Schandwuchs

Eine Schande für die Nachbarschaft, sei ich, ließ mich meine Nachbarin Frau Obst, bei meinem Einzugs wissen. Gefährlich weit beugte sie sich in jenem Jahr über die Brüstung ihres Balkons und warf entrüstete Blicke auf den meinen. Monierte sie sich sonst über meist über ein Zuviel – zu viele Fahrräder vor dem Haus, zu viel falsch sortierter Müll oder zu viel Lärm in der Mittagszeit – war es bei mir ein Zuwenig, das ihr ins Auge stach. Sie konnte nicht wissen, dass ich schnell die Seiten wechseln würde. Das meine Schande des nichts, ganz bald zur Schande des Zuviel werden würde. Auch ich hatte angepflanzt und sie musste sich keine Sorgen machen. Mein Balkon würde nicht leer bleiben. Er würde wie all die anderen prächtig und üppig bepflanzt das Haus verschönern. Nur im April, da schlief er noch. Da überließ er die Bühne den blühenden Bäumen, weil es sinnlos ist mit einem explodierendem Kirsch- oder Apfelbaum zu konkurrieren. So sinnlos wie meiner Nachbarin zu erklären, dass ich ihrem Wunsch nach Verschönerung ganz sicher entsprechen würde. Oder auch nicht, den Schönheit liegt im Auge des Betrachters und das Auge, das meinen Balkon im Blick behielt, gehört zu den besonders kritischen.

Auch dieses Jahr ruht es wieder auf den Kästen, in denen noch nichts zu sehen ist. Nicht, wenn man nur den Oberkörper über die Brüstung reckt und nicht mehr gut sieht. Ich aber sehe es schon. Sehe die ersten zarten, hellgrünen Punkte, die über Nacht, wie durch ein Wunder ganz plötzlich da sind. Wie meist, habe ich längst vergessen, was ich in den Wochen vorher ausgesät habe und was dieses Jahr, in den Augen von Frau Obst, zur Schande der Nachbarschaft werden wird. In einem Kasten ist eine Bienen- und Schmetterlingsmischung. Wild blühendes Chaos, das manchmal eine überraschende Höhe erreicht. In einem etwas, das ich in einem Glas im Keller gefunden habe und von dem ich hoffe, dass es Kräuter und nicht etwa Kürbise werden und in einem anderen etwas, von dem ich nur weiß, dass es im letzten Jahr nach unten hing und so üppig wuchs, dass auch das letzte bisschen Beton meines Balkons verdeckt wurde. Dazwischen Töpfe mit winzigen Pflänzchen, die man mir schenkte, weil man weiß, wie gerne ich etwas beim Wachsen beobachte. Eine kleine Tomate, die größer als ich werden wird, zum Beispiel. Die bekam ich von einer Standfrau auf der Auer Dult im Tausch gegen eines meiner Bücher geschenkt. Oder zwei winzige Stengelchen, aus denen buschige Physalis werden sollen. Die drückte mir meine Schwester in die Hand, nachdem ihr klar wurde, das mein Balkon etwas kleiner als der Hof unserer Familie ist und für prächtige Salatgurken kein Platz ist. Es wird, beruhige ich Frau Obst, obwohl sie sie wissen sollte, dass sie und alle anderen Nachbarn sich bald selbst überzeugen können.

Nein, nicht auf meinem Balkon, sondern im Treppenhaus. Wie jedes Jahr wird es hier in München nach den ersten sonnigen und warmen Wochen noch einmal richtig kalt. Morgen könnte es sogar schneien und das mögen weder der Bienenmix, noch die Tomaten und Physalis. Ich werde also alles in unser helles Treppenhaus schleppen und die Nachbarn an der Freude des Wachsens und Keimens teilhaben lassen. Für den Kinderwagen wird etwas eng werden, aber solange der Aufzug nicht ausfällt, ist das kein Problem. Ohne das Intermezzo im Treppenhaus würde mir die Aufzucht auch längst nicht so gut gelingen. Seit Jahren frage ich mich, wer es wohl ist, der heimlich die Tomaten ordentlich nach oben bindet und gestern den beiden Physalis Winzlingen Bambuskletterhilfen in die Töpfe gesteckt hat. Irgendwer muss auch gießen, denn immer wenn ich komme, ist die Erde bereits feucht. Letztes Jahr stand eines morgens sogar ein weiterer Blumenkasten neben den meinen. Die Kapuzinerