Jetzt schon ?!?

Es riecht nach Herbst. Wenn die Schule nach den großen Ferien Mitte September wieder beginnt, dann riecht es morgens nach dem Herbst. Eigentlich schon früher. Schon Mitte September kann man den Geruch am frühen Morgen bemerken. Das Gras ist feuchter, die Dämmerung hält sich länger und das saftige Grün der Wiesen und Bäume trägt bereits einen feinen braunen Schleier. Das ist in Ordnung. Der Sommer war heiß und auch wenn die Tage noch lang und warm erscheinen, spürt man bereits den Wechsel der Jahreszeit. Während der großen Ferien kann man das verdrängen. Sommerferien bedeuten Sommer, da mag es morgens riechen wie es will. Pünktlich zum ersten Schultag aber, muss man es sich eingestehen: Der Herbst steht vor der Türe. Neben seinem feinen Duft, gibt es für mich ein zweites untrügliches Zeichen. Eines, dass man viel weniger als einen Geruch ignorieren kann – die Sonne schafft es nicht mehr in meinen Laubengang. Man möchte meinen, dass etwas so großes wie die Sonne sich langsam und gleichmäßig zurück zieht und vielleicht tut sie genau das auch. In meinem Laubengang aber ist es jedes Jahr genau ein Tag, an dem ich vor dem Sonnenschirm stehe und leise „ach menno…“ vor mich hinmurmle. Von einem Tag auf den anderen schafft sie, die riesengroße Sonne, es nicht mehr über die Bäume und die in den letzten Monaten so wichtigen Schirme könnten in den Keller. Selbstverständlich werde ich sie nicht vor Mitte November nach unten bringen, aber aufgespannt werden sie auch nicht mehr. Ein paar Wochen noch werden sie an den Sommer erinnern, dem ich nachtrauere, bis ich mich glücklich auf dem Sofa einrolle und bemerke, wie sehr ich den Herbst und seine Stürme liebe. Noch aber…ach menno, der Herbst. Jetzt schon?!?

Das Hinterhaus bekommt nichts mit. Während ich im Schatten der Bäume sitzen, tun die so, als hätte sich nichts geändert. Die ganz unten grillen und nutzen den vermeintlichen Sommerabend. Klar, die sind im Erdgeschoss zum Innenhof so eingewachsen, dass ihre Handtuchgroße Terrasse das ganze Jahr über keinen Sonnenstrahl abbekommt. Aber die weiter oben, die müssten doch sehen, dass eine von ihnen jetzt im Schatten hockt und traurig zum Hinterhaus blickt. Da zeigt sich die zwei Klassen Gesellschaft unseres L-förmigen Hauses. Der kurze Schenkel bekommt ab Herbst kein Licht in den Laubengang, während die vom Langen fast das ganze Jahr über ein paar Stunden haben. Gut, die schwitzen im Sommer ganz schön, weil es von 09:00 Uhr morgens bis Sonnenuntergang auf Ihre Balkone und Fenster knallt, aber das werden sie beim Einzug schon einkalkuliert haben. Frau Lukaseder mit ihren 90 Jahren mag das etwas anstrengend finden, aber der Rest scheint es zu mögen. Das ganze Haus ist jetzt in diesem Moment um halb sieben bunt wie der CSD. Überall Sonnenschirme, nur bei mir nicht. Es wäre albern sie aufzuspannen und außerdem brauchen die zwei Mal im Jahr tragenden Erdbeeren noch jedes Licht das sie bekommen können. Die über mir haben noch eine Woche lang Sonne und kennen mich gut genug um zu fragen, ob ich auf einen Aperitif nach oben kommen möchte. Ich möchte, teile ihnen aber mit, dass ich mich jetzt im Herbst befinde und es mir deshalb für Kaltgetränke unter freiem Himmel zu kühl ist. Gerne ein Glühwein in ein paar Wochen.

