Mach´s gut

Irgendwer sagte einmal, dass keiner wirklich weg ist, solange es Menschen gibt, die an ihn denken. Ob es auch auf jene zutrifft, die nie wirklich da waren, weiß ich nicht.

In meiner Schublade liegt ein kleines, von meiner Mutter gehäkeltes Jäckchen. Generationen meiner Stoffbären haben es getragen, nur nie das kleine Kerlchen für das es gemacht wurde. Sternenkinder nennen sie manche. Bei uns hat er einen Namen. Er wird nicht mehr oft ausgesprochen, wurde es nie, weil wir ihn nie kennen gelernt haben. Aber das kleine Jäckchen, das bleibt und ich mag es. Es macht mich nicht traurig, weil es mir schwer fällt etwas zu vermissen, dass ich nicht kannte. Und doch, ab und zu und ausnahmslos immer am 11. August, denke ich an ihn. An meinen kleinen Bruder, den ich wirklich gut hätte brauchen können. Gerne hätte ich es ihm überlassen, der jüngste in dieser großen Familie zu sein. Wahrscheinlich auch der Größere von uns beiden, was bei meinen Kinderzimmerregalen durchaus von Vorteil gewesen wäre. Überhaupt hätte man sich gut brauchen können. Als jüngste zieht man viel zu oft die volle Aufmerksamkeit der Eltern auf sich. Ein wenig mehr Ablenkung und geteilter Ärger wäre schön gewesen. Wir hätten uns sicher auch ganz wunderbar gestritten. Mit einer großen Schwester wie mir, hätte er gelernt sich durchzusetzen und wäre auf geballten weiblichen Wahnsinn ganz famos vorbereitet gewesen. Und heute, heute würden wir, an seinem Geburtstag vielleicht zusammen in der Sonne sitzen und uns fragen wie wir in so kurzer Zeit, so alt werden konnten. 

Wir haben uns nie kennen gelernt, aber ich glaube, wir hätten uns gemocht. Deine kleine Jacke hebe ich weiter auf. Nicht um sie zu verschenken. Vielleicht würde es Unglück bringen. Ganz sicher sogar. Es ist ja wirklich scheiße, an seinem Geburtstag gleich zu sterben ohne auch nur einmal gelacht oder geweint zu haben. Wer weiß wofür es gut ist, sagen manche. Für gar nichts, sage ich. So etwas gehört zu den Scheiß-Dingen auf der Welt. Die kann man nicht schön reden. Man kommt nicht auf die Welt, nur um sie gleich wieder zu verlassen. Obwohl…das hast du ja nicht einmal. Du warst neuen Monate kerngesund und nur an diesem einem Tag lief alles schief. Shit happens, kleiner Bruder. Das hättest du auch noch gemerkt, wenn du die Chance gehabt hättest. Dann hättest du deinen Geburtstag 1999 auch beim Beobachten der vollständigen Sonnenfinsternis feiern können. Die war so unglaublich, dass ich fast vergessen hatte an dich zu denken. Nur fast. Als sie ihren Höhenpunkt erreichte, tat ich es doch. Wie jedes Jahr. 

Ich mach es noch ein paar Jahre. Heute mit einem Glas eiskaltem Rosé. Auf dich, Markus. Im nächsten Leben stoßen wir gemeinsam an, dann bleibst du etwas länger. Fünfundachtzig Jahre bei guter Gesundheit, sollten dir mindestens zustehen. Nach dem Mist beim ersten Mal. Mach´s gut, kleiner Bruder. Bis nächstes Jahr. 

35 Gedanken zu “Mach´s gut

  1. Hallo Mitzi,

    im Film der Blaue Vogel heißt es, sie sind nicht wirklich weg, sie schlafen nur. Und jedes Mal, wenn man an sie denkt, wachen sie auf und leben für kurze Zeit wieder.

    Eine sehr traurige, sehr schöne Geschichte. Zumal heute zwei Menschen ihren Geburtstag hätten/haben: Der Eine ist nicht mehr da.. Die Andere hat alle Brücken hinter sich abgebrochen, in Vertretung sozusagen. Problem mit Verwandten von Verwandten. Und ich hänge zwischendrin.

    Also sage auch ich heute zwei Mal leise in die Leere „Alles Gute zum Geburtstag!“.

    Alles Gute
    Mira

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    1. Liebe Mira,
      ein sehr schöner Gedanke. Traurig, aber auch wunderschön.
      Manchmal glaube ich, dass es fast noch trauriger ist, wenn Menschen die noch „da“ sind, es doch nicht mehr sind. Dazwischen hängen…..etwas ganz ungutes.
      Liebe Grüße und danke.
      Mitzi

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  2. liebe mitzi, du hast einen wunderschönen text geschrieben über ein thema, das glaube ich sehr sehr oft zu sehr unter den tisch fällt. ich glaube, sternenkinder spielen in unglaublich vielen familienkonstellationen eine große rolle, werden aber so totgeschwiegen (im wahrsten sinne), dass ihre bedeutung vielleicht sogar nie bemerkt wird und ihr verlust nie verarbeitet. umso besser, dass es bei euch nicht so gewesen zu sein scheint und markus einen platz bei euch hat.

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  3. Wir sollten nicht aufhören an unsere Sternenkinder zu denken. Ich werde meinen Sohn auch nie vergessen, obwohl ich ihn nie sehen durfte, nur 34 Wochen in mir haben. Die Tage an denen er starb und der, an dem er geboren wurde sind jedes Jahr besonders. Einer davon ist der Valentinstag. Auch eher unschön, aber den feiere ich so oder so nicht.

    ..grüßt dich Syntaxia

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    1. Liebe Syntaxia, 34 Wochen sind so wenig und doch viel zu viel um je zu vergessen. Es werden immer besondere Tage bleiben und auch wenn es weh tut, ich glaube auch, dass man nicht aufhören sollte an die kleinen Wesen zu denken. Liebe Grüße Mitzi

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  4. Mitzi, falls es einen Himmel gibt, schaut deiner kleiner Bruder Markus – inzwischen ja auch im Himmel zum Mann geworden – auch mit einem Glas in der Hand zu dir runter und stößt mit dir an. Er weiß sicherlich, dass er was verpasst hat, weil er dich, seine Eltern und seine anderen Geschwister nicht kennen gelernt hat.
    Ich habe Geschwister immer sehr gewollt und vermisst, aber nie welche gehabt.

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  5. Ein wunderschöner, existentieller Text zu einem traurigen aber wichtigen Anlass. Ich bin mehr denn je überzeugt, dass die Anerkennung unserer nie zum Leben geborenen Schwestern und Brüder eine wesentliche Dimension ist, und dies nicht nur bei Sternenkindern, sondern auch bei denjenigen, die nie zur Welt kommen durften und die man am liebsten vergessen würde.

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