiten. Es war mir neu, dass Matratzen sentimentale Züge aufweisen.

Sentimental auch der Traum, von einem mitten in der Woche, den ich regelmäßig sehe und der meiner Matratze bestens bekannt ist, da er sie in der Regel gerne für sich beansprucht und sich mittig platziert. Bei einer Breite von nur 1,40 Metern ist das reichlich unverschämt und wäre ein Grund ihn rauszuschmeißen, gäbe es nicht auch erfreulich viele Gründe das dann doch nicht zu tun. Auf seiner Matratze träume ich nichts. Wir kennen uns zwar – die Matratze und ich – aber da ich sie nicht beziehe und mich nicht verantwortlich für das regelmäßige Wenden fühle, sind wir eher Bekannte als Freunde. Wahrscheinlich lässt sie mich deshalb in Ruhe und kümmert sich nicht um meine Gedanken während ich schlafe.

Gegen Ende der Woche träumte ich von meinen Eltern. Schöne Träume, weil ich sie beide noch habe und so beim Aufwachen nichts vermissen muss. Ich erinnerte mich daran, wie ich mein Bett bei Ebay Kleinanzeigen – nach der Trennung von einem Mann mit dem man eine komplette Drei Zimmer Wohnung eingerichtet hat und fast alles zurück lässt, ist man etwas knapp bei Kasse – mit meinem Vater in der Nähe des Großmarktes abholte. Die WG aus der wir es holte überforderte ihn etwas angesichts des dortigen Chaos. Weit mehr überforderte ihn der Transport auf dem Dach seines Autos und meine stoische Gelassenheit, dass das schon halten würde. Väter sind die besten, wenn es um Möbeltransporte geht und Mütter, wenn sie einem die passende Matratze kommentarlos besorgend. Das war sehr nett damals und daran dachte ich als ich aufwachte.

Meine Matratze und ich haben viel erlebt in den letzten 15 Jahren. Bis vor einer Woche hätte ich vermutlich aber eher geschrieben, dass ICH und nicht WIR viel erlebt hätten. Seit ein paar Tagen und Träumen, die sich fast immer um UNS drehen, schreibe ich WIR und denke tatsächlich fast täglich an das Ding auf dem ich schlafe. Und das nur, wegen all der Träume. Träume von Lieblingsserien, die ich alle im Bett und auf ihr gesehen habe. Einer Grippe, die ich auf ihr überstanden habe. Mir nahestehende Kinder, die nach Stunden endlich auf ihr eingeschlafen sind und einem Rotweinfleck auf ihrem Bezug, als die Heizung ausfiel und meine Freunde und ich zu fünft auf ihr gegessen, getrunken und ins neue Jahr gefeiert haben. Von all dem handelten meine Träume. Und die haben genau an dem Tag angefangen, als ich mir ihre Nachfolgerin bestellt habe. Ich glaub, das nahm sie mir übel. Bestellen wär vielleicht noch nicht so schlimm gewesen, aber zum Entsetzen meiner Matratze, habe ich auf ihrer Nachfolgerin Probe gelegen. Und das scheint ihr so gar nicht gefallen zu haben. Dabei müsste sie es verstehen. Sie ist jetzt wirklich durchgelegen. Einer der in ihre Mitte rollt beschwert sich seit Monaten. Und ich leide unter einer Feder, die arg in meine Schulter drückt, wenn ich zu weit links liege. Sie ist alt. Unbequem geworden. Wirklich hinüber. Sie muss weg!

Heute Nacht hatte ich einen Albtraum. Meine Matratze war durchlässig und ich fiel. Und fiel. Und fiel….

Meine Matratze steht jetzt im Keller. Den Leuten, die die neue brachten und sie mitgenommen hätten, habe ich gesagt, dass man sie mir doch bitte einfach in den Flur stellen soll. Von dort habe ich sie in den Keller gewuchtet und dort versperrt sie mir jetzt den Weg zu….zu allem. Sie, die immer zu schmal für zwei war, ist jetzt viel zu groß. Sie steht dort unten, weil ich es nicht über das Herz bringe eine so treue Begleiterin einfach zu entsorgen. Ich habe jetzt eine alte, völlig unbrauchbare Matratze im Kellerabteil und komme nicht mehr an die Marmeladengläser. Der Mann an meiner Seite attestiert mir einen ausgeprägten Dachschaden und erklärt mir, dass wir das Ding ohne einen Sprinter nicht entsorgen können und hält mich für völlig bekloppt, als ich erkläre, dass ich das auch gar nicht will. Als mein Freund das Kellerabteil verlassen wollte, kippte die schwere Matratze und hat ihm das Handy aus der Hand geschlagen.

