Müde Herbstkastanien

Schön, gell, fragt Herr Mu an der Bushaltestelle und hält mir eine Kastanie unter die Nase. Ich nicke und nehme die glatte Kugel, die mir Herr Mu in die Hand drückt. Meine Haltestellenbekanntschaft Herr Mu und ich gehören zu den Menschen, die sich auch als Erwachsene noch jeden Herbst nach Kastanien bücken und über Wochen immer mindestens eine in Hosen- oder Handtaschen mit sich herumschleppen. Weder er noch ich haben oder werden je etwas mit ihnen machen – keine Türdekoration und kein Biowaschmittel. Wir mögen es einfach, die ganz frische Frucht in der Hand zu halten und erfreuen uns an der makellos glatten Perfektion der braunen Perlen. Am schönsten ist es, wenn man eine findet, die noch in der stachligen Umhüllung steckt. Frisch entnommen, fühlt sich die Schale so schön, wie wenig anderes an. Schöner als ein Babybauch, sagt er Mu und ich nicke obwohl sich ein Babybauch zweifellos doch noch ein klein wenig schöner anfühlt. Vor allem weil der Bauch eines ganz kleinen Kindes über Monate herrlich bleibt, während die Kastanie schon nach wenigen Tagen etwas von ihrer Feuchtigkeit verliert und sich nach einer Woche schon nicht mehr frisch anfühlt. Im Zweifel also lieber ein Baby, überlege ich mit der Kastanie in der Hand und schwanke. Babys mit herrlichen Bäuchen gibt es das ganze Jahr über und frische Kastanien nur für ein paar Herbstwochen, was sie zu etwas ganz besonderem macht. Das muss man bedenken. Vielleicht im Oktober Kastanien und im restlichen Jahr ein Babybauch. Oder vielleicht doch lieber eine verschmuste Katze, da sind die Chancen, dass sie einen durchschlafen lässt höher. Ein Hund – besonders die Stelle hinter den Ohren – fühlt sich auch fein an. Mein Bus kommt, bevor ich Herrn Mu fragen kann, was sich für ihn am allerbesten auf der ganzen Welt anfühlt. Weiterlesen

Kalte Kastanien

Es ist schwer, das Gefühl von Einsamkeit einem zu beschreiben, der es nie war, sagtest du. Man könne ihn bitten, sich vorzustellen er stünde in der schönsten Herbstsonne und würde trotzdem frieren. Kein Frösteln, würde der Einsame empfinden, sondern jene Kälte, die sich in den Knochen festgesetzt hat und sich nicht vertreiben liese. Um zu frieren müsse man nicht einsam sein, entgegnete dein Bruder, es würde reichen binnen weniger Monate zwanzig Kilo an Gewicht zu verlieren, weil man sich wochenlang die Seele aus dem Leib kotzte. An manchen Tagen war es eine unbeschreibliche Freude den Tag mit euch zu verbringen. Vergleichbar mit Windpocken als Erwachsener, die einen just an den letzten sommerlich warmen Tagen des Jahres heimsuchten. Ich weiß nicht mehr ob mich eure Worte juckten oder ob es die letzten tapferen Ameisen waren, die durch das Laub auf der Wiese krochen. Weil letztere vermutlich unschuldig waren, bat ich euch, den Mund zu halten und still zu frieren. Ich fror nicht und wenn bei dreien einer zu frieren hatte, dann die Frau oder mit den Männern stimmte etwas nicht. Ruhe. Es ist September, fast noch Sommer. Niemand hat zu frieren. Amen, hast du gemurmelt, die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen geschlossen. Es ist warm sage ich, verschränke die Arme vor der Brust und schließe die Augen nicht. Es wäre eine Schande die Schönheit dieses Tages nicht zu betrachten. Weiterlesen