Herbstliegen

Ich habe Fieber, teile ich meiner Mama mit. Sie rät mir, was ich weiß und ich lege auf. Sagen musste ich es ihr trotzdem. Fieber ist Mama-Sache, egal wie alt man ist. Mein Fieber ist ungewöhnlich hoch und später werde ich wissen, dass ich mir dieses Jahr nicht nur eine Erkältung sondern eine leichte Grippe eingefangen habe. Grippen haben gegenüber banalen Erkältungen den Vorteil, dass man von Beginn an ziemlich genau weiß, was einen erwartet. Da schleicht sich nichts langsam an, da bekommt man sofort alles. Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen in gleichbleibend ekelhaften Dosen. Sie kennen das, ich muss es Ihnen nicht beschreiben. Man schleppt sich heim, macht sich einen Tee und dann liegt man. Pures Liegen. Kein Fernsehen, denn Sehen ist erstaunlicher Weise urplötzlich unglaublich anstrengend. Auch kein Lesen, denn an Denken ist nun gar nicht zu denken. Also erst einmal nur liegen und nichts weiter tun. Katzen können das auch ohne Fieber. Vermutlich aber auch ohne, dass ihnen jeder Knochen weht tut. Man darf ruhig etwas wehleidig sein. Es ist ja ungewöhnlich, dass pures Liegen anstrengt.

So still bin ich lange nicht mehr gelegen. Man neigt als erwachsener Mensch in der Regel ja dazu immer etwas zu tun. Und wenn es nur so etwas schwachsinniges ist, wie die Leben völlig fremder und uninteressanter Menschen in den sozialen Medien zu verfolgen. Oliver und Amira Pocher haben sich getrennt. Das habe ich am Morgen auf Instagram noch gelesen. Weder interessieren mich die beiden noch folge ich ihnen. Den Artikel las ich dennoch. Warum, frage ich mich jetzt liegend, weil ich sonst nichts zu tun habe. So still war es hier lange nicht. Hier in meinem Wohnzimmer ist es gerade so ruhig, dass ich das Ticken meiner Uhr in der Küche höre. Ich wusste gar nicht, dass sie ihre Arbeit so geräuschvoll verrichtet. Ich wusste auch nicht, dass meine Nachbarin über mir so trampelt. Es stört mich nicht, aber hätte mich gestern jemand gefragt, dann hätte ich ihm versichert, dass tagsüber absolut nichts von ihr zu hören ist. Seltsam wie viel man hört, wenn man nichts anderes macht. Klar, dass man den Verkehr und den Laubbläser von draußen hören kann, weiß ich. Neu ist mir, dass unser Hausmeister mit denn Luftstöße anscheinend in einem ganz bestimmten Rythmus folgt. In den nächsten Tagen höre ich ihn noch öfter und bin mir gegen Ende der Woche sicher, dass ihn während der Arbeite ein sehr lästiger Ohrwurm verfolgt. Diesen gibt er den Blättern weiter, indem er sie im Takt durch den Hof wirbeln lässt. Die werden sich bedanken. Aber sonst ist es ruhig.

So ruhig, dass ich das Piepsen aus der Nachbarwohnung höre, wenn dort die Spülmaschine fertig ist. Natürlich auch das Schleudern der Waschmaschine und das Klingeln des Postboten. Schöner ist es, über und unter mir Lachen und leise Gesprächsfetzen zu hören. Um mich herum lebt es, während hier bei mir die Zeit still steht. Oder ich in der Zeit festhänge und nicht rauskomme. Das muss so sein, da ich mich am dritten Fiebertag aufraffen möchte um zu duschen und mich dann dagegen entscheide. Duschen…das ist absolut unmöglich. Da muss ich mich ja auch noch abtrocknen und vorher aufstehen. Stehen, ein schlechter Witz. Keine Chance. Und natürlich übertreibe ich. Aber nicht viel.

