Von grau zu bunt

An manchen Tagen ist meine Heimatstadt hässlich. Selten, aber wenn sie sich einen grauen Schleier umhängt, dann sieht sie scheußlich aus. Ein Hochsommerregen macht München noch nicht hässlich. Wenn der ganze Juli aber ins Wasser fällt, dann drückt das auf die Stimmung. Selbst auf meine. Dann nützt die größte Vorfreude nichts mehr und die Laune wird grau. Erste Reihe….so ein Schwachsinn. Jeder mit Verstand hat Sitzplatzkarten. Wenn überhaupt. Weit über 100 Euro für etwas, das man sich mit einem Glas Wein in der Hand und trocken auch ganz bequem als ältere Aufzeichnung auf Youtube ansehen kann. Irgendwie schon bescheuert, jetzt loszurennen. Noch bescheuerter die Bekannten, die das komplette Programm auffahren. Die eine hat im Status den Olympiaturm bei Sonnenaufgang. Wie dämlich kann man sein bei der Wetterprogonse um 06:47 Uhr in den Olympiapark zu gehen. Sehr, wenn Sie mich fragen. Ich lehne gegen 11.00 Uhr in der U-Bahn und habe schlechte Laune. Graue Laune. In eine solche kann ich mich gut reinsteigern. Obwohl das Bild der Bekannten wirklich schön ist. Auch das zweite. Da sitzt sie mit anderen unter einem Unterstand und wartet. Warten…stundenlang. Ja, früher waren das tolle Tage. Aber heute…was zum Henker haben wir in der Zeit früher gemacht? Ich bin grau. Grau und alt. Uralt. An einem Konzerttag ist das mehr als ungut.

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Bitte…(sprechen Sie das Wort in der gewünschten Emotion aus)

Sie haben drauf gewartet. Geben Sie es zu! Sie kennen mich jetzt schon eine ganze Weile und und wissen deshalb sicher, wie ich zum Schreiben gekommen bin. Na, kommen Sie… Sie erinnern sich doch sicher, dass ich meine ersten tippenden Schritte in einem Fan Fiction Forum für Robbie Williams gemacht habe. Ich hab Ihnen bestimmt mehr als einmal erzählt, dass ich dort eine ordentliche Karriere hingelegt habe. Mit der mir damals anhaftenden Arroganz erklärte ich den schreibenden Mädels, dass man das viel besser machen könne. Zum Beispiel so wie ich. Heute bin ich viel viel weniger arrogant. Trotzdem waren meine damaligen Geschichten gut. Sie hatten den Umfang eines dreibändigen Romanes. Jeder einzelne. Und weil man so viel über irgendeinen Popstar nicht schreiben kann, hab ich ihm hunderte andere Leben angegedichtet. Na gut, nicht hunderte, aber ein gutes Dutzend andere. Und jetzt fragen Sie mich bitte nicht, wo rauf ich hinaus will. Auf morgen natürlich. Morgen ist Robbie Williams in München und ich bin dabei.

Abgesehen vom Starkregen, der für den ganzen Tag angesagt ist und meinem festen Vorsatz, in die erste Reihe zu kommen und der Tatsache, dass ich deswegen vermutlich  12 Stunden in strömenden Regen stehen werde, macht sich mein Freund aktuell um ganz andere Dinge Sorgen.

