Sommer – ungewohnt normal

Mundfaul, nennen mich meine Freunde in letzter Zeit und nur weil ich sie gut genug kenne, antworte ich wortlos und mit einem Lächeln. Ein wenig arg ruhig, meinen andere und ich erzählte Dinge über die es sich nicht zu sprechen lohnt. Für mich. Für sie, die Wortlosigkeit als Desinteresse deuten nicht. Ich rede, damit die Stille am Telefon nicht zu schwer wird. Mein belangloses Plappern nervt mich selbst, weil es ihnen aber gefällt, erzähle ich noch ein bisschen weiter. Noch ein, zwei Minuten, dann bin ich wieder still und überlasse ihnen das Reden. Irgendwann in den letzten Monaten wurde telefonieren anstrengend. Am Abend steht einer mit einer Flasche Wein vor meiner Tür und umarmt mich zur Begrüßung. Meine Ankündigung heute so gar keine Lust auf Worte zu haben quittiert er mit einem Schmunzeln und der Frage ob er ebenfalls den Mund zu halten habe. Er kann ruhig sprechen, nur ich, ich mag heute nicht. Ich werde natürlich antworten, ich bin ja nicht stumm. Aber heute mag ich nichts erzählen, weil es absolut nichts zu erzählen gibt. So einfach ist das. Er nickt. Wenn man nichts zu sagen hat, dann sei es in der Tat manchmal besser einfach die Klappe zu halten.

Ich habe nichts zu sagen. Schon seit ein paar Wochen nicht wirklich und seit Freitag gar nicht mehr. Natürlich antworte ich auf Fragen und stelle auch die eine oder andere. Die meiste Zeit habe sitze ich irgendwo und sage gar nichts. Tägliche Videokonferenzen und unzählige Telefonate haben mir die Lust zum reden genommen. Es geht mir gut und alles ist fein – ich habe nur keine Lust zu sprechen. Zum Glück muss ich das auch nicht. Über Nacht ist es Sommer und so heiß geworden, dass meine Freundinnen und ich gestern wortlos am Seeufer lagen und einfach nur glücklich waren. Glücklich, weil wir zu dritt auf der Decke lagen – DREI Haushalte auf EINER Decke und das in der Öffentlichkeit. Eine kleines Grüppchen, aber nach den letzten 16 Monaten eine Premiere. Den Kellner im Restaurant überforderte mich. Seit letzte Oktober war ich in keiner Bar, keinem Lokal und keinem Café und hätte jetzt Lust auf…ALLES. Einfach nur, weil es mir jemand an den Tisch bringt und ich mich nur freundlich bedanken muss. Ich nehme ein Wasser, weil ein Seetag durstig macht, einen Espresso, weil er nach Süden und Sommer schmeckt und einen Aperitif, weil ich mir selbst monatelang immer nur den selben gemacht habe. AUSSENGASTRONMIE….bis vor kurzem ein scheußliches Wort. Jetzt klingt es herrlich. Meine Freundinnen plaudern und ich schaue. Auf den See, in dem wieder Menschen baden und immer zu den anderen Tischen, an denen manchmal Leute sitzen, die wie ich nur selig lächeln und sich freudig wundern, wie glücklich einen etwas so normales wie ein Eiskaffee machen kann.  Später gehen wir essen und ertappen uns dabei, dass wir für einen kurzen Moment wieder an die drei Haushalte dachten, die in Bayern so lange nicht möglich waren. Die Stadt riecht nach Sommer und ich höre den anderen beim Reden zu. Um Corona geht es nicht und das ist ausgesprochen schön. Aerosole werden nur im Zusammenhang mit Legionellen erwähnt und ich erwähne gar nichts, weil ich lieber meine Nachbarn beobachte, die an den Tischen um uns herum sitzen. Verschiedene Haushalte in einem Restaurant…Sachen gibt´s.

Erst zu Hause frage ich den, der gerade den Weißwein aus dem Kühlschrank holt, ob es trügt, das Gefühl, dass nun vielleicht wirklich endlich wieder alles normal wird. Er zuckt die Schultern und sagt für den restlichen Abend nicht mehr viel. Der Sommer ist München angekommen und wir werden ihn genießen. Der Abend schmeckt nach Wein und Wärme und wie halten die nackten Beine in das Licht der längsten Tage. Der Abend ist zu schön, um ihn mit belanglosen Worten zu füllen. Ein bisschen Händchen halten. Das ist ok. Und dann rede ich doch und beschreiben den Tag am See, der so viel bunter, lauter und lebendiger war als die letzten Monate. Verrückt, sagt er und ich nicke. Die Frage ziehe ich zurück und genieße lieber das Gefühl, dass jetzt vielleicht wirklich alles wieder normaler wird.

