Corona Home Office XV

Die vierte Woche ist besser als die dritte. Mein Nachbar Paul behauptet, es sei die bisher beste. Jetzt gerade in diesem Moment empfinde ich es auch so. Es ist eine gute Woche, wenn es einem gelingt auszublenden, dass uns die Heimarbeit von unseren Firmen nicht als Geschenk, sondern als Schutz vor einer unsichtbaren Gefahr verordnet wurde. Die dritte Woche war unschön. Fast alle die ich kenne, empfinden es so. Die erste Woche surreal, die zweite ganz ok, die dritte aber in dem Bewusstsein, dass die Einschläge dichter werden und näher kommen. In Italien starb ein Vater von einer, hier in München liegt die Mutter von einem auf der Intensivstation und es fällt einem schwer tröstende Worte zu schreiben. Längst ist Corona nicht mehr weit weg und egal wie sehr die Augen zusammen gekniffen werden, man spürt, dass man mitten drin hockt. Besonders bedrückend waren die Mittagspausen, die man – auch in Bayern noch erlaubt – draußen verbrachte, um alleine durch das stille Viertel zu laufen. Blühende Büsche, zartgrüne Bäume und knallgelbe Löwenzahnblüten zwischen Gehwegritzen verhießen einen schönen Frühlingstag. Gegen die unzähligen Schilder an Türen und Schaufenstern kamen sie nicht an. Wegen Corona geschlossen, klärten sie auf und fast auf jedem wurde dem Vorbeigehenden gewünscht, dass er doch bitte gesund bleiben möge. Imperativ. Bleiben Sie gesund! Wir versuchten es. Die dritte Woche war unangenehm. 

Obwohl auch jetzt die Schilder noch überall zu lesen sind und noch immer die Stille bedrückend über dem Viertel hängt, ist es besser geworden. Man gewöhnt sich, sagt mein Nachbar Herr Meier und hat wohl recht. Man gewöhnt sich an alles. Vielleicht sind es aber auch wir, die versuchen krampfhaft etwas schönes zu sehen und uns ganz bewusst etwas gutes zu tun. Einer stellt mir eine Schachtel Mon Cherie vor die Tür – ich weiß bis heute nicht wer. Irgendwer hat auf die Briefkästen vier Flaschen Aperol geschenkt (mit einem Zettel: Schenkt Euch ein und genießt den Frühling. Wir sehen uns am Balkon). Herr Krüger spielt Klarinette bei offenem Fenster um die Stille des Morgens zu übertönen und ich frage, wem ich alles ein Osterlamm backen soll. 

Doch, die vierte Woche ist wirklich gut. Und Ostern werden wir auch überstehen. Wir sind ja nicht alleine im Home Office – wir sind ja alle zusammen dort.

19 Gedanken zu “Corona Home Office XV

  1. Liebe Mitzi,
    danke für die Schilderung aus der Heimarbeit. Ja, wir sind alle dort, außer den fleißigen Pfleger:innen, Verkäufer:innen usw.
    Was für eine Fastenzeit, Passionszeit, und welche Sehnsucht nach Ostern mit dem Osterlamm.
    Gute Feiertage
    und herzliche Grüße
    Bernd

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  2. Hallo Mitzi, ich will mich gar nicht an „Kontaktsperre“ oder „systemrelevante (und irrelevante?“) Menschen gewöhnen. Sorry, meine Familie inklusive Großeltern fehlt mir an Ostern sehr, familiäres „Homeoffice“ mit Kindergartenkind, bzw. 14h gänzlich unbezahlte Fürsorgearbeit mit ebendiesem jeden Tag pro Woche empfinde ich auch nach vier Wochen nicht als entspannend und zum Osterlammbacken fehlt mir die Hefe…😜 Wenn das jetzt sehr negativ rüberkommt: sorry, bildet auch wieder nur einen Teil meiner Wahrheit ab (es gibt auch im Moment durchaus helle Momente), aber es ist einfach nicht nur die Sorge um die möglicherweise erkrankenden Großeltern, die mich gerade oft den Schlaf kostet, sondern all die aktuellen (oft auch nicht wirklich durchdachten und erst recht nicht demokratischen) Maßnahmen, die gerade „zum Schutz aller“ allen aufgedrückt werden. Ich will wieder mehr Freiheit, Gelassenheit und echte Gemeinschaft (und zwar nicht per Skype!) Viele Grüße, Sarah

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    1. Nein, das kommt nicht negativ rüber. Du beschreibst ja nur das, was wahrscheinlich jeden mehr oder weniger beschäftigt. Ich vermisse meine Eltern und meine Familie gerade jetzt an Ostern auch sehr. Meine Eltern sind nicht mehr jung und ich will wissen und sehen, dass es ihnen wirklich gut geht und sie sich den Mist nicht doch noch einfangen. Und umarmen will ich ein paar auch wieder ganz dringend! Ich red es mir schön, weil es mir hilft. Aber es ist scheiße. Auch ohne Kinder – da ist dann tagsüber gar niemand. Auch Mist.
      Hefe brauch ich nicht. Bei uns ist das Osterlamm ein Eischwer Teig. Eier, Zucker und Mehl und eine Prise Anis. Zum Glück…die Hefe scheint das neue Klopapier zu sein.
      Liebe Grüße
      Mitzi

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  3. Ja, das Gewöhnen geht schnell. Es ist ein bisschen wie mit der Trauer – (bloß dass es bei der länger geht) – irgendwann hat das Unglück seinen Platz im Leben und der Rest wird drumherum gebastelt, sogar das Lachen.
    Wir haben heute nochmal Mary Poppins geschaut. Da vergisst man so ziemlich alles 🙂
    https://beatekalmbach.home.blog/corona/

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  4. Zur Not habe ich mir „Papa ante portas“ bereitgelegt, war aber bis jetzt noch nicht nötig. Mich an Arbeitslosigkeit zu gewöhnen scheint für mich gar kein Problem zu sein, im Gegenteil. In Vor-Internet-Zeiten habe ich mich schon einsamer gefühlt als jetzt. Wenn ich mal in Rente gehe, ich glaube, das wird die beste Zeit meines Lebens, den Test habe ich schon jetzt bestanden.Schade allerdings, daß ich mich mit meiner Begleiterin nur mit Mundschutz und zwei Meter Abstand treffen kann – im Gegensatz zu mir geht sie noch jeden Tag zur Arbeit und fährt mit Bussen und Bahnen. An einem Atemgerät zu hängen ist ganz gewiß kein Vergnügen.

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    1. Dein letzter Satz ist der, der uns das alles auch durchziehen lässt. Selbst wenn es übertrieben sein sollte…besser etwas Abstand als in die Situation zu geraten. Wenn ich ehrlich bin, dann mag ich das Home Office auch wahnsinnig gern. Klar, ich vermisse Normalität und Kollegen, aber das es geht ist fein. Dennoch….die freien Tage jetzt sind mir noch lieber. Zumal das Wetter mitspielt. Schöne Ostern schon jetzt.

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  5. in der dritten woche hat es offenbar richtig geknallt, bei mir, bei uns, bei euch. interessant, welche dynamiken sich anscheinend menschenübergreifend entwickeln in solchen situationen. man sagt ja, dass menschen 30 tage brauchen, um sich an neue situationen und gewohnheiten zu gewöhnen. wir nähern uns dieser zeitspanne. vielleicht ist es das. und dann ist es ja auch irgendwie ein bisschen mit trauer zu vergleichen – trauer, dass man gerade sein eigentliches leben nicht leben kann. und da gibts ja auch diese phasen. man darf gespannt sein, wie es uns allen mit und nach ostern geht und was die 5. woche bringen wird.

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    1. Vielleicht ist an den 30 Tagen etwas dran. Obwohl ich mich nicht wirklich gewöhnen will, tut es gut, einen guten Tag zu haben. Mal sehen wie viele Phasen wir hier noch durchmachen werden. Überall wird von Lockerung gesprochen, aber ob es nach Ostern schon so weit ist….wir werden uns überraschen lassen müssen. Trotz allem einen schönen Gründonnerstag!

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      1. nein, mir gehts auch so. ich will das auch nicht. aber ein bisschen adaptieren, so, dass es ok ist, mit dem hoffnungsschimmer in der luft, dass es bald etwas leichter werden soll.
        auch dir dasselbe meine liebe!

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