Gratulation schwierig

Heute am 1. August hat meine große Schwester Geburtstag. Das weiß ich, seit ich heute morgen aufgewacht bin. Und auch, dass ich sie unbedingt anrufen muss. Erstens, weil es ein runder Geburtstag ist und zweitens, weil ich unheimlich stolz auf mich bin, dass ich noch vor den ersten Hinweisen in der Familien-WhatsApp-Gruppe daran dachte. Dass ich es dennoch nicht tue, hat mehrere Gründe. Zum einen bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich ein runder Geburtstag ist. Also nicht zu 100 Prozent. Eigentlich schon, denn mein Geburtstag plus ein Jahr und dann zwei Mal zwei Jahre, sollte der ihre sein, aber angesichts der grenzenlosen Toleranz und Nachsicht meiner Familie ist es nicht ausgeschlossen, dass diese Rechnung seit Jahren nicht aufgeht und man mich der Einfachheit halber nie korrigiert hat. Zum anderen, ist mir seit heute morgen latent schlecht. Nichts wildes…ich habe mich gestern einfach nur hoffnungslos überfressen und das hört man meiner Stimme an. Sinnlos das dem Geburtstagskind zu erklären. Ich bin die kinderlose Jüngste und man würde mir auch heute noch unterstellen, dass ich schlicht und einfach verkatert bin. Verkatert darf ich aber nicht sein, weil ich meine Eltern seit Wochen erzähle, momentan von früh bis spät zu arbeiten und man kennt die immer wieder erschreckend kurzen Kommunikationswege innerhalb einer Familie wenn es um banalen Mist geht. Erstaunlich dagegen, dass sich wichtige Neuigkeiten kaum verbreiten. Nicht das ich welche hätte, das fällt mir nur gerade ein. Eine WhatsApp zum Runden kann ich ihr aber auch nicht schreiben, dafür habe ich sie zu lieb.

Im Internet findet man heute so ziemlich alles, nur nicht das Geburtsdatum meiner Schwester. Dabei sollte sie gerade noch der Generation angehören, die bedenkenlos eine Spur zu viele Informationen über sich online stellt. Macht sie natürlich nicht und ich überlege einen ihrer Facebook Freunde zu fragen. Vorzugsweise einen, den ich nicht persönlich kenne. Aber was für Freunde können das sein, wenn sie bis jetzt noch nicht öffentlich auf Facebook gratuliert haben? Vielleicht Freunde, die sie besser als die eigene Schwester kennen, denn so ganz sicher ob es wirklich der 1. August ist, bin ich mir nicht mehr. In unserer Familien WhatsApp Gruppe wird jeder Mist geteilt und bis jetzt hat keiner gratuliert. Vielleicht hat heute meine jüngste Nichte Geburtstag. Die, von der ich dachte, sie hätte erst am 29. und ich verwechsle ihn mit dem meiner Schwester. Dann sollte ich auch gratulieren. Natürlich nur wenn ich mir sicher bin. Um Licht ins Dunkel zu bringen poste ich jetzt erst mal Herzen in allen Regenbogenfarben…da wird schon einer reagieren. Ne, mach ich doch nicht. Die letzten Nachrichten drehen sich nämlich um den Geburtstag meines Schwagers vor drei Tagen und den habe ich komplett ignoriert. Nicht aus Ignoranz sondern Schusseligkeit. Warum hat da eigentlich nur einer geschrieben? Klar, die anderen habe bestimmt angerufen. Ich könnte mich natürlich Ende August pauschal mit nachträglichen Glückwünschen an alle Sommer Geburtstagskinder wenden….genau das sind sie von mir gewohnt. Schade wäre es nur, weil ich mir eigentlich sicher bin, dass mindestens eine genau heute Geburtstag hat. Und wenn es die Große ist, dann muss und will ich gratulieren und ihr sagen, dass ich immer noch dran denke, wie sie mich damals aus Italien abgeholt hat. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich einfach für immer geblieben und hätte mein Studium geschmissen. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich auch nur mit ihr zurück gefahren, weil ich Angst hatte, dass meine Familie nach dieser Vorhut härtere Geschütze – meine Mutter – auffährt. Dennoch war sie die beste Begleitung auf dieser verheulten Rückfahrt.  So, ich frag jetzt den verschwiegensten meiner Neffen, wer heute Geburtstag hat und hoffe dass der an einem Sonntag nicht allzu verkatert ist und das weiß (keine Sorge….das „Kind“ ist erwachsen).

