Zum Kotzen! Oder heulen…

Mal was Neues, sagt sie, die neben mir geht und alleine diese drei Worte, diese kleinen, harmlosen Worte reichen mir, um zu ahnen, dass ich gleich an die Decke gehen werde. Sie und ich, wir passen nicht zusammen. Im Ansatz ja, aber in der Tiefe nicht. Sie und ich, das sind zwei gleiche Pole die sich abstoßen, obwohl oder eben gerade weil sie sich ähnlich sind. Zwei Menschen, die als Duo nicht funktionieren, sich mit einem Puffer und im neutralen Gebiet aber eigentlich mögen. Ohne Puffer knallt es und obwohl ich es hasse, wenn wir streiten, weil ich Streit an sich verabscheue, reicht ihr „mal was Neues“ um mich abrupt innehalten zu lassen. Mal was Neues, wiederhole ich und frage, womit zum Henker sie die letzten zwanzig Jahre ihres erwachsenen Lebens verbracht hat. Es kommt viel zu unfreundlich und viel zu scharf über meine Lippen und ich verfluche mein aggressives Ich, das so – gottlob – nur selten und fast nie ungefiltert heraus bricht. 

Natürlich hat sie recht, wenn sie ebenfalls stehen bleibt und mich fragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, sie so zu anzufahren. Sie fand den Spruch auf dem Plakat einfach erfrischend ehrlich. Es wird nicht besser. Wieder reicht mir ein Wort, diesmal ein einzelnes, um völlig die Fassung zu verlieren. Erfrischend, wiederhole ich und sage ihr, dass ich das nicht erfrischend finde, sondern, dass es mir – ganz im Gegenteil – sehr gut bekannt ist und auch ihr nicht neu sein dürfte, wenn sie denn ab und zu über den Tellerrand ihres anscheinend winzigen Kosmos blicken würde. Ich weiß, dass ich mich spätestens jetzt entschuldigen müsste und kann es nicht. Kann es nicht, weil sie genau einer jener Menschen ist, der mich mit spielender Leichtigkeit um die Fassung bringt. Nicht einmal wegen ihrer Meinung, sondern meist ausschließlich wegen der Wortwahl, die so gegensätzlich zu der meinen ist. „Neu im Programm. Menschen bewerten“, lese ich ihr den Text des Plakates laut vor und frage ob es nicht vielleicht sie ist, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, wenn sie das erfrischend findet. Ich weiß nicht mehr von uns beiden schweigend die Straßenseite gewechselt hat. Vermutlich sie.

Sie hängen überall in diesen Tagen. Die Plakate die auf die neue Staffel Big Brother aufmerksam machen und die für mich – und das zu schaffen ist wirklich schwer – fast noch das Wahlprogramm der AfD in den Schatten stellen. „Neu im Programm. Menschen bewerten“. Obwohl Germanys next Bullshit, Bachelor Dumpfbacken und all der Rest, genau das seit Jahren machen und es beileibe keine Neuheit ist, hat es noch keiner bisher so deutlich auf Plakatwände gepflastert. Werbung die so deutlich an die verwerflichen, verabscheuungswürdigen und respektlosen Instinkte des Zuschauers appelliert ist mir neu und sorgt für Brechreiz.  „Jeder Mensch ist etwas wert. Und du willst entscheiden wie viel?“ Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte lieber eine Runde heulen, den genau das geschieht bereits. Täglich und jenseits einer dummdreisten Unterhaltungsshow. „Du bestimmst wie viel ein Mensch wert ist.“ Richtig. Vielleicht nicht ich, oder vielleicht nur indirekt, aber es wird entschieden. In sozialen Medien, die eine ganze heranwachsende Generation verunsichern und in der Flüchtlingsfrage, wenn mit dem Gedanken ganz offen gespielt wird, welche von denen man den brauchen könnte und welche nur Ballast und damit unbrauchbar sind. „Wie viel ist ein Mensch wert. Es liegt in deiner Hand.“ Ja, auch das gab es schon. Und damit meine ich nicht, dass mich irgendein Idiot bei Tinder in die falsche Richtung wischt. Im besten Fall ist mir das scheißegal. Wenn aber mit den obigen Sätzen geworben wir und die Sterne, die der Zuschauer in ein paar Tagen verteilen kann auch noch gelb sind, dann kommen da ganz schnell Assoziationen und nein, die sind nicht weit hergeholt. Und dann noch der Titelsong „Follow the leader“ – sag mal, BB Marketing Team, habt ihr eine Wette verloren? So blöd kann man nicht sein. Oder doch, wahrscheinlich schon. Sterne als Bewertung auch in gelb, sind gang und gebe und überhaupt nicht schlimm. Auch das Lied ist für sich genommen in Ordnung. In Kombination mit obigem aber, sind sie an Dummheit, Dreistigkeit, Respektlosigkeit und (im besten Fall) Gedankenlosigkeit nicht zu überbieten. Die Sätze aber, die sind jeder für sich schon ein Armutszeugnis. 

