Verpasste Stimme – U-Bahn Gedanken

Nein, sagt die Stimme hinter der Maske, er würde sie nicht verstehen. Der Besitzer der Stimme lacht, ergänzt, dass er es künftig auch nicht mehr versuchen würde. Sie sei seine Schwester, ja…aber – so leid es ihm tut – er sei der Letzte, der ihre Handlungen nachvollziehen könne. Das Lachen klingt warm, ein wenig rau und schön. Ein Lachen, bei dem man sich die Mimik gut vorstellen kann. Ein aufmunterndes Lächeln, mit verzogenen Mundwinkeln, weil das worüber man lacht, im Grunde gar nicht zum Lachen ist. Das Telefon am Ohr, tief in den Sitz der S-Bahn gerutscht, lümmelt mir gegenüber ein Mann unbestimmten Alters. Seit FFP2 Masken einen Großteil des Gesichtes verstecken, ist das Alter an sommerlichen Sonnenbrillen-Tagen schwer zu schätzen. Eine Nasenspitze alleine reicht nicht und mehr als ein flüchtiger Blick wäre dem Telefonierendem gegenüber aufdringlich. Ne, sagt er und setzt sich etwas gerader hin. Ne, echt nicht, er beugt sich nach vorne und man hört seiner Stimme an, dass er – wahrscheinlich generell – aber besonders in der vollen S-Bahn nur ungern über eine Beziehung spricht, die nicht die seine ist. Lass sie, murmelt er und schüttelt den Kopf. Das bringt jetzt nichts, beschwichtigt seine Stimme und sagt, dass es schon wieder werden wird. Sie passt zu seinem Lachen. Ähnlich warm, auch etwas rau und mit jener Spur Humor, die man an den Tag legt, wenn reines Mitgefühl dem Gegenüber zu deutlich zeigen würde, dass wenig Hoffnung besteht. Die Sonnenbrille fällt ihm von der Nase, weil Kopfhörer, Maskenbänder und Brille zu viel für ein normales Paar Ohren sind und er tastet zwischen den Beinen der Fahrgäste danach. Murmelt ein: nein, wirklich nicht, und lehnt sich mit geschlossenen Augen wieder zurück.

So, schließt man die Augen, wenn man ein Gespräch eigentlich gar nicht und ganz besonders nicht in der S-Bahn führen möchte. In solchen Situationen öffnet man die Augen dann aber schnell, weil man ahnt, dass geschlossene Lider Mitfahrende verleiten, nicht zu zuzuhören sondern auch zu starren. Ich starre nicht. Ich lösche Fotos auf meinem Handy und schäme mich ein wenig, dass ich ungebeten und unerwünscht zu den Lauschenden gehöre. Der Inhalt des Gespräches interessiert mich nicht. Unzählige dieser Gespräche führte ich selbst – anrufend oder angerufen, sich fragend warum einer so reagiert wie er reagiert und was es zu bedeuten hat. Lass sie jetzt ein paar Tage, höre ich ihn wiederholen und denke mir, dass das wahrscheinlich nicht der schlechteste Rat ist. Egal ob es ein guter oder schlechter Rat ist, die Stimme ist in jedem Fall gut und ihr Besitzer ist mir sympathisch, weil seine ganze Körperhaltung signalisiert wie unangenehm es ihm ist über ein Thema zu sprechen und er das Gespräch dennoch nicht abbricht, weil es wichtig zu sein scheint. Überhaupt ist es eine schöne Stimme. Die Mischung aus Mitgefühl, Beschwichtigung und einem Hauch Ironie, weil die Fernanalyse emotional handelnder Personen noch nie etwas gebracht hat, ist attraktiv – unabhängig von dem was sich, oder was sich nicht, hinter der Maske und der Sonnenbrille verbirgt. 

Ich selbst trage dummerweise keine Sonnenbrille und scheine das Löschen meiner Fotos vergessen zu haben. Eine Spur zu spät bemerke ich, dass mein Gegenüber ungewollt nun doch, ganz unverhohlen anstarre. Er bemerkt es auch, schiebt die Brille in die Haare und zuckt mit den Schultern bevor er lacht und mit einer hilflosen Geste auf sein Handy am Ohr deutet. Hinter meiner Maske schmunzle ich, zucke ebenfalls mit den Schultern und lösche weiter. Lösche irgendwas und lausche einer schönen Stimme. Es ist egal was sie sagt und mittlerweile höre ich wirklich nicht mehr zu. Nur den Klag, den habe ich im Ohr und der gefällt mir mit jeder Station mehr. Laute und schrille Stimmen mochte ich noch nie. Die tiefen, ruhigen und warmen, die mag ich. Wenn man das Lachen darin hört, das Grinsen erahnt, ein Murmeln nach einem aufmunternden Schulterklopfen kling und überhaupt….man den Kopf nicht drehen muss, weil man Mimik und Gestik ja hört, dann ist das eine wirklich sehr, sehr schöne Stimme. Es tut mir leid, sie nicht mehr zu hören, als das Gespräch zu Ende ist. Ein paar Minuten später höre ich sie doch noch einmal. Lust auf einen Kaffee, fragt sie und diesmal nicht ihr Telefon, sondern mich. Perplex schüttele ich den Kopf und steige aus.

Verdammt! Sagen Sie mir….wie blöd kann man sein? Eine so schöne Stimme…..

35 Gedanken zu “Verpasste Stimme – U-Bahn Gedanken

  1. Liebe Mitzi,
    Stimmen können „magnetische“ Wirkungen auslösen, und Stimmen, die Kaffee anbieten sind wie Angelhaken.

