Die ganze Stadt eine einzige Erinnerung

Das erste das ich heute morgens sah, war ein Baum. Nicht vor meinem Fenster, sondern auf dem kleinen Display meines Handys. Kein Text, nur ein Baum in der Morgensonne und im Hintergrund das Meer. Bei diesem Baum brauche ich keinen Text, ich kenne den Ort an dem er steht und weiß, dass er mir als Morgengruß geschickt wurde. Der, der ihn für mich fotografiert hat, kennt mich gut genug um zu wissen, dass dieser Baum für mich viel mehr als nur ein schönes Foto ist. Wenn ich ihn sehe, dann fühle ich all das, was ich empfinde, wenn ich an diesem schönen Ort zu Besuch bin. Genau deshalb gehört der Standort dieses Baumes auch zu jenen Orten, die ich nie wieder besuchen würde, wenn in seinem Schatten ein für mich so wichtiger Mensch nicht mehr leben würde. Seine Schönheit würde er zweifellos behalten, aber in seinen Ästen würden zu viele Erinnerungen hängen. Erinnerungen die nicht minder schön, aber zu stark in ihrer Schönheit werden würden.

Zu schöne Erinnerungen erdrücken mich immer dann, wenn sie an Orten hängen, die sich verändert haben. Manchmal bleiben mir diese Orte für immer verschlossen. Dem Baum zu liebe hoffe ich, dass der, der mir heute morgen sein Bild geschickt hat, noch lange dort wohnen bleibt. Die Straße, in der er früher lebte, habe ich bis heute nicht mehr betreten. Vor ein paar Jahren habe ich es probiert. Ich war in der Nähe und bin einen kleinen Umweg gegangen, um noch einmal vor dem Küchenfenster seiner alten Wohnung zu stehen. Vom ersten Moment an war mir die Straße, die früher seine gewesen ist, zuwider. Es ist für alle Zeit die Straße, in der ich Stand als einer meiner Lieblingsmenschen aus München fortgezogen ist. Viel zu deutlich strahlt sie noch heute das Gefühl des Abschieds aus und dort stehend nützt es mir nichts, zu wissen, dass dieser Abschied der Anfang von einem wunderschönen Abenteuer wurde. Es bringt nichts zu wissen, dass die letzte Umarmung der Beginn einer noch immer andauernden Freundschaft war – in dieser Straße krampft sich mir der Magen zusammen, sobald ich sie betrete. Vor dem Küchenfenster stehend erinnerte ich mich an die Winterabend die wir lachend dort verbrachten und ahne, dass irgendwo an den Wänden noch Reste des Kaffeegeruchs und der schrillen Stimme seiner Mitbewohnerin hängen. Die Menschen die heute dort wohnen hören und riechen nichts. Zu mir dringt es selbst durch das geschlossene Fenster nach draußen und wird zu einer Erinnerung die ich nicht mag, weil sie sich nur auf den Moment des Abschiedes konzentriert und der eine scheußliche, atemraubende Erinnerung ist. Eine zweite Chance bekommt diese Straße nicht mehr – sie tut mir nicht gut. 

In den Isarauen steht eine Bank, an der ich bis heute nicht mehr vorbei gegangen bin. Ich versuche es nicht einmal und mache einen Bogen von mindestens 500 Metern um den kleinen Pfad um nicht Gefahr zu laufen, gedankenverloren doch an ihr vorbei zu kommen. Auf dieser Bank verabschiedete ich mich von einem Menschen, der danach für immer gegangen ist und den ich heute nicht an einem anderen Ort besuchen kann, weil er längst nicht mehr auf dieser Welt ist. Würde ich an dieser Bank vorbei gehen, dann würde ich mich hinsetzen und nicht mehr aufstehen. Es würde mir einfach nicht möglich sein, nicht solange dort vielleicht noch irgendein Atom von ihm klebt. Es ist ein hässlicher Ort und man würde mir einen großen Gefallen tun, wenn ihn ein plötzliches Erdloch einfach verschlucken würde. Solange das nicht passiert, muss ich einen Bogen machen, weil Erinnerungen dazu neigen sich hartnäckigst an Orten festzuklammern. 

Nicht alle sind schlecht, im Gegenteil – die meisten sind sogar schön. In Summe aber doch ein wenig anstrengend. Ganz München ist übersäht mit Erinnerungsfetzen, die mich beim Vorbeilaufen anspringen und  mich etwas seit Jahren oder Jahrzehnten vergangenes empfinden lassen. Bei der ersten Wohnung meines ersten Freundes habe ich heute noch Herzklopfen, wenn ich in ihre Nähe komme. Vermutlich weil mein Herz nie wieder so heftig gepocht hat, wie damals als ich das allererste Mal verliebt war. Unter seinem damaligen Balkon stehend weiß ich immer noch wie es sich anfühlte. Oder das Wartezimmer meines Hausarztes…. dort sitzend sehe ich das Küchenfenster meiner ersten eigenen Wohnung. Weil ich damals keinen Balkon hatte, saß ich oft bei offenem Fenster auf dem Fensterbrett und trank meinen Kaffee. Damals war ich gerade volljährig und ich schaffe es nicht, dieses Küchenfenster anzusehen ohne mich daran zu erinnern, wie anstrengend es damals war ich zu sein. Mit achtzehn war ich mutig, verwirrt, kampflustig und zerbrechlich zu gleich. Heute wird mir ganz schwindlig, wenn ich nur daran denke. 

