Bist du da?

Es war das Lachen meiner Freundin, dass mir zeigte, dass ich wieder zu Hause bin. Laut, eine kleine Spur zu grell, aber so herzhaft und warm, wie kein anderes, schallte es gestern Abend durch das Telefon und hieß mich willkommen. Sie wusste, wann mein Flieger landete und ahnte, dass mir der graue Nieselregen in München nicht gefallen würde. Ein kurzes Telefonat, verbunden mit dem Vorschlag ganz bald ein Glas Wein zusammen zu trinken, würde es mir bestimmt leichter machen, meinte sie und hatte recht. Wer mit einem so schönen Lachen empfangen wird, den kümmert das Wetter nicht mehr. Den Wein bräuchte es nicht. Eigentlich braucht es eh wenig, um sich zu Hause zu fühlen. Und doch gelingt es nur wenigen Menschen, dieses ganz besondere Gefühl zu vermitteln. Bei ihr ist es das Lachen, das mir – egal wo ich bin – vermittelt, einen Menschen an meiner Seite zu haben, mit dem ich durch dick und dünn gehe. Sie lachte schon so vieles weg. Manchmal unter Tränen, manchmal schimpfend. Irgendwann aber sprudelte immer dieses ganz besondere herzhafte Lachen hervor. Ich höre es und fühle mich zu Hause. Gestern war ich wieder zu Hause. Und das obwohl ich gerade erst von dort kam. 

Ligurien ist nicht meine Heimat. Ich habe dort nie gelebt und lerne es mit all seiner Schönheit erst kennen. Einige Lieblingsorte habe ich dort schon gefunden, grüße zwei Personen mit Namen und weiß wo ich meinen Kaffee am liebsten trinke. Der kleine Ort macht es mir leicht, ihn zu mögen. Den mutigsten meiner Freunde brauchte ich dazu nicht. Den Laden, mit dessen Verkäuferin ich mittlerweile regelmäßig ein paar Sätze wechsele, habe ich ohne ihn gefunden. Wir sind uns sympathisch. Sympathisch genug um unsere letzten Beziehungen zwischen Schuhkartons ausdiskutiert zu haben und sympathisch genug uns vorgenommen zu haben, im Frühjahr etwas trinken zu gehen. Und doch würde es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bevor ich mich heimisch fühlen würde. Dass ich es dennoch tue, liegt an einem meiner besten Freunde. Es ist, wie das  Lachen einer anderen, eine kostbare Kleinigkeit. Bei ihm ist es der erste Anruf. Dann fragt er mich, ob ich da sei. „Bist du da?“ Drei winzige Worte und egal ob ich an einem zugigen Bahnhof stehe, durch die mir so vertrauten Straßen Veronas laufe oder in Genua in ein Taxi steige. Wenn ich mit „ja“ antworte, dann fühlt es sich nach zu Hause an. Dann riecht es vertraut und selbst wenn ich einen Ort noch nicht kenne, weiß ich, dass er mir vertraut sein wird. Zu Hause, das ist schon lange nicht mehr nur ein Ort. Es ist das Gefühl der Vertrautheit, des Ankommens und des Wissens, dass da einer ist, der gewartet hat, bis man mitten in der Nacht endlich in einem Taxi sitzt. 

Es ist sein zu Hause, nicht meines. Eines der schönsten zu Hause, die ich kenne. Vielleicht ist unsere Definition von einem schönen Ort und einem Ort an dem man das echte Italien spürt, so ähnlich weil wir beide Deutsche sind. Vielleicht haben wir auch nur einen ähnlichen Geschmack. Es ist auch egal. Wenn ich abrupt stehen bleibe und für einen kurzen Moment keine Luft bekomme, weil ich so glücklich bin zurück in Italien zu sein, dann grinst er und ich muss nicht erklären, was mir gerade durch den Kopf schießt. Er weiß es, sonst wäre er nicht vor über zwanzig Jahren in diesem Land geblieben. Er weiß auch, dass es mir schwer fällt plötzlich wieder so viel italienisch zu sprechen und dass ich es zu gleich ganz wunderbar finde. Und ich hoffe, dass er weiß, wie sehr ich all die großen und kleinen Dinge der letzten Tage zu schätzen weiß. All die Gläser Wein, das gute Essen, die besonderen, versteckten Orte die er mir zeigte, das Abholen und Bringen und ….ach so viel. All das macht einen Besuch zu etwas ganz besonderem. Ein wunderschöner Besuch, bei fantastischen Menschen. Und unter diesen wunderbaren Menschen ist er der eine, bei dem ich zu Hause fühle. Nicht wegen des wild tobenden Meeres, den hohen Wellen die die Luft mit Salz füllen oder der Sonne die mich noch einmal wärmt, bevor der Winter kommt.  Nicht wegen der Postkarten Schönheit des Ortes und nicht wegen der weltbesten Pasta. Nein, zu Hause bin ich in den Momenten, in denen gar nichts besonderes passiert. Wenn wir neben einander sitzen, grundlos lachen oder nichts sagen und still auf das Meer schauen. Wenn wir spät Abends mit einem Glas Wein in einer schmalen Gasse vor einer Bar stehen und ich nicht mehr sagen muss, als „schön hier“ und damit meine, dass ich gerade so glücklich bin, dass für mehr die Worte fehlen. 

