Franz hat jetzt weiche Hände – U-Bahn Gedanken. (Archiv 2016)

Wenn es richtig ist, dass sich „Sie Arschloch“ schwerer sagt, als „Du Arschloch“, dann möchte ich nach der heutigen U-Bahnfahrt einigen Paaren die Rückkehr zur formellen Distanz ans Herz legen. Dem Paar hinter mir ist es wahrscheinlich egal, was ich denke. Mehr noch. Wenn ihnen schon scheißegal ist, was der Ehepartner denkt, dann dürfte ihnen meine Meinung zu ihrem lautstarken Streit vermutlich gleich doppelt scheißegal sein. Mir wäre es auch egal, würde ich nicht direkt neben ihnen stehen und mir ihre Fäkalsprachlichen Ausgeburten nicht so ungefiltert um die Ohren fliegen.

Neben mir zankt sich nicht ein Teenager-Pärchen, das womöglich noch nicht zu streiten gelernt hat, sondern zwei Menschen die auch bei robuster Gesundheit, bereits in der zweiten Lebenshälfte angekommen sind. Sie schlagen sich verbal ins Gesicht und die Härte ihrer Worte in meinem Rücken, wird durch den Ellbogen der Keifenden an meiner Hüfte unangenehm verstärkt. Dankbar um das Schmunzeln eines älteren Mannes, der das Schauspiel interessiert und durchaus amüsiert verfolgt, versuche ich ein kleine Stück abzurücken und das ganze ebenfalls mit Humor zu nehmen.
Den älteren Mann kenne ich bereits aus der S-Bahn. Dort saß er mir gegenüber und versuchte trotz vergessener Brille, den Beipackzettel einer medizinischen Creme zu entziffern. Der Anteil an Harnstoffen machte ihm zu schaffen. Leise, aber laut genug, erkundigte er sich bei seiner Frau, woraus man diesen den gewinne. Pipi, ist ihre lapidare Antwort und er schüttelt sich übertrieben angeekelt. Feixend sinniert er, dass sie dafür keine Geld hätten ausgeben müssen, davon hätte er reichlich. Ich erfahre dass er Franz heißt. „Franz!“, weist ihn seine Frau zurecht und kann sich ein Lachen trotzdem nicht verkneifen. Ganz so genau möchte Franz es wohl doch nicht wissen. Er steckt den Zettel umständlich in die Tasche, schraubt die Creme auf und riecht lange und leise schnaubend daran. Seine Frau kennt ihn wohl gut genug, um mahnend die Stirn zu runzeln, bevor er sie nötigt ebenfalls daran zu riechen. Als er beginnt, sich probeweise ein wenig auf den Handrücken zu schmieren, legt sie ihre Zeitung zur Seite und flüstert leise: „Des brauchst doch ned, des teure Zeug.“ Franz hält ihr zufrieden den Handrücken hin und murmelt, dass die Haut sich jetzt ganz weich anfühlt. Schneckerl, wie er sie nennt, muss seine Hand befühlen. Beide lächeln, erst als sie sagt: „Du alter Schönling, über achtzig und will weiche Händ´. Du spinnst scho a bisserl.“, da ist er kurz eingeschnappt. Nur einen Moment, dann stupst er mir mit seinem Ellbogen leicht in die Seite und informiert mich, dass die Creme nicht riecht. Ich kann es ihm bestätigen und bin einige Minuten später froh, ihn und sein Schneckerl in der U-Bahn wieder zu treffen.

