Ein langes, abenteuerliches und selbstbestimmt geführtes Leben ging friedlich im Kreise ihrer Lieben zu Ende. Das klingt schön, oder? Vier Kinder und viele Enkelkinder verabschieden in dieser Traueranzeige eine 98jährige. Die vier Kinder schaffe ich nicht mehr, aber wenn die Beschreibung meines Lebens irgendwann einmal in einem solchen Satz zusammen gefasst wird, dann war es wahrscheinlich ein gutes Leben. Solche Anzeigen, schiebe ich gerne über den Tisch und lasse sie den, der mir gegenüber sitzt, lesen. Anzeigen mit einem Geburtsjahr in den 1920igern mögen wir am liebsten. Die 1930iger sind auch noch ok. Da sind die Menschen schön alt geworden. Erst die Anzeigen, die Todesfälle rund um die Mitte der 1940iger Jahre vermelden, lösen an manchen Tagen ein kleines Ziehen aus. Die Menschen darin, sind auch schon um die Achtzig, gleichzeitig haben sie aber das Alter unserer eigenen Eltern und deshab lesen wir die mit einem bestimmten, bei unseren Familien gleichen Geburtsjahr, einfach nicht und ignorieren sie. Das muss man, sonst bereitet das Lesen der Traueranzeigen keine Freude. Und das tut es auf eine seltsame Weise tatsächlich.
Der Mann, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht, hat mir bereits mehrfach verboten, über ihn zu schreiben. Ich würde mich daran halten, wenn ich an seiner Stelle über einen beliebigen anderen Menschen schreiben könnte. Einen, der ähnlich versessen auf gute Vorsätze ist, wie er. In dieser Hinsicht ist er allerdings einzigartig. Und das, – Sie ahnen es – ist leider kein Kompliment. Heute am 31. Dezember, muss er dafür herhalten, wenn ich über Vorsätze das neue Jahr betreffend schreibe. Ich kenne nämlich leider niemanden sonst, der diese mit einer solchen Energie und Konsequenz gegen die Wand fährt wie er. Und das bereits lange vor dem 1. Januar. Das muss man erst mal schaffen.
Das Exemplar, das bei mir ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, ist der mit AbstandinkonsequentesteMensch, den ich kenne. Eigentlich wäre das sein Problem. Da er aber auf eine noch zu klärende Weise zu mir gehört, macht er sein Problem, zu unserem Problem und versaut mir damit regelmäßig den Dezember. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele. Da ich ihn vorhin rausgeschmissen habe (aus der Wohnung nicht aus meinem Leben) kann ich Ihnen das in aller Ruhe erzählen, ohne mir anhören zu müssen, dass ich seine Privatsphäre verletze.
Gestern, als mich einer fragte, was zum Henker ich eigentlich könne, habe ich an Marianne gedacht. Wenn mich jemand ärgerlich und aufgebracht, fragt was ich eigentlich kann, wollte ich lange Zeit nicht antworten. Hätte ich es getan, dann hätte ich zugeben müssen, dass ich recht wenig kann und er oder sie mit dem unterschwelligen Vorwurf Recht hat. Sinnvolle Talente besitze ich nicht. Vor vielen Jahren habe ich das auch Marianne erklärt.
Ich traf sie im Biergarten in der Münchner Innenstadt. Sie arbeitete vom Frühjahr bis zum Herbst auf einer kleinen Alm und kümmerte sich dort um die Tiere. Schön klang es und ich blieb einfach sitzen, als meine Freunde gingen. Wenn einer richtig gut erzählen kann, dann macht das Zuhören Spaß und man will selbst gar nichts sagen, um nicht zu unterbrechen. Letzters tat ich irgendwann doch. Echt, mischte ich mich ins Gespräch, bei dir kann man auch ein paar Tage bleiben? Marianne nickte und sah mich freundlich an. Freilich, bestätigte sie, sofern ich mithelfen würde. Was ich denn könne, erkundigte sie sich und ich strahlte sie an: Nix, aber ich mache alles. Marianne lachte. Das wären nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Als alle anderen gegangen waren, blieben wir sitzen und ratschten weiter. Ich sagte Marianne, dass meine Frage nicht ernst gemeint war und ich wirklich nichts kann. Verlegen lächelnd gab ich zu, dass ich von den allermeisten Dingen keine Ahnung habe und deshalb auf einer Alm völlig hilflos wäre.