Nicht das ich an so etwas glauben würde, aber kennen Sie sich mit nachtragen und rachsüchtigen Gebrauchsgegenständen aus? Hilf da vielleicht Salbei? Weihrauch?

26 Gedanken zu “Matratze sagt nein

  1. Ich schlafe auf zwei Matratzen, die in meinem Bett liegen. Irgendwie ergibt es sich, dass ich immer in die Mitte rutsche und in einer schneller werdenden Drehung zwischen die Matratzen gezogen werde. Quasi Sog. Gelegentlich auch ohne vorangegangenen Rotwein. Morgens kann ich mich an nix mehr erinnern… 😉

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    1. Pass bloß auf dich auf. Nicht dass ich dran glauben würde, aber in diesen Besucherritzen sollen schon Menschen verschwunden sein. Kann sein, dass der, der mir das erzählt hat einen Witz machte, aber man weiß ja nie….;)

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  2. Liebe Mitzi, weder kann ich mit Bannsprüchen noch gleichartigen Erfahrungen dienen – meine alte Matratze hat mir gut erinnerliche Rückenschmerzen verschafft, daher liess ich sie gerne ziehen – dafür mit Lob, falls du welches hören magst: Was für eine irre Geschichte! Mitzi-Irsay-irre, also im allerbesten Sinn, auch wenn der von der Matratze tätlich Angegriffene das anders einschätzen mag. Wobei, er ist doch Mediziner, also hat er vielleicht ein kleines bisschen recht? Jedenfalls toll geschrieben, und es passt einfach zu dir, wie ich dich hier kennenlernen durfte, dass du deine treue Begleiterin nicht zur Entsorgung freigeben konntest. Ich hoffe trotzdem, dass du diesen Schritt bald gehen kannst, also spätestens wenn oben im Kühlschrank die Marmelade alle ist. Und dann möge die alte Matratze dich nicht weiter heimsuchen und die neue dir angenehme Träume bescheren!

    Danke für diese bezaubernde Erzählung über eine Matratze! Nur du kannst so ein Meisterinnenstückchen herstellen.

    Liebe Grüsse von der immer noch vor sich hin kichernden Eva

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    1. Liebe Eva, vielen, vielen Dank für deine lieben Worte, die mich sehr freuen. Ein bisschen rot werde ich auch. Mitzi-Irre ist irgendwie gut 😉
      Ich hoffe auch sehr, dass ich sie ganz bald ziehen lassen kann. Für eine Sentimentalität dieser Art ist mein Keller einfach zu klein. Spätestens, wenn ich an den Christbaumschmuck muss und an den Adventskranz, werde ich das ganze in Angriff nehmen. In Angriff nehmen lassen ;).

      Übrigens habe ich heute Nacht sehr gut geschlafen. Aber wieder geträumt. Vielleicht liegt es am alten Kissen, dass das neue daneben nicht mag. Ich bleibe dran und werde es noch heraus finden.

      Liebe Grüße
      Mitzi

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      1. Liebe Mitzi, es freut mich, wenn du dich über meine Worte freust, nicht zuletzt da du mich vorgängig mit deinen Worten erfreut hast. Ein sehr erfreuliches Perpetuum mobile haben wir da! 😄

        Von Zeit zu Zeit ein neues Kissen ist sicher auch nicht falsch, zumal wenn das alte schon durchgelegen ist und vorzugsweise unerquickliche Träume begünstigt. Und zu Weihnachten eventuell auch noch eine Garnitur neue Bettwäsche? Sicher ist sicher!

        Nun bleibt dir noch ein Monat, um dir freien Zugang zu Marmelade und Adventsdeko zu verschaffen; ausserdem musst du den Platz ja auch freischaufeln, weil du vermutlich dann den Christbaum dort einlagern wirst, von dem du dich bestimmt auch nicht schon im Januar wieder verabschieden möchtest. Ich sehe am Horizont bereits eine neue Mitzi-Irsaj-im-Dilemma-Geschichte auftauchen. Der Privatperson Mitzi wünsche ich natürlich keine diesbezüglichen Schwierigkeiten, der Autorin Irsaj halt doch… Es ist ein Dilemma! 😇

        Herzliche Grüsse aus der nebligen Schweiz

        Eva

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      2. Über unser Perpetuum mobile freue ich mich auch 🙂
        Ich kann aber auch nicht immer das gleiche schreiben. Daher…ich klpfe mir selbst auf die Schulter….die Matratze ist weg. Ein weiterer Anruf bei den netten Herren, ein weiterer 50iger aber sie ist weg. Und der Baumstamm des letzten Christbaumes auch. Hier klopfe ich mir nicht auf die Schulter, den ich habe ihn auf reichlich unverschämte Weise entsorgt. Da man nie weiß welche Nachbarn mitlesen, erkläre ich lieber nicht wie 😉

