Wände und Schmetterlinge

An den Valentinstag dachte ich gestern erst, als vor mir ein etwa dreizehn Jahre altes Pärchen Händchenhaltend in der S-Bahn saß. Sie waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen, weil es schön war diese zwei jungen Menschen zu beobachten. Selbst ihre Rücken, als ich hinter ihnen die Treppe zum Bahnsteig nach oben ging, strahlten eine Verliebtheit aus, die sich von den Zehen bis weit über die Ohren über sie legte. So eine erste Liebe ist besonders schön und Teenagerhände die sich halten wecken Erinnerungen an besonders heftiges, weil noch unbekanntes und wenig vertrautes Herzklopfen. 

Obwohl der Valentinstag auch sonst nicht zu meinen Lieblingstagen des Jahres zählt, ging er dieses Jahr fast völlig an mir vorbei. Die Werbung empfand ich weniger penetrant und emotionale Tiefpunkte, wegen mangelnder Partner, hatten weder meine Freundinnen, noch ich selbst. Vielleicht habe ich es so empfunden, weil ich dieses Jahr weniger Zeit und Muse hatte Radio zu hören und der Blumenladen ums Eck seit Ende des Jahres geschlossen ist. Erst Mittags in der Kantine, als jeder ein kleines, rotes Schokoladenherz auf das Tablett gelegt bekam, dachte ich daran. Dann erst wieder bei den beiden Kindern.  Schön war sie – diese echte und ganz offen zur Schau gestellte Verliebtheit, die Schmetterlinge und Herzen auf den Schultern und in den Augen dieser zwei noch so jungen Menschen leuchten und flattern lies. Ich musste mich zwingen aus dem Fenster zu sehen, um sie nicht zu stören und dachte an meine Schmetterlinge und daran wie schön es war frisch verliebt zu sein. Ein Gefühl an das man nur schwer denken kann, ohne ein Lächeln auf den Lippen zu haben.

Am Nachmittag kommt ein flüchtiger Bekannter vorbei und holt ein altes Regal, dass ich los werden will ab. Während er es gemeinsam mit dem Mann, der ab und zu auf einen Wein bei mir vorbei schaut, abbaut erzähle ich von dem verliebten Pärchen. Sie wissen es noch nicht besser, sagte der Bekannte, als ich ende.  Die wissen noch nicht, wie schnell es vorbei sein kann, schiebt er hinterher und dreht die Schrauben raus. Es wäre nicht schlecht, sagt er lachend, wenn sie einen in dem Alter warnen würden, gegen wie viele Wände man rennt, wenn man so blind verliebt ist. Ich sage nichts, weil ich ihn nicht gut genug kenne um eine Grundsatzdiskussion über die Risiken der Liebe anzufangen und erwidere nur kurz das Lächeln meines Freundes der schulterzuckend ebenfalls nichts erwidert. Ich kann keine Gedanken lesen, die seinen am schlechtesten und wenigsten. Und trotzdem glaube ich zu wissen, dass er das gleiche denkt wie ich. Er würde an diesem Freitagnachmittag wohl kaum hier vor meinem Regal knien, wenn ich nicht über Monate und Jahre gegen Wände gerannt wäre. Gegen seine, an denen ich mir mehr als einmal eine blutige Nase und reichlich aufgeschlagene Knie geholt hatte (im übertragenen Sinn). 

Hätte ich gewusst wie viele dieser verdammten Wände, ein einzelner Mann um sich herum errichten kann, hätte ich vielleicht nach der dritten aufgegeben. Weil es mir aber niemand sagte, bin ich  in der Hoffnung dass er es wert ist weiter gerannt und und weiß heute, dass sie es wert gewesen sind. Vielleicht sehe ich das in zehn Jahren anders, wenn eine der Wände sich dann doch als zu stabil und unüberwindbar herausstellt. Aber auch dann wird es Zeiten gegeben haben in denen es gut war. Ich bin schon immer gegen Dinge gerannt, über Menschen gestolpert und habe mir Kratzer geholt. Mein Herz ist deswegen nie gebrochen. Wahrscheinlich ist es mittlerweile ziemlich verschrammt und vernarbt, aber es schlägt tapfer und springt noch immer freudig und aufgeregt. Den letzte Satz, sage ich dann doch laut. Ein bisschen arg naiv und vertrauensselig nennt mich der Bekannte und wischt sich den Staub von den Händen. Stur und nachgiebig und fest entschlossen nennt mich der Mann an meiner Seite und widerspricht und dennoch nicht der Aussage des anderen. 