Ich traure dem Sommer nach und empfinde es als Frechheit, dass Paul an der Brüstung seines Balkons lehnt und eine Sonnenbrille trägt. Hinterhäusler, blöder! Der hat Sonne und kann gut grinsen. Aber bitte nicht zu mir, ich habe Abschiedsschmerz. Um diesen auszukosten erwäge ich meine Sommerschuhe in den Keller zu räumen. Nur kurz, versteht sich, denn das mache ich grundsätzlich erst Mitte Dezember. Paul winkt mit einer halben Wassermelone und will sie mit mir teilen. NEIN, gestikuliere ich und deute auf die Sonne hinter den Bäumen. Er deutet auf seinen Balkon und ich strecke ihm die Zunge raus. Angeber, doofer. Balkon habe ich selber. Einen der zur Straße rausgeht und von morgens bis mittags das ganze Jahr über Sonne hat. Aber darum geht es nicht. Das muss man doch verstehen. Heute ist Herbst und der kommt mir gerade gar nicht gelegen. Ich bin noch nicht so weit. Ich kann auch noch gar nicht wieder schreiben. Das merken sicher auch Sie. Ich tippe aus reiner Verzweiflung. Im Schatten!

Zutiefst traurig rufe ich in Italien an. Dort krabbelt einer gerade über die Steine am Strand und teilt mir mit, dass man durchaus noch baden kann. Ich finde das noch trauriger. Und als er mir sagt, dass es heute bei ihm und bei mir doch gleich warm war, kann ich es erst nicht glauben. Stimmt aber und die Tatsache, dass ich barfuß draußen sitze spricht dafür. Man könnte eventuell auch hier noch baden. Morgen z.B. Der in Italien stimmt mir zu und ich frage ihn ob Herbst ist. Er lacht und sagt, ja, endlich.

Stimmt eigentlich. Seit Wochen war es im Laubengang unerträglich heiß und unter den Schirmen konnte man nur dösen. Schreiben, wie gerade, wäre angesichts der Hitze bedingten Mindertätigkeit des Hirns schlicht unmöglich gewesen. Und wenn ich in einer Woche nach Italien fahre werde ich an den Strand gehen ohne auf den 50 Metern Weg an den Unterarmen (fragen Sie nicht wie das möglich ist) zu schwitzen. Und essen – ich kann im Laubengang wieder essen ohne dabei zu jammern, dass es zum Essen viel zu heiß ist.

Vergessen Sie obiges bitte. Der Herbst kommt und wenn wir ehrlich sind, dann ist das doch eigentlich auch schön. Es wäre wirklich albern, wenn Sie sich nach einem Sommer wie diesen über eine Sonne hinter den Bäumen aufregen würden. Bei mir ist das etwas anderes. Ich jammere, weil ich gesagt habe, dass ich im Herbst zurück komme. Und wenn ich Ihnen jetzt nicht glaubhaft versichere, dass der heute begonnen hat….Sie verstehen?

21 Gedanken zu “Jetzt schon ?!?

  1. Seit Jahren rätsle ich, was denn „menno“ heißt. Ja, ja, ein Ausruf, aber woher kommt dieses seltsame Wort`? Nachdem es in deinem Text zweimal vorkommt, denke ich, vielleicht ist der Moment gekommen, dass es mir jemand erklärt !??

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    1. Bis zu deinem Kommentar habe ich es nicht hinterfragt und auch der Duden oder das Internet hat mich nicht wirklich aufgeklärt. Lediglich die Verbindung zum Wort „Mensch“ ist angegeben.

      Das französische mais non klingt schlüssig 🙂

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  2. Ach herrje, liebe Mitzi, das ist ja ein zutiefst herbstmelancholischer Einstieg! Und zugleich von der gewohnt sommerlichen Leichtigkeit und Wärme, die einem Mitzi-Irsaj-Qualitätstext eignen.
    Beim Lesen habe ich exakt das Hin- und Hergerissensein nachvollzogen, das einen befällt, wenn man von einer schönen Jahreszeit in die nächste geschubst wird und sich erst wieder häuslich in der neuen einrichten muss, egal wie altbekannt sie ist. Wie mittelalterliche König:innen reisen wir von Residenz zu Residenz und müssen jedesmal die Bettstatt neu aufschlagen!
    Wassermelonen im September sind natürlich ein Unding, und auf kalten Laubengängen kühle Getränke zu konsumieren ist fast schon lebensgefährlich. Zum Glück bist du so vernünftig und gehst erst in Italien wieder ins Wasser, alles andere ist einfach zu riskant. Frau Lukaseder muss aber trotzdem noch ganz oft besucht werden und ein bisschen raus auf den Balkon, wegen der frischen Luft, und da kann sie ja schlecht allein sitzen, oder? Na ja, und Paul mit einer halben Wassermelone allein zu lassen… nächstes Mal eilst du ihm gewiss zu Hilfe.

