Feig und wütend

Jeden Morgen macht er mich wütend. Egal ob das Wetter schön ist oder schlecht. Unwichtig ob ich mit guter Laune in die S-Bahn eingestiegen bin oder sowieso schon mit dem Tag haderte. Es reicht, ihn zu sehen und ich werde wütend. Einem ungeschriebenen Gesetz zu Folge, steht man täglich an genau der gleichen Stelle am Bahnsteig und setzt sich brav an seinen angestammten Platz. Man kann nicht einfach , einem Impuls folgend, einen Fensterplatz mit einem Gangplatz  tauschen. Das bringt die morgendliche Ordnung der mitfahrenden Fahrgäste nachhaltig durcheinander. Ich kümmere mich nicht darum und steige, um ihm aus dem Weg zu gehen, an einer anderen Tür ein. Irgendetwas scheint uns aber zu verbinden. Ihn und mich. Weiche ich drei Türen nach hinten aus, tut er es – zwei Stationen später einsteigend – ebenfalls. Das gleiche, wenn ich ganz nach vorne stürme. An vier von fünf Tagen, sitzt er zwei Stationen später in dem gleichen, aus vier Sitzen bestehenden, Ecke wie ich.

Das er sich überhaupt noch traut, sich zu setzen, so böse wie ich ihn anschaue. Ich mag mich nicht, wenn ich ihn böse ansehe. Ich möchte es vermeiden wildfremde Menschen böse anzusehen. Viel lieber möchte ich wildfremden Menschen ein Lächeln schenken. Einfach so. Grundlos oder weil sie aussehen, als hätten sie es nötig. Und doch funkle ich ihn regelmäßig mit einer gehörigen Antipathie an. Er funkelt zurück und packt dann die Zeitung aus. Die Süddeutsche. Was auch sonst. Egal ob ich links oder rechts neben ihm sitze, die weit aufgefächerte Zeitung wirft einen Schatten auf die Seiten meines Buches oder berührt meine Hand. Ich werde nur äußerst ungerne vom Papier einer fremden Zeitung berührt. Genauso ungern wie ich von einem fremden Männerschuh gestreift werde. Ist es nicht die Zeitung, weil ich ihm gegenüber sitze, ist es sein Schuh. Rücksichtslos wie es manche Männer im öffentlichen Raum tun, nimmt er sich mehr Platz als ihm zusteht. Dünn und hager wie er ist, bräuchte er diesen Platz überhaupt nicht. Er könnte seine Zeitung auch falten oder die Beine nicht übereinander schlagen. Er könnte mir meinen Platz lassen und mich nicht sehen lassen, wie er isst. Jeden Morgen die gleiche Wurstsemmel mit einer halben sauren Gurke. Und jeden Morgen tropf der Saft der Gurke auf den Wirtschaftsteil der Süddeutschen, weil er es nicht schafft, schnell genug über Gurke oder Lippen zu lecken. Ich finde es widerlich, wenn Erwachsene mit offenem Mund kauen und starre in mein Buch oder aus dem Fenster. Ich muss nicht hinsehen um sein Schmatzen zu hören. Das ich ebenfalls als widerlich und rücksichtslos empfinde. Das Schmatzen. Und egal wie böse ich ihn anfunkle. Nach vier Haltestellen wischt er die Brösel auf Hemd und Mantel schwungvoll weg. Zu mir!

