Kalendersprüchen stehe ich misstrauisch gegenüber. Kalenderweisheiten in Form von Zitaten sind schon besser. Und dieses Zitat auf einem Kalenderblatt im Bücherregal finde ich ganz wunderbar. (Deshalb reiße ich es auch nicht ab).
Ein gefülltes Bücherregal und alles was man braucht ist da. Besonders jetzt bei kürzer werdenden Tagen.
Glauben Sie das Matratzen eifersüchtig sind? Mir war der Gedanke bisher fremd, aber nach den letzten Nächten möchte ich es nicht mehr ausschließen. Meine Matratze jedenfalls beschert mir seit einer Woche unangenehm viele und erstaunlich lebhafte Träume. Ich träume fast jede Nacht und so gut wie immer lebhaft, aber nur selten erinnere ich mich am nächsten Morgen noch klar an die Zusammenhänge. Die Träume der letzten Woche dagegen sind mir ausnahmslos noch alle präsent. Das ist ungewöhnlich und ich vermute, dass es etwas mit meiner Matratze zu tun hat. Genauer gesagt, mit den Befindlichkeiten meiner Matratze, die ich in den letzten Jahren wohl gründlich unterschätzt habe.
Dieses Jahr gehe ich nicht auf die Wiesn. Wiesn…Oktoberfest, Sie wissen schon. Ich gehe da wirklich gerne hin, aber dieses Jahr nicht. Das erzähle ich seit Anfang des Jahres jedem der mich fragt. Dieses Jahr nicht. Es braucht auch mal eine Pause, damit man sich wieder richtig darauf freut und gefreut habe ich mich dieses Jahr so gar nicht. Die ganzen Leut´. Das ganze Geld. Regnen wirds eh und als Münchnerin muss man diesen Wahnsinn wirklich nicht jedes Jahr mitmachen. Ab einem gewissen Alter braucht der Körper auch eine Regenerationsphase. Der meine jetzt noch nicht wirklich, aber er hat auch nichts dagegen, wenn ich statt in Zelte zu rennen und auf Bänke zu springen, einen schönen ruhigen Herbstspaziergang mache. Dieses Jahr also nicht.
MOBY LINE gibt es noch immer. Die Fähren fahren von Genua nach Sardinien. Die Strecke habe ich nie gebucht.
Ich fuhr immer von Livorno nach Elba. Viele Monate. Jedes zweite Wochenende oft, um den mutigsten meiner Freunde, meine Lieblingsmenschen, dort zu besuchen. Wenn ich die Fähre besteht, war ich meistens schon 16 Stunden unterwegs. Von München nach Pisa, zurück nach Livorno und dann noch warten, bis die Fähre geht. Bei der Hinreise war ich hundemüde, aber überglücklich. Auf der Fähre so freudig und gespannt, dass ich vor lauter Glück fast keine Luft bekommen habe. Bei der Rückreise meistens heulend und schon überlegt, wie ich das Geld für die nächste Fahrt zusammen kriege. Ich habe es immer geschafft. Damals, vor über 20 Jahren, war nichts wichtiger, als zurück nach Elba zu kommen und das Gefühl zu haben, nur dort tief und frei atmen zu können. es war anstrengend, aber wunderwunderschön.
Jedes Mal, wenn ich MOBY Line sehe, kann ich all diese Gefühle problemlos abrufen. Die von der Hinfahrt überwiesen. Aber das ist kein Wunder, denn momentan bin ich ja in Italien und besuche noch immer den gleichen Lieblingsmenschen. Die Ferien haben mir früher allerdings besser gefallen. Da waren sie nicht so bunt und an ihrer Seite nur ein fetter, freundlicher blauer Wal. Wobei ich tun Unrecht, er war gar nicht fett, er hatte eine ganz normale Figur. Für einen Wal.
Ausflüge mit dem Schiff. Auch schön. Meine Erkältung fragt mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, mich bei dem Wind auch noch aufs Meer zu begeben, aber ich sag ihr, sie soll die Klappe halten. Wenn ich schon husten und schniefe, dann kann ich das auch ein schöner Umgebung machen. Außerdem ist die salzige Luft bestimmt sehr gut für die Bronchien.
Noch schöner, dass die Sonne dann doch noch rausgekommen ist. Mehr Italien als in diesem kleinenHafenort, gibt es kaum. Dachten sich auch die vielen vielen Touristen. recht haben Sie. In München hat es aktuell glaube ich 13°. Ganz genau weiß ich es aber nicht, weil ich nicht nachschauen möchte. Meine Eltern sehen allerdings bei dem Videoanruf ziemlich verfroren aus.