    So wünsche ich dir eine angenehme Transition vom Sommerkind zur Herbstzeitlosen und keine Verzweiflung mehr im Schatten – er ist der Freund der Eiscreme, die noch lange, lange Zeit gemütlich in der Laube genossen werden möchte.

    🍨⛱️☀️

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    1. Als ich mich zum Schreiben raussetzte war ich auch wirklich melancholisch gestimmt. Trotz des warmen, sommerlichen Tages war er plötzlich da, der Herbst.
      Aber wie du siehst….es war nur ein kurzer Anflug und jetzt schon wieder vorbei. Die Sonne scheint von der anderen Seite in meine Wohnung und ich kann den Kaffee noch auf dem (anderen) Balkon trinken. 🙂
      Und du hast so Recht….der Schatten nach dem langen Sommer ist wunderbar und das Eis schmilzt nicht so schnell 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Mitzi

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  3. Ach ja, ich verstehe Sie. Bei uns ist es ähnlich. Die Sonne schafft es gerade noch so über das Haus, dass sie unsere Köpfe bescheint wenn wir draussen frühstücken, das ging heute noch, vielleicht das letzte Mal in dieser Saison. Dann wandert die Sonne weiter und versteckt sich hinter den hohen Pappeln. Ich bin dann in die Wohnung geflüchtet, es war zu frisch, draussen zu sitzen. In etwa 2 Stunden steht die Sonne tiefer und scheint dann durch das lichte Geäst auf unsere Terrasse, dann werfen wir den Grill an, vielleicht auch das letzte Mal in dieser Saison.

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  4. Unter den Armen halte ich, aus Erfahrung, für sehr gut möglich, aber Unterarme? – Lassen wir das! Zurück zum weniger schweißtreibenden Herbst. Der die Vorbereitung auf das, was kommt, dringlicher macht. Der Bär, na, den hatten wir auch schon, wird sich vollgefressen in seine Höhle zurückziehen. Also der richtige, der Waldbär. Und so langsam kann man daran denken, den Honig, die Johannisbeeren (auch in diese mag die Sonne noch die letzte Süße gejagt haben, nicht nur in die dem Dichter wichtigeren Weintrauben) und was das Jahr sonst so brachte (ja, Herbst. Ich habe im gestrigen kalt erfrischenden Regen auch schon gedacht, dass man aus den immer noch frischen Äpfeln doch auch Äpfelküchlein, nicht Kuchen, sondern die in Fett fritierten leckeren Winterdinger machen könnte…)
    Und das Sofa möchte auch wieder bewohnt werden.

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      1. Oh, so schlimm ist das nicht. Denn die italienische Küche wie so manches dort – wir reden nicht von der Politik, es ist spürbar, wie ich mir grad auf die Zunge beiße, nicht? – ist doch so schlecht nicht, vielmehr sogar richtig gut. Da findet sich etwas!

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  5. bei mir ist es heuer ganz genau andersrum. es wird und wird und wird nicht kühl und so fühle ich mich gleich um 2 dinge betrogen: um meinen liebsten lieblingsherbst, denn den gibt es nunmal nur im september und oktober und da war hier noch sommer. und um den melancholischen sommerabschied, weil ich grade sehr grantig bin, dass mir dieser meinen herbst geklaut hat. aber eins bleibt schön: das wetter ist immer grund genug für emotionen.

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    1. Vielleicht kommt er noch, der Herbst. Hier war es auch richtig lang, richtig warm und dann plötzlich seit zwei Wochen ist er angekommen, der Herbst.
      Zum Glück auch mit dem schönen Bunt und nicht direkt ins stürmische Blätteraufwirbelnde Nasskalt.
      Ich drück dir ganz fest die Daumen, dass du noch ein paar Wochen deiner Lieblingsjahreszeit hast. Verstehen tue ich dich – er ist schön, der Herbst 🙂

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      1. Oh ja das ist er! Aber langsam wird’s knapp, die Blätter fallen trotzdem und ich laufe ständig kurzärmelig herum, am Wochenende wieder über 20 grad. Das ist nix für mich winterkind 😅

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      2. Ui… dann ist es bei Euch ja wirklich noch viel wärmer. In der Sonne geht es hier ohne Jacke, aber kurzärmlig, das ist vorbei. Ich drücke dir trotzdem weiter die Daumen 🙂

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