Mein Kollege bittet mich, leise zu sein. Er wählt dabei die Worte „Halt den Mund!“. Für ein Büro in dem die elementarsten Regeln des Anstands gelten sollten, ist das etwas ruppig, um nicht zu sagen, unangebracht. So unangebracht, wie ihn darauf hin zu bitten, doch ins Homeoffice zu gehen und seine schlechte Laune dort mit den eigenen vier Wänden zu teilen. Er und ich, wir mögen uns, und entscheiden uns deshalb, erst einmal getrennte Wege zu gehen. Er zur Kaffeemaschine und ich zum Drucker. Unser Büro atmet erleichtert auf und die Birkenfeige in der Ecke bemüht sich, die dicke Luft zu reinigen. Erst im winzigen Technik-Kabuff stehend, wird mir klar, dass ich summe. Unangenehm….den erstens summe ich vermutlich bereits seit einiger Zeit und zweitens kann ich nicht ausschließen, einzelne Teile meines Ohrwurms laut ausgesprochen zu haben. In diesem Fall wäre die Aufforderung den Mund zu halten durchaus berechtigt gewesen. Während ich Papier nachlege kontrolliere ich mich summend selbst. Mhm…ja…ich habe ganz sicher einzelne Worte laut gesagt bzw. gesungen. Mache ich gerade ja auch. Leise summend eine Melodie und dann (überraschend laut)….SANTA MARIA!!!!….melodisch summend….AUS TRÄUMEN GEBOREN!!!….summ, summ….DAS WIE FEUER BRENNT!!!!! Ok, ich hätte mir vermutlich den Locher gegen den Kopf geworfen, wäre ich mir selbst gegenüber gesessen. Das „Halt den Mund“ war ok.
Wenn der alteingesessene Münchner sein eigenes Viertel verlässt, dann nennt er sein Ziel selten beim Namen. Der Giesinger zum Beispiel, verkündet nicht, dass er in die Altstadt radelt – er fährt „rein“. Rein in die Stadt. Dass es sich um die Innenstadt handelt, ist anderen Giesingern dabei völlig klar. Der Giesinger fühlt sich in seinem eigenen Viertel nämlich so wohl, dass er die anderen Stadtteile weitestgehend ignoriert. Das Zentrum, die Altstadt ist ein Sonderfall – die mag der Giesinger. Weitere Ausnahmen sind die angrenzenden Viertel. Nach Harlaching geht man „hoch“ weil man sich die Isar betrachtend flussaufwärts bewegt. In die Au „runter“ – weil der Obergiesinger ein Bergerl runter muss und für den Untergiesinger die Au flussabwärts liegt. Und in das Glockbachviertel gehen wir „rüber“, weil hier die Isar überquert wird. Weitere Ausflüge innerhalb der Stadt unternimmt der Giesinger eher selten und ist ausnahmslos immer froh, wenn er wieder daheim ist. Abgesehen von dieser kleinen Absonderlichkeit zeichnet sich der Giesinger unter den Münchner als besonders aufgeschlossen und neugierig aus. Neues gefällt ihm. Vorausgesetzt man setzt es ihm vor die Nase und er muss nicht raus, runter, rüber oder es handelt sich um etwas, das nach Schwabing oder Maxvorstadt riecht. Da hat der Giesinger eine empfindliche Nase.
