Brüste & Kaschmir

Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass ich mich einem guten Glas Wein selten verweigere, überwiegen die Abende an denen ich kein gefülltes Glas in der Hand halte. Ich trinke selten. Noch seltener kommt es vor, dass ich die Flasche Rotwein, die ich als Gastgeschenk überreichen wollte, gar nicht erst aus den Händen gebe, sondern mich nach Bussi rechts und Bussi links, direkt in die fremde Küche schleiche um dort selbst nach dem Korkenzieher zu suchen, weil es mir zu lange dauert, bis die Gastgeberin meinen Mantel aufgehängt hat. So etwas kommt wirklich nur dann vor, wenn man mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einem Treffen unter Freunden lockt und mir erst, wenn ich schon in der U-Bahn sitze, mitteilt, dass man gedenke sich – ganz wie in alten Zeiten – gemeinsam den Staffelauftakt von Germanys next Topmodel anzusehen. Wenn man mir so etwas an einem Donnerstagabend um halb acht mitteilt, dann muss man damit rechnen, dass ich a) bereue, mich nach über zehn Jahren wieder mit einer alten Freundin zu treffen; mich b) frage von welcher alten Zeit sie um Himmels Willen spricht und c) beschließe, dass dies einer der wenigen Abende sein wird, die ich nüchtern sicher nicht bestreiten werde. Weiterlesen

Brüste und Kaschmir II

Sanftes Lächeln gehört zu meinem Mimik Repertoire, seit ich in meiner früheren Firma für den Werkstudenten zuständig war. Konrad hieß der und war so ausgesprochen dämlich, dass ich mir dieses Lächeln angewöhnen musste. Lächeln oder ihn Niederbrüllen, es gab nur zwei Optionen. Wenn Sie jemals von oben bis unten voll mit Toner vollgestaubt vor einem Hightech Drucker standen und sich fragten warum ein 19jähriger gewaltsam einen Deckel, auf dem „nicht entfernen“ stand, von der Kartusche abgerissen und diese dann geschüttelt hat, dann wissen Sie – sanft lächeln oder rauschmeißen. Zu letzterem hatte ich keine Befugnis, also verzog ich den Mund und atmete zehn Mal tief ein und aus, bis mir einfiel, dass ich wegen des hochgiftigen Tonerstaubes besser nicht ganz so tief atmen sollte. Mein sanftes Lächeln ist nicht unbedingt freundlich. Man sagte mir, dass es durchaus verstörend wirken kann, weil die Lippen zwar lächeln, die Augen aber angriffslustig funkeln würden. Ein bisschen würde ich damit wie Chucky die Mörderpuppe aussehen. Ganz sicher aber wie eine Frau, mit der man lieber keinen engen Kontakt hatte. Lina, die Tochter meiner Freundin, hielt mein Lächeln nicht davon ab, sich neben mich auf den Boden zu setzten. Lina ist tough. Die hat sich in den vergangenen Wochen die ganze Staffel von Germanys next Topmodel reingezogen und ein Chucky Lächeln macht ihr jetzt keine Angst mehr. Nicht einmal der Ausschnitt von Heidi Klum, der selbst mich das fürchten lehrt. Warum fallen die nicht raus, fragt der Teenager ehrfürchtig und während ihre Mutter und deren Freundinnen etwas von „noch straff und „doppelseitiges Klebeband“ murmeln, bin ich davon überzeugt, dass es sich um schwarze Magie handeln muss. Anders kann ich es vor mir selbst nicht rechtfertigen, dass ich mich tatsächlich ein zweites Mal in ein Wohnzimmer habe locken lassen, in dessen Fernsehr GNTM Germanys next topmodel läuft. Diesmal das Finale. Lächeln oder Freundschaften kündigen – ich habe nur zwei Optionen und lächle sanft.

Würde der Fernseher nicht laufen, wäre es schön hier. Ich bin in einem Haushalt in dem man sich auf dem Boden liegend in 2,50 x 1,80 Meter große Kaschmirdecken kuscheln kann. Das kann ich mir nicht leisten, würde es mir aber gerne leisten können. Ich kann mir auch nicht leisten auch nur einmal den Mund zu öffnen, würde es aber gerne tun. Ich würde gerne weniger sanft lächeln und lieber die Frage in den Raum werfen, wann wir eigentlich in unserem Freundeskreis den Feminismus zu Grabe getragen haben. Als wir Jobs hatten, die gut genug waren um nicht mehr neidisch auf das Gehalt der Männer zu schielen. Man vergisst ja leicht, dass das nicht selbstverständlich ist. Oder vielleicht doch erst, als wir mit unseren Töchtern eine Casting Show zu sehen begannen, in der die Mädchen Kleider mit der Aufschrift „Gott ist eine Frau“ oder „Die Zukunft ist weiblich“. Mal abgesehen davon, dass sowohl Gott als auch die Zukunft weder das eine noch das andere sein sollten, weil eins von beiden, am Ende eben doch immer nur eines und nicht beides betont, wird das ganze ad absurdum geführt, wenn die Kleid tragenden Mädchen sich wenig später von 30 halbnackten Kerlen für ein Foto auf Händen tragen lassen und die Moderatorin die Männer auffordert „ruhig alles mit den Mädchen zu machen“. Sanft lächeln, oder den Fernseher eintreten. Der Quotenteenager findet es ähnlich albern und hat bereits den Raum verlassen, als die Klum mit einem Laubbläser (kein Witz – leider) den Strippern den Schweiß vom Körper gepustet hat. 

Ob der Feminismusscheiß schon vorbei ist, will das halbe Kind wenig später wissen und ich denke das erste Mal einen Satz in dem „Feminismus“ und „großer Mist“ direkt aufeinander folgen. Wenn sich eine Sendung in der junge Mädchen ausschließlich aufgrund ihres Äußerem bewertet werden Feminismus auf die Fahne schreibt und Persönlichkeit mit der Anzahl der Instagram Follower wächst, dann können wir ihn hier und jetzt beerdigen. Müssen wir aber nicht. Macht die Klum für uns. Die letzten Lebensgeister prügelt sie ihm bei einer fingierten Hochzeit eines der jungen Dinger raus. Der Angetraute ist 27 Jahre älter und schätz an seiner Braut, dass sie so crazy ist. Was soll er auch sagen? Hirn, Verstand, Charakter, Engagement, wären Attribute die hier nicht wichtig sind. 

Ich lächle sanft und wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel und stehe dann auf um den Fernseher auszuschalten. Das ist großer Mist, sage ich und das Kind nickt. Der Feminismuskram, ja das findet sie auch. Ich schalte ihn wieder an, bevor ich gehe. Die junge Seele ist verloren, da kann man nichts mehr machen. Mittwoch Abend gehe ich mit einer meiner Nichten essen. Über Feminismus werden wir kaum sprechen. Sie lebt ihn. So wie ihre Schwestern und Cousinen. Und auch ihre Brüder oder Cousins. Für die ist es selbstverständlich. Nach letztem Samstag ein kleines Wunder. Danach werden wir uns in eine rießige Kaschmirdecke kuscheln und noch einen Film ansehen. Die Decke habe ich am Samstag mitgenommen, um einen von mir verursachten Rotweinfleck entfernen zu lassen. Drücken Sie mir die Daumen, dass man vergisst, dass ich sie habe. Und nein, das ist nicht feministisch sondern nur unverschämt von mir. Aber ein bisschen Schmerzensgeld habe ich mir verdient. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch immer Heide Klum mit dem Laubsauger vor mir.