So viel schönes. Wenn ich es mir aber aussuchen könnte, dann würde ich die Zeit gerne um gute zwei Jahrzehnte zurückdrehen und noch einmal mit diesem unglaublichen Glücksgefühle im Bauch auf Mobini Richtung Elba fahren. Und wenn ich dann ankommen werde, dann würde ich einen um den Hals fallen und ihn fragen, ob es nicht wunderschön ist, dass ich jetzt weiß, dass wir uns in einem Vierteljahrhundert regelmäßig um den Hals fallen werden.
So wie ich ihn kenne, hätte er mich damals schon verständnislos angeschaut, die Schultern gezuckt und mir entgegnet: „Na klar, warum denn nicht?“
Mein Papa kennt alle Sterne. Das dachte ich zumindest als Kind, wenn er mir den großen und kleinen Wagen zeigte oder auf Orion deutete. Heute vermute ich, dass er längst nicht alle Sternbilder kannte und es mir als kleines Mädchen völlig reichte, mir immer wieder einige wenige zu zeigen und zu erklären. Auch ich kenne nur wenige Sternbilder und habe die meisten, die mir nicht von meinem Papa gezeigt wurden, mit einer sehr praktischen App am Himmel entdeckt.
Die letzten beiden Nächte hier am Meer waren herrlich klar und dunkel. Das Sternbild des Schützen hab ich gesehen. Die Milchstraße, die sich direkt daneben über den Himmel zieht, leider kaum. Auch wenn es hier viel dunkler als in München ist, ist es noch zu hell. Aber Saturn habe ich gesehen und auch den Stier. Aldebaran, Sirius und sogar die Pleiaden, die ich sonst fast nie sehen kann. Und natürlich Orion, mein liebstes Sternbild. Vor vielen Jahren hat es nicht traurig gemacht. Ich hab es am Himmel gesehen, als einer, der mir sehr viel bedeutet, seine Sachen gepackt hat und für immer nach Italien gezogen ist. Ich habe es auch gesehen, als ich selber viele Jahre später meine eigenen Sachen packte und aus Italien zurück nach Deutschland zog. Beide Nächte waren schrecklich. Heute habe ich mich längst mit Orion versöhnt. Den, den ich so gern hab, sehe ich regelmäßig und ich selbst lebe gerne in Deutschland, solange ich immer wieder zurück nach Italien kann.
Hier ist Orion besonders schön. Direkt über dem Meer, zwei Stunden bevor es hell wird. Erstaunlich, dass ich so früh wach bin und den ersten Kaffee trinke, wenn es draußen noch stockdunkel ist. Aber dann sind die Sterne am schönsten und das Rauschen des Meeres am klarsten. Angesichts der Weite und der Unendlichkeit des dunklen Himmels, ist selbst das große Meer nur ein kleiner winziger Fleck. Von mir selbst gar nicht zu sprechen. Aber das ist okay. Mir ist klar, dass ich selbst im Vergleich mit alldem, was dort oben am Himmel ist, völlig unbedeutend bin. Solange es ein paar Menschen gibt, denen ich viel bedeute, ist diese Vorstellung weder beängstigend noch unschön. Im Gegenteil, obwohl ich so winzig klein und für den Lauf der Dinge völlig unbedeutend bin, sitze ich in einem schönen Ort, bin glücklich und kann den Gedanken freien Lauf lassen. Um wie viel stärker muss dieses Gefühl sein, wenn man die Erde von oben sehen könnte. Man müsste gar nicht in einer anderen Galaxie sein, die internationale Raumstation würde schon völlig reichen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die meisten Astronauten nach ihrer Rückkehr ein völlig anderes Verständnis von unserer Welt haben. Nicht nur von ihrer Schönheit, sondern auch von der Unsinnigkeit und Willkür jeglicher Grenzen, die man von dort oben nicht sehen kann. Und ganz besonders von ihrer Zerbrechlichkeit.