Ich gehe mich jetzt entschuldigen. Weder „mal was Neues“ noch „erfrischend“ hätten mich so aus der Haut fahren lassen dürfen. Sie meinte die Ehrlichkeit der Werbetreibenden und sicher nicht auch nur im Ansatz eine Rechtfertigung dieser Einschätzung des Wertes eines Menschen. Und „erfrischend“ war nur unglücklich ausgedrückt. Von ihr, die mich, weiß der Henker warum, so schnell ausflippen lässt. Andere mögen es tatsächlich erfrischend finden. Und das macht mir Angst. Nein. Oder doch. Auch. Vor allem aber, finde ich es zum Kotzen! 

Entschuldigen Sie meine Wortwahl. Aber da ich hier nur Wörter habe und mir Gestik und Mimik fehlen, müssen es diese sein. 

28 Gedanken zu “Zum Kotzen! Oder heulen…

  1. Wütend werden auf einen Menschen – wegen etwas, was weder die andere noch man selbst zu verantworten hat – einfach nur weil man unterschiedlich reagiert auf eine Vorgabe, ja, das sind Momente, die wichtig sind aufzudröseln. Worüber ist man wütend? Über das, was man sieht? Und überträgt es auf den, der nicht ebenfallls wütend wird? Nimmt es ihm sogar übel, dass er offensichtlich nicht so reagiert, wie man es erwarten darf? Nämlich, wie man selbst reagiert? was doch die einzige vernüftige und menschlich akzeptable Art der Reaktion ist?
    da echauffiert man sich über die Freundin, weil sie sich nicht echauffiert, sondern das, was einen selbst ankotzt, erfrischend findet. Oder es jedenfalls sagt. Ist ihre Einschätzung dieser Aktion vielleicht ähnlich, aber sie ordnet sie anders ein?
    Mir ging es grad so wegen der Thüringen-Farce. Ich reagierte amüsiert-ironisch, wo andere aus der Haut fuhren. Weil ich einen anderen Rahmen setze, in dem das Ereignis sich relativiert. Nicht weil ich es schöner finde
    Liebe Grüße!

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    1. Liebe Gerda, danke dir für deinen Kommentar. Ich denke auch, dass es wichtig ist Wut zu hinterfragen. Man mag im ersten Moment vielleicht sogar lospoltern dürfen, aber dann ist es gut, wenn die von dir gestellten Fragen kommen. Auf meine Person bezogen hast du es gut getroffen und ich kann sei mit ja beantworten. Ja, ich nahm es ihr übel, dass sie nicht so reagierte wie ich. Ungerecht und überzogen und ganz der Meinung, dass man nur auf eine Art auf solchen Mist reagieren darf.
      Die Entschuldigung war nötig, weil ich ahnte, dass sie es im Grunde ganz ähnlich wie ich sieht, es aber belächelte, dass man sich aufregt, wenn es gedruckt wird und nicht schon längst, wenn es doch dauernd gelebt wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass amüsiert-ironisch dem einen oder anderen sauer aufgestoßen ist. Aber wie du schreibst, amüsiert auf etwas zu reagieren heißt noch lange nicht, dass man den Inhalt gut findet.
      Liebe Grüße und danke!

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  2. „Schaut nur, wir können den menschenverachtenden Zynismus unserer Sendung jetzt ganz offen aussprechen. Gezeigt haben wir ihn seit Jahren auch schon in vielen anderen Formaten, aber jetzt werben wir zum ersten Mal und ganz unverblümt damit, weil wir uns mit diesem Appell an die niederen Instinkte steigende Zuschauerzahlen versprechen“, sagen sie im Subtext. Die Einstufung von Menschen in ein Schema von gradueller Wertlosigkeit wäre vor ein paar Jahren noch ein Skandal gewesen. Nun erweitern sie die „Grenzen des Sagbaren“, fühlen sich vermutlich unglaublich innovativ dabei – und erfüllen damit letztlich eine Forderung und ein Ziel der AfD. Wenn das nicht zum Kotzen ist …
    Was man Deiner Freundin zumindest vorwerfen kann, ist Gedankenlosigkeit.

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    1. Ja, Gedankenlosigkeit kann man sicher vorwerfen. Auch ich mir selbst, vielleicht ärgert es mich deswegen so, wenn ich sie bei anderen vor Augen geführt bekomme.
      Du hast es gut auf den Punkt gebracht. Wenigstens blieb der Shitstorm auf allen Kanälen nicht aus. Traurig nur, dass er nichts ändern wird. Auch schlechte Werbung ist Werbung. Leider.

