Schön, tut aber fies weh.

Nach Norden, fragt mich ein Freund und ich schüttle den Kopf. Norden, höre ich ihn ein zweites Mal fragen und erinnere mich, dass man ein Kopfschütteln am Telefon nicht sieht. Nein oder doch, vielleicht. Ich weiß nicht in welche Richtung Norden liegt und bitte ihn stattdessen, sich mit dem Rücken zum Brunnen zu stellen und zur Arena zu schauen. Links daran vorbei und dann in die kleine, für Autos gesperrte Straße, erkläre ich und hoffe, dass nicht gerade doch ein Auto durch fährt. Kann man in Italien ja nie wissen. An der Apotheke vorbei, höre ich ihn fragen und nicke bevor ich zustimmend brumme. Es passt mir nicht, dass er da ist, wo ich sein will und es gefällt mir nicht, am Telefon den Stadtführer zu spielen. Ungewohnt fühlt es sich an und der blöde Kloß in meinem Magen macht es nicht besser. Die Reisewarnung für Italien ist seit drei Tagen aufgehoben und wenn ich wollte, dann könnte ich jetzt sofort nach Verona fahren. Ich könnte, so wie einige Münchner es schon machen, vor der Haustüre ins Auto steigen und erst am Corso Porta Nuova wieder aussteigen. Mit dem richtigen Auto reicht eine Tankfüllung. Theoretisch könnte ich sogar heute am Donnerstag Nachmittag losfahren, mit Freunden in Verona zu Abend essen und trotzdem morgen früh wieder pünktlich um neun in München arbeiten. Zugegeben, das wäre ziemlich verrückt, aber auch nicht das verrückteste was ich in den letzten zwei Jahrzehnten getan habe, wenn es um meine zweite Heimat geht. Komm halt, sagt mein Freund lachend und ich merke, dass es einfach noch zu früh ist.

Wir sortieren uns, sagen meine früheren Kollegen in Verona und schieben die obligatorische Frage nach meinem nächsten Besuch hinterher. Bald, sage ich und, dass ich es kaum erwarten kann, jeden einzelnen von ihnen zu umarmen. Umarmungen sind selten geworden und die Sehnsucht nach ihnen mit jeder Corona-Woche gestiegen. Bald, sagen auch sie und schicken mit Bilder von dem Leben, das langsam auf die Plätze und Straßen dieser wunderschönen Stadt zurück kehrt. Bald, sage ich auch zu meiner Freundin, die im Mai mit mir für eine Woche nach Italien gefahren wäre. Bald, aber noch nicht jetzt. Wir brauchen noch etwas Zeit. Meine früheren Kollegen, meine Freunde dort unten und auch ich. Zwischen jetzt und bald, braucht es die Rückkehr von etwas mehr Normalität. Vielleicht müssen wir erst alle selbst wieder zusammen setzen bevor wir uns völlig in das alte Leben stürzen können. Nach all den Wochen kommt es auf eine paar mehr nicht mehr an. 

Rechts, sage ich zu meinem Freund, der als einer der ersten die offenen Grenzen ausnutzte und für ein langes Wochenende die Stadt besucht, in der ich einige Jahre lebte. Ich schicke ihn zu Julias Balkon. Noch sind nur wenige Touristen in der Stadt und einen so guten und freien Blick auf Julchens Statue wird er so schnell nicht wieder bekommen. Während wir telefonieren schenke ich mir ein Glas Weißwein ein und bitte ihn die Kamera anzumachen. Er lacht, weil ich ihm noch einen Tag zuvor verboten habe, mir Fotos aus Italien zu schicken. Ich vermisse es so sehr, dass ich es lieber gar nicht sehen wollte. Jetzt will ich es sehen. Jetzt will ich meine alten Lieblingsplätze sehen. Alle! Facetime ist wacklig, wenn man es im Gehen nutzt. Mir macht es nichts aus, da ich alle Straßen durch die ich ihn schicke, in- und auswendig kenne.  Mein Glück, dass er die Stadt nicht kennt und sich von mir von Platz zu Platz dirigieren lässt. Nur einmal fragt er mich, warum ich ihn in eine unscheinbare Gasse geschickt habe. Er kann nicht wissen, dass ich dort gewohnt habe. Eine Stunde lief ich mit ihm durch Verona, dann war der Akku leer. Die letzten Meter schafft er alleine und eigentlich ist es auch egal in welche Richtung er gehen wird. Die Altstadt Veronas ist fast überall schön. Auch mein Akku gibt den Geist auf und ich bleibe alleine auf meinem Balkon in der Abendsonne zurück. 

