Abstieg

Nach neun Nächten und zehn Tagen wird es Zeit sich zu verabschieden. Die Betten sind abgezogen und ich stopfe die Wäsche in den Beutel schmutziger Wäsche. Zuhause, wenn ich ihn öffne, wird alles leicht nach altem Holz, feuchtem Wald und Ofenfeuer riechen – ein Geruch, der oben in den Bergen auf unserer Hütten schön ist, in der Stadt aber modrig und abgestanden in der Nase kitzelt. Das macht nichts, denn wenn ich wieder komme und aus dem Schrank frische Laken nehmen werde, dann werde ich es nicht riechen, weil sich mein Geruchssinn binnen Minuten auf den Duft des Holzhäuschens einstellen wird. Ein letztes Mal lüfte ich die obere Kammer und glaube wie bei jedem Abschied, ein kleines Stück von mir zurück zu lassen. Diesmal eines, das bei der Ankunft unendlich müde, erschöpft und ausgebrannt war. Lustlos und schlecht gelaunt warf ich an Gründonnerstag die Rucksäcke auf die Betten und mich selbst hinterher. Eines das jetzt wieder frei atmen kann und sich darauf vorbereitet hat, den liebsten Menschen wohl auch im April und Mai nicht sehen zu können und sich dafür über den nicht mehr aufzuhaltenden Frühling freut. Das kleine Stück von mir bleibt in den Betten unter der Dachschräge liegen, während ich die Fenster schließe und ein letztes Mal in den Hof blicke. Als wir ankamen war das kleine Stück Wiese am Waldrand von Krokusen übersäht und vor der Hütte blühten Schneeglöckchen und erste Schlüsselblumen. Zwei Tage schaute ich ihnen beim Wachsen zu, dann kam der Schnee und überdeckte alles.  Auch ihn habe ich beobachtetet – stundenlang. Selten sieht man so dicke, so viele und so schöne Flocken fallen, wie hier oben. Der Wind am Ostermontag hat sie gebracht. Heftige Böen unter denen die Tannen so stark schwankten, dass es Vertrauen und sturen Optimismus braucht, um nicht daran zu denken, dass Wipfel manchmal brechen können und das Wissen, dass selten der ganze Baum entwurzelt wird. Dann denkt man besser nicht daran, dass der ganze Wald mit diesen Exemplaren übersäht ist. Nur ein paar harmlose Böen, muss einem dann einer sagen, der neben einem sitzt und man ist wieder ruhig. Wenn einer nervös wird, muss der andere betont gelassen sein – gerne in wechselnden Rollen – und man vergisst irgendwann den Sturm. Am nächsten Tag war alles weiß und blieb es bis zum Wochenende. Der Bärlauch, der den Waldboden grün färbte verschwand und auf den Bänken vor der Hütte lagen 30 cm frischer Schnee. Nie ist es stiller als im Schnee. Ich hörte ihr auf dem Sofa liegend zu und schaffte es ganz ohne Probleme mehrere Stunden abwechselnd zu lauschen und einzunicken. 

Ein letztes Mal kippe ich die Asche in die Blechtonne beim Schuppen und frage mich, wie so viel Schnee binnen zwei Tagen nur schmelzen kann. Die Krokuse haben ihn nicht überstanden, die anderen Blumen stehen bereits wieder aufrecht und begrüßen die Sonne, in der ich im T-Shirt stehe und mich wärmen lasse. Der Boden ist trocken und der letzte Fleck Schnee im Schatten nur noch eine schwache Erinnerung an den Wintereinbruch der vergangenen Tage. Der Bärlauch würzt die Luft und das Holz der Hütte riecht in der Sonnenwärme bereits nach Sommer. Ein Sommer auf den ich nicht mehr warten kann. Mein Resturlaub ist aufgebraucht und ich muss zurück nach Hause. Abstieg. Im strahlenden Sonnenschein und begleitet von Vogelgezwitscher. Wenn ich in den vergangenen Wochen an einem guten 2021 gezweifelt habe, dann kann ich mich jetzt nicht mehr daran erinnern. Das Jahr ist gut – nicht überall, aber hier oben ist es wie immer. Ruhig, friedlich, ab und zu stürmisch, aber immer verlässlich. Tirol ist nebenan und mein Lieblingsmensch gleich hinter den Alpen. Ein bisschen noch, dann sehen wir uns. Und wenn die Zeit zu lange wird, dann gehe ich wieder hoch in den Wald. Dort hin, wo sich nichts ändert und alles so ist, wie es schon immer war. 