In den letzten 48 Stunden habe ich ihn sehr oft „bitte“ sagen hören. So einbitteist an sich ein ziemlich unscheinbares Wort. Aber es lässt sich in wahnsinnig viel Nuancen aussprechen. Ich wusste gar nicht, dass mein Freund so viele verschiedene Tonlagen und Untertöne im Repertoire hat. Bewundernswert, wenn er mich nicht seit besagten 48 Stunden unglaublich nerven würde. Er sagt zum Beispiel: Mitzi, bitte! Wenn ich ihm meine Provianttasche für morgen zeige. Ich weiß nicht was der Mann erwartet, was man für einen Ansteh-Marathon vor einem Konzert mitnimmt, aber klein geschnittenes Obst ganz sicher nicht. Bitte und ein Fragezeichen im Tonfall, hatte er bestimmt ein halbes Dutzend mal, wenn er nachfragte, ob ich wirklich bei diesen Wetterverhältnissen vorhabe, in die erste Reihe zu gelangen. Und dabei weiß er noch nicht mal, dass meine Freundin vor nicht allzu langer Zeit operiert wurde und sich vermutlich trotz glitschigen Stufen nicht davon abhalten lassen, wird diese im Olympiastadion nach unten zu rennen. Was das angeht, hat er aufgegeben und nur noch zweimal fallen gelassen, dass mir hoffentlich klar ist, dass er weder Orthopäde noch Chirurg ist. Übersetzt bedeutet das, wer auch immer sich von euch morgen auf die Schnauze legt, ich will nicht angerufen werden. Geht klar, wir werden den Onkologen nicht belästigen und nach keinem Pflaster fragen. Und bevor er meint, das kleine Wort weiter überstrapazieren zu müssen, hab ich ihm hier etwas zusammengeschrieben. Schon vor einigen Jahren und damals nicht an ihn adressiert. Aber manches scheint sich nicht zu ändern. Weder meine Leidenschaft für Robbie Williams Konzerte, noch das Unverständnis meiner Partner. Aber Ihnen war’s wahrscheinlich klar. Sie wissen, dass er auf Tour ist, und haben sich schon gefragt, wann ich dazu etwas schreiben werde. Und sollten Ihnen ein „bitte nicht schon wieder „auf den Lippen liegen… Warten Sie ab, was ich noch alles posten werde. 

Robbie Williams und ich pflegten über lange Jahre ein sehr innige, fast schon intime Beziehung. Zugegeben, sie war etwas einseitig. Aber meine Leidenschaft reichte locker für uns beide. Zum Leidwesen meines damaligen Freundes, der an meinem Verstand zu zweifeln begann, als ich mich in den Tiefen des Internets auf die Suche nach einem 1,85 m großen Pappaufsteller dieses Mannes begab. (Das dieser nicht für unser Schlafzimmer bestimmt war und letztendlich der Grund ist, dass ich heute hier schreibe können Sie  hier nachlesen.) An den Rand der Verzweiflung getrieben habe ich ihn aber erst, als meine bisher geheim gehaltene Leidenschaft in über 250 Kinos weltweit öffentlich gemacht wurde. Während dieser Zeit lernte ich ein faszinierendes Talent meines Freundes kennen. Er schaffte es, in das kleine Wort „bitte“ mehr Emotionen einfließen zu lassen, als in den kompletten sieben Jahren unserer Beziehung. Weiterlesen

Kontrollverlust

Denken Sie noch manchmal an die Pandemie? An Corona und wie es damals gewesen ist? Ich ja. Im Sommer ganz besonders. Nicht täglich, aber immer wieder. Weniger an Jens Spahn und seine Maskenaffaire, aber durchaus an die Auswirkungen, die diese Ausnahmezeit auf mein künftiges Leben hatte. Man möchte meinen, dass ich als allein wohnende Person mit einem Job der nicht von der Pandemie betroffen war und ohne schulpflichtige Kinder, recht gut durch die diese Zeit gekommen bin und das stimmt auch. Aber danach, als die meisten wieder ganz normal arbeiten konnten, die Kinder vormittags wieder aufgeräumt waren und das Leben wieder normal wurde – da hat es mich erwischt. Vor allem meinen Keller. Dort stampeln sich zwar keine, zu teuer erworbenen Masken, dafür aber Gläser. Und das ist ein Problem. Nicht Ihres, aber meines. Und deshalb müssen Sie sich jetzt anhören, welch katastrophale Auswirkungen Corona noch heute auf uns (also mich) hat.

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Rilassati

Rilassati, sagt eine Freundin, als ich versuche sie am Telefon abzuwürgen. Rilassati…entspann dich, ist leicht gesagt. Leichter bestimmt, wenn man nicht in 90 Minuten am Bahnhof sein muss und noch knöcheltief zwischen Kleidern, Bikinis und Dingen die man einpacken, aber sicher nicht brauchen wird, steht. Rilassati, denke ich mir selbst 30 Minuten später und werfe wahllos ungebügelte Kleidungsstücke in den Koffer.
Rilassati denke ich mir, als ich mir eine Taxifahrt für 50 Euro gönne, weil die Alternative ein Hitzschlag wäre. Und denke es solange weiter, bis ich es mir nicht mehr sagen muss, weil ich es fühle. Entspannung pur. Oder – wie eine mir nahestehende Person es beschreibt – meine Eigenart bei der Überschreitung der Grenze am Brenner eine erstaunliche, ihr nicht ganz geheure, Gelassenheit an den Tag zu legen. Es handelt sich hierbei übrigens um keine Eigenart. Ganz im Gegenteil, es ist eine hart antrainierte Fähigkeit, absolut nichts zu erwarten, nichts zu planen und mit allem was geschieht zurecht zu kommen.

