Künstler mit Namen – aus dem Archiv 01/2029

Meine Eltern haben sich etwas dabei gedacht, als sie mich auf den Namen Tanja Nicole taufen ließen. Jeder für sich, hatten sie sich Gedanken gemacht und dem jeweils anderem kurz vor der Entbindung das Ergebnis präsentiert. Nicole, sagte meine Mutter, weil so das kleine, süße Mädchen ihrer Aupair Familie in Südfrankfreich hieß und deren wenige Fotos sie wie einen Schatz hütet. Tanja, sagte mein Vater und so wie ich ihn kenne sagte er nur das und begründete die Wahl mit keinem weiteren Wort. Musste er auch nicht. In meinem Geburtsjahr gehörte Tanja zu den Top 10 Namen und wenn einem nichts besseres einfiel, dann war man damit auf der sicheren Seite. Beide Namen gehörten zu den Top 10 und mit Tanja Nicole war ich in etwa so individuell wie der durchschnittliche Helene Fischer Fan es heute ist. Ab Ende der 80iger Jahre wurden beide Namen seltener und wenn sie heute eine Tanja oder eine Nicole treffen, dann müssen Sie nicht nach dem Alter fragen. Beide sind altmodisch geworden und ich bin heute so etwas wie die Helgas und Inges als ich ein Teenager war. Glückwunsch, liebe Eltern – es ist ein Kackname. Verbunden mit meinem Nachnamen kratze ich nicht mal mehr am Mittelmaß sondern laufe ganz eindeutig unter ferner liefen. Verstehen Sie das?

Der Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferates in München, verstand es nicht. So wie er mich ansah, war er schon beim Aupair Aufenthalt meiner Mutter in Südfrankreich ausgestiegen. Meine Vornamen hatte er sich aber gemerkt und fragte jetzt, ob ich sie ändern wollte. Natürlich nicht. Es sind meine Namen, ob sie mir nun gefallen oder nicht. Nur in Kombination mit dem Nachnamen, da….. Ja, da könne man etwas machen, wurde der Beamte munter. Heirat zum Beispiel. Und da gingen sie hin, die Jahrzehnte der Emanzipation und der letzte Rest Romantik, an den man sich in der zweiten Lebenshälfte klammert. Nein, auch nicht heiraten. Zumal der letzte Irsaj in München, meines Wissens in den frühen Achtziger Jahren verstorben ist und ich einen Umzug aus Gründen der  Namensänderung ausschließe, weil Tanja Nicole Irsaj nun wirklich bescheuert klingt. Er nickt und ich ahnte, dass ich diesem Mann nicht erklären kann, was mit meinem Namen nicht stimmt. Ich bin gegangen ohne es versucht zu haben. Das hab ich erst wieder am Freitag vor Weihnachten. Und diesmal knallhart, ohne Eingangsgeschichte und in einem anderen Stadtteil.

