Wiesn Katarrh

In unserem Treppenhaus stinkt es. Obwohl…eigentlich ist das nicht richtig. Eigentlich riecht es vor den Wohnungstüren verführerisch und feine Düfte ziehen durch das Treppenhaus. Das Erdgeschoss begrüßt den Bewohner mit kräftiger Kohlsuppe. Nach all der Völlerei während des Oktoberfestes ist ein kräftiges und zugleich entschlackendes Süppchen genau das richtige. Man kann die Kneipe, die sie auf die Karte gesetzt hat, durchaus verstehen. Mindestens genauso verständlich ist, dass der Wirt auch nach neun Monaten noch keinen neuen Filter in den Dunstabzug seiner Küche eingebaut hat. Warum auch? Das kostet sicher und viel einfach ist es, einfach die Küchenfenster zu öffnen und dem Innenhof plus unterer Stockwerke via Küchendämpfen mitzuteilen, was es heute zu essen gibt. Seit etwa einer Woche Kohlsuppe. Wahrscheinlich auch anderes, aber der penetrante Geruch von stundenlang gekochtem Kohl überlagert alles. Fast alles. Im ersten Stock riecht es weniger nach Kohl, dafür aber extrem intensiv nach Zwiebeln. Leider nicht nach dem feinen Duft, kleingeschnittener Charlotten, die in einer Pfanne mit Butter langsam angeschwitzt werden und einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Nein, der Zwiebelduft, der aus Herrn Meiers Wohnung dringt ist hart an der Grenze des erträglichem. Ein jeder weiß, dass gegen hartnäckigen Husten am besten ein Zwiebelsud mit reichlich Honig hilft. Ein jeder riecht aber auch, dass Herr Meier da irgendwas falsch verstanden haben muss. Dem Geruch nach hat er drei bis vier Kilo scharfer, weißer Zwiebeln grob zerhackt und in großzügig in der Wohnung verteilt. Nach einem Aufguss mit Honig oder Kandiszucker, der den pentranten Zwiebelgeruch etwas abmildern könnte, riecht hier jedenfalls nichts. Und zu helfen scheint es auch nicht, weil Herr Meier hustet. Und das laut und ausdauernd. Kein Wunder, er hat wie fast jeder den München den Wiesn Katarrh – die typische Erkältung in der Woche nach dem Oktoberfest, die ganze Viertel ereilt und in ihrer Heftigkeit den gefürchteten Männerschnupfen noch bei weitem übersteigt und beide Geschlechter heimsuchen kann. Damit er den nicht alleine hat, hustet Herr Meier gerne im Treppenhaus und da vorzugsweise im Aufzug, damit er auch möglichst vielen Nachbarn zeigen kann, wie schlecht es ihm geht. Ich nehme seit ein paar Tagen die Treppe und versuche möglichst nichts anzufassen, an dem bereits die Hustenhand von Herrn Meier gewesen ist.

Oder die Schnupfenhand von Herrn Ivanow. An die erinnert mich der gewöhnungsbedürftige Geruch nach Borschtsch, der mich kurz vorm Erreichen des Ziels (meiner Wohnung) im zweiten Stock erwartet. Eigentlich riecht der Borschtsch von Familie Ivanow gut. Meistens sogar richtig lecker. Allerdings anscheinend nur, wenn ihn Frau Ivanow zubereitet und nicht ihr Mann, Herr Iwvnow. Ähnlich wie Herr Meier unter ihm, macht er irgendwas anders als anderen und produzierte einen Geruch, der an modrige Erde und faulendes Gemüse erinnert. Bei Ivanows riecht es wie in der Biotonne im August einen Tag vor der Abholung. Nicht gut. Gar nicht gut. Seit heute weiß ich auch woran es liegt. Meine Nachbarin Judith, die Frau Ivanow im Supermarkt getroffen hat, erzählte es mir im Treppenhaus. Herr Ivanow hat seinen Wiesn Katarrh etwas zu sehr zur Schau gestellt und seiner Frau einmal zu oft gesagt, dass sie ein arg hartherziges Frauenzimmer sei. Eines, das sich gar nicht vorstellen kann, wie schlecht es ihm geht. Frau Ivanow, die selbst mit einer eitrigen Mandelentzündung eigentlich das Bett hüten müsste, hat ihm das übel genommen und das Kochen eingestellt. Jetzt muss er und das scheint – dem Geruch nach – nicht zu funktionieren. 

Bei mir riecht es gut. Aus meinem Küchenfenster dringt der Duft feinster Minestrone und der ist so gut, dass er den Kohlgeruch des Erdgeschosses überdeckt und auch die Zwiebeln von Herrn Meier etwas besser riechen lässt. Gegen den Borschtsch, kommt er allerdings nicht an – die Quelle ist einfach zu nah an meiner Wohnung. Auf meinem Herd steht der alte, riesengroße Topf, der früher meinem Opa gehörte und aus alten Armeeküchenbeständen stammt. Er könnte gut und gerne 80 Jahre alt sein und hat schon so viele Kehle glücklich gemacht, dass ich ihn heute aus dem Keller geholt habe. Ich scheine die einzig Gesunde im Haus zu sein und muss mich um die Nachbarn kümmern.  Nicht ganz uneigennützig. Ich bin nämlich anscheinend auch die einzige, die merkt, wie sehr es bei uns seit einigen Tagen im Haus stinkt. Seit mir heute früh auch noch mein hustender und schniefender Nachbar Paul begegnet ist, schlägt mir der Geruchscocktail auf den Magen. Der Mann roch so penetrant nach einer Mischung aus Wick Vaporup und reimportierten Tigerbalsam aus China, dass mir auf nüchternen Magen erst mal schlecht wurde. 

Mit Opas Armee Kochtopf drehe ich jetzt eine Runde durchs Haus. Jeder, der mir verspricht keine weiteren Hausmittel zu brauen und jeder, der das kochen russischer oder entschlackender Spezialitäten einstellt, wird versorgt. Der Rest wird präventiv an blasse und krank wirkende Bewohner verteilt, weil man weiß, dass eine kräftige Minestrone einer jeden Erkältung gewachsen ist. Wie lieb ich bin, sagt Frau Eder als ich etwas Suppe bei ihr abgebe und ich schüttle den Kopf, während ich streng beobachte, wie sie den ersten Löffel nimmt. Lieb bin ich nicht – eher panisch. Ich war nämlich dieses Jahr das erste Mal seit etwa 30 Jahren nicht auf dem Oktoberfest und weil das schon schlimm genug ist, will ich mir den einzigen positiven Aspekt dieser Abstinenz nicht versauen lassen. Den depperten Wiesn Katarrh gang ich mir ganz sicher nicht auf den letzten Metern im Treppenhaus ein. Und jetzt essen, Frau Eder. Und Händ´waschen! 

 

 

24 Gedanken zu “Wiesn Katarrh

  1. Und ich wollte eigentlich nach fast 30 Jahren wieder einmal zum ersten mal auf die Wiesn. Warum ich nicht bin – keine Ahnung. 🙄
    Vielleicht auch besser so. Obwohl – für Deine Minestrone, liebe Mitzi, hätte ich es auch mit jedem Wiesn Katarrh aufgenommen. 😉
    Naja, nach der Wiesn ist bekanntlich auch wieder vor der Wiesn. 😀

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. Kannst Du mir bitte etwas von Deiner Minestrone schicken? Nicht für mich, sondern für eine Kollegin, mit der ich einen PC teile – als ich sie neulich ablöste, konnte sie kaum sprechen und atmen, weil ihre Nase zu war und ihr ständiger Husten sie daran hinderte. Als ich sie einigermaßen entsetzt fragte, wieso sie sich nicht krank gemeldet habe, antwortete sie, sie habe zwei Tage später eine Verabredung, und ein Arzt hätte sie sicher mindestens eine ganze Woche krank geschrieben, das habe sie nicht riskieren wollen. Glücklicherweise habe ich noch eine andere – hypochondrische – Kollegin, und ich weiß, wo sie ihr Desinfizierungsspray versteckt. Allerdings ist die Flasche fast leer, wenn ich sie mit Deiner Minestrone nachfülle – das könnte hilfreich sein.

