Susanne

Auf Facebook fragt man „wieso?“. Einer postet die Frage nach dem Warum. Ein anderer fragt, was passiert ist und man hat ein wenig Angst sich selbst die Frage zu stellen. Vielleicht ist der Hund gestorben. Das Sterben eines Hundes kann ein großes Leid sein. Nein, nicht der Hund. Da fragt man nicht nach dem Warum.

Wir haben uns schon lange aus den Augen verloren. Waren nur zwei Jahre gemeinsam in einer Klasse, dann ist sie weggezogen. Trotzdem kenne ich sie. Ich kenne das blonde, zwölfjährige Mädchen, das schräg hinter mir saß. Ich war auf Ihren Geburtstagsfeiern und mit ihr gemeinsam wurde ich beim abschreiben erwischt. Das letzte Vierteljahrhundert habe ich nicht mit diesem Mädchen gesprochen. Aber ihrem Sohn, dem sehe ich seit Jahren beim Aufwachsen zu, weil sie regelmäßig Bilder von ihm auf Facebook hoch lädt. Ich kenne sie längst nicht mehr, aber fremd ist sie mir nie geworden. Ein paar meiner Freunde, waren mit ein paar ihrer Freunde in engem Kontakt. Man kannte sich. 

Auf Facebook hat sie seit einer Woche nichts mehr hochgeladen und nichts mehr kommentiert. Ich habe nachgeschaut, weil es mir schwer fällt an einen verstorbenen Hund oder eine entlaufene Katze zu glauben. Das aktuelle Profilbild ist mir fremd. Die Frau darauf, rundlich und sehr fröhlich lachend. Sympathisch, aber ich kenne sie nicht. Ich kenne nur das blonde, kleine, zierliche Mädchen, dessen Bilder sie vor einiger Zeit hochgeladen hatte. Erinnerungen an früher. Erinnerungen an ein Früher, das eben erst vergangen ist. R. I. P. hat nun einer auf ihre Seite geschrieben. Wenig später bittet ihre Schwester hier nichts mehr zu posten es sei das falsche Medium. Jetzt, sei es das.

Eine Woche später schaue ich nicht auf ihrer Facebook Seite. Es ist das falsche Medium. Ich weiß in welcher Stadt sie wohnt und suche in der entsprechenden Zeitung nach den Todesanzeigen. Da steht es. Susanne. 1976 – 2017. Du bist unerwartet und plötzlich, so steht es dort, verstorben. Ich sehe das lachende zwölfjährige Mädchen vor mir und frage mich wie ein so junges Mädchen plötzlich und unerwartet sterben kann. Obwohl sie und ich schon lange nichts mehr gemeinsam haben, standen wir doch eben erst noch vor dem Lehrerzimmer weil man uns beim abschreiben erwischte. Und jetzt ist morgen ihre Beerdigung. 

Die alten Schulfreundinnen und ich die lange nichts mehr voneinander gehört haben, schreiben uns an diesem Abend. Eine spricht es aus. Sie ist die erste. Vielleicht haben wir jetzt 20 Jahre lang Pause, aber irgendwann werden wir die Todesanzeigen sehr viel regelmäßiger lesen und viel öfter bekannte Namen entdecken. In ein paar Jahren wird es normaler sein. Heute trifft es uns alle. Mit 41 hat man nicht zu sterben. Nicht ohne krank zu sein und nicht ohne einen Unfall gehabt zu haben. Wir standen uns nicht mehr nahe genug, um zu erfahren warum Susanne an diesen hochsommerlichen Tag im August gestorben ist. Die Frau die gestorben ist, kannte ich nicht. Aber das kleine Mädchen, das mich die bayerischen Flüsse abschreiben ließ und später vor dem Lehrerzimmer lachte. 

Heute morgen scheint die Sonne besonders schön, als durch den Wald fahre. Wie letzte Woche. Da lebte Susanne noch. Heute ist sie tot. 

14 Gedanken zu “Susanne

  1. Man gewöhnt sich nie daran, auch nicht 20 Jahre später, auch wenn es dann vielleicht plausibler erscheint, daß um einen herum die Bekannten sterben. Neben der Lücke, die entsteht, ist jeder Mahnung und schreckliche Erinnerung daran, daß man selbst auch sterblich ist – und je älter man ist, desto kürzer ist die verbleibende Zeit … schnell nochmal in die Sonne setzen und nichts tun, wer weiß, wie lange man das noch kann. Ein kühles Bier dazu? Gern, ich sag nicht nein.