Das Kind antwortet nicht und ich war im Keller. Dort steht mein altes Küchenregal an dessen Seite noch immer ein alter immerwährender Kalender klebt. In den letzten vier Monaten habe ich die Geburtstage von zwei Patenkindern, drei Nichten, einem Neffen und einem Schwager (eventuell auch einer Schwägerin) vergessen. Meine große Schwester wird sicher verstehen, dass ich ihr aus Gründen der Gleichbehandlung unmöglich pünktlich gratulieren kann. Nachträglich bekommt sie von mir eine Flasche Weißwein aus dem Karton, den ich gestern mit Freunden geöffnet habe. Das mit dem verstimmten Magen hätte sie mir eh nicht abgenommen.

23 Gedanken zu “Gratulation schwierig

  1. Mitzi, zu Vor-Smartphone-Zeiten habe ich meiner besten Freundin IMMER am falschen Tag gratuliert – nämlich zwei Tage zu früh. War nicht so schlimm, dann konnte ich es ja am richtigen Tag noch einmal machen.
    Obwohl ich höchstens 25 % deiner Verwandtschaft und Bekanntschaft und Freunde habe, nutze ich für so etwas meine Kalenderfunktion im Smartphone – da stehen nicht nur die Tage und die Namen, nein, auch die Geburtsjahre, so dass ich selten rechnen muss, ob es ein runder oder ein eckiger Geburtstag ist.
    Du schaffst das!

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  2. Heikles Thema. Tod oder wenigstens Koma gelten möglicherweise als Entschuldigung, aber nur bei entfernten Bekannten. Aber die Zeit heilt ja alle Wunden und wenn man sich nur hinreichend verspätete, ist man schon wieder zu früh dran für den nächsten Geburtstag.

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  3. Ich sehe, du bist auch eine Freundin der Erfindung von Ausreden. Ich habe mich schon als Schülerin darin geübt. jeden Tag eine neue glaubhafte Entschuldigug fürs Zuspätkommen zu erfinden – das war gar nicht einfach und eine ausgezeichnete Übung für die Kräftigung der Fantasie.Mein Fahrlehrer war dann später beeindruckt mit welcher Geschwindigkeit ich Entschuldigungen produzierte, wenn ich zum Beispiel mit dem Rückwärtsgang startete oder nach links blinkte und nach rechts abbog.

    Els geübter Dichterin wird dir zweifellos was Gescheites zu deiner Entschuldigung einfallen….

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    1. Ausreden fallen mir tatsächlich recht leicht. Als Kind ging es mir ähnlich wie dir – um eine Ausrede war ich nie verlegen. Bei der Familie kennt man mich leider viel zu gut und mehr als ein mildes Lächeln ernte ich dann nicht. Wobei ein mildes – und oft amüsiertes – Lächeln dann ja auch wieder ein Zeichen von Zuneigung ist.
      Schön, dass wir durch unsere Ausreden anscheinend unsere Kreativität geschult haben.
      Liebe Grüße

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  4. Ich gelte als vorbildliche Geburtstagsgratulantin, weil ich nie einen vergesse. (Besser gesagt: Outlook vergisst nichts.) Früher aber habe ich zwei Freundinnen, die beide Ende Oktober Geburtstag haben, regelmäßig am falschen Tag gratuliert. Irgendwann wurde mir das zu peinlich, und ich übertrug die Geburtstage samt und sonders in die App.