„Grüß Gott. Ich will Mitzi Irsaj als Künstlernamen in den Ausweis eintragen lassen.“   
„Kennt man Sie?“
„Schon.“
„Ich nicht.“
„Dann haben´S was verpasst.“
Er grinst und Sie ahnen gar nicht, wie wichtig es auf dem Münchener Einwohnermeldeamt ist, wenn einer grinst. Ohne ein Grinsen können Sie gleich wieder gehen, wenn Sie sich sich einen Künstlernamen eintragen lassen wollen. Die Genehmigung ist nämlich eine Sache des Ermessens und das ist gerade in Bayern etwas ganz und gar vertracktes. 
„Aha.“ Aha, ist weniger gut als ein Grinsen und ich übernehme es für ihn – das Grinsen. Und weil das nicht reicht schiebe ich die Mappe mit allem, was es über mich gibt in seine Richtung. Diesmal war ich vorbereitet. Ich wusste es ja selbst nicht, aber man kennt mich – und wie man mich kannte, zeigte diese Mappe. Die Zeitungsartikel schob er mir gleich wieder zurück. Mir völlig unverständlich. Ok, die beiden Schülerzeitungen sind vielleicht nicht für überregionale Bekanntheit repräsentativ, aber die Kritik über meine Lesung im Bruchbichler Baumarkt, die erschien in Franken und das ist für einen Münchner definitiv nicht mehr regional. Die Flyer haben mehr geholfen. Das sind mittlerweile einige und ich habe beim Sitzen und Warten drei Kreuze geschlagen, dass die vom Theater Südsehen so toll aussehen. Nachhelfen musste ich trotzdem. Ich tippte auf einen von ihnen. „Da, mit Ulrike Dostal….sehen´S? Und hier….der Robert Ludewig.“ Er nickte anerkennen. Das musste er auch. Spätestens als ich beide als großartige Künstler bezeichnete (was sie auch sind, damit wir uns hier nicht missverstehen) und er sich nicht zuzugeben traute, dass er sie vermutlich nicht kannte. Und ich wäre da….. ja, freilich, unterbrach ich ihn. Schauen´S, hier hinten, da stehts…die Mitzi. Bedeutungsvolle Pause und dann noch den Flyer vom Hofspielhaus auf den Tisch gelegt. Das kennt er aber, oder? Direkt am Platzl, hinterm Schuhbeck. Eine Münchner Institution. Lächeln und wirken lassen. 

Ich hätte es mir sparen können. Der freundlich Grinsende und interessiert Aha-Sagende musste Rücksprache halten und verschwand für die nächste Dreiviertelstunde um sich mit seinem Kollegen zu beraten. Nicht ohne mir noch zu sagen, dass eigentlich alle Anträge abgelehnt werden. Aber wenigstens auch mit meinem Buch unterm Arm. Was am Ende den Ausschlag gegeben hat, weiß ich nicht. Aber geklappt hat es. Sie hören hier zum letzten Mal von Tanja, ich bin jetzt wirklich Mitzi. Steht im Ausweis und das fühlt sich schön an. Und wichtiger….es fühlt sich richtig an. Ich bin´s nämlich. Die Mitzi. Mein Buch hab ich ihm da gelassen. Dem, der so nett gelacht hat und der sich so viel Mühe gegeben hat sich durch den Berg an Flyern und Artikeln zu wühlen. Vorne hab ich ihm reingeschrieben, dass er im Januar mal hier auf die Seite schauen soll. Dann würde er sehen, wie meine Geschichten entstehen und wieviel davon echt und was womöglich erfunden ist.

23 Gedanken zu “Künstler mit Namen – aus dem Archiv 01/2029

  1. Danke für die erhellende Ergänzung aus dem Archiv. Versteh mich nicht falsch, ich finde den Namen Mitzi schön und sehr passend zu dem, was Du uns als Autorin von Dir zeigst. Aber irgendetwas in mir beginnt sich immer zu regen, wenn Menschen ihre Namen nicht mögen oder gar ändern. Sorry, das ist wohl meine „Déformation professionelle“ 😉
    Übrigen spannend, dass Dein Archiv bis ins 2029 vorausgeht… oder ist das die Anzahl Deiner Artikel? 😅

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    1. Tatsächlich? 2029 😳
      Ich mag meinen echten Namen eigentlich ganz gerne. Mir gefällt die Geschichte meiner Mama, warum sie Nicole nehmen wollte und mag, dass für meinen Papa Tanja von Anfang an fest stand. Auf die Idee den zu ändern wäre ich wohl nicht gekommen. Aber die Pflicht zum Impressum kam, da habe ich mich dann tatsächlich wohler gefühlt den ausgeliehenen Namen meiner Tante offiziell zu machen. Ein bisschen Anonymität im Internet gefällt mir aus ganz vielen Gründen. 😉