Vielleicht hat der Baum doch gute Chance ein Ort zu werden, an dem ich immer wieder zurück komme. So ruhig, gelassen und entspannt wie in den Momenten in denen ich ihn ansah, war und bin ich selten. Wenn er dieses Gefühl für mich aufbewahrt, dann wäre das ein großes Glück. Umziehen sollte der, der mir das Bild schickte dennoch nicht – mit ihm gemeinsam ist es dort noch um einiges schöner. 

20 Gedanken zu “Die ganze Stadt eine einzige Erinnerung

  1. Es ist auch mir schwierig, Orte zu besuchen, die mir sehr viel bedeutet haben. Aber ich tue es unbedingt, immer wieder, bis sich die Gegenwart mit der Vergangenheit so sehr gesättigt und die Vergangenheit sich so sehr mit der Gegenwart angereichert hat, dass der Trennungsschmerz erträglich wird. Ja, er verschwindet am Ende ganz und zurück bleibt ein tiefes Wohlgfühl, ein Ja zu meinem Leben und zur Veränderung.

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    1. Ich dachte, ich hätte längst auf deinen Kommentar geantwortet. Wohl nur in Gedanken, den gelesen habe ich fast direkt. Gelesen und mir vorgenommen, ihn mir zu Herzen zu nehmen. Ein Ja zum Leben und zur Veränderung ist etwas so wichtiges, dass ich es einmal versuchen möchte – auch mit diesen Orten.
      Liebe Grüße

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  2. Diese vielen Erinnerungen könnten mir mit meinem superschlechten Gedächtnis nie passieren – ich erinnere mich einzig und allein an zwei besondere Menschen in meiner Vergangenheit – einer ist schon lange bei den Sternen und den anderen hätte ich am liebsten auf den Mond gewünscht.
    Lieben Gruß zu dir

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    1. Da ist ein schlechtes Gedächtnis manchmal gar nicht so schlimm. Klingt übrigens lustig (ist es aber nicht, zumindest nicht beim Sternenmenschen) bei den Sternen und zum Mond gewünscht….Clara bestückt den Himmel.

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  3. Das ist eine meiner absoluten Horrorvorstellungen: Daß die geliebte Person, mit der ich immer noch die Stadt erkunde, vor mir sterben würde. Ich könnte nirgendwo mehr hingehen, wirklich alles ist mit Erinnerungen besetzt. Ich könnte entweder meine Wohnung nicht mehr verlassen, oder ich müßte woanders hinziehen.

    Gefällt 3 Personen

    1. Irgendwann geht es auch so. Wegziehen, der Gedanke kommt einem schon, aber dann würde man auch die verlassen, die noch da sind und Halt geben. Grässliche Gedanken, die man vielleicht gar nicht denken sollte. Mit ein bisschen Glück passiert es einfach nicht.

      Liebe Grüße

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  4. ich würde zu gern einmal mit dir gemeinsam durch dieses dein münchen flanieren und ein paar der schönen orte gezeigt bekommen. die traurigen, von denen ist es besser nur zu schreiben. ich verstehe gut was du meinst. erst kürzlich bin auch ich an einer bank vorbeigefahren, an der eine sehr alte und sehr schmerzhafte erinnerung klebt. eine gewisse straße jedoch, die ich 10 jahre lang weiträumig gemieden habe, habe ich dafür dieses jahr wieder ein bisschen durchgepustet und neu belebt und mit weiteren erinnerungen geschmückt, die sich mit schönen alten gefühlen vermischt haben und einiges düsteresweggeblasee haben. manchmal ist auch das möglich.

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    1. Wahrscheinlich ist es sogar recht oft möglich. Gerda schrieb weiter unten etwas, das mir sehr gut gefallen hat. Um einzelne Orte kann man einen Bogen machen, aber manche Ecken muss man sich auch wieder zurück kämpfen. Hast du gut gemacht!
      Und ich würde auch sehr gerne mit dir durch München laufen!!!

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  5. Liebe Mitzi,
    Sie sprechen das laut aus, was manche Menschen nur denken und fühlen (und verdrängen)
    Vermutlich ist der Weg besser als alle Umwege, die wir um unsere Stolpersteine im Leben machen.
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, ich schreib sie auf. Das ist meist leichter als verdrängen.
      Wahrscheinlich haben Sie Recht. All die Umwege sind auf Dauer auch keine Lösung. Da verirrt man sich am Ende zu leicht.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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      1. Auf jeden Fall gehört das Ergebnis solcher Überlegungen zu den Millionen Dingen im Leben eines Menschen, für die es kein Patentrezept gibt. Hüten Sie sich vor Menschen, die Ihnen sagen, was in solchen Fällen genau richtig ist! 😉

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