Ob er schon mal von der Perimenopause gehört hat, frage ich den, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor der Tür steht und ahne die Antwort, bevor er sie ausspricht. Oder auszusprechen zu vermeiden versucht. Ein Nicken – klar, vermutlich kann er als Mediziner die meisten Begriffe einordnen und ein kleines, schnelles Kopfschütteln, das nonverbal signalisiert, dass er im Bezug auf mich dazu weder eine Meinung hat, noch eine haben möchte. Muss er nicht und es geht auch nicht um mich. Ich nehme mir eine Hälfte der von ihm belegten Semmel und erkläre ihm, dass meine Kolleginnen der Auffassung sind, dass der Eintritt in besagte Perimenopause mit dem Zeitpunkt zusammen fällt, in dem man als Frau für Männer unsichtbar wird. Er nimmt mir meine (seine) Semmel wieder aus der Hand, lehnt sich zurück und erklärt, dass ich in diese Phase dann wohl eindeutig noch nicht eingetreten sei. Weil er grinst und nicht lächelt, ist das weder ein Kompliment noch eine neutrale Feststellung. Weil er aber auch nicht mehr dazu sagt, erkläre ich ihm, was besagte Kollegin meint.
Denken Sie noch manchmal an die Pandemie? An Corona und wie es damals gewesen ist? Ich ja. Im Sommer ganz besonders. Nicht täglich, aber immer wieder. Weniger an Jens Spahn und seine Maskenaffaire, aber durchaus an die Auswirkungen, die diese Ausnahmezeit auf mein künftiges Leben hatte. Man möchte meinen, dass ich als allein wohnende Person mit einem Job der nicht von der Pandemie betroffen war und ohne schulpflichtige Kinder, recht gut durch die diese Zeit gekommen bin und das stimmt auch. Aber danach, als die meisten wieder ganz normal arbeiten konnten, die Kinder vormittags wieder aufgeräumt waren und das Leben wieder normal wurde – da hat es mich erwischt. Vor allem meinen Keller. Dort stampeln sich zwar keine, zu teuer erworbenen Masken, dafür aber Gläser. Und das ist ein Problem. Nicht Ihres, aber meines. Und deshalb müssen Sie sich jetzt anhören, welch katastrophale Auswirkungen Corona noch heute auf uns (also mich) hat.
Während sich der mütterliche Teil meiner Familie wie die Karnickel vermehrt, endet die väterliche Linie vermutlich mit mir. Und das obwohl die Generation meiner Großeltern beiderseits extrem kinderreich war. Aber während die einen sich fleißig weiter vermehrten, stellte die andere Familie das relativ abrupt ein. Nicht unbedingt, weil sie der Fortpflanzung abgeneigt waren. Den vielen und ausführlichen, meist nicht für Kinderohren geeigneten, Erzählungen meiner Großtante zufolge lag es mit Sicherheit nicht an der Keuschheit. Sie hatten ganz einfach Pech. Offensichtlich nicht ganz, denn ich bin ja hier. Bei mir ist jetzt aber Schluss. Mein Alter betrachtend, können wir uns da ziemlich sicher sein.
Vor kurzem schrieb ich hier traurig über das Hinterhaus, in dem schon viele meiner Nachbarn gestorben sind. Ich mag keine Veränderungen und vermisse sie. Es bleibt so schrecklich wenig, wenn ein alter Mensch aus einem Mietshaus auszieht. Manchmal aber merkt man erst viel später, dass etwas wunderschönes dann doch bleibt. In meinem Fall etwas, von dem ich nicht mal wusste, dass es existiert.
Vor etwa drei Monaten hatte es mir den Putzlumpen, den ich für vier bis fünf Tage zum Trocknen vor das Küchenfenster gelegt hatte, in den Innenhof geweht. Vermutlich hätte es ihn nicht verweht, wenn ich ihn trocken wieder reingeholt hätte, aber dreckige Putzlumpen haben bei mir ehrlich gesagt, keine hohe Priorität. Das Problem des Reinholens hatte sich eh von selbst erledigt – dank des Windes. Lumpen die man nicht mehr sieht bzw. nicht mehr besitzt, müssen nicht gewaschen werden, da man die Verantwortung für sie sozusagen abgegeben hat. Meine Nachbarin Frau Obst sah das anders. Ich weiß nicht, warum und wann sie sich über das Geländer vor meinem Küchenfenster beugte, aber sie entdeckte meinen Putzlumpen, in den Büschen darunter und informierte mich, dass die Verantwortung der Entsorgung oder Heimholung durchaus noch bei mir läge. Da man einer Frau wie Frau Obst nicht widerspricht, eine Frau wie ich aber auch nicht springt, wenn man es mir befielt, machte ich mich erst vor eigen Tagen auf, um meinen Lumpen zu retten. Oder, was eher der Wahrheit entspricht, um mir das Genörgel von Frau Obst nicht mehr anzuhören, fischte ich das dreckige Ding aus den Büschen.