An Tag vier, an dem ich tatsächlich noch immer Fieber habe mache ich den Radio an. Nach drei Tagen in relativer Stille habe ich eine grobe Vorstellung der Verdauungstätigkeiten der Nachbarschaft und möchte nun gerne etwas anderes hören. Radio ist fein. Radio ist immer ein bisschen Kindheit und mit dem richtigen Sender kann man es lange aushalten ohne ihn zu ändern. Bayern 2 Süd erscheint mir besonders grippetauglich. Von sich selbst behauptet das zweite Hörfunkprogramm des Bayerischen Rundfunks, dass es ein kultur- und informationsorientiertes Vollprogramm mit einem breiten Musikspektrum sendet. Stimmt. Man bekommt hier ein volles und in der Regel recht interessantes Program. Nur muss man auch nehmen was man bekommt, wenn man sich entschlossen hat die Wärmflasche nicht aus den Händen zu legen und die Füße sicher nicht unter der Decke auf den Boden zu stellen. Das breite Musikspektrum lässt mich den Kehlkopf Gesang mongolischer Musiker kennen lernen. Interessant und nicht so schräg, als das man dabei nicht einschlafen könnte. Nur die Träume, in die sich die guttuarlen Töne einschleichen sind etwas unruhig.

Beim Aufwachen glaube ich eine Katze auf meinem Bauch zu haben und bin dann doch froh, dass es nur meine Wärmflasche ist. Die muss ich nicht füttern. Jetzt ist mir endlich warm. Die Sonne scheint mich durch das Fenster an und Sonnenwärme im Winter ist fast so schön wie ein leise knisterndes Holzfeuer. Aber das kann ich mir in meinem schwammigen Kopf zum Glück problemlos vorstellen. Nur ganz hinten in meinem diffusen Hirn weiß ich, dass das Knistern vom extrem billigen Innenleben meines Sofakissens kommt.

Fünf Tage bin ich in meiner leisen, lauten Fieberstille gelegen. Dann war Samstag und Samstag findet untern neben der Kneipe der Judokurs für Kinder statt. Das ist ein solches Gekreische und Gejohle, dass selbst hartnäckigstes Fieber das Weite sucht. Und nein, es sind nicht die Kinder brüllen – es sind die Eltern. Justus, soll die Jacke zumachen. Julian sich beeilen und Emma-Valerie doch bitte die Gelegenheit nutzen die Einladung zur Geburstagsfeier zu verteilen. Gegen gezwungen fröhliche Eltern in der Öffentlichkeit ist sogar ein Laubbläser machtlos. Ich stehe auf. Das Fieber ist weg. Fast tut es mir leid. Die fiebrige Ruhe war auf ihre Art schön. Damit ich mich nicht alleine fühle, lauern Schnupfen und Hustern schon und versprechen mich mindestens noch eine Woche zu begleiten. Das ist doch nett.

37 Gedanken zu “Herbstliegen

  1. Weiterhin gute Genesung, liebe Mitzi!
    Schön, wie du es schaffst auch aus einer Krankheit Positives zu ziehen.
    So auch der Moment, in dem die Leserschaft hier liest und froh ist, gerade keine Grippe zu haben… 😉

    Vitaminreiche und echinaceatische Grüße,
    Syntaxia

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  2. Liebe Mitzi – ich lache!
    Natürlich nicht über dein fiebriges Elend oder die nachfolgenden Plagen Schnupfen und Husten, sondern über deine wie immer sehr achtsamen und liebevoll formulierten Beobachtungen. Man lernt seine Umwelt tatsächlich nochmals von einer ganz anderen Seite kennen, wenn man krank darniederliegt. Mich hatte mal eine Mittelohrentzündung niedergestreckt – ich glaube, nie zuvor und seither nie wieder haben sich so viele Kinder so lange und so laut hinter dem Haus getummelt wie in jenem Sommer! 😆

