Nix mit Privatsphäre

Recherche, das ist alles nur Recherche, behauptete ich als mein Nachbar Paul ein Paket bei mir abholen möchte und mich versteckt am Boden des Laubengangs sitzen vorfindet. Dass man an fremden Türen nicht zu lauschen hat, ist hinlänglich bekannt. Ebenso aber auch, dass Telefonate die auf Balkonen geführt werden, das Allgemeingut der gesamten Nachbarschaft sind. Seit ich weniger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und mehr zu Hause bleibe, bin ich an manchen Tagen um diese Telefonate recht froh. Auf meinem Balkon höre ich viele. Die meisten sind aber langweilig. Herr Krüger telefoniert mit seiner Mutter, Herr Meier mit seiner Schwester, das Russisch von Frau Iwanow verstehe ich nicht und die Bürogespräche auf den beiden Balkonen über mir interessieren mich nicht. Interessanter ist das Hinterhaus, dem ich auf dem Laubengang sitzend zuhören kann. Besonder kurzweilig ist es, seit Anfang April neue Bewohner eingezogen sind. Einer von ihnen ist Jan. Vielleicht erinnern sie sich an ihn – er hat uns während Corona mit Musik versorgt und ist seit dem der DJ unserer Abendstunden. Tagsüber nimmt er keine Musikwünsche an. Zwischen neun und fünf nutzt er seinen Balkon um dort ausführliche Telefonate zu führen. Jan ahnt es nicht, aber ich kenne ihn mittlerweile recht gut.

Ohne es je gesehen zu haben, weiß ich zum Beispiel, dass er mit dem Tattoo auf seinem rechten Schulterblatt unzufrieden ist. Seit drei Jahren will er es überstechen, traut sich aber nicht weil er Angst hat, dass es dann noch dämlicher aussieht. Seine Freunde, mit denen er darüber am Telefon spricht, sind anderer Meinung, aber Jan isst sich noch nicht sicher. Ich würde ihm bei der Entscheidung gerne helfen, aber dafür müsste ich bei ihm klingeln und ihm sagen, dass ich wirklich gerne einen Blick auf den Schulterblatt-Phönix werfen würde. Vielleicht mache ich es. Bei der Gelegenheit könnte ich ihm dann auch meinen Standpunkt zum Streit mit seiner Schwester mitteilen. Ganz klar – er muss sich entschuldigen. Sie hat es nur gut gemeint, als sie sich in seine Beziehung eingemischt hat und dass er sie deswegen am Telefon so runter gemacht hat, war schlicht überzogen und unnötig. Zumal sie ja recht hat. Wenn er sich nicht am Riemen reißt, dann ist Katrin weg. Und die ist wirklich süß und lieb. Außerdem hübsch. So hübsch, dass Paul schon die Ohren spitzt, wenn er die beiden am Balkon streiten hört. Es geht mich ja nichts an, aber Jans Schwester hat absolut recht. So eine Frau wie Katrin, die darf man nicht einfach so nach einem Streit gehen lassen. Wenn die in Tränen aufgelöst oder stinksauer aus Jans Wohnung stürmt und dann im Treppenhaus  Paul in die Arme läuft, dann sieht er sie nie wieder. Dann ist sie weg, so wie Tina vor einem Jahr. Das ist übrigens auch ein Punkt, der nicht ok ist. Tina. Wenn man behauptet erwachsen zu sein und eine Trennung sauber über die Bühne bringt, dann muss man den neuen Partner der Ex-Freundin akzeptieren. Es ist kindisch, sich am Telefon über ihn lustig zu machen und außerdem auch unfair, wenn man den gleichen Freundeskreis hat und dem Neuen den Start mit irgendwelchen blöden Sprüchen schwer macht. Ich erzähl ja auch nicht, dass er den Termin beim Urologen schon dreimal abgesagt hat, weil er Schiss vor der Untersuchung hat. Ok, ich wüsste jetzt auch nicht, wem ich das erzählen sollte und wahrscheinlich geht es mich auch nichts an. Andererseits sagt Jan die Termine am Balkon ab – vielleicht will er ja, dass einer zu ihm kommt, sich mit ihm hinsetzt und ihm bestätigt, dass es jetzt wirklich an der Zeit ist diese komische Warze von einem Fachmann ansehen zu lassen. Ich hab es übrigens gegoogelt…eine blöde Stelle, aber meistens völlig harmlos. Außerdem – da hat sein Kumpel recht – so langsam sollte er auch Katrin davon erzählen. Wobei ich mich da ehrlich gesagt frage, wie es um die Beziehung der beiden bestellt ist, wenn sie die nicht schon längst selbst entdeckt hat.