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  2. Von meinen Klassenkameradinnen sind auch schon zwei verstorben, eine hatte ich aus den Augen verloren die andere war viele Jahre meine beste Freundin aber dann waren wir räumlich weit getrennt. Beide sind keine 50 geworden. Ich finde es sehr schön wie du ihrer gedenkst.

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  3. Auch wer Susanne gar nicht kannte, wird hier traurig. Du schenkst dem Mädchen, das dich „die bayerischen Flüsse abschreiben ließ und später vor dem Lehrerzimmer lachte“ posthum einen so schönen und würdigen Nachruf, liebe Mitzi, obwohl du ihr schon lange fern warst.

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  4. Videbitis schrieb:“Man gewöhnt sich nie daran“
    Das ist wohl wahr. Bei mir ist es keine Gewöhnung, eher eine „Vorbereitung“. Wenn ich meine Gedanken erinnere, die ich als kleiner Junge hatte, die Angst, dass meine Eltern mal sterben könnten……..dann fühle lich mich heute „stärker“, den Tod von lieben Menschen zu verkraften. Inzwischen sind nicht nur die Eltern, sondern viele liebe Menschen nicht mehr hier. Und je älter ich selbst werde, desto geringer wird meine Angst, selbst sterben zu müssen. Der Umgang mit dem Tod hat sich für mein Gefühl in meinem Leben verändert.

    Liebe Mitzi,
    ich stimme Ihnen sehr zu! Mit 41 sollte niemand sterben müssen!

    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, zur Zeit komme ich mit dem Antworten nicht hinterher. Lese ich dann die Kommentare habe ich fast ein schlechtes Gewissen. Sehen Sie es mir bitte nach – ich werde wieder schneller.
      Ich sehe es wie Sie, obwohl ich jünger bin. Je älter man wird, umso eher…ich will nicht sagen akzeptiert, aber umso eher ist man gezwungen sich mit dem Tod auseinander zu setzten. Nicht umsonst sieht man häufig, das sehr alte Menschen ihm gelassen entgegen sehen.
      Noch aber, lieber Heinrich, sind wir am Leben. Wollen wir auf gute Jahre im Kreis unserer Lieben hoffen.
      Herzliche Grüße

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      1. Liebe Mitzi,
        machen Sie sich keinen Stress mit „Antwortzeiten“. Das ist nicht Sinn der Sache. Bloggen soll Entspannung und Freude bringen.
        Gruß Heinrich
        P.S. …. auf eine Antwort von Ihnen zu warten, ist wie das Warten auf den Sonnenaufgang! Jetzt kommt es nur darauf an, etwas länger zu träumen. Dann ist die Zeit bis zum Sonnenaufgang kürzer, oder sie steht schon strahlend am Himmel, wenn der Langschläfer in die Pötte kommt. 😉

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  5. Traurig. Gänsehaut!
    Eben weil ich genau dieses Gefühl kenne… ich bin auch Jahrgang 1976 und zwei aus meiner ‚FB-Freundesliste‘ sind mittlerweile verstorben. Man sah sich Jahre nicht, doch irgendwie hatte man durch Facebook das Gefühl, an ihrem Leben teilzunehmen. 😦 Ich kann auch nun nichts mehr löschen, welches sie irgendwann mal gelikt haben und seltsam ist es, wenn man zum ‚Jahrestag‘ an die Freundschaft erinnert wird.
    Dann denke ich an die Angehörigen, wie schlimm das dann alles erst ist…
    Ich bin froh, dass trotz des Mediums Internet eben solche Emotionen eben doch nicht verloren gehen und echt sind.

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    1. Danke dir, für deinen Kommentar. Es geht mir ganz ähnlich.
      Die automatische Erinnerung an bereits verstorbene Freunde mutet seltsam an. Vielleicht aber löst sie irgendwann, ein angenehm warmes Gefühl und fast vergessene Erinnerungen aus.
      Liebe Grüße

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