Niemand der bei Verstand ist, schenkt sich heutzutage noch etwas zu Weihnachten, erklärt mir eine Bekannt und schüttelt beim Anblick des Regals meines Arbeitszimmers fassungslos den Kopf. Für wen um Gotteswillen soll das alles bitte sein, fragt sie und ich unterdrücke den Impuls ihr auf die Finger zu klopfen, als sie etwas unverpacktes in die Hand nehmen und näher betrachten möchte. Ebenfalls unterdrücke ich das Verlangen, ihr die Hand auf die Schulter zu legen und sie einfach aus dem Raum zu schieben. Stattdessen erkläre ich peinlich berührt, dass all das materielle natürlich nicht Zeit, Zuneigung und Emotionen ersetzt und nur ein kleines Extra sind. Extras die nur so viel wirken, weil ich einem mir sehr am Herzen liegenden Ehepaar (meinen Eltern) einen Adventskalender mit nun mal 24 Päckchen schenke und eine große Familie habe. Ich erkläre mit vor der Brust verschränkten Armen, dass ich es durchaus genauso sehe, dass man nur wenige gute Freunde hat und Freundschaften nicht durch Pakete am Leben gehalten werden. Versuche zu erklären, dass mich noch junge Kinder umgeben und ich denen eine Freude machen möchte und bekomme einen Vortrag, letztendlich nur dem Konsumwahnsinn zu erliegen und zu den bemitleidenswerten Menschen zu gehören, die in der Adventszeit hektisch durch die Fußgängerzonen hasten und das eigentlich besinnliche der Weihnachtszeit dabei völlig aus den Augen zu verlieren.
Ich gebe zu ein Idiot zu sein. Wir lachen über den nicht lustigen Witz und verabschieden uns, nicht ohne, dass sie mir ans Herz legt mich etwas mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Es regnet. Nein, es schüttet. Es gießt aus Kübeln. Kalter Regen gepaart mit kräftigen Windböen. Herrlich. Und falls Sie zwischen diesen Worten Ironie suchen…machen Sie sich keine Mühe. Ich genieße dieses Wetter in vollen Zügen. Erstens, weil alles andere dem bayerischen November nicht gerecht werden würde und zweitens, weil ich endlich nicht mehr den Drang verspüre, den Frühling, Sommer und goldenen Oktober ausnutzen zu müssen. Endlich kann ich mich ohne selbstauferlegtes, schlechtes Gewissen in meiner Wohnung eingraben und mir selbst versichern, dass ich „draußen“ absolut nichts versäume. Die nächsten Monate werde ich Regen, Kälte und Matsch herzlich willlkommen heißen und erst gegen Mitte Februar, das Wetter verfluchen und mich nach den ersten warmen Sonnenstrahlen sehnen. Und glauben Sie nicht, dass in der Wohnung eingraben mit Untätigkeit gleichzusetzen ist. Ganz im Gegenteil.
Ich habe Fieber, teile ich meiner Mama mit. Sie rät mir, was ich weiß und ich lege auf. Sagen musste ich es ihr trotzdem. Fieber ist Mama-Sache, egal wie alt man ist. Mein Fieber ist ungewöhnlich hoch und später werde ich wissen, dass ich mir dieses Jahr nicht nur eine Erkältung sondern eine leichte Grippe eingefangen habe. Grippen haben gegenüber banalen Erkältungen den Vorteil, dass man von Beginn an ziemlich genau weiß, was einen erwartet. Da schleicht sich nichts langsam an, da bekommt man sofort alles. Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen in gleichbleibend ekelhaften Dosen. Sie kennen das, ich muss es Ihnen nicht beschreiben. Man schleppt sich heim, macht sich einen Tee und dann liegt man. Pures Liegen. Kein Fernsehen, denn Sehen ist erstaunlicher Weise urplötzlich unglaublich anstrengend. Auch kein Lesen, denn an Denken ist nun gar nicht zu denken. Also erst einmal nur liegen und nichts weiter tun. Katzen können das auch ohne Fieber. Vermutlich aber auch ohne, dass ihnen jeder Knochen weht tut. Man darf ruhig etwas wehleidig sein. Es ist ja ungewöhnlich, dass pures Liegen anstrengt.