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  5. Liebe Mitzi,
    vielleicht darf ich es mal so sehen: wenn ich keine EInladung zu einem besonderen, runden Geburtstag erhalte, könnte es auch sein, dass die zu ehrende Person möglicherweise keinen allzugroßen Wert darauf legt, tagesgenau beglückwünscht oder mit Anrufen und digitalen Grüßen überhäuft zu werden, eventuell davor flüchtet, und gleichfalls dankbar ist für einen nachträglichen Beitrag. Gerade bei einem runden Anlass kann es ja auch schön sein, wenn an diesem einen Tag nicht alles auf einmal ankommt, sondern die „Gratulationskur“ etwas anhält und für einen Anruf beispielsweise mehr Muße für ein Gespräch ist.
    Selber habe ich ein kleines Taschenbuch mit „immerwährendem Kalender“. Hin und wieder schaue ich rein. Da gibt es Wochen, die gefüllt sind mit Gedenktagen und dann auch wieder Einträge, an die ich mich kaum erinnern kann und ihre Bedeutung verlieren. So gibt es manchmal Verwechslungen.
    Der 1. August fällt mir ein als Schweizerischer Nationalfeiertag mit Bezug auf den Bundesbrief von 1291 – 730 Jahre – und den Rütli-Schwur. Gewöhnlich gut unterrichtete Quellen weisen darauf hin, dass die Dokumente von Anfang August sprechen, und die Eidgenossenschaft im 19. Jahrhundert den 1. August als Festtag definiert hat. Es hätte auch der zweite oder dritte sein können …
    Gute Wünsche Deiner Schwester und Dir
    schreibt Bernd

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    1. Lieber Bernd, zum Glück trägt es mir meine Familie nicht nach und am 01.08 lag ich dann doch richtig und konnte noch gratulieren. Meine Verwirrung habe ich gebeichtet und wir konnten beide darüber lachen.
      Den immerwährenden Kalender werde ich künftig aber in jedem Fall pflegen und etwas öfter hineinsehen ;).
      Danke für den schönen Hinweis was am 01 noch passiert ist.
      Liebe Grüße und eine schöne Woche
      Mitzi

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  6. herzhaft gelacht.
    meine kleine (wenngleich ältere schwester) bemerkt schon seit jahren lehrerinnen-like, dass es mir ja diesmal gelungen sei, pünktlich anzurufen, weil ich in manchem jahr zuvor ihrer nicht habhaft werden konnte. aber, bitte, was kann ich dafür, dass es morgens, wenn es mir einfällt, oft zu früh zum anrufen ist und im laufe des tages sie dann selten nur erreichbar ist. im netz ist sie nicht und handy hat sie auch keins. sie ist schon recht heikel.
    mein liebslingskollege, der gestern geburtstag hatte, weist zum glück über fb selbst darauf hin, hätte aber keinen grund zur klage, weil er mir alle jahre zum bei fb (falsch) hinterlegten geburtstag gratuliert.
    alle anderen nehmen es, wie es kommt. in fragwürdigen fällen schicke ich ein selbst gemaltes bild mit entsprechenden grüßen. und wann die post zustellt, kann man schließlich nicht beeinflussen.
    (dennoch frage ich mich angesichts deines blogs, WIE GROSS deine familie wohl ist, dass dich solche fragen umtreiben. 😉 )

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    1. Ja genau…das ist es…man denkt in der Früh noch dran und dann überrennt einen der Tag oder es ist zu früh zum Anrufen oder der andere ist im Büro…viele Gründe die nicht bedeuteten, dass man nicht daran gedacht hat.
      Meine Familie ist mütterlicherseits recht groß. Anfangs ging es noch – seit aber noch die ganze wunderbare Horde an Nichten und Neffen mit am Tisch sitzt, bin ich schrecklich, was die Ehrentage angeht. 🙂

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  7. ❤ ich hatte irgendwie gar nicht so im kopf, dass du eine große schwester hast. aber dass sie dich aus italien abgeholt hat, deutet darauf hin, dass ihr euch nah seid. auch wenn ich das früher nicht so gesehen hätte, sowas bemisst sich nicht unbedingt in zum-geburtstag-gratulieren 🙂

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  8. Bei so einer großen Familie bietet es sich an, täglich zu gratulieren. Egal, ob jemand Geburtstag hat oder nicht.
    Man könnte zum Beispiel zum Wetter gratulieren, dass es endlich regnet… beziehungsweise die Sonne scheint…
    Der Anlass zur Gratulation ist nebensächlich. Hauptsache, man gratuliert… und arbeitet sich im Ranking zügig nach vorn… 😉

    (Ich komme aus einer sehr kleinen, winzigen Familie und verbreite deshalb nur theoretische Vermutungen)

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