Mit dem obligatorischen Streik letzten Donnerstag in Italien zum Beispiel. Man könnte versuchen mit dem Bus ans Ziel zu gelangen oder man macht einfach gar nichts, bucht sich im schönsten Strandbad ein und sieht ein, dass die über 80 % Luftfeuchtigkeit gepaart mit Gluthitze eh keine Alternative zugelassen hätten. Ich bin im „Rilassati Modus“ und freue mich, dass es meiner Freundin, die zum ersten Mal bei mir in Italien ist, genauso geht. Wir versumpfen beim Aperitiv und sagen den Tisch im Restaurant ab. Lassen uns treiben und genießen planlos all das was sich gerade gut anfühlt. Ich soll mich schön weiter entspannen, gibt sie mir noch mit auf den Weg, als ich sie am Bahnhof in Genua in ihren Zug setze.

Ja, hatte ich vor. Blöderweise bin ich nur bis Genova Pra gekommen und muss fünf Stationen weiter. Der Zug steht. Eine Stunde, bis die ersten aufgeben und sich Alternativen suchen. Streik ist es diesmal nicht, dafür irgendein Weichenproblem. Die nächsten Stunden geht hier nichts. Rilassati, ist mein Mantra, das mich gerade nervt. 12:00 Uhr mittags, bullenheiß und mit den Bussen hier kenne ich mich nicht aus. An der Haltestelle informiert man mich, das mein Ziel etwas ungünstig liegt. Das merke ich auch und gehe erst mal eine dreiviertel Stunde am Meer entlang. Blöde Idee (Mittag, Sonne, Sommer – in diesem Fall keine gute Kombi). Aber ich bin entspannt. Total. Zwei Stunden später habe ich die richtige App auf dem Handy und bin nach drei Mal umsteigen zu Hause.

Entspannt bin ich wirklich. So entspannt, dass ich mir zum Aperitiv im Garten mit drei guten Freunden das leichteste (ungebügelte, farblich fragliche, eigentlich scheußlich und nur im engsten Kreis getragene) Lieblingskleid überwerfe und mich zehn Minuten später in einer Runde von ca. 12 gutaussehenden Menschen wiederfinde, die alle zu höflich sind um sich laut zu fragen, wer bzw. was da vor ihnen steht. Gut das sie mich nicht kennen, den wenig später hält es der mutigste meiner Freunde für eine gute Idee, mir den Schlauch der Bewässerungsanlage ins Gesicht zu halten. Ich bin jetzt grell, nass und habe verschmierte Wimperntusche. So kann ich mir dann aber auch die Weinflasche schnappen, die zwei Männer nicht aufbekommen und sie problemlos öffen. Ich bin jetzt Hulk im Kleid und ich glaube, ich mache ihnen Angst. Männliche Egos sind empfindlich.

Streik, Zugausfall, peinlicher Auftritt – egal! Mi rilasso. Eventuell ist das gramatikalisch falsch, aber die Stimmung ist es nicht. Genau die richtige um mit den Jungs, von denen zwei der drei, die sechzig schon deutlich überschritten haben eine Bootstour zu machen.
Also nächsten Sommer mache ich einen Bootsführerschein. Nicht weil ich Lust habe, sondern weil ich den Kerlen misstraue. Der erste ist beim Versuch sich die Füße zu waschen noch vor der Abfahrt ins Hafenbecken gefallen, der zweite bei der Ankunft, als er sich etwas zu weit verrenkte um seine Badehose zu holen. Beide nüchtern, beide zum Glück nur leicht angeschrammt. Rilassata schön und gut – aber im Zweifel macht es wohl Sinn das Boot selbst steuern zu können. Notfalls von ihnen weg.

Mi sono rilassato tantissimo. Zurück ging es mit dem Flugzeug. Total rilassata hab ich nicht mal gemerkt, dass der Pilot anstatt zu landen Kreise flog. Auch nicht wirklich, dass wir nachdem wir schon recht weit unten waren, wieder hoch flogen. Mit soviel Entspannung im Nacken merkt man das nicht. Was man dann aber schon merkt ist, der Momen, wenn kurz vor dem Aufsetzten durchgestartet wird. Das fühlt sich interessant an und ist nicht so rillasi. Wenn man dann eine Stunde später in Linz statt in München landet ist es mit dem rilasso ganz vorbei. Kurzzeitig.

