Borsa marrone

Im Schlafzimmer, gleich wenn man reinkommt rechts, steht unter dem Fernseher eine weiße Komode mit drei Schubladen. Die Komode in meinem eigenen Schlafzimmer hat auch drei Schubladen und ist ebenfalls weiß. Vielleicht haben wir die gleiche Komode. Das wäre durchaus möglich, da meine Komode von IKEA ist und sich das Angebot der italienischen IKEAs kaum von denen in Deutschland unterscheidet. Einen Fernseher über der Komode habe ich allerdings nicht. Überhaupt habe ich im Schlafzimmer kein technischen Geräte und finde es daher erstaunlich, mich gedanklich seit über zwanzig Minuten in einem Schlafzimmer zu befinden, das nicht meines ist. Zumal ich eigentlich am Strand liege und mir fremde Betten, Zimmer und Komoden gerade ziemlich egal sind. Obwohl….wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich jetzt doch wissen, um was es in diesem zähen, mit viel zu lauter Stimme geführten Telefonat nun eigentlich geht. Ich rolle mich auf den Rücken und höre weiter zu. In der obersten Schublade besagter Komode befindet sich – so erklärt die hinter mir stehende, telefonierende Frau – eine braune Tasche. Der Satz wird wiederholt. Einmal, nocheinmal und dann mit monotoner, sehr geduliger Stimme ergänzt, dass es sich um eine braune Tasche, ja eine braune, etwa 30 mal 40 Zentimeter große brauene, ja genau, braune, Tasche handelt. Sie und ich wissen jetzt, dass sich in der weißen Komode rechts unter dem Fernseher in der oberen Schublade eine braune Tasche befindet. Der Gesprächspartner anscheinend nicht. Es wird ihm noch einmal erklärt, dass sich die Komode im Schlafzimmer befindet. Weiß mit drei Schubladen.

Neben mir stöhnt einer leise und fragt sich weniger leise, wie blöd man eigentlich sein muss, um die verdammte braune Tasche nicht zu finden. Er fragt sich auf deutsch und wird hier in dieser Ecke Liguriens wahrscheinlich nicht verstanden. Obwohl man sich da natürlich nie sicher sein kann. Erst am Vorabend hatte ich mich – mit ebefalls etwas zu lauter Stimme und auf deutsch – gefragt, ob ein anwesender Bekannte von seiner Frau auf Diät gesetzt wurde oder warum er jetzt gar so beherzt beim Aperitif zugreifen würde. Kurz darauf erzählte er mir, dass er zwei Jahre bei BMW in München gearbeitet hat. Einfach mal die Klappe halten, murmelt einer neben mir und ich nicke. Ja, das sollten wir, wenn wir laut denken, wirklich machen. Er meint die Telefonierende und ich nicke noch einmal. In der braunen Tasche ist eine kleine weiße Tasche und ich beschließe, dass es mich doch nicht interessiert, wonach hier eigentlich gesucht wird. Vielleicht doch, aber mehr noch interessiert es mich, ob ich die drei Meter über dunkle Kiesel ins Meer schaffe ohne mir Brandblasen an den Fußsohlen zu holen. Falls es interessiert: Ja, ich habe es geschafft. Knapp, aber ja. Als ich zurück komme, ist das Telefonat beendet und ich werde nie erfahren, worum es darin eigentlich ging. Das ist ok. Ab 30 Grad, schaltet mein Kopf in den Ruhemodus und mein Denken wird anspruchslos. Abkühlung, Nahrungsaufnahme und die Anwesenheit eines Lieblingsmenschen (am besten mit Sonnenschirm), stellen mich vollständig zufrieden. Das mit dem Sonnenschirm ist allerdings etwas seltsam. Den sehe ich vor meiner Liege stehen. Die Sonne ist dahinter. Eigentlich unmöglich, dass mein Kopf so im Schatten liegt. Tut er aber. Kurz überschlage ich die Anzahl der am heutigen Tag konsumierten Weingläser und bin beruhigt. Kein einziges. Das erklärt zwar nicht woher er Schatten kommt, aber es viel zu warm um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Schatten ist fein und der Rest ist mir ehrlich gesagt egal.

