10.000 Dinge I (Aus dem Archiv 25.10.2015)

Sehen Sie mir nach, dass ich im Juli noch ein wenig weiter aus dem Archiv berichte. Der Sommer ist so herrlich und so vollgestopft mit abendlichen Aktivitäten, dass ich mir diesen Monat noch „frei“ nehmen werde. Ein Großteil kennt die Texte der Anfangstage hoffentlich nicht und ein weiterer Teil ist ebenso wie ich mit dem Sommer beschäftigt und kommt nicht zum Lesen. An meiner Seite das Notizbuch für neues…dann wenn die Temperaturen unter 30 Grad fallen und ich nicht mehr abendlich in die Isar springen muss/darf. 

Ich habe gelesen, dass der durchschnittliche Deutsche etwa 10.000 Dinge besitzt. Selbst wenn man jede Gabel und jeden Strumpf einzeln zählt, erscheint mir die Zahl sehr hoch. Angeblich ist es uns schier unmöglich, unseren Besitz zu reduzieren. Obwohl es mir eigentlich egal ist, möchte ich wissen wie viele Dinge ich tatsächlich besitze. Da ich weder Lust noch Muse habe mein Besteck oder meine Unterwäsche einer Inventur zu unterziehen, beginne ich mit dem größten Posten – Bücher. 1.018 Stück (eben gezählt) stehen in den Regalen meiner Wohnung, liegen auf den Tischen oder stapeln sich auf dem Boden. Vier davon sind ungelesen und zwei werde ich auf die Altpapiertonne im Keller legen.  Vielleicht mag sie ein anderer lesen.  Vom Rest will ich mich nicht trennen.

10.000 Dinge. So viel ist es am Ende gar nicht. Alleine das Tütchen mit den Ikea-Teelichtern erhöht den Besitz auf einen Schlag um 100 Gegenstände. Gäbe es eine Obergrenze für Besitztümer, meine Bücher brächten mich in eine schwierige Situation. Die 1.012 Stück stehen schließlich nicht umsonst in meinen Regalen. Beim letzten Umzug wurde ich eindringlich darum gebeten, sie einer Prüfung auf Aktualität und Zuneigung zu unterziehen. Drei von damals ca. 900 fanden den Weg auf – natürlich nicht in – die Altpapiertonne. Im Rest befinden sich, auf Papier gedruckte Worte, die zu mir gehören. Alles andere, Worte die mich kurzfristig interessierten oder an einem Sonntag am See, nett aber ohne Nachhall, unterhalten haben, hat es eh nicht in mein Regal geschafft. Es ächzt, das Regal. Aber wie könnte ich es ihm leichter machen und Bücher weggeben?