Recherche, fragt mich Paul mit gerunzelter Stirn und ungewohnt humorlos. Mein Verhalten sei absolut unmöglich, zumal ich anscheinend genau wissen würde, dass ich hier intime Privatgespräche verfolgen würde. Schließlich hockte ich unsichtbar am Boden. Ich sage ihm, dass er sich nicht so anstellen soll. Ohne meine Recherchearbeit hätte er schließlich nicht erfahren, dass die neue aus dem ersten Stock keinen Freund hat und dass das Paar im Dachgeschoss seinen Garagenstellplatz vermieten will. Zusammen gefasst: Ohne mich würde Paul alleine schlafen und sein Auto noch immer draußen parken müssen. Triumphierend drücke ich ihm sein Paket in die Hand und bitte ihn zu gehen – ich hätte hier zu arbeiten. 

Ich sitze jetzt wieder auf meinem Balkon und höre Herrn Meier und seiner Schwester zu. Die streiten sich, wer für die nächsten fünf Jahre das Grab der Eltern zu bezahlen hat. Von Jan und dem ganzen Hinterhaus (besonders von Paul) möchte ich heute nichts mehr hören. Der Idiot hat mir vorhin eine SMS geschrieben und  angeboten, sich mein verknautschtes Dekolleté anzusehen. Er hätte einen Blick für solche Dinge und würde mir sagen ob es noch vorzeigbar sei oder nicht. 1. Mein Dekolleté ist schön – sehr schön sogar. 2. Es handelte sich um eine sehr privates Telefonat als ich meine Freundin fragte ob das ihre auch verknautscht sei, wenn sie nach nur drei Stunden Schlaf aufsteht und 3. Nach nur fünf Minuten ist gar nix mehr verknautscht. Paul hab ich ein Foto geschickt und mir einen Zettel an die Wohnungstür geklebt: „Nicht im Laubengang telefonieren!“

 

20 Gedanken zu “Nix mit Privatsphäre

  1. Beim Telefonieren Fenster zu. Schon schlimm genug, dass über andere Quellen Tratsch verbreitet wird, da muss ich nicht noch selber Verdrehbares hinzufügen. Schließlich wissen die unglaublich vertrauenswürdigen Superspreader ganz genau was wahr ist und was alle was angeht. ALLE müssen das wissen, was SIE herausgefiltert haben, als WAHRHEIT über DIESE … ja was eigentlich? Menschen mit Privatleben und tiefen, komplizierten Gefühlen und Erfahrungen, von denen IHR höchstens 10 Prozent gesehen habt. Verstanden NULL.

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    1. Da kann und will ich dir gar nicht widersprechen.
      Und auch wenn ich auf meinem Blog etwas anderes schreibe…eigentlich sollte jeder sein Fenster offen lassen können und die Nachbarn sich einfach um ihren Kram kümmern. ;).
      Die Stimme beim Telefonieren etwas zu senken, schadet dann trotzdem nicht.

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  2. Ich habe schon zu Anfang geahnt, daß Paul sich an die Stirn tippt. Dabei ist es doch klar: Würdest Du Dich offen zeigen, könntest Du kaum so authentisch Anteil nehmen an den Nöten Deiner Nachbarn, weil alle sich sofort ins Innere ihrer Behausungen verziehen würden – zu ihrem eigenen Nachteil. Irgendjemand muß doch aufpassen.
    Ich bekomme nur mit, daß das junge Paar in meiner Nachbarschaft ein gutes, regelmäßiges Sexualleben hat, schon seit Jahren. Aber neulich hörte ich ein heftiges Streitgespräch, völlig ungewohnt, und ich fing an, mir Sorgen zu machen – aber dann ertönten wieder die vertrauten Laute. Ich bin froh, sie passen so gut zusammen.

    Du solltest einfach einen Termin mit einem Urologen vereinbaren und ihm anonym an die Tür heften. Wenn er dann nicht hingeht – an Dir liegt’s nicht.;-)

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    1. Ich beobachte das weiter – mir liegt die Gesundheit meiner Nachbarn ja am Herzen. Da Frau Obst neben mir wohnt höre ich wenig aus fremden Betten, was mir ganz recht ist. Ich kann aber nachvollziehen, dass man sich freut nach einem Streit die Versöhnung mitzubekommen ;).

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  3. ❤ ich bin mir sicher dein Dekolleté ist wunderschön. meins verknautscht auch schnell mal, also kein grund zur sorge 😉
    was du im laubengang machst, mach ich liebend gern beim bim fahren. einfach herrlich was man so erfährt. schrecklich wenn man dann selbst oder der/die telefonierende aussteigen muss. nur schade, dass man nichts über die leute weiß und sie meist nicht wiedersieht und so auch nicht erfährt, wie alles weitergeht (oder begann).

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    1. Wart mal bis du vierzig bist 😉
      Aber wenn man keine größeren Probleme hat, dann ist das auch egal.
      Da sagst du was….manchmal würde ich am liebsten auch aussteigen oder nachfragen 😉

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      1. ja ich hatte eh schon die befürchtung, dass das mit den jahren nicht besser werden wird 😉
        😀 schon, oder? ich freu mich immer, wenn das jemand versteht. die meisten menschen sind ja nur genervt davon, vom leben fremder menschen was mitzubekommen.

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