Dabei entdeckte ich das:
Ich wusste gar nicht, dass wir im Hinterhaushof an dieser Stelle, an die man nur kommt, wenn man was aus den Büschen pflücken möchte, was einem runtergefallen ist, so schöne Blumen haben. Um sie zu sehen, müsste ich mich über das Geländer beugen. So was mache ich nicht. Ich blicke eher in die Ferne. In der Ferne (naja…Hinterhofferne, also nur 20 Meter weiter) ist Rasen. Nur Rasen und außer ein paar Gänseblümchen kaum etwas interessantes. Aber direkt unter den Laubengängen, da blüht es ganz wunderbar. Schön, für die Menschen, die im Erdgeschoss leben. Und schön für mich.
Frau Obst, der ich stolz meinen geretteten Lumpen präsentierte, klärte mich auf. Über viele Jahre hinweg bepflanzten meine mittlerweile verstorbenen Nachbarinnen zum leidwesen des Hausmeisters (und Frau Obst) eigenwillig den Rasen des Hinterhauses. Ganze Beete verwerte man ihnen, aber ganz am Rand lies man sie gewähren. Vieles ist mit den Jahren verschwunden. Tulpen, Narzissen und Korkusse kommen aber jedes Jahr wieder. Und am schönsten und ausdauernsten die Vergiss-mein-nicht. Gemäht werden die kleinen Rasenstücke erst, wenn sie verblüht sind.
Etwas bleibt also doch von Franziska und den anderen. Ich sag ja, die Frauen aus dem Hinterhaus waren und sind toll. Von mir fände man allenfalls einen runtergewehten Putzlumpen.
Das Hinterhaus ändert sich. Es wird lauter und gleichzeitig wird es anonymer. Eine Kombination, an die ich mich erst gewöhnen muss. Dass es lauter wird, stört mich nicht. Im Vorderhaus wohne ich über der Kneipe und bin an Krach gewöhnt. Ungewohnt ist, dass ich die Geräusche im Hinterhaus seit einiger Zeit keinem einzelnen Bewohner mehr zuordnen kann. Vor ein paar Jahren, wusste ich bei Torjubel genau, dass Herr Bender sein kleines Radio mit auf den Balkon genommen hat, um Bundesligaspiele bei Dosenbier und Zigarillos zu genießen. Der scheppernde Radio (der Radio….wir befinden uns in Bayern) klang nicht besonders schön. Schön war es aber zu wissen, dass Herr Bender auf dem Balkon und nicht im Krankenhaus war, wo er in seinen letzten Jahren viel zu oft lag. Ähnlich ging es mir mit den sanften Klassiktönen, die aus Frau Wolfs Wohnung erklangen. Für meinen Geschmack hätte sie ihre Platten ruhig bei offenem Fenster hören können – Bach und Beethoven vertragen sich wunderbar mit Frühlingsabenden. Außerdem schienen sie Franziska M. zu beruhigen, die in ihren letzten Jahren Demenzkrank häuftig polternd und schimpfend auf dem Balkon stand und über neuzig Jährig mit ihrer längst verschiedenen Mutter stritt. Alle drei sind mittlerweile gestorben. Mit ihnen ist die für sie typische Geräuschkulisse verschwunden. Es sind nicht nur die Alten, die aus dem Hinterhaus verschwinden, sondern auch die Jungen. Mein Nachbar Paul aus dem Hinterhaus meint, das sei völlig normal.