Wie das zusammenpasst möchte der Bekannte wissen und ein Freund schmunzelt. Aus Sturheit optimistisch, naiv am Rande des Abgrunds taumelnd und fest entschlossen das Leben zu lieben, versucht er mich und mein Wesen zu erklären und wandelt dabei meine eigenen Worte die auf meiner Homepage stehen ein wenig um. Vor langer Zeit schon sagte  er mir, dass er sich anfangs nicht sicher war ob ihn diese Selbstbeschreibung abschrecken oder anziehen würde. Mit dem Tonfall wie er es heute diesem Tag sagt hat er die Antwort für sich wohl gefunden hat.  Weder meine Naivität, noch mein grenzenloser Optimismus haben ihn am Anfang gefallen und ich glaube dass ihm beides noch heute auf die Nerven geht. Dass ich aber noch immer gegen Wände rennen und fest entschlossen bin, sie einzureißen, das mag er mittlerweile, weil wir beide der Meinung sind, dass ab und zu einer gegen eine Wand rennen muss, um den anderen zu erreichen. Es wundert mich, als ich höre wie mein Freund über genau diese Wände zu sprechen beginnt.

Manchmal sind diese Wände papierdünn, sagt er, und es ist ein leichtes durch sie hindurchzuschlüpfen. Manchmal sind sie dick gemauert, dann kann man nur klopfen und und hoffen, dass der andere gut genug hin hört um es mit zu bekommen. Und manchmal geben sie überhaupt nicht nach, sind schalldicht und mannshoch. Dann muss man warten bis der andere rauskommt. Oder eben nicht. Es sei doch völliger Blödsinn irgendetwas vorher wissen zu wollen. Er stellt die Bretter an die Wand und holt sich ein Wasser. Ich bin überrascht und sage es ihm nachher. Er zuckt mit den Schultern  und behauptet, dass er seit 26 Stunden nicht geschlafen hat und ihn der andere auf dem falschen Fuß erwischt hat. Versucht es zu relativieren und ärgert sich über mein Grinsen. Ein Mann, der das zweite Jahr in Folge zum Valentinstag nur eine angefressen ne Tafel Schokolade überreicht, fühlt sich nicht wohl dabei wenn man ihn beim Sagen etwas sehr schönem und wahren ertappt. Wir rennen weiter gegen Wände, das ist ok.

18 Gedanken zu “Wände und Schmetterlinge

  1. Liebe Mitzi,
    mag sein, dass es Männer gibt, die Wände um sich herum aufbauen. Aber bei Wänden hat man ja auch diejenigen mit Fenster, die mit Tür und natürlich auch fenster- und türlose Wände. 😉

    Da Frauen sich von Männern leicht unterscheiden, denke ich, dass die Frauen, die als Mann Wände bauen würden, stattdessen eine ganze Burg bauen. Mit Burggraben, Burgmauern und einer Zugbrücke, die nur „bei Bedarf“ heruntergelassen wird. 😉

    Aber glücklicherweise sind die Maurer und die Burgfräuleins ja nicht in der Überzahl.

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, Sie haben recht. Neben papierdünn fehlen in der Aufzählung die Türen und Fenster. Und dann muss man natürlich auch an jene Frauen oder Männer denken, die mit Anlauf gegen eine offene Tür rennen und sich völlig unnötig eine Beule holen. ;).
      Aber im Ernst – ich glaube jeder hat ein paar Wände hinter die es sich zu blicken lohnt. Und längst nicht alle muss man einreißen, sie fallen von ganz selbst.
      Schmunzeln musste ich bei den Burgen und besonders der nur bei Bedarf runter gelassenen Zugbrücke. Ein schönes und nicht ganz unbekanntes Bild ;).

      Herzliche Grüße

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      1. Liebe Mitzi,
        Ihnen kann ich es ja erzählen, Sie behalten es ja für sich.
        Ich lebe weder hinter Wänden noch Burgmauern.
        Ich wohne in einem Raumschiff, auch unerrreichbar für ungebetene Gäste, mit dem ich durch’s Weltall schlendere. Allerdings immer sehr erdnah, weil ich weiter weg sicher Heimweh bekäme.
        Aber wenn ich aus meinem Orbit interessante oder gar liebenswerte Menschen entdecke, lande ich. Nicht immer ist meine Landung willkommen, dann starte ich eben wieder durch. 😉

        Heute abend will ich bei einer Kollegin von Ihnen in München landen, Theresa Hannig.
        Leider nicht persönlich, aber sie hat das Andocken von Raumschiffen so optimiert, dass jeder zuhause ihre Geschichte erleben kann, wie es 2052 in „unserer Republik“ aussehen wird.
        (In China sind sie schon eher soweit, aber da lande ich bestimmt nicht!)

        Gruß Heinrich

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      2. Ich habe gleich einmal gegoogelt lieber Heinrich, und wünsche ein gutes andocken. Es freut mich zu hören, dass sie in China nicht landen werden. Da gibt es ja einige Gründe.