Die Erkältungszeit kommt näher und früher oder später wird er zu schniefen beginnen. Ich kenne das Schniefen vom letzten Jahr. Unangenehm wie er sich mit dem Handrücken unter der Nase entlang wischt. Er, der mitfahrende Schulkinder immer wieder maßregelt, sie sollen leiser sein, den Ranzen nicht durch die Gegend werfen und die Musik leiser stellen. Ein Duzend von ihnen ist mir lieber als er. Ich wusste nicht, wie sehr er mir verhasst ist, bis er sich heute morgen mit seinem neben ihm sitzenden Kollegen unterhielt. So laut und betont deutlich, als würde er die Umsitzenden um Beifall für seine klugen Gedanken bitten. Über die Jugend von heute. Es sollte lustig klingen, der platte Satz über die Jugend, die immer gedankenloser und rücksichtloser wird. Er sagte es und lächelte dem Mädchen zu, dass die halbe S-Bahn am telefonischen Streit mit ihrem Freund teilhaben lies. Wenn das ihr einziges Problem sei, sinnierte er, die Zeitung endlich zusammenfaltend und die Brösel vom Hemd wischend, geht’s ihr doch gut. Und dann deutetet er auf einen Artikel in der Zeitung – Paris natürlich – und meinte müde lächelnd zum Kollegen: Langsam würde es näher rücken.

Ich weiß nicht, was mich heute so wütend macht. Der Mann in der S-Bahn ist es nicht. Auch, aber diese Antipathie pflegen wir nun bereits seit mehr als zwei Jahren. Es ist sein Satz. Dieser eine Satz, dass es langsam näher rücken würde. Und die vielen Dinge, die ich in den letzten Tagen gelesen habe. Am meisten aber meine eigene Unfähigkeit, meine Gedanken dazu zu formulieren und zum Ausdruck zu bringen. Ich höre so vieles was mir gegen den Strich geht und schaffe es nicht klar zu sagen, dass ich eine Aussage für falsch halte. Immer versuche ich vorsichtig abzuwägen und unterstelle mir selbst, etwas noch nicht zu Ende gedacht zu haben. Heute morgen bei diesem Satz, bin ich froh, nichts gesagt zu haben. Er wäre der Falsche gewesen. Ihm hätte ich nicht sagen müssen, dass seine Aussage mich erschüttert und ich dabei an unzählige, in den letzten Monaten ertrunkene Menschen an den Stränden unseres liebsten Urlaubslandes denken muss. Dass nichts weit weg ist. Dass es nicht grundlos passiert und die Ursachen auch im Wirtschaftsteil seiner Zeitung verborgen liegen.

Ich drücke mich auch jetzt davor und überlasse es feige und unsicher, jenen von denen ich glaube, dass sie es besser und treffender als ich formulieren können. Aber wütend bleibe ich. Über mich, über das was geschieht und wie es schnell verarbeitet wird, damit man halbwegs beruhigt wieder zum Tagesgeschehen übergehen kann. Ich will noch wütend und traurig bleiben. Wenigstens das.

16 Gedanken zu “Feig und wütend

  1. Ich habe mir auch Gedanken darüber gemacht, wie man damit umgeht. Es ist aber nicht so einfach! In den meisten Blogbeiträgen werden die meisten der Problematik nicht gerecht und einfach Empathie zeigen reicht mir auch nicht! Andererseits möchte man sein Unbehagen teilen…ich habe noch keinen gesehen, dem es gelungen ist……falls das ein Trost für Dich ist……

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    1. Ich hab drüber nachgedacht – und möchte NICHT drüber schreiben. Es ist doch alles gesagt, von Leuten, die besser schreiben können, klüger formulieren können, vielleicht sogar von Leuten, die aus viel besseren Gründen weinen als ich das tue. Ich weine still. Und schreibe lieber über Hamster und Beos und Glitzerverpackungen. Wenn nicht ich, wer dann?

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    2. Ich will hier auf keinen Fall Blogbeiträge beurteilen. Im Gegenteil, sehr vieles von dem was ich lese, finde ich berührend und sehr treffend. Mitgefühl, Fassungslosigkeit, Trauer und auch hinterfragen spiegelt sich in den Worten und Bildern wieder.
      Meine Wut ist heute eher nach innen gerichtet. Oder gegen ganz vieles.