Meangs a Guat´l, fragt Herr Mu und hält mir ein zerknautschtes, hosentaschenwarmes Bonbon unter die Nase. Weil er sitzt und ich stehe, muss er sich dafür etwas strecken. Seltsam sieht er aus, wie er da auf der Bank des Bushaltestellenhäuschens sitzt und sich nach oben reckt. Ich weiche zurück. Nicht vor Herrn Mu und auch nicht vor dem Bonbon, aber mich meinem eigenen Alter beugend. Seit etwa zwei Monaten kann ich nichts mehr lesen, was man mir direkt unter die Augen hält und ich möchte vor der Annahme des Guat´l, dem bayerischen Wort für Bonbon, sicher gehen, dass es keines von Ricola ist. Die mag ich nicht. Das in Herrn Mu´s Hand schon – Ingwer-Zitrone, die sind gut. Ich nehme es und sehe meinen Nachbarn eine Weile überrascht, sprachlos und erleichtert zugleich an. Als das Bonbon halb gelutscht ist, setzte ich mich neben ihn und stupse seine Schulter mit der meinen an. Er schmunzelt und stupst zurück. Hast gmoand, dass i g´storm bi, ha? fragt er mich und ich bin uncharmant ehrlich und nicke. Herr Mu war so viele Monate nicht mehr an der Bushaltestelle, dass ich tatsächlich schon geglaubt habe, dass er gestroben ist. Er schüttelt den Kopf. Noch nicht, er hätt noch etwas Zeit. Ich aber nicht, vermutet er und merkt an, dass das Wetter schön ist und ich es ausnutzen soll. Er und ich, wir würden uns jetzt wieder öfter sehen. Der Bus kommt und ich steige ein. Herr Mu winkt mir und ist wahrscheinlich erleichtert, meiner Rührung und meinen feuchten Augen zu entkommen.
Immer wenn ich von der Hütte zurück kehre, hänge ich mindestens einen Tag lang fest. Wenn ich in der Früh den Berg hinab gestiegen, in den Zug nach München gestiegen bin und mittags auf meinem Balkon in München sitze, dann denke ich daran, wie still es jetzt auf der kleinen Lichtung im Wald ist. Ich weiß genau wo die Sonne steht und stelle mir den Holztisch und die Bänke vor, in deren Mitte jetzt kein hellblauer Sonnenschirm mehr steht. Ich ahne, dass die kleinen Siebenschläfer nur auf die Dämmerung warten, um noch lauter und ungestüme durch die Zwischenwände des kleinen Häuschens zu poltern, als in den letzten Tagen. Auf unserer Hütte bin ich Gast. Obwohl wir sie gebaut haben, ist sie es, die mich willkommen heißt und mir erlaubt eine Weile bei ihr zu sein. Wenn ich die Türe nach ein paar Tagen schließe, wird es dort oben still und das Leben der Hütte und ihren Bewohnern geht ohne mich weiter. Ich bin nur ein Gast und das ist gut so.
Als Münchnerin mit einem in München ansässigen Blog, müssen Sie da jetzt durch. Durch den Wies´n Artikel. Etwas unfair weil Sie vielleicht schon dachten, dass ich Ihnen diesen erspare. Der Anstich ist schließlich schon vorbei. Aber es hilft nichts…Wies´n is!
Dieses Jahr nicht. Nicht am ersten Tag. Es regnet. Es ist kalt. Und überhaupt muss ich nicht am ersten Tag um zwölf in einem Zelt stehen. Ich mag kein Bier und brauche um zwölf Uhr mittags keinen Alkohol. Dieses Jahr nicht. Außerdem darf man keine Taschen mitnehmen. Heute darf man nicht, früher hat man es nicht gemacht, weil sie einen ja doch störten. Angeblich braucht man nichts außer Geld, Monatskarte und den Hausschlüssel. So ein Blödsinn. Ich brauche eine Tasche, in die Pflaster, Taschentücher, Haarspangen, Labello und flache Schuhe für den Heimweg passen. Außerdem ein Schirm weil es regnet und die Strickjacke meiner Großmutter, die perfekt zum Dirndl passt und die ich sicher nicht in den Dreck unter den Tischen legen werde. Kleine Tasche…ich bin raus.