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  3. Erfrischend, wie du dich aufregst, liebe MItzi, besonders weil der im Plakat zum Ausdruck kommende Ungeist längst alltäglich geworden ist. Drum sei auch der, die neben dir ging, gedankt, denn sie hat es dir abverlangt. Manchmal brauchen wir Menschen, an denen wir uns reiben, um die eigene Position deutlich zu machen. Das ist hier passiert. Danke für diesen Text!
    Und lieben Gruß
    Jules

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    1. Manchmal, lieber Jules, falle auch ich aus allen Wolken und reagiere dann über.
      Du hast recht. Manchmal ist es gut einen Menschen zu haben, der einen auf die Palme bringt und einem die Möglichkeit gibt seinen Standpunkt deutlich zu machen. Am wichtigsten wohl für sich selbst. Wünschenswert wäre dann ein ruhiges argumentieren. Ich arbeite daran. Liebe Grüße

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  4. Ich kann es gut verstehen, bin auch oft genug erschüttert darüber, wie die Gesellschaft miteinander umgeht und sich selbst in den Abgrund zerrt. Trotzdem ist die Entschuldigung gut: Für Dich selber und Deine Seele!

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  5. Ich glaube, ich muss wirklich mehr nach draußen gehen und Litfaßsäulen studieren, denn ich bin über solche Texte noch nicht gestolpert.
    All diese eigenartigen Sendungen, die du aufzählst, meide ich wie der Teufel das Weihwasser – aber sie haben sich im Fernsehen wirklich sehr breit gemacht und auch eine hohe Einschaltquote. Das sinkende Niveau lässt grüßen.
    Aber ich grüße dich mit hoffentlich weitaus höherem Niveau, liebe Mitzi und keine „Sabine“ mit schrecklichen Folgen wünsche ich dir.

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    1. Liebe Clara, das Niveau zu toppen ist recht einfach. Und du, du bewegst dich eh am oberen Rand, wie ich schon so oft feststellen durfte. Meide den Schrott weiter und die Plakate nicht zu sehen ist eh besser ;).

      Liebe Grüße und wenig Wind für dich und Berlin.

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  6. ich weiß genau was du meinst! wie oft ich einfach nur weinen möchte, wenn ich mir werbung anschaue – mit ein grund, warum ich das gefühl hab, mittelfristig weg zu müssen aus dieser branche. ich halt es schwer aus, wenn menschen sowas lustig finden. ich weiß auch ehrlich nicht, ob du dich da wirklich entschuldigen musst. ich glaub, in solchen fällen hält man sich fast ein bisschen zu oft zurück. obwohl andererseits manchmal vielleicht eher was zu erreichen ist (dem anderen seine sichtweise näherzubringen) wenn man aus der emotion rauskommt. geht aber halt nicht immer.
    ich könnte hier jetzt wohl ganze traktate darüber schreiben, aber ich belass es dabei. du weißt bestimmt, was ich meine.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich glaube ich weiß was du meinst. Gerade Werbung ist ein Beispiel dafür, Das oft das am besten funktioniert von dem man sich wünscht, dass es eben nicht funktionieren und viel mehr hinterfragt werden würde. Ich glaube aber auch, dass einen die meisten Branchen beim näheren hinsehen zum heulen bringen. Ich arbeite im Finanzbereich, und auch das lässt mich ganz oft zweifeln. Nicht meine Firma speziell, aber das ganze System an sich. Und wenn man da erst mal zum nachdenken beginnt, dann hinterfrage ich schnell überhaupt die gängigen Werte oder besser die fehlenden Werte. Vielleicht ist es am besten das alles zu sehen und auch darüber nachzudenken, sich aber auf das schöne und das kleine zu konzentrieren. Das hat man wenigstens noch ein bisschen in der Hand und da kann man vielleicht noch etwas bewirken. Ich jedenfalls werde mir diese Sendung ganz sicher nicht ansehen.
      Entschuldigt habe ich mich, aber weniger für das was ich gesagt habe als für den Tonfall und die wirklich sehr unfreundliche Art. Das hat mir schnell ziemlich leid getan.

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      1. Ja da hast du sicher recht. Obwohl es für mich schon auch Anstoß ist, meine Psychotherapie Ausbildung mehr voran zu treiben weil mich dieses Gefühl manchmal mürbe macht und es hilft mir, das auszuhalten.

        Und ja, das verstehe ich. Das hätte ich sicherlich auch gemacht.

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    1. Danke für den Link. Sehe ich genauso. Ein Aufruf zum Mobbing… Nicht ganz falsch und ziemlich ekelhaft. Eigentlich glaube ich schon die ganze Zeit, dass der Mist längst seinen Höhepunkt erreicht haben müsste. Seltsamerweise anscheinend noch immer nicht ganz.

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  7. Abwarten. Der Deckel vom Füllhorn voll Mord und MEnschenverachtung wurde erst ganz leicht gelupft… da ist noch mehr drin, sicher auch manche Überraschung. Und mancher mag sogar neugierig drauf sein. Ich frage mich, ob man den Deckel wieder zubekommt. Bald, rechtzeitig (außer für die, die schon Opfer wurden).

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