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      1. Huch, dann muss ich das mit dem “Glückwunsch, liebe Eltern…” etwas falsch verstanden haben 😅
        Was mich betrifft, ich mag sowohl Tanja als auch Nicole… wobei das natürlich immer auch mit konkreten Personen zusammenhängt, die diese Namen mit Leben erfüllen 😊

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      2. War überspitzt ausgedrückt, weil es sich so lustiger liest. ;).
        🙂 Namen sind schon interessant und ich fand es wirklich schön hier die vielen Kommentare zu lesen. Überhaupt ist auch spannend etwas über die Namen zu erfahren, die wir uns hier selbst geben.
        Liebe Grüße

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  2. Ich kann mich daran erinnern, diesen Beitrag schon gelesen zu haben. War trotzdem toll, und an meisten freute es mich, dass ich in der Lage bin, Zeitreisen zu machen. Liebe Grüße, Barbara🙃

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  3. Mitzi ist ein toller Name und die Geschichte ist wunderbar.
    Ich heiße übrigens auch nach dem Kind, das meine Mutter als AuPair in Frankreich hütete – ich hatte immer gedacht DAS wäre originell.
    Zusammen mit meinem zweiten Namen, dem meiner Taufpatin ist es recht ungewöhnlich geworden.
    Liebe Grüße
    Natalie Gerlinde

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    1. Das ist ein netter Zufall. Die kleinen französischen Mädchen scheinen ja einen richtigen Eindruck bei unseren Mütter hinterlassen zu haben. 😊 Ich finde es ganz hübsch, wenn die Namen eine Geschichte haben.
      Außergewöhnliche Kombinationen sind auch sehr charmant.
      Liebe Grüße

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  4. solche namensgeschichten sind interessant. die einen habens schwerer, die anderen leichter. meine eltern, für die ich eine überraschung war (sie hatten gedanklich wohl mit dem thema abgeschlossen) hatten gleichwohl noch eine menge namen parat, die ich alle aufgedrückt bekam. als ersten, den rufnamen, bekam ich den einer göttin und war damit voll im trend, spätestens als es irgendwann eine gleichnamige beliebte prinzessin gab. und dann kam ehemann nr.1 eins ins spiel, der meinen bis dahin recht gewöhnlichen nachnamen mit meinem vornamen in einen exotischen einklang brachte. nach dem zwischenspiel von ehegatten nur.2 (sehr geläufiger deutscher name) bekam ich jahre später mit, dass frau wahlweise den geburts- oder vorehelichen namen annehmen kann. ich entschied mich für den des ehegatten nr.1, der nach wie vor prachtvoll klingt.
    an meiner berühmtheit arbeite ich noch. 😉

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    1. Eine schöne Namensgeschichte. Eine Heirat hat man mir auf dem Amt auch vorgeschlagen, als ich mein Anliegen noch nicht fertig vorgetragen hatte. Allerdings ist das dann doch zu unromantisch für meinen Geschmack. Viel schöner ist es natürlich zu heiraten und dann einen insgesamt schönen Namen zu haben, den man auch gerne nach der Ehe behält.
      Ach die Berühmtheit…ich glaub ohne ist besser. 😉
      Liebe Grüße

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  5. Ich habe auch einen Namen, der in meinem Geburtsjahr zu den beliebtesten zählte. Das war etwas früher, und natürlich kann man auch aus meinem Namen schließen, wie alt ich bin. Ich mochte ihn auch nicht, und auf einem Vorgängerblog habe ich mir teilweise einen neue Identität erschrieben, und zwar unter dem Namen meiner Urgroßmutter, der mir damals gefiel. Inzwischen habe ich mich mit meinem Vornamen angefreundet, und in seiner selteneren Variante erinnert er mich an eine Freundin und Kollegin meiner Großmutter, die ich als Kind sehr mochte.