Dem Besitzer des Sonnenschirms unter dem ich liege ist es nicht ganz so egal. Aus dem Wasser kommend habe ich meine Liege etwas verschoben und eigenen und fremden Schirm verwechselt. Kein Wunder, so voll wie das heute am Strand ist. Wenig später liege ich wieder richtig und höre einem zweiten Telefonat zu. Die Inhaberin der braunen Tasche in der weißen Komode kümmert sich gerade um den Urlaub einer Freundin. Das ist nett, denn die – also die Freundin – hat ganz andere Vorstellungen, als ihr Mann. Kultur und Stadt oder Strand und Einsamkeit. Das ist nicht leicht unter einen Hut zu bekommen. Also eigentlich wahrscheinlich schon, wenn man etwas kompromissbereit ist und sich nicht schon beim Suchen einer Tasche blöd anstellt. Ab und zu nicke ich kurz ein, gehe eine Runde schwimmen und robbe mich in den Schatten. All das begleitet von den Reiseplanungen mir völlig fremder Menschen. Ich finde es schön und wenn das Telefonat beendet ist, erkundige ich mich ob von Spanien oder Italien die Rede war. Oder auch nicht. Dazu müsste ich ja aufstehen und das überfordert mich.

Übrigens…während ich obiges zurück in München geschrieben habe merke ich, dass auch 26 Grad reichen um meinen Kopf in den Ruhemodus zu versetzen. Wir haben hier ja einen Feiertag und ich sitze am Balkon und lausche seit über einer halben Stunde dem Telefonat meines Nachbarn. Worum es geht? Keine Ahnung, aber er hat eine schöne Stimme.

10 Gedanken zu “Borsa marrone

  1. Ein Lieblingsmensch mit Sonnenschirm, die Idee ließ mich schmunzeln, liebe Mitzi. Schöne Impression vom Strandurlaub in Ligurien. Mich wundert, dass es in München zu heiß zum Denken ist. Im Norden ist’s noch erträglich, aber es ist kein Feiertag hier bei den Heiden 😉 Beste Grüße ins lange Wochenende,
    Jules

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    1. Vielleicht war es die Resthitze aus Italien, lieber Jules. Aber das Wetter hier ist schon recht warm. Schön, aber etwas Regen wäre nötig. Seit einiger Zeit mag man sich über zu viel Sonne ja nicht mehr so wirkliche freuen LIebe Grüße ins Wochenende.

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  2. Es ist Sommer, und egal, wie braun die Tasche war, vielleicht Maronebraun – ich hatte mal einen Fiat Uno in dieser eher seltenen Farbe! – heiße Marone gibt’s derzeit eher nicht. – Was einem so bei einer Überschrift durch den Kopf geht, wenn man die Sprache eh nicht versteht. Ich wünsche noch viel Erholung und vielleicht weniger – na, zumindest nicht mehr – aufregende Telefonate zum Mithören.

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  3. Ich war auch gerade am ligurischen Meer und habe mir regelmässig beim Rennen über den dunklen Sand die Fußsohlen verbrannt. Mit Kommoden hatte ich nicht viel zu tun, und da ich italienisch nicht kann, konnte ich nicht mal verstehen, worüber sich die Damen neben uns beschwert haben. Der Sonnenschirm war´s nicht – wir hatten keinen. Und die Sonnenhüte sind leider im Zug von München nach Stuttgart geblieben, oder in dem von Salzburg nach München? Wenn in München also zwei kopflose Strohhüte rumliegen, einer mit beige-braunem Band – 🙂
    Hach. Ob mit oder ohne Tasche, Kommode, Sonnenschirm oder Telefon – so viel so süßes dolce vita hatte ich lange nicht. Ich verstehe deine Italienliebe. 🙂

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  4. Hallo MItzi, manchmal sind Sprachversteh-Unfähigkeit oder Hör-Unmöglichkeit gar nicht so schlecht, da wird man wenigstens in Verkehrsmitteln nicht von dämlichen Telefonaten belästigt. Am Strand würde das klappen, weil Wind und andere Geräusche ablenken, aber in der S-Bahn schreien die Leute so laut in ihr Handy, dass sie schon arabisch schreien müssen, damit ich nichts verstehe – aber laut ist es dann trotzdem.
    Liebe Grüße zu dir

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  5. Nicht in Italien, aber doch bei fast 30 Grad Hitze in Fürth überlege ich, ob ich den Beitrag von Mitzi kommentieren und wenn ja, was ich schreiben könnte. Was Gescheites will mir wie so oft nicht einfallen. Deshalb fasse ich mich kurz… 😉

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