Im Klo hockt eine Spinne. Ich hasse Spinnen, aber hier oben bin ich nur zu Besuch. Zehn Tage lang habe ich sie gegrüßt und darauf geachtet ihr Netz nicht kaputt zu machen. Jetzt verabschiede ich mich, drehe das Wasser ab und nehme die Sicherung raus. Bald werden die Siebenschläfer aus dem Winterschlaf erwachen und wenn ich das nächste Mal komme, werden sie das Häuschen bereits wieder in Beschlag genommen haben. Dann werden bei Regen die Feuersalamander wieder aus den Steinritzen kriechen und ihre Hälse in die feuchte Luft halten. Alles wie immer. Ein schönes Gefühl. Ich nehme mir ein Stück davon mit und stecke es in den Rucksack. Jetzt aber wirklich – runter mit mir. Im Wald riecht es nach Frühling und im Dorf grüßen die Menschen freundlich. Zu Hause der Nachbarsjunge. Er fragt wonach ich rieche.  Ofenglut, Bärlauch, trockenes Holz und etwas Schneeschmälze erkläre ich und er findet das ok. Ich auch. Heute Abend schürt auf unserer Hütte niemand den Ofen ein und das Häuschen bleibt ruhig. Einsam nicht – ein Teil von mir, liegt da oben ja noch rum und unterhält sich mit der Spinne.

 

27 Gedanken zu “Abstieg

  1. Liebe Mitzi,
    es ist ein Genuss zu lesen, wie stimmungsvoll du die Hütte, die umgebende Natur und deinen Aufenthalt dort schilderst. Ich hoffe sehr, dass du dich nicht aufgeteilt hast, sondern nur ein Packen, den du loswerden musstest, dort auf dem Bett zurückgeblieben ist.
    Beste Grüße und willkommen zurück
    Jules

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    1. Ich denke es ist mir geglückt, genau das dort oben zurück zu lassen, was ich gerne loswerden wollte. Danke für dein schönes Willkommen, lieber Jules. Eine Alltagsflucht ist wohl genau richtig lang, wenn man am Ende auch gerne wieder zurückkommt.

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  2. Ein Gutes hat es ja, dass du dich oben loseisen musstest: nun kannst du uns davon erzählen. Und erzählst in deiner unnachahmlichen Art, dass es mir vorkommt, ich hätte dort oben in der Hütte gesessen, in den Sturm hinausgehorcht, das Feuer geschürt, der Spinne beim Netzeweben zugeschaut und die Wechsel zwischen Krokusblühen, Schnee und Frühlingsgezwitscher draußen in der Natur in mein Herz genommen.
    Liebe Grüße zurück!

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    1. Wärst du mit mir dort oben gewesen, dann hätte ich dir gerne über die Schulter geschaut und beobachtet welche Skizzen du gezeichnet hättest. Ich denke, du hättest die nötige Ruhe in dir, dich dort oben wohl zu fühlen. Nun bin ich wieder unten und das ist auch gut. Eine Weile kann man sich verkriechen, aber dann sollte man auch wieder zurück. Liebe Grüße

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    1. Ich bin ganz froh, dass mein Vater und mein Onkel irgendwann vor 50 Jahren noch ein Klo angebaut haben. Allerdings, natürlich ohne jegliche Heizung und so unglaublich kalt, dass es hinter einem Busch fast gemütlicher wäre. 😉 aber das ist egal, ich bin unendlich dankbar für diesen Ort. Liebe Grüße

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  3. „Dort hin, wo sich nichts ändert und alles so ist, wie es schon immer war.“ genau das… meine mini escapes nach schönbrunn und wie es aussieht in diesem jahr wenn überhaupt auch im sommer im eigenen land, dann in die natur. da kann man ein wenig vergessen und sehen, dass sich die welt weiterdreht, ruhe finden, ausschlafen und die sozialen netzwerke auslassen.

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