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    1. Schön, die Geschichten hier zu den eigenen Namen zu lesen. Es bestätigt, dass man den eigenen Namen in jungen Jahren häufig nicht besonders mag oder ihn gerne austauschen würde. Ich hab das Gefühl dass man sich meistens aber mit ihm auch versöhnt oder zumindest er nach all der Zeit so zu einem gehört, dass man ihn doch nicht mehr hergeben möchte. Hätte ich einen Jungen bekommen, dann hätte ich ihn sehr wahrscheinlich Max getauft. Auch ein Name, der seit Jahren die top zehn der Namen anführt und wahnsinnig unkreativ ist. Ich kann meinen Eltern Tanja also nicht nachtragen. Und wie du schreibst gibt es zum Glück ja auch die Möglichkeit sich für das Schreiben und einen Blog einen Namen auszuleihen. Liebe Grüße

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  6. Mit Reisepässen und nicht eingetragenen Künstlernamen habe ich eine missliche Erfahrung gemacht. Vor etlichen Jahren musste ich einen Flug für eine recht namhafte amerikanische Künstlerin buchen, die ich nur unter ihrem Künstlernamen kannte – ein Name, der so wenig wie ein Künstlername klang – dass ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen wäre. Jedenfalls lief es darauf hinaus, dass sie die Passage erst mal aus dem eigenen Portemonnaie nochmals bezahlen musste und wir – als Veranstalter, die doppelten Kosten hatten, weil wir ihr den Flugpreis natürlich erstatteten.

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    1. Wie soll man so etwas auch ahnen. Das ist dann mehr als ärgerlich. Ich wundere mich ehrlich gesagt noch immer, dass das mit dem Eintrag des Künstlernamen geklappt hat. Denn auch wenn ich mich freue dass ich ab und zu vor Publikum lesen kann, mich kennt man nun wirklich nicht. Einen Flug werde ich auch Mitzi Irsaj wahrscheinlich nicht buchen, aber sonst bin ich doch echt froh, den Alltag und das Schreiben durch die beiden Namen ein bisschen trennen zu können. Zumal ich ja noch einen ganz regulären Job habe und da müssen meine Kunden nicht unbedingt wissen was ich sonst noch mache. Liebe Grüße

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  7. Hallo Tanja, da wir ja noch nicht das Jahr 2029 haben, darf oder muss ich jetzt Tanja zu dir sagen.
    Ich kenne von beiden Namen eine reelle Person, die Nicole ist im Alter meiner Tochter (Jg. 67) und die Tanja ist schlappe 30 – aber du bist, egal ob als Tanja, Nicole oder Mitzi die beste Beamtenbeschwörerin, da du das bekommen hast, was du gern wolltest – und das verdienter Weise!

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  8. ich erinnere mich noch an den text. ich mochte ihn damals schon und mag ihn immer noch 🙂 ich sollte mich mal irgendwie damit beschäftigen, wie die bestimmungen da bei uns sind. ich hätte mein T.D. auch gern irgendwo irgendwie offiziell 🙂

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  9. Und hier wird es richtig schwierig, weil ein jeder Vorname in Verbindung mit dem Nachnamen Ösi irgendwie bescheuert klingt. Da müsste schon mindestens ein gescheiter Zusatz her, damit es nicht ins Lächerliche abgleitet. Freiherr von und zu Ösi, zum Beispiel. Oder kurz und bündig: Graf Ösi.
    Damit könnte ich mich anfreunden. Allerdings befürchte ich, dass der Namenänderungsbefugte spätestens hier sein Veto einlegt und eine reinrassige Abstammung von Blauem Geblüt einfordert. Das wird also nix.

    Mitzi Irsaj jedoch finde ich echt Klasse… 🙂

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    1. Bitte auf gar keinen Fall! Herr & Ösi ist die perfekte Kombination. Da mag sich ein jeder denken was er will und in Verbindung mit deinem charmanten und verschmitzten Lächeln auf dem Bild wirkt es nicht mal distanziert. Mir gefällt der „Herr“. 🙂

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