Es sind besonders gute Freunde, die keinen Ort brauchen, um das Gefühl von zu Hause vermitteln. Mit dem mutigsten meiner Freunde könnte ich in der übelsten Spelunke bei eine Glas Wasser sitzen und würde früher oder später wohl sagen: „Schön hier.“ Und es wäre schön. Schön weil ich ihn wieder gesehen hätte, bevor ich mit einer neuen Erinnerung und einem warmen, übervollen Herzen heim fahre. 

Schön war´s, schreibe ich ihm noch und hoffe, dass er weiß, dass mir für mehr die Worte fehlen und ich eigentlich meine, dass er eines meiner zu Hause ist. Eines, das mir besonders wichtig ist.

 

24 Gedanken zu “Bist du da?

    1. Keine Sorge, du trittst mir nicht zu nahe. Mit „meine Freundin“ meinte ich „eine Freundin“. Das klingt beim Schreiben für mich nur ein bisschen austauschbar, daher ist es „meine“, aber nicht im Sinne von Partnerin.

      Liebe Grüße

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      1. Habe ich mir gedacht. Auschtauschbar? Anders?
        Ich vermute, wenn Du von Deinem Partner schreibst, nennst Du ihn , ihn „Deinen Feund“.
        Natürlich haben auch ich Freunde. Ich rede nur von meinem Freund, wenn klar, das ich keinen Partner habe, mir keinen wünsche, sonst lasse ich das „m“ weg,

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      2. Ja, mein Partner ist „mein Freund“. Ich fürchte aber, dass ich auch einen guten Freund ab und zu als „mein Freund“ bezeichne. Da meine Erzählungen immer eine Mischung aus Fiktion und Realität sind, lege ich auf die genau Unterscheidung schriftlich viel weniger wert als im Gespräch mit Freunden oder Bekannten.

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  1. Ja, liebe Mitzi, Zuhause ist weit mehr als die eigenen vier Wände, die manchmal sogar gar nicht Zuhause sein können, weil jemand – etwas fehlt!
    Schön, bist du wieder hier und hattest es „schön“.
    Herzliche Grüße
    Ulli

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  2. Solche Menschen, solche Freunde hat Gott auf die Erde gescickt, um den Menschen eine Freude zu machen – zumindest denen, die es verdienen.
    Ich hoffe von Tag zu Tag, dass ich wieder richtig gesund werde – vielleicht hat in meinem Fall der Teufel kleine Antibiotikateufelchen zu mir geschickt, die die Sache ein wenig schwerer machen.
    Es ist immer so schön, dich von „deinem Italien“ schwärmen zu lesen.
    Ganz liebe Grüße schickt dir Clara

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    1. Oje, du bist noch immer nicht richtig gesund. Jetzt wird es aber langsam Zeit! ich drück die Daumen und schick dir ein paar imaginäre Sonnenstrahlen. Die helfen hoffentlich ein wenig. Liebe Grüße

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      1. Hallo Missy, wir hatten ja in letzter Zeit wirklich schönes Wetter in Berlin. Aber was nützt das, wenn ich nur im Bett gelegen habe? Ich weiß gar nicht, warum ich so ungeduldig bin. Im Grunde genommen war die Operation am 16. Oktober, und das sind gerade mal drei Wochen her.
        Guts Nächtle und liebe Grüße zu dir

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      2. Liebe Mitzi, die Nase macht mir noch die allerwenigsten Probleme. Von der Erkältung will der Husten einfach nicht weggehen, obwohl ich schon eine ganze Flasche Hustensaft verbraucht habe und auch Hustenlöser. Es ist wie verhext. Und zwischendrin trotz Antibiotika ist die Blasenentzündung wieder aufgeflammt. Aber jetzt scheint sie endlich Ruhe zu geben. Aber ich trinke so viel, dass ich mich kaum aus dem Haus trauen kann. Einen knappen Monat hintereinander war ich schon lange nicht mehr krank. Aber jetzt würde ich sagen, es ist besser, aber leider immer noch nicht gut. Danke für deine Nachfrage

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      3. Husten hält sich aber auch immer extrem lange. Ich kann ja machen was ich will, der geht einfach nicht schnell weg. Ekelhafte ist aber die Blasenentzündung. Die kann ich dir leider sehr gut nachfühlen und auch wenn du dadurch Hausarrest hast, trinken ist das einzige was wirklich hilft.

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  3. Als Binnenmigrant erlebe ich immer wieder, wenn ich von Aachen nach Hannover zurückfahre das Gefühl, in die Fremde zu reisen. Als ich letztens in Leipzig war, fuhr ich mit anderen Gefühlen zurück, nämlich fast als wäre Hannover mein Zuhause. Ich kann es nicht wie du an Menschen festmachen, liebe Mitzi. Es ist mehr. An deinen schwärmerischen Schilderungen abzulesen, hat dir der Urlaub in Italien gut getan. Dein Zuhause spannt sich eben von München bis zu verschiedenen italienischen Provinzen. Trotzdem Willkommen zurück!

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  4. Ich lese den Beitrag gerade an einem waschelnassen Donnerstag in einer Craft Beer Bar in Amsterdam, wo es saukalt und zugig ist und ich bei Cola light sitze weil ich kein Bier trinke. Aber es ist schön hier. ❤

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