Da sitzen zwei, die sich in ihrem Leben bestimmt schon reichlich gezankt haben. Man weiß nicht, wie oft sie in Küche oder Wohnzimmer gesessen haben und sich und ihre Zweisamkeit in Frage gestellt habe. Ohne sie zu kennen, meine ich zu wissen, dass sie das Streiten mit den Jahren wohl gelernt haben. So ganz ohne wird es all die Jahrzehnte nicht gegangen sein. Einen liebevollen Umgangston haben sie sich aber bewahrt. Der Umgangston zweier Menschen kommt in der S-Bahn oft ungefiltert ans Licht. Obwohl man sich eng und eingepfercht zwischen Fremden befindet, fühlt man sich in der Anonymität anscheinend unsicht- und unhörbar. Einem Eindruck, den das streitende Paar in meinem Rücken, kaum unterliegt. Die suchen die große Bühne um sich unter Zeugen gehörig die Meinung zu geigen. Ohne mich umzudrehen, weiß ich, dass er ihren Arsch für zu fett hält. Vielleicht spielen die beiden ein Spiel. Gib mir Schimpfworte in alphabetischer Reihenfolge. Den Anfang habe ich verpasst, es beginnt beim H. Er nennt sie hysterische Heulsuse, sie kontert mit dem ignoranten Idioten. Ich verstehe die Regeln nicht, denn sie kehren zurück zum Anfang. Dem A und Arsch. Dem ihren, der zu fett ist, was er anmerkt als es um das Abendessen geht und dem Arsch in Person, wie sie ihn betitelt. Wie muss es um die Beziehung zweier Menschen bestellt sein, wenn „fetter Arsch“ in der  Öffentlichkeit fällt und so brutal und verletzend ausgesprochen wird? Franz stellt den Hintern pantomimisch mit seinen Händen dar und obwohl er schmunzelt, ist ihm anzusehen, dass auch er längst gegen das Fremdschämen ankämpft.

Ich steige mit dem Schneckerl und Franz eine Station früher als gewöhnlich aus. Lieber Schneeregen als mir diesen Schlagabtausch unter der Gürtellinie noch weiter anzuhören. An einem Abend, an dem das Niveau schon so tief gesunken ist, könnte ich mir auch gleich noch den Bachelor und seinen Harem auf RTL ansehen. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Ich werde es nicht machen und lieber in die Badewanne gehen. Franz hat mich daran erinnert, dass Winterhaut gepflegt werden muss. Meine Creme, die ich anschließend benutzen werde, enthält kein Urea. Gut riechen tut sie trotzdem. Hinweise auf meine weiche Haut verkneife ich mir.

Es grüßt Sie, Ihre Mitzi, die Sie auch bei leicht distanzierter Ansprache niemals als Arschloch bezeichnen würde.

 

 

11 Gedanken zu “Franz hat jetzt weiche Hände – U-Bahn Gedanken. (Archiv 2016)

    1. Ja, gell? Das ist blöd. Aber ich wollte aus dem 1 HJ 2016 etwas aus dem Archiv nehmen. Und im nächsten Sommerloch dann das 2 HJ. Obwohl….ne, die bessere Ausrede ist, dass es grad so heiß ist, dass der Gedanke an Winterhaut euch ein bisschen abkühlen soll 😉

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  1. Ich wäre uch ausgestiegen. Ich finde ganz fürchterlich, dass es Paare gibt, die jahrzehntelang zusammenbleiben und es in der ganzen langen Zeit nicht schaffen, auch nur ein Minimum an Respekt und Freundschaft füreinander aufzubauen.
    Ein Trost, dass es auch 80-jährige gibt, die sich um die weichen Hände des Partners sorgen, und sei es mit einem belustigten Schmunzeln.
    Manchmal muss man den Glauben an andauernde, liebevolle Verbundenheit mit allen Tricks aufrechterhalten.
    Let´s keep it up.

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    1. Geht mir genauso. Wenn der letzte Respekt verloren ist, dann macht es keinen Sinn mehr aneinander festzuhalten. Ich verstehe auch öffentliche Streitereien nicht. Klar, kann mal passieren – aber manche scheinen die Bühne zu brauchen.
      Liebe Grüße

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  2. das mit dem harnstoff in der creme finde ich auch immer leicht befremdlich. und das streiten in der ubahn, ja, da fühlt man sich offenbar anonym. wie schön, dass die zwei alliterationsfreunde immerhin franz und schneckerl entgegengestellt bekommen haben!

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