Es riecht nach Herbst. Wenn die Schule nach den großen Ferien Mitte September wieder beginnt, dann riecht es morgens nach dem Herbst. Eigentlich schon früher. Schon Mitte September kann man den Geruch am frühen Morgen bemerken. Das Gras ist feuchter, die Dämmerung hält sich länger und das saftige Grün der Wiesen und Bäume trägt bereits einen feinen braunen Schleier. Das ist in Ordnung. Der Sommer war heiß und auch wenn die Tage noch lang und warm erscheinen, spürt man bereits den Wechsel der Jahreszeit. Während der großen Ferien kann man das verdrängen. Sommerferien bedeuten Sommer, da mag es morgens riechen wie es will. Pünktlich zum ersten Schultag aber, muss man es sich eingestehen: Der Herbst steht vor der Türe. Neben seinem feinen Duft, gibt es für mich ein zweites untrügliches Zeichen. Eines, dass man viel weniger als einen Geruch ignorieren kann – die Sonne schafft es nicht mehr in meinen Laubengang. Man möchte meinen, dass etwas so großes wie die Sonne sich langsam und gleichmäßig zurück zieht und vielleicht tut sie genau das auch. In meinem Laubengang aber ist es jedes Jahr genau ein Tag, an dem ich vor dem Sonnenschirm stehe und leise „ach menno…“ vor mich hinmurmle. Von einem Tag auf den anderen schafft sie, die riesengroße Sonne, es nicht mehr über die Bäume und die in den letzten Monaten so wichtigen Schirme könnten in den Keller. Selbstverständlich werde ich sie nicht vor Mitte November nach unten bringen, aber aufgespannt werden sie auch nicht mehr. Ein paar Wochen noch werden sie an den Sommer erinnern, dem ich nachtrauere, bis ich mich glücklich auf dem Sofa einrolle und bemerke, wie sehr ich den Herbst und seine Stürme liebe. Noch aber…ach menno, der Herbst. Jetzt schon?!?
„Faul sein ist wunderschön! Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Sagt Pippi Langstrumpf und könnte gar nicht richtiger liegen. Pippi sagt auch: „Ja, die Zeit vergeht und man fängt an, alt zu werden. Im Herbst werde ich zehn Jahre alt und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich.“ Hier kann ich sie beruhigen. Die besten Tage verteilen sich auf viele Jahrzehnte mehr. Sanft in die Altersweisheit gleitend (gerne können Sie die Weisheit auch streichen, denn mein Umfeld meint, ich würde konsequent darauf achten ohne diese zu altern) stelle ich aber auch fest, dass man das dasitzen und vor sich hin schauen in manchen Lebensphasen verteidigen und sich hart erkämpfen muss. In der meinen zum Beispiel, schleichen sich Gewohnheiten ein, die mir gar nicht gefallen. Angefangen von „das mache ich bei Gelegenheit“ über „müssten wir wirklich mal machen“ bis hin zu „hätten wir eigentlich machen sollen“. Beim Fensterputz ist das nicht wild. Der wartet geduldig. Bei anderen Dingen (den jungen Hund von Freunden besuchen, bevor er kein junger Hund mehr ist) ist das gar nicht gut. Der Hund ist ein blödes Beispiel und Ihnen fallen bestimmt einige andere Dinge ein, die man machen will, machen möchte und dann doch irgendwie verpasst oder noch immer nicht in Angriff genommen hat.
Meine ganz persönliche Liste wird im Moment etwas zu lang. Zu viele Freunde, die ich längst wieder anrufen und sehen wollte. Zu viele Dinge in meiner Wohnung die ich machen möchte (und ich kann Ihnen versichern, dass es sich hierbei nicht um Putzen handelt) und einiges worauf ich unheimlich viel Lust aber oft zu wenig Zeit habe. Und auch wenn ich nicht wie Pippi Sorge habe, dass meine besten Tage vorbei sind, möchte ich diesen Sommer für alles nutzen, was hinten über gefallen ist. Zeit dafür habe ich. Richtig viel sogar…..sofern ich den Rechner, Handy und Tablett zur Seite lege. Nicht ein bisschen, sondern konsequent. Bis Ende September werde ich mein Handy nur noch zum Telefonieren, zum Schreiben von Nachrichten und Musikhören nutzen. Ich werde Sommerferien machen und mich in den nächsten Wochen an meinem zehnjährigen Ich orientieren. Lesen, über Wiesen laufen, Baden, Radfahren, Radio hören und mit der Hand schreiben. Ideen sammeln, das Notizbuch füllen und mich endlich auf die Suche nach dem verschwundenen Herrn Mu machen. Er lebt, keine Sorge, Herr Meier hat ihn gesehen, aber er sitzt nicht mehr an der Bushaltestelle. Mit offenen Augen durch den Sommer taumeln und versuchen nichts halbherzig oder zwischen Tür und Angel zu machen. Ich glaube es ist nötig.
Sommerferien hatte ich nicht mehr seit ich 16 bin. Sie wahrscheinlich auch nicht, es ist also normal, sich nach ihnen zu sehnen. Und falls mein Chef und meine Kollegen wider erwarten hier landen…..natürlich arbeite ich die nächsten Monate und ja, ich werde in der Arbeit auch den Computer nutzen. Aber sonst…sonst bin ich jetzt erst einmal weg.
Ich freue mich auf Sie und Euch im Herbst. Und wenn es so läuft, wie ich mir das vorstelle, dann werde ich mich auf den Herbst und das schlechte Wetter freuen, um bei Ihnen zu lesen was es alles neues gibt. Und zu erzählen habe ich dann hoffentlich auch etwas.