Bald, sage ich zu mir selbst und erkläre dem Nachbarsjungen der sich zu mir setzt, dass man auch ohne traurig zu sein, heulen kann. Ich versuche ihm Sehnsucht zu erklären und scheitere kläglich. Ein Ziehen im Magen. Eines das schön ist, aber ganz fies weh tut. Er zeigt mir einen Vogel und geht wieder. Ich kann es ihm nicht verdenken. 

Bald, bis dahin lasse ich mir Fotos schicken und werde einen bitten, mir das Rauschen des Meeres zu schicken. Ich möchte wissen ob es sich verändert hat. Dann werde ich ein Ziehen im Magen spüren. Eines das schön ist, aber ganz fies weh tut. Ich vermisse es, das Meer. Mehr aber noch den, den ich um sein Rauschen bitten werde. Richtig fies, vermisse ich ihn, und das ist kein bisschen mehr schön. 

16 Gedanken zu “Schön, tut aber fies weh.

  1. Das Heimweh nach dem fernen Ort, in dem man gelebt und sein Herz gelassen hat, ist wie ein ziehender Zahnschmerz. Kein dumpfer Schmerz, sondern ein lebendiger, der jeden Liebeskummer in den Schatten stellt. Hach, Mitzi, bald! ❤️Bis dahin bleibt uns die Erinnerung – nicht als Tourist, sondern als externer Einwohner Veronas (oder in meinem Fall – Roms).

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    1. Bald, ja. Ich hab von Freunden in Ligurien grünes Licht bekommen. In acht Wochen dann endlich…bis dahin weiter FaceTime. Wichtig ist, dass es gleich e zweite Welle gibt. Rom und Verona sind so alt….sie warten auf uns. 💚

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  2. Du schaffst es, Sehnsucht nach Orten zu wecken, von denen ich ausser vielleicht dem Namen noch nie etwas gehört habe. Da frag ich mich schon manchmal, ob ich Deine Texte überhaupt lesen soll. Sie sind so schön, tun aber… 😉😂

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  3. ❤ "Theoretisch könnte ich sogar heute am Donnerstag Nachmittag losfahren, mit Freunden in Verona zu Abend essen und trotzdem morgen früh wieder pünktlich um neun in München arbeiten." diese dinge können wir hoffentlich bald wieder machen und außer einem übermüdeten arbeitstag werden sie dann hoffentlich keine konsequenzen haben. ich kann das gefühl in deinem text wieder so so gut nachfühlen.

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  4. Das Wort „Sehnsucht“ ist in einige fremde Sprachen als Germanismus übernommen worden. Du schilderst sie so eindringlich, liebe Mitzi und erweist dich damit als echte Romantikerin. Hoffentlich kannst du bald mal wieder in deine 2. Heimat fahren und die Sehnsucht stillen.

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  5. Ist es nicht schön, dass sich auch Julchen von den vielen Touristen und der ewigen Küsserei erholen konnte? Neulich sah ich Bilder aus den Uffizien im Fernsehen – mit ganz, ganz wenigen BEtrachtern davor. Irgendwie wirkten auch diese Bilder frischer. Ja, es wird langsam Zeit, wieder aufzubrechen zu diesem oder jenem Sehnsuchtsort (oder auch nur zu einem Besuch in, sagen wir mal, München). Aber wir haben doch gerade die Langsamkeit, die Bedachtsamkeit, ach, wie heißt das heutzutage, ach ja, Achtsamkeit gelernt! Langsam, Schritt für Schritt. Der Weg gleich dem Ziel? Ach was, schon vor dem eigentlichen Aufbruch nach irgendwo sind wir doch unterwegs, die Gedanken, die Pläne, sie eilen voran, hüpfen und springen machmal. Doch die Füße und Reisepässe haben gelernt, dass die wahre Kraft in der Ruhe liegt, in der Bedächtigkeit. Denn ich will doch ganz ankommen, egal, wohin ich gehe, gezogen werde, egal, wohin ich will.

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    1. Die Fotos und Videos von den leeren Städten haben mich ziemlich beeindruckt. Vor lauter Menschen hat man die Schönheit mancher Orte ja gar nicht mehr gesehen. Wenn wir in nächster Zeit etwas langsamer unterwegs sind und auch reisen dann schadet es sicher nicht. Ganz ankommen ist ein guter Vorsatz. Ich hab schon lange die Freude am hetzen und möglichst viel auf einmal sehen verloren lieber weniger und ruhiger dafür ganzer und schöner.

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      1. Einst in Florenz – die Uffizien waren natürlich zu, eingerüstet – aber die Stadt war gleichwohl faszinierend! Und so ging es mir öfter. Was ich sehen wollte war nicht da, gesperrt (dem obigen Beispiel und den Nuraghen auf Sardinien weine ich schon nach), dafür gab’s etwas anderes.

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