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  2. Liebe Mitzi,

    letztens las ich einen Kommentar von dir in Manfred Voitas Blog: „Nur zwei Tage später fällt es mir schwer zu den Geschehnissen etwas zu sagen, dass über bloße Phrasen hinaus geht. Mir fehlen wohl noch eine Weile die Worte.“
    Ich fand das ehrenvoll, besser und ehrlicher als hätte man auf der Stelle ein gefühlvolles Gedicht parat oder Phrasen, wie sie sich die Ghostwriter unserer Politiker schnell aus den Rippen leiern. Inzwischen passt das Bonmot von Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ So geht es in unserer schnellebigen Zeit, in der das Halbgare die tägliche Diskussion bestimmt, und sorgfältig abgewogene Bewertungen schier übertönt.
    Sich schreibend Gedanken zu machen, wie Manfred vorschlug, ist sicher ein Weg. Du hast das Problem jetzt mit einem konkreten aus deinem Alltag vermischt und versucht, das schier Unfassbare Grauen unserer Tage auf diese Weise herunterzubrechen auf das Fassbare. Mehr kann ja niemand erwarten, und es ist in deinem Text bei aller Verwobenheit vielleicht mehr Weisheit als in einer klugen Analyse.

    Beste Grüße!
    Jules

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  3. Herr Süder( meine Ableitung von der SÜDDEUTSCHEN Zeitung) ist bestimmt so kurz vor fünfzig Jahren.Herr Süder besteht jeden Tag auf den selben Platz und er rechnet mit Dir.Denn auch er denkt im privaten an Dich—so denk ich mal.Und zu Paris–hat KenFM jetzt das neueste seiner Meinung auf youtube mitgeteilt-ich war entsetzt und dachte wirklich der Arzt sagt mir ich hätte Krebs– aber jetzt habe ich die Zusammenhänge kapiert.

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  4. Ich finde es auch schwierig über diese Themen zu schreiben. Ich schreibe auch ungerne über Politik. Alle kontrovers diskutierten Themen finde ich schwierig. Ich mache meist einen Bogen drum, obwohl ich manchmal gerne was loswerden wollen würde. Aber mh eher lasse ich es.
    Aber um mal was zu der Bahnfahrt zu sagen… du musst mal beobachten, wenn zwei Männer sich gezwungenermaßen nebeneinander setzen müssen. Und beide von der Sorte sind, sich eher mehr Platz zu nehmen, als ihnen zusteht. ABER sie dürfen sich ja nicht berühren, das ist ja schwul. Das finde ich immer witzig. Solche Menschen machen mich immer aggressiv, obwohl ich sie nicht kenne. Gott sei Dank fahre ich nicht oft Bahn.

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  5. Liebe Mitzi,

    Ich finde, du hättest es nicht treffender formulieren können, dieses Gefühl. Es ist so wichtig wütend und traurig zu sein, immer wieder und es ist wichtig dieses Gefühl auch wieder gehen zu lassen, abgelöst von den schönen Dingen unseres Alltags. Wichtig, um Luft zu holen und neue Kraft zu schöpfen um nicht irgendwann einmal grundlos verbittert durch die Welt zu gehen, wütend auf sich selbst und alles andere, den Blick dafür verloren, warum man eigentlich wütend ist. Wir müssen differenzieren, wann wir wütend sein können, bei Menschen die versuchen uns ihr Leben, ihren Glauben und Willen auf zu oktroyieren, uns unseren Freiraum zu nehmen, egal ob in der U-Bahn oder als grausamer Terrorakt, dürfen wir zu Recht wütend sein, dürfen böse schauen und unsere Wut zum Ausdruck bringen.
    So halte ich das für mich.

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    1. Ja, in etwa das meinte ich wohl, als ich wild drauf los getippt habe und auf eine fremde Person stellvertretend so wütend war.
      Am schönsten und wichtigsten ist dein Satz, die Gefühle auch wieder gehen zu lassen. Da halte ich es ganz wie du.
      Liebe Grüße

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