    Nun hoffe ich natürlich, dass du weiterhin gesundest und dich nicht mehr nur mit Wärmflasche und Sofakissenkatze begnügen musst. Falls du übrigens dem mongolischen Kehlkopfgesang in ganz milder Form nochmals eine Chance geben möchtest, hier ein Tipp: The HU! Hab sie erst diese Woche entdeckt und höre sie in Dauerschleife. 🥰

    Herzliche Grüsse aus der trübnassen Schweiz
    Eva

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    1. Liebe Eva,
      dein Lachen freut mich :).
      Mittelohrentzündung ist auch etwas ganz fieses. Wie alles das am Kopf ist und weh tut. Ich kann mir gut vorstellen, dass du damals auch ganz neue und vor allem in ungahnter Intensität Geräusche gehört hasst.
      Ich bin mittlerweile wieder halbwegs fit und habe die Wärmflasche nur noch aus Gründen der Gemütlichkeit auf dem Schoß.
      Danke für den Tipp. Die höre ich mich später in Ruhe an und bin gespannt. Gesund bin ich für Experimente und neues noch mehr zu haben ;).

      Grüße aus dem ebenfalls nassen, kalten und trüben München.

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      1. Hm, ja, Mittelohrentzündung kann gerne auch weg, und einmal reicht mir völlig.
        Erhol dich weiterhin gut und experimentier dich gemütlich durch den November!

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  3. Hach, das kommt mir so bekannt vor. Als ich im Februar Corona hatte, lag ich ähnlich wie Du flach. Mit Fieber und alles tat weh. Und ich lauschte auch den Geräuschen der Menschen über und unter mir. Sehr interessant. Zum Glück war Februar und es gab keine Laubbläser

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    1. Oje, da hat es dich so richtig erwischt. Grippe und heftiges Corona sind sich manchmal ähnlich, da bleibt dann nicht viel als rumliegen und den Geräuschen zu lauschen.
      Der Laubbläser blieb dir zum Glück erspart.

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  4. Ach Mitzi, so liebevoll, wie du deine Krankheit hier beschreibst, habe ich fast Angst, dass ich das aus lauter Neugier oder vielleicht sogar Mitgefühl auch haben will. Aber ich bin stark – ich WILL das nicht.
    Zum Glück habe ich so etwas wirklich selten in diesem Ausmaß – ich schiebe es mal auf die Grippeschutzimpfung.
    Aber es ist ja schon besser oder gut, sonst könntest du nicht so lang schreiben.
    Liebsten Gruß von der Alten

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  5. Ja, es ist wieder soweit… die typischen Erscheinungen des beginnenden Winters. Aber ja, sie sind wieder da. Grippaler Infekt, echte Grippe und Corona.
    Meistens geht das ja ohne oder nur mit unbemerkten kleineren Schäden vorbei. Manchmal auch nicht, Grippe und Corona fordern ihre Opfer. Dir scheint es zum Glück wieder besser zu gehen, Glück auf sagen die Bergleute dazu, die ja schließlich auch aus einem ziemlich tiefen Loch wieder rauskrabbeln müssen!

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    1. Und wenn die Bergleute das schaffen, dann sollte das auch bei mir möglich sein. Bzw. das war es schon. Alles wieder fein und künftig nehme ich dann gerne wieder die normale Erkältung.

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  6. ich hoffe, du bist mittlerweile wieder fit! 5 tage fieber, halleluja.. ich glaub, das hatte ich nur einmal in meinem leben und ich mag es mir auch gar nicht vorstellen. corona hat mir einen fiebertag beschert, mit so richtig allen zuständen und vor allem fieberträumen – mein bedarf daran ist gesättigt. was mich dran erinnert, vielleicht doch über die grippeimpfung nachzudenken.

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    1. Alles gut überstanden und wieder fit. Ich kannte das mit dem Fieber auch nicht mehr. Und ja…Grippeimpfung werd ich künftig auch nachdenken. Wenn man sie gut wegsteckt wie ich jetzt, dann ist es überhaupt nicht schlimm. Aber man braucht es auch nicht.

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