Aktuell habe ich muckelige 29 Grad in der Wohnung und mir ist so heiß, dass ich nicht denken kann. Bei solchem Wetter habe ich den Entspannungsmodus auch nördlich der Alpen an. Vielleicht ist er wirklich etwas grenzwertig. Eine Freundin rief vorhin heulend an, weil ihr zwei von drei Küchenschränken von der Wand gekracht sind und so ziemlich jeder Teller, jedes Glas und alle Tassen kaputt sind. Ich sagte ihr, sie soll sich entspannten, den ganzen Scherbenhaufen liegen lassen und auf ein Glas Wein vorbei kommen. Ob ich spinne wollte sie schniefend wissen. Ne, sag ich, rilassati. Die Scherben laufen nicht weg, aber wer weiß ob der morgige Abend so schön ist wie der heutigt.

Sie kommt. Ich stecke an. Also…entspannen Sie sich.

Trud´und anders unerzähltes

Während sich der mütterliche Teil meiner Familie wie die Karnickel vermehrt, endet die väterliche Linie vermutlich mit mir. Und das obwohl die Generation meiner Großeltern beiderseits extrem kinderreich war. Aber während die einen sich fleißig weiter vermehrten, stellte die andere Familie das relativ abrupt ein. Nicht unbedingt, weil sie der Fortpflanzung abgeneigt waren. Den vielen und ausführlichen, meist nicht für Kinderohren geeigneten, Erzählungen meiner Großtante zufolge lag es mit Sicherheit nicht an der Keuschheit. Sie hatten ganz einfach Pech. Offensichtlich nicht ganz, denn ich bin ja hier. Bei mir ist jetzt aber Schluss. Mein Alter betrachtend, können wir uns da ziemlich sicher sein.

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Randnotiz

Besser, frage ich meine Freundin und brauche keine Antwort, weil ich ihr zufriedenes Lächeln sehe. Nach drei Stunden bei mir im Laubengang zum Hinterhof unter dem Sonnenschirm scheint es ihr besser zu gehen.

Der Hinterhof meines Hauses mit seinen vielen Balkonen und Terrassen ist ein Abbild der gesamten Stadt. Hier gibt es sie alle. Die Alten, die Jungen, die Paare, die Einsamen und die Familien. Bei dem schönen Wetter, bei dem alle Fenster geöffnet sind, trägt jeder Bewohner sein Leben nach draußen.

In den letzten 3 Stunden hörten wir ein Paar über die korrekte Handhabung eines Eier-Schneiders streiten. Lauschten den Vorschlägen, wie man das herrliche Wetter, dieses Pfingstmontag am besten nutzen könne, und waren erstaunt, wie schnell ein harmloses Gespräch in eine Grundsatzdiskussion ausarten kann. Wir bekamen mit, wer den Tag vor dem Fernseher verbrachte und wer seinen Partner zu einem Ausflug zu überreden versuchte. Wir freuten uns über die angenehmen gedämpfte Musik aus dem Erdgeschoss. Wir bewunderten jemand, der Klavierspielen konnte, und fühlten mit einer Mutter, die mit zwei Teenagern diskutierte. Wir hörten einen am Telefon flirten und drückten die Daumen. Wir schmunzelten über zwei, die schnarchten und wunderten uns als die Sonnenstrahlen milder wurden, dass der Eier-Scheider noch immer ein Thema war.

Dazwischen wir. Zwei von vielen anderen Leben. Eine von uns beiden war am Vormittag grundlos unzufrieden und latent genervt. Jetzt kratzt sie den letzten Rest Eis aus dem Schälchen und lächelt mich zufrieden an. Ob ich mit einem dieser ganzen Leben um uns herum tauschen möchte, fragt sie mich. Nein, sag ich und bin sehr sehr zufrieden. Mit meinem Leben und mit dem vertrödelte Nachmittag. Und dann für einen kurzen Moment wird diese kleine Zufriedenheit, die wir gerade teilen, zu einem flüchtigen, aber tief empfundenem Glück. 

Weg mit der Authentizität, her mit den Filtern!