Außer einer schmalen Ozonschicht und einem Magnetfeld, schützt unsere Erde nichts vor dem da draußen. So schön es von unten anzusehen ist, für uns Menschen ist das Weltall ein lebensfeindlicher Ort. Man sollte meinen, dass es uns hoch entwickelten Menschen klar sein sollte, dass man diesen winzigen, wunderbaren Planeten schützen muss. Eigentlich müsste es ein ganz natürlicher Gedankengang sein, dass man alles daran setzt, diese winzige blaue Kugel für die nächsten Generationen zu bewahren. Und angesichts der Tatsache, dass wir (zumindest innerhalb eines Radius unzähliger Lichtjahre) in unserer und vermutlich auch anderen Galaxien völlig alleine sind und uns nur diese kleine Kugel, die mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch das All rast, am Leben hält… angesichts dieser Tatsache, sollte man meinen, dass die Menschen sich einander verbunden fühlen. Dass sie gemeinsam an einem Strang ziehen und sich nicht von Wirtschaftsdenken und Egoismus leiten lassen. Dass sie alles daran setzen, eine Lösung zu finden, friedlich zusammenzuleben und das Überleben nicht nur davon abhängig zu machen, ob man zufällig mit dem passenden Geschlecht, guten geistigen und körperlichen Voraussetzungen, in der richtigen Familie, im richtigen Land geboren ist. Alles andere würde bedeuten, dass wir doch eine ziemlich primitive Lebensform sind.
Trotzdem heißt es, dass es für all das keine Lösung gibt, dass diese Vorstellung naiv, unrealistisch und verheerend für das wirtschaftliche Wachstum ist. Statt Lösungen, dauerhafte Lösungen für alle zu suchen, konzentriert sich jedes Land erst mal auf sich. Länder, deren Grenzen man nicht einmal sieht, wenn man nur ein paar 100 km über der Erde schwebt. Wir sind hoch entwickelt und einzigartig. Können denken, fühlen und träumen. Und sind gleichzeitig Meilen weiter davon entfernt, die Krönung der Schöpfung zu sein. Viel zu engstirnig und egoistisch. Wenn sie mich fragen, sind das nämlich die Bakterien. Die freuen sich zwar nicht, wenn Orion am Himmel ist, aber sie erscheinen mir geeignet, noch lange nach uns auf dieser Welt zu sein.
Bakterien konnte ich Ihnen leider nicht fotografieren. Dafür ein paar schöne Wellen.
Welchen Akzent haben Ukrainerinnen, wenn sie italienisch sprechen? Keine Ahnung. Vielleicht ähnelt er dem meinen. Der müsste Deutsch sein, der Akzent, weil ich italienisch aber von einer Horde süditalienischer LKW-Fahrer, norditalienischen Gemüsehändlern und der italienischen Version von Big Brother gelernt habe, kann er auch ganz anders klingen. Italienische Mann, den ich auf dem Weg zum einkaufen treffe, hält mich jedenfalls für eine Ukrainerin. Heute. Auch im Juni hab ich ihn getroffen und auch da hat er mich gefragt, ob ich aus der Ukraine komme Und im Mai auch schon. Vielleicht ist es eine Art, ein Gespräch zu beginnen. Das schließt sich der Frage immer an. Und auch das Gespräch ist immer das gleiche. Irgendjemand dreht nachts ein paar Warnschilder am Lungomare um. Schilder die Fahrradfahrer darauf hinweisen, dass der Fahrradweg sich verengt, weil Steine vom Hang auf den Weg gebröckelt sind. Warum diese Steine seit Mai dort liegen, erschließt sich mir nicht. Wenn ich mir aber die endlosen Baustellen in München ins Gedächtnis rufe, dann wundert es mich auch nicht, dass so ein kleiner Erdrutsch nicht ohne lange Bauphase beseitigt werden kann.
Immerhin haben wir so ein Gesprächsthema. Der alte Herr, der mich für eine Ukrainerin hält, kann mir so erklären, dass außer ihm niemand die Schilder wieder in die richtige Richtung dreht. Ich möchte ihm nicht unrecht tun, aber ich glaube, es ist nicht auszuschließen, dass er selbst sie am Abend umdreht. Da der Fahrradweg gut einsehbar ist, ist diese Art der Beschäftigungstherapie nicht weiter schlimm.
Beim Bäcker führe ich ebenfalls die gleichen Gespräche wie im Mai, im Juni und in den vergangenen Jahren. Auch am Obststand. Und wahrscheinlich auch morgen am Markt.
Falls Sie meinen, dass das schrecklich langweilig ist… Nach 24 Stunden voll umfänglichem Nichts, ist diese Art der Gewohnheit und völliger Anspruchslosigkeit… Sie ahnen es, genau, wunderbar.
Keine Sorge, ich werde Sie nicht zwei Wochen mit Nichts und Banalität langweilen. So wie ich meinen Ort am Meer kenne, ergeben sich früher oder später ein paar Geschichten.