        Mir gefällt die Vorstellung, dass sie lieber Heinrich, im Orbit über uns kreisen. Schön ist es, dass sie immer mal wieder landen auch hier auf diesen Seiten. Und praktisch ist es auch, dass man einfach wieder durchstarten kann, wenn eine Landung unerwünscht ist. Da ich noch nicht soweit wie Sie bin, muss ich noch zu Fuß den Rückweg antreten. 😉

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  2. Und manche Wände haben ja durchaus auch ihre Berechtigung schließlich hat man auch als zu zweit lebender Mensch Anspruch auf Intimsphäre und andererseits muss man doch nicht wirklich alles über seinen Partner wissen. Jawohl, und jetzt gehe ich die Zugbrücke über den Burggraben hochkurbeln 😉

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    1. Auch das ist richtig. Es kommt wahrscheinlich immer auf die Art der Mauern an und wie Heinrich schreibt, ob diese Türen und Fenster haben.
      Über den Burggraben gerufen wünsche ich dir einen schönen Abend und liebe Grüße 🙂

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  3. „So eine erste Liebe ist besonders schön und Teenagerhände die sich halten wecken Erinnerungen an besonders heftiges, weil noch unbekanntes und wenig vertrautes Herzklopfen.“ – DAS ist so unglaublich wahr und ich habe das selbst schon so oft gesehen.

    mein herz ist einmal in tausend teile zersplittert und ich habe sie bis heute nicht mehr alle gefunden, aber einen gutteil, zumindest soviel, dass es wieder ganz passabel geflickt werden konnte und meistens weitgehend funktioniert. ganz so wie früher bin ich nicht mehr geworden und ich würde heute (leider) nicht mehr gegen so viele wände rennen wie zu kollidieren ich mal bereit war. aber das ist auch ok. meistens 🙂 manch andere dinge hole ich mich grade wieder ein bisschen mehr zurück.

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    1. Auch ich bin nicht mehr ganz so wie früher und die eine oder andere Wand lasse ich aus. Dafür scheine ich in anderen Bereichen zu straucheln und mir aufgeschlagene Knie zu holen. Wir sind ein wenig verschrammt und auf die eine oder andere Schramme hätte man sicher gerne verzichtet. Es wäre leichter. Aber…und das glaube ich ganz fest…irgendwie passt es schon. Wir werden wohl immer etwas kämpfen müssen, aber solange am Ende der Schnitt stimmt (das ist „mittendrin“ nur schwer zu glauben) war es ok. Ein paar ruhige Jahre, die bekommen wir bestimmt noch :-*

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      1. ja, da hast du sicher recht. es ist manchmal leichter und manchmal weniger leicht das vertrauen zu haben, dass der weg, den man geht, richtig und gut ist, aber ohne diese ständigen zweifel gäbe es wohl keine entwicklung und wenn man zurück schaut, dann hatten viele wände, gegen die man geknallt ist, letztlich auch wichtige und gute konsequenzen. viele, aber halt nicht alle.

        ruhige jahre? ich weiß nicht – die hoffnung hab ich ein wenig aufgegeben. ich glaub, ich bin nicht gemacht für ruhige jahre. wenns droht ruhig zu werden, such ich mir meist schnell irgendwo den nächsten radau.

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      2. Es könnte ja auch ein super Radau sein. Einer der erfrischend Schwung bringt ohne einem gleich den Atem zu nehmen. Naja, ganz ruhig wird es bei uns (behaupte ich jetzt einfach mal) nie werden. ;). Dann wünsch ich uns einfach weniger Wände. Oder gute Wände, bei denen sich die Schrammen lohnen. Welche das sind, darfst du mich aber nicht fragen 😉

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      3. ja genau, so ein radau wär fein. aber ich kenn mich. ich erleb es immer wieder. ich spring dann rein und tauche unter. aber was solls, ich wollte das ja wiederhaben, das ding mit den gefühlen 😉

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  4. Papierwände, da wird einem ganz japanisch zumute. So halb durchsichtige…hinter denen man interessanter erscheint, als ganz ohne Wand (wieso Wand, auch Gewand). Aber üblich sind Mauern, ja. Frauen errichten übrigens fast nie Trutzburgen, sondern Zuckergußmärchenschlösser – was aber die Mauern nicht weniger hoch, die Zugbrücke nicht weniger hochgezogen und den obligaten bewachenden Drachen nicht nahbarer erscheinen läßt. Idealerweise verdorren draußen im Dornengestrüpp ihre Opfer, während sie sich wundert, wo der blöde Prinz eigentlich bleibt. Ja, das Röslein, das hat Dornen, Mecky Messer hat ein Messer, mal sehen, ob und wie sie zusammen kommen.
    Natürlich könnte man die unbedarfte Jugend warnen: Vorsicht, Verletzungsgefahr! Emotionale Beschädigung voraus! Aber erstens wird sich die übermütige Titanic der Jugendzeit dadurch nicht aufhalten lassen, und wenn die Teilnehmenden das Rentenalter längst erreicht haben. Und zum anderen ist so ein Bad im eiskalten Wasser, vorausgesetzt, man wird rechtszeitig rausgefischt, jede Erinnerung wert.

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    1. Deinen letzten Absatz unterstreiche ich – wozu warnen. Es würde nichts bringen. Machen sie nicht unsere Fehler, machen sie andere und das ist wahrscheinlich richtig und unverzichtbar. Rausfischen ist schön, aber meist kann man danach schwimmen und hat eine Handvoll mehr Erinnerungen und Erfahreungen.

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