Wenn man in der Werbung der letzten Jahren anstelle gephotoshopter 18-jähriger Models, wieder echte Frauen sieht, dann finde ich das begrüßenswert. Theoretisch. Praktisch wird einem da häufig etwas als „echte Frau“ präsentiert, das zumindest in meinem Fall zu vielen Fragezeichen führt. Nur weil eine Frau ein paar Fältchen mehr und graue Haare hat, steht sie noch längst nicht für die Durchschnittsfrau. Jedenfalls dann nicht, wenn sie noch immer besser aussieht als neuen von zehn Leserinnen. Bodypositivity ist gut, aber dann nehmt ein Model, dessen Körper wirklich echt ist. Echte Zellulitis und ein richtiges Doppelkinn. Das was in dem Zeitungen als Plus size gezeigt wird, sind Frauen mit Kleidergröße 44, die aber auf wundersame Weise das Glück haben, nur leichte Dellen an den Beinen und eine fantastische Jawline zu haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der kleine positive Effekt von reichlich Frust aufgewogen wird. Mittlerweile ist mir die meiste Werbung aber relativ egal. Wenn ich echte Menschen sehen möchte dann lege ich das Handy zur Seite und schaue mich in meinem Umfeld um. Und da, in der Realität, da erfühlt sich der Wunsch nach Echtheit. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die echten Menschen sich schnellstmöglich wieder einen Filter einbauen und ihre Authentizität ganz schnell wieder zurückfahren.

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Postkartenersatz

Ich wollte Ihnen die Karte ja schon ganz am Anfang meines unverschämt langen Aufenthalts im Süden schicken. Aber die gibt es ja kaum noch zu kaufen. Außerdem hatte ich Ihre Adressen nicht. Und noch mehr außerdem, habe ich schon immer vergessen, Postkarten rechtzeitig zu verschicken. Deshalb bekommen Sie diese auch erst jetzt – zurück in München. Herzliche Grüße aus Arenzano, Cogoleto, Genua, Camogli, vom Boot und Monaco (hier bin ich eher unabsichtlich gelandet).

Nach fast vier Wochen mit einer Bildschirmzeit von max. 30 Minuten (ausschließlich um über den Ort des Aperitivs oder des Abendessens zu diskutieren) ist es schön wieder daheim zu sein. Zu meinem großen Glück hat sich hier auch etwas getan. Neue Nachbarn sind eingezogen. Im Hinterhaus ganz unten. Und ganz besonders wunderbar, die eine von beiden sitzt den ganzen Tag draußen und redet. Wahrscheinlich mit ihrem Partner, aber den hört man nicht. Vielleicht auch mit sich selbst. In jedem Fall unglaublich viel. Besondere freude macht es mir, dass sie über alle Nachbarn redet. Da eröffnen sich ganz neue Blicke. Ich bin übrigens die, zu deren Wohnung ungewöhnlich viele Menschen einen Schlüssel besitzen. Das macht misstrauisch, sagt die neue Nachbarin. Sie ist etwas zu weit unten im Haus, um zu erkennen, dass die verschiedenen Hausbewohner alle eine Gießkanne in der Hand hatten, wenn sie meine Wohnung in den letzten Wochen betraten. Der Schlüssel wurde von einem zum anderen weitergereicht, damit meine Blumen nicht verdursten. Frau Nachbarin heißt Margot. Und sieht wie eine Margot aus. Können Sie sich darunter etwas vorstellen? Bestimmt.

Randnotiz

Vor kurzem schrieb ich hier traurig über das Hinterhaus, in dem schon viele meiner Nachbarn gestorben sind. Ich mag keine Veränderungen und vermisse sie. Es bleibt so schrecklich wenig, wenn ein alter Mensch aus einem Mietshaus auszieht. Manchmal aber merkt man erst viel später, dass etwas wunderschönes dann doch bleibt. In meinem Fall etwas, von dem ich nicht mal wusste, dass es existiert.