        Grüße in den Nebel, sofern noch vorhanden
        Mitzi

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      3. Oh, es ist (und soll ja sein) ein Perpetuum mobile des gegenseitigen Erfreuens! Du schreibst doch Variationen über ein Thema und nicht immer das gleiche; sonst hätten wir wohl alle irgendwann mit einem Freudenverlust zu kämpfen. 😉

        So kann die Geschichte vom Vorjahreschristbaum ruhig ein wenig neblig bleiben, und die Entsorgung des alten Kopfkissens weniger spektakulär oder teuer – oder auch nicht. Wir werden es eventuell lesen. Oder etwas anderes. Ich freu mich auf alles, was kommen mag.

        Grüsse aus der inzwischen sonnigen Schweiz! Eva

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  3. Deiner Geschichte mit dem Besorgen eines Bettes über eBay-Kleinanzeigen entnehme ich, dass nie ein Millionär in der gemeinsamen Wohnung gewohnt hat, denn sonst hätte dich das Ausziehen und Hinterlassen aller Dinge nicht schmerzen müssen, da ER ja alles bezahlt hat.

    Aber deine Geschichte ist lebensnäher. – Nacht- und fast Matratzengruß zu dir

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    1. Richtig….mit einem Millionär hatte ich noch nie das Vergnügen ;). Aber es hätte mir wohl auch nicht gefallen, wenn ich beim Einrichten nicht gleichberechtigt (auch beim Bezahlen) gewesen wäre.

      Liebe Grüße

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  4. Nein, ich weiß nicht, ob Weihrauch, letzte Ölung oder sonst was hilft (wobei mit hier was einfällt . vielleicht doch noch mal, ein letztes Mal, die alte Matratze? Etwa in einem gemieteten Sprinter als provisorischem Wohnmobil?). Vielleicht kann ich insofern Hilfestellung geben: Beiträge Kapitel 5 (ich habe öfters mal so meine Probleme mit der Kapitelverteilung, wieso landete das dort?), 75, Matratzentango; Kap. 3 (schon eher), 344, Matratze. Und ev. noch andere.

    Sollte das hilfreich für den Umgang mit eher gut gebrauchten Matratzen sein, laß es mich ruhig wissen! Vielleicht wechsle ich dann ins Bettenlager. (Ich sollte langsam aufstehen. Trotz frisch operiertem Zeh. Der tut noch weh.).

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    1. Zunächst…gute Besserung an dich und den Zeh. Hoffentlich bist du bald wieder auf allen zehn Zehen unterwegs.
      Danke für die Tipps…ich werde berichten. Da ich allerdings auch auf der neuen Matratze weiter so unangenehm viel träume, glaube ich fast, dass sie unschuldig ist. Mal sehen, wer der nächste Verdächtige ist.

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      1. Der Zeh tut weh. Na ja, selbst schuld. Schon meine Oma hatte so was. Ekelhaft – eingewachsene Zehennägel. Ja, seitlich, medial, obwohl ich dem Chirurgen, der sich der Sache annahm, sagte, dass ich eigentlich nichts mit Medien mache (das hier habe ich verschwiegen). Aber nicht dorsal, da waren wir uns einig, nicht dass am Ende seiner Schnipplerei nur ein Torso übrigbleibt. Morgen kommen die Fäden raus.

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      2. Selbst schuld würde ich nicht sagen. Was kannst du schon für deine Zehennägel. Und selbst wenn’s die hohen Schuhe der Jugend waren, denen meine Oma die Schuld für alle Fuß Probleme gegeben hat, dann ist auch das verjährt. Ich hoffe der Schmerz lässt bald nach. Liebe Grüße

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      3. Das kenne ich tatsächlich auch. Der Bernhardiner meiner Familie hat das bei mir gemacht und ich könnte schwören, dass er sonst NIE auf meinen Fuß gelatscht ist. Vielleicht eine Hunde Art der Genesungswünsche? Freilich eine etwas dämliche.

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  5. Da hilft nur Lachen und über sich selbst grinsen, wenn man meint, die Matratze wäre rachsüchtig *g* Meine ist ganz lieb zu mir, aber ich glaube, sie flüstert mit mir. Leider verstehe ich noch nicht genau, was sie meint, aber das kommt noch 🙂

    Lieber Gruß von Bruni

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    1. Da hast du absolut recht. Über sich selbst lachen ist eh ganz oft die richtige rangehen.
      Das flüstern klingt sympathisch und ich bin sicher, du wirst rausfinden, was sie dir sagen möchte
      Liebe Grüße 🤗

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