    Da sind Sie ja gerade noch vom Haken gesprungen.

    Ob das blöd war, kann ich absolut nicht beurteilen……. und will es auch gar nicht. 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, der Vergleich mit dem Angelhaken ist sehr passend. ich hing da sofort daran.
      Wohl nicht fest genug.
      Ob es blöd war, werden wir beide nicht wissen. In jedem Fall eine angenehme S-Bahn Fahrt ohne keifen, brüllen und schimpfen – das ist in München selten 😉
      Herzliche Grüße

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  2. Ich hab gestern ein YouTube Video gesehen; eine Zusammenstellung niedlicher Hunde oder so (mein Sohn meinte, das müsse sein) und eins von den Herrchen… Boah, Gänsehaut. Ich hab plötzlich nicht mehr auf den Hund geachtet. Und DAS passiert mir selten.

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      1. Soll ich dir das glauben, liebe Mitzi? Oder bist du wie der Fuchs, der sich die Trauben, die er nicht verspeisen konnte, als zu sauer gedacht hat.
        Dann hätten wir noch eine schöne Fortsetzungsgeschichte (über Kaffee) zu lesen bekommen.

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  3. Zumindest kannst du dir die Erinnerung an die schöne Stimme bewahren, liebe Mitzi. Das ist das Gute an den verpassten Gelegenheiten. Nicht immer ist das Ausleben einer Situation die bessere Wahl. Mir hat mal eine Frau aus dem Zug zugelächelt, derweil ich auf dem Bahnsteig auf meinen wartete. Als ihr Zug anrollte schenkte sie mir noch ein Winken. Eine schöne Erinnerung, die durch nichts getrübt wurde.

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  4. oooh ja, stimmen haben etwas magisches… noch heute trauere ich um die radiostimme von einem österreichischen radiomoderator, der viel zu früh gestorben ist.. dennoch freue ich mich ein bisschen, ihn 15 jahre nach meiner fast noch kindlichen verliebtheit einmal persönlich kennengelernt zu haben.

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  5. Deine perplexe Reaktion überrascht mich schon ein wenig 😉
    Andererseits ist es vielleicht auch ganz gut, nicht immer zu wissen, was sich hinter wohlklingenden und verführerischen Stimmen an Telefon und Radio sonst noch so verbirgt 😅

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  6. Also zurück aus dem schönen Italien…! Und schon wieder in der U-Bahn.

    Ich selbst fühle mich auch immer peinlich berührt, wenn die Menschen all zu intim, all zu emotional in ihr Handy plärren. womöglich noch mit Headset, also der Absicht, in aller Öffentlichkeit eine private, nur halb zu belauschende Unterhaltung zu führen. Wobei es belauschen nicht trifft: der Verzicht des oft sehr laut parlierenden auf jegliche Privatsphäre ist es ja, der mich so eigentümlich, fast schmerzhaft berührt. Was, zum Teufel, habe ich mit deinen Problemen zu tun? Und wenn du sie mir aufdrängen willst – warum redest du nicht mit mir?
    Das erinnert an den Typen, der zu der in der Kasse stehenden jungen Frau trat, und zur Begrüßung ihr unter anderem die Hand von hinten her zwischen die Schenkel schob. Hmja, klarer kann der Pavianmann seinen Besitzanspruch kaum anmelden als durch öffentliches Aufreiten…
    Ach ja, dem Eindruck nach, der täuschen kann, fand die zugehörige Frau es nicht weiter befremdlich. Wo, frage ich mich, beginnt des heutigen Menschen privater Raum? Ist alles – und also nichts – darunter zu verstehen bis sich einer heftig zur Wehr setzt, weil er gesonnen ist, hier seine Duftmarke zu setzen?

    Doch zur Stimme. Ja, da ist was dran, Stimmen, schöne Stimmen, Stimmen mit einem gewissen Timbre… Mein Vater erzählte gerne eine der harmloseren Geschichten aus Kriegstagen. Die telefonischen Verbindungen wurden ja noch von echt menschlichen, vernehmbaren Fräuleins vom Amt zusammengestöpselt. Und da war eine dabei, deren Stimme das Frontschwein menschlich berührte. Jedenfalls verabredete er sich mit ihr. Wie gesagt, in die Stimme verliebt.
    Als er sie allerdings am Treffpunkt von Weitem sah ergriff er, wie er hoffte unerkannt, die Flucht. Die Optik hielt nicht, was die Akustik versprochen hatte (sagt man nicht, dass Männer eh sehr stark auf’s optische…?).
    Gut, der U-Bahn-Fahrgast war ja zumindest teilweise sichtbar.
    Also warum nicht, warum denn keinen Kaffee?

    Immerhin spricht für den zeitweisen Sprecher ja, dass er das Gerede über seine Schwester oder wen auch immer in der vollen U-Bahn nicht etwa gesucht zu haben scheint.

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    1. Ich glaube, mittlerweile gehen beide Geschlechter deutlich mehr nach der Optik. Eine schöne Geschichte von deinem Vater aber leider auch traurig. Die Arme hatte keine Chance…da waren die Erwartungen wohl schon zu hoch.
      Der Kaffee wäre sicher kein kompletter Reinfall gewesen, aber jetzt ist es zu spät. Wer weiß wofür es gut ist. Für eine kleine Erzählung in jedem Fall. Und mir geht es wie dir…mir ist es ein Graus, wenn das komplette Privatleben hemmungslos in der Öffentlichkeit ausgepackt wird. Zumal es kaum einen interessiert.

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