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    1. Also diese Kollegen, die habe ich wirklich gefressen. Schleppen sich krank ins Büro – als Märtyrer fast – und stecken alle an. Aber so eine Verabredung, die ist natürlich schon ein Grund, die ganze Kompanie anzustecken 😉
      Ich schick dir ein paar Liter!

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  3. Mitzi, du bist ja süß – du wirst gleich die Aufmerksamkeit des Münchener Morddezernats auf dich ziehen. Du weißt hoffentlich, dass ich auf „außergewöhnliche Verschreiberlis“ scharf bin, und diesen hier zähle ich dazu: „nicht nach dem feinen Duft, kleingeschnittener Charlotten“ – ich bin ja nicht so küchenkochsüchtig, aber ich nehme sicherheitshalber Schalotten.
    Ansonsten war das ein leckerer Post für „nach 13.00 Uhr“, denn bis dahin esse ich nichts.
    Lieben Gruß von mir

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  4. Die Minestrone wird schon von Guareschi der bei ihm sehr negativ dargestellten russischen Küche gegenübergestellt (wer hat Don Camillo gelesen und in diesem Fall die Geschichte, die ihn als quasi verdeckten Ermittler mit dem kommunistischen Gruppenausflug in die ruhmreiche Sowjetunion verschlägt? Aber das sind ja auch 2 sehr ländliche und wenig weltoffene Italiener aus dörflichster Poebene!). Aber auf die Wies’n bringen mich keine 8 Kaltblüter vorgespannt – höchstens mal, aber selbst das gefiele mir nur bedingt, auf die oide Wies’n. Ich kann aber schon mit kleineren Volksfestivitäten nichts anfangen, nicht mit dem Wasn (man sollte dort doch die sprichwörtlichen Hasen grasen lassen) oder was auch immer und in Wien wäre der Prater sicherlich eines meiner allerletzten Ziele. So viele Menschen, so viel Lärm, Gedränge, Monetenfallen…! O je, nix für mich, und das gilt auch für Fasching, Fasnet, Karneval. Eine Erkältung oder Verstimmung der gesamten Verdauung kann ich mir auch anderswo holen. Eine sonstige Verstimmung ohnehin. Als Kind oder im Jugendalter auf derlei Veranstaltungen verschleppt – das macht Spaß, Freude, das gefällt jedem! – habe ich mich redlich bemüht (wie um andere kulturelle Errungenschaften, Rauchen etwa, Discobesuche) – ohne Erfolg. Aber dafür weiß ich nicht nur, wo die Pinakothek (und andere, Glyptothek, Antikensammlung, selbstredend Valentin – Musäum…) ist, sondern war sogar schon drin, jedoch noch nie am Stammtisch des himmlischen Münchners mit den seither vermißten Ratschlägen für die bayerische Regierung.
    Da aber schon Lenin sich gegen die Extreme ausgesprochen hat (siehe Don Camillo) muß ich vielleicht doch noch, aber wie gesagt, wenn, dann nur die oide, Wies’n ausprobieren?

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    1. Du musst gar nix. Ich glaub, die Wiesn passt oder sie passt nicht. Ich kann es sogar verstehen. Wenn mir einer mit Fasching oder Karneval kommt, dann renne ich. Weg. Es ist einfach nichts für mich und ich kann damit nichts anfangen. Die Wiesn lebt für mich wegen der Freunde mit denen ich dort bin. Dann ist es etwas herrliches und ich sehe den dreckigen restlichen Wahnsinn einfach nicht. Und müsste ich jemanden mein München zeigen, dann würde ich ihn auch zu den Pinakotheken oder an hundert andere Orte zu erst bringen. Außer er hat Lust auf den Wahnsinn der Wiesn 😉

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  5. Hilft gegen extreme Geruchswelten nicht Kaffeesatz? Einfach aus der Kanne in eine Schale kippen und ins Treppenhaus stellen… Ob das aber wirklich auf so großem Raum funktioniert?

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