Zum Beispiel „Madame Bovary“ von Flaubert. Meine erstgeborene Tochter hätte ich früher einmal Emma genannt. Ein fataler Fehler, den Flaubert mir ersparte.  Ohne das Buch hätte mein Kind den Namen einer kopflos Liebenden getragen. Meine Emma hätte im Sand gespielt, während ihre Mutter, im Schatten sitzend, den grauenvollen Arsen-Tod der Namensvetterin vor Augen hat. Danke, Gustave. Auch für „Ein schlichtes Herz“, das mich ein Statistik-Kolloquium ertragen lies. Natürlich habe ich die Prüfung am Ende nicht geschafft – Flaubert ist schuld. Irgendjemand muss es ja sein. An meinem Hang zu Schachtelsätzen und willkürlich gestreuten Kommata (deren Plural möglicherweise längst Kommas ist), ist es Thomas Bernhard. Er, der die Regeln der Zeichensetzung zweifellos beherrschte, hat mich mit seinen langen Sätzen und ständigen Wiederholungen verwirrte und zugleich herrlich auf stundenlangen Zugfahrten unterhalten. War er mir nach zwei Stunden zu anstrengend, übernahm John Irving die Rolle des Unterhalters. Und das auf so großartige und kurzweilige Art und Weise, dass ich zwei Mal an Verona vorbei, in ein kleines, mir unbekanntes italienisches Kaff fuhr. Dort habe ich ganz zufällig eine Buchhandlung entdeckte und mir „Der kleine Prinz“ gekauft. Mein erstes italienisches Buch musste eines sein, dessen Inhalt ich bereits kannte. Man sagt, dass all jene den kleinen Prinzen als ihr Lieblingsbuch nennen, die sonst kaum ein Buch gelesen hätten. Ich finde, sie hätten eine weit schlechtere Wahl treffen können. In einer fremden Sprache wirkt ein bekanntes Buch ganz neu. Wie könnte ich also eines der beiden Exemplare weggeben, nur weil es sich oberflächlich betrachtet um das gleiche Buch handelt?
Ich besitze auch zwei Ausgaben von Platons „Der Staat“. Die Eine ist meinem Freund vor Jahren in die Badewanne gefallen. Damals war es noch unsere Badewanne und das Buch mit den welligen Seiten bedeutet mir etwas ganz anderes, als die neue, lesbare Version im Regal. Überhaupt haben mein damaliger Freund und ich gut daran getan viel und gerne zu lesen. Wir hätten uns ohne die Worte Anderer an vielen Abenden weit weniger zu sagen gehabt. Wir hätten auch weniger gestritten. Über Dante, Homer und Herodot, von denen der Bücher-Ertränker vorgab sie zu verstehen und sich weigerte mir eine bequeme Kurzfassung zu liefern. Am Ende tat er es doch und als er auszog blieben sie bei mir. Jahre später habe ich sie selbst gelesen und ihm eines, das ihm, aber nicht mir, gefiel, zurück gegeben. Die „Griechischen Sagen“ wollte er damals unbedingt mitnehmen. Ich kaufte sie ihm neu. Das Buch in unserem Regal schenkte mir mein Großvater. Ich musste es natürlich behalten.
Ebenso wie den kurzweiligen Roman mit dem Rotweinfleck auf Seite 41. Dieses Buch bekam ich von einer Freundin zum Geburtstag geschenkt. Ich bat meine Freunde in jenem Jahr, mir ein Buch zu schenken, das sie selbst gelesen und gemocht hatten. Sie hatte genau verstanden was ich meinte – schenk mir etwas mit Seele. Die Seele des fleckigen Buches bestand darin, dass es während eines Fluges gelesen und beschmutzt wurde. An einer Stelle lachte sie, meine Freundin, so herzhaft, dass sie den Wein aus dem Glas in ihrer Hand verschüttete. Warum sie während eines 90 Minuten Fluges am Vormittag ein Glas Wein dringend benötigte ist eine andere Geschichte. Der Fleck auf Seite 41 erzählt sie. Ich muss dieses Buch natürlich behalten.

Weit großzügiger bin ich im verschenken von Büchern, die ich mir selbst gekauft habe. Da bin ich fast schon penetrant. Meine Mutter irritierte ich vor einiger Zeit als ich den Nachttisch meines Vaters mit einem Buch, auf dessen Einband sich eindeutig Hitler befand, bestückte. Meine Erklärung, dass es sich um „Er ist wieder da“ handle und durchaus zum nachdenken anregte, interessierte sie nicht. Vielleicht lag es daran, dass daneben ein weiteres Buch lag, auf dessen Cover Kim Jong-un dämlich grinste. Den harmlose Titel „Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea“ las sie gar nicht erst und ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, beide in der Badewanne zu verbrennen. Sehr viel dankbarer ist mein Neffe. Der bekam zum 18. Geburtstag „Schöne neue Welt“. Und was sagt das tollste aller Kinder.? „Cool. Das wollte ich schon immer lesen.“ Kluges Kind. Überhaupt…fantastisches Kind. Und die Quelle einiger Bücher in meiner Sammlung, die ich mir ohne ihn nicht gekauft hätte.

10.000 Dinge. Die Inventur wird fortgesetzt.

6 Gedanken zu “10.000 Dinge I (Aus dem Archiv 25.10.2015)

  1. ich liebe es zu lesen wie du über deine bücher schreibst. ich kenne diese gefühle auch noch von früher, mit ein grund warum ich das e-reader lesen immer noch irgendwie halb blöd (aber doch so praktisch) finde. darum kaufe ich mir bücher, die ich sehr mag, oft doppelt. wenn man sie allerdings elektronisch und nicht auf papier gelesen hat, bleibt das gefühl trotzdem nicht das gleiche. aber über 1000 stück, das ist schon eine ganz schöne menge ❤ (ich weiß übrigens so gut, was du mit "Geschenk mit Seele" meinst)

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  2. Ich kann nur mutmaßen, aber vielleicht sind die 10.000 Dinge inklusive Bahncard, Verträge, Aktien, Bankkonten und vor allem Internetaccounts… Sowohl damit als auch mit den Dingen im Keller könnte es tatsächlich eng werden. Auch wenn ich nur 108 Bücher in meinen Regalen besitze. Aber sollte ich demnächst mal wieder ausmisten, werde ch mich an deinen Beitrag erinnern ^^

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    1. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, was alles dazu zählte. Wenn Fotos einzeln gerechnet werden oder jede Gabel in einer großen Familie…..Ausmisten schadet aber nie. Ich denke fast jeder schleppt viel zu viel mit sich rum. Je älter er wird und umso mehr Platz er hat, umso schlimmer.

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