Vor etwa drei Monaten hatte es mir den Putzlumpen, den ich für vier bis fünf Tage zum Trocknen vor das Küchenfenster gelegt hatte, in den Innenhof geweht. Vermutlich hätte es ihn nicht verweht, wenn ich ihn trocken wieder reingeholt hätte, aber dreckige Putzlumpen haben bei mir ehrlich gesagt, keine hohe Priorität. Das Problem des Reinholens hatte sich eh von selbst erledigt – dank des Windes. Lumpen die man nicht mehr sieht bzw. nicht mehr besitzt, müssen nicht gewaschen werden, da man die Verantwortung für sie sozusagen abgegeben hat. Meine Nachbarin Frau Obst sah das anders. Ich weiß nicht, warum und wann sie sich über das Geländer vor meinem Küchenfenster beugte, aber sie entdeckte meinen Putzlumpen, in den Büschen darunter und informierte mich, dass die Verantwortung der Entsorgung oder Heimholung durchaus noch bei mir läge. Da man einer Frau wie Frau Obst nicht widerspricht, eine Frau wie ich aber auch nicht springt, wenn man es mir befielt, machte ich mich erst vor eigen Tagen auf, um meinen Lumpen zu retten. Oder, was eher der Wahrheit entspricht, um mir das Genörgel von Frau Obst nicht mehr anzuhören, fischte ich das dreckige Ding aus den Büschen.

Dabei entdeckte ich das:

Ich wusste gar nicht, dass wir im Hinterhaushof an dieser Stelle, an die man nur kommt, wenn man was aus den Büschen pflücken möchte, was einem runtergefallen ist, so schöne Blumen haben. Um sie zu sehen, müsste ich mich über das Geländer beugen. So was mache ich nicht. Ich blicke eher in die Ferne. In der Ferne (naja…Hinterhofferne, also nur 20 Meter weiter) ist Rasen. Nur Rasen und außer ein paar Gänseblümchen kaum etwas interessantes. Aber direkt unter den Laubengängen, da blüht es ganz wunderbar. Schön, für die Menschen, die im Erdgeschoss leben. Und schön für mich.

Frau Obst, der ich stolz meinen geretteten Lumpen präsentierte, klärte mich auf. Über viele Jahre hinweg bepflanzten meine mittlerweile verstorbenen Nachbarinnen zum leidwesen des Hausmeisters (und Frau Obst) eigenwillig den Rasen des Hinterhauses. Ganze Beete verwerte man ihnen, aber ganz am Rand lies man sie gewähren. Vieles ist mit den Jahren verschwunden. Tulpen, Narzissen und Korkusse kommen aber jedes Jahr wieder. Und am schönsten und ausdauernsten die Vergiss-mein-nicht. Gemäht werden die kleinen Rasenstücke erst, wenn sie verblüht sind.

Etwas bleibt also doch von Franziska und den anderen. Ich sag ja, die Frauen aus dem Hinterhaus waren und sind toll. Von mir fände man allenfalls einen runtergewehten Putzlumpen.

Basta!

Das Hinterhaus ändert sich. Es wird lauter und gleichzeitig wird es anonymer. Eine Kombination, an die ich mich erst gewöhnen muss. Dass es lauter wird, stört mich nicht. Im Vorderhaus wohne ich über der Kneipe und bin an Krach gewöhnt. Ungewohnt ist, dass ich die Geräusche im Hinterhaus seit einiger Zeit keinem einzelnen Bewohner mehr zuordnen kann. Vor ein paar Jahren, wusste ich bei Torjubel genau, dass Herr Bender sein kleines Radio mit auf den Balkon genommen hat, um Bundesligaspiele bei Dosenbier und Zigarillos zu genießen. Der scheppernde Radio (der Radio….wir befinden uns in Bayern) klang nicht besonders schön. Schön war es aber zu wissen, dass Herr Bender auf dem Balkon und nicht im Krankenhaus war, wo er in seinen letzten Jahren viel zu oft lag. Ähnlich ging es mir mit den sanften Klassiktönen, die aus Frau Wolfs Wohnung erklangen. Für meinen Geschmack hätte sie ihre Platten ruhig bei offenem Fenster hören können – Bach und Beethoven vertragen sich wunderbar mit Frühlingsabenden. Außerdem schienen sie Franziska M. zu beruhigen, die in ihren letzten Jahren Demenzkrank häuftig polternd und schimpfend auf dem Balkon stand und über neuzig Jährig mit ihrer längst verschiedenen Mutter stritt. Alle drei sind mittlerweile gestorben. Mit ihnen ist die für sie typische Geräuschkulisse verschwunden. Es sind nicht nur die Alten, die aus dem Hinterhaus verschwinden, sondern auch die Jungen. Mein Nachbar Paul aus dem Hinterhaus meint, das sei völlig normal.

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