Nichts zu machen, ist gar nicht leicht. Irgendwas macht man ja immer. Ich heute nicht. Ich lese nicht. Ich gehe nicht spazieren. Ich treffe keine Freunde. Ich arbeite nicht. Ich räume nicht auf. Ich konzentriere mich auf… Nichts.
Ich denke nicht mal. Etwas, das ich normalerweise nicht schaffe. Egal wie ich mich anstrenge. Ich denke immer an irgendetwas. Idiotischer Weise meistens dann daran, dass ich krampfhaft versuche an nichts zu denken. Heute denke ich an nichts, weil ich nur den Regen zuhöre. Seit in der Früh regnet es. Es regnet so sehr, dass Himmel und Meer verschmelzen. Alles grau in grau. Ein wunderschönes Grau. Ein Grau, dass dem „Nichts“ in der unendlichen Geschichte von Michael Ende gleicht. Dort ist dieses Nichts gefährlich und unheilvoll. Hier bei mir, ist es eine Wohltat. Mein Nichts erlaubt es mir absolut nichts zu tun.
Schöner könnten die zwei Wochen am Meer nicht beginnen. 
Wenn ich meinen Nachbarn Herrn Meier treffe, während er gerade grantelt, mache ich in der Regel einen mittelgroßen Bogen um ihn. Grantelnde alte Münchner neigen nämlich dazu ihren Grant so lange zu wiederholen, bis ihnen mindestens eine weitere Person zugestimmt hat. Dabei machen sie sich häufig nicht einmal die Mühe zu erklären, worum es eigentlich geht. Der Meier zum Beispiel steht oft mitten auf der Straße und murmelt „Deppen“ vor sich hin. Wenn man sich dann neben ihm stellt, dann wiederholt er es so oft, bis man nickt und ebenfalls „Deppen“ sagt. Um welchen Deppen oder um welche idiotische, von einem oder mehreren Deppen verursachte Angelegenheit es sich handelt, erklärt der Meier dabei so gut wie nie. Er geht davon aus, dass jedem klar ist, was er meint. Ich komm meistens nicht mit.
Gestern allerdings blieb ich neben ihm stehen und nach nur einem Blick nickte ich. Schauen Sie selbst:
Acht (eines ist nicht mehr mit drauf) neue Parkschilder um den jeweiligen Anfang und das jeweilige Ende der Parkzone für Autos, Lasträder, normale Räder und Roller und Mofas zu kennzeichnen. Zusätzlich mit Bildern auf dem Asphalt.
Deppen! Wir sind hier in München Giesing. Wir hätten anhand der grellgrünen Zeichnungen schon verstanden, dass hier beim Parken künftig Ordnung herrscht. 75 % der Giesinger finden es jetzt erst recht lustig, ihr Lastrad bei den Mofas und ihr Mofa bei den Fahrrädern zu parken. Die restlichen 25 % stellen alles was keine vier Räder hat, weiter direkt vor ihre Haustür.
Schön ist es heute in München. Ein wunderschöner Sommertag. So wie letzte Woche am Samstag, da war es auch schön. Ein schöner Tag nach dem anderen und doch bekommt sie einer seit Samstag nicht mehr mit. Erstaunlich, dass der Sommer einfach so weiter geht, obwohl jetzt einer fehlt. Denken sich jedenfalls die, die ihn kannten und mochten. So ist es immer, wenn einer geht. Man fragt sich wie die Welt sich einfach so weiter drehen kann und es dauert ein bisschen, bis man begreift, dass genau das, diese eine Sicherheit, etwas tröstliches hat.
Er fehlt. Heute ganz besonders. Weil heute die Glocken für ihn geläutet haben. Diese schrecklichen Glocken, die erst ertrage seit ich sie vor fast sechs Jahren gemeinsam mit meinem Nachbarn Herrn Meier gehört habe.
Nette Frau. Sehr nette Frau, denke ich und merke am Blick eines mir nahe stehenden Menschen, dass ich es wohl doch nicht gedacht, sondern laut gesagt habe. Sei’s drum die Frau, die mir in der U-Bahn gegenüber sitzt, scheint wirklich eine sehr nette Frau zu sein. Dann weiß sie eben jetzt – ob es sie interessiert oder nicht – dass ich sie für eine nette Frau halte. Der, der neben mir sitzt, weiß mit jedem Monat, der vergeht ja auch einiges von mir, das er nicht wissen wollte. Zum Beispiel, dass seine Freundin mit jedem neuen Lebensjahr etwas verschrobener wird. Ein Kennzeichen: sie spricht manches laut aus, dass sie sich lieber nur gedacht hätte.