So sieht sie aus die Normalität und deshalb heute kein s/w Beitragsbild – zur Feier des Sommers.

21 Gedanken zu “Sommer – ungewohnt normal

  1. Nicht reden – auch mir ist es, nachdem ich in den letzten Monaten allzu viel und völlig ohne irgendein erkennbares Resultat geredet habe, danach, den Mund zu halten. Oder vielleicht, wenn man an einem Garten vorbei kommt, zu sagen: schau mal, die Apikosen sind reif. So viele Aprikosen!

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      1. Wir haben eine ganze Tasche voll geklaut: eine stieg auf den Baum, eine hielt die Tasche und sammelte ein, eine stand Schmiere. Das Haus , vor dem der Baum mit den überreifen Früchten stand, war unbewohnt. und so trauten wir uns. (War gestern nach dem Schwimmen). Köstliche Früchte!

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      2. Genau richtig! Bei einem unbewohnten Haus ist das sicher in Ordnung. Bei einigen Bauern bei mir in der Gegend stehen Schilder „Bedient euch!“…wenn sie selbst nicht mehr mit dem Ernten nachkommen oder einfach zu viel Obst haben. Das freut mich auch immer.

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  2. Ich hätte nicht gedacht, dass dir mal die Lust zu reden ausgeht, Mitzi 😉
    In den letzten Wochen ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich nichts zu berichten habe, weil in meinem Corona-Kokon nichts Erwähnenswertes passiert. Ich immer die gleichen Leute treffe, denen ich meine Nichtigkeiten bestimmt schon erzählt habe.
    Vielleicht ist’s wirklich besser zu schweigen, zuzuhören und die wiedergewonnen Freiheiten zu geniessen. Wortlos.

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    1. Passiert auch selten ;).
      Wie du schreibst, glaube ich auch, dass es mit daran liegt, dass einfach viel weniger passiert ist. Weniger Alltag. Auch das wird sich legen und dann plappere ich wieder (zum Leidwesen des einen oder der anderen 😉 ). Viele Grüße

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  3. Uns ist die Gabe der Rede zuteil geworden. Es steht aber nirgendwo, und erst recht nicht in altklugen, alweisen, vor allem aber alten chinesischen Sprichwörtern, dass man nicht mal die Klappe halten kann (oder, mit H. Heine: nur einen Mund hat der Mensch, denn sonst „löge er sogar beim Fressen.“). So schön und gut ein silbern ziselierter Redeschwall sein kann, freilich nicht muß und all zu oft nicht ist, so gediegen ist des Schweigens Goldmine. Murkes gesammeltes Schweigen: eine der nachgängigsten Böll – Geschichten.
    Ist das nicht einer der besten Corona – Effekte? Die Verschmutzung ist ein klein bißchen weniger geworden, auch die Lärmverschmutzung. Aber sie tun bereits alles dafür, das wieder schlecht zu machen, jeder röhrt, rast, redet drauflos! Unnötig, lästig, ja, oftmals schädlich!
    ruhig sein ruhig werden still stiller stumm
    Zumindest zwischendurch erstrebenswert für uns alle. Drum bin ich jetzt auch wieder..

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    1. Ein wunderbares Zitat von Heine. Ich hoffe, dass ich es mir merken kann. Die Stille war während Corona Fluch und Segen zu gleich. Der Zwang war unschön. Nichts mehr zu erzählen zu haben, wenn man gerne sprechen würde und die Kleinigkeiten, über die man sprechen möchte, einfach nicht erlebt, dann ist das ungewohnt und unschön. Schön ist aber, wenn man merkt, dass die Stille eben auch schön sein kann. Der belanglose Mist verstummt und man dadurch viel mehr hört. Das kann dauerhaft ruhig mal so bleiben :). Liebe Grüße

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  4. Ich habe da zwei völlig gegensätzliche Theorien.
    Reden ist ja oft nur lautes Denken.
    a. entweder redet man weniger wenn man auch wenig denkt, oder
    b. man muss so viel denken, dass keine Kapazitäten übrig bleiben, laut zu denken.
    Lautes Denken braucht ja sehr viel mehr Zeit.
    Also Ursache eindeutig geklärt, oder es ist ganz anders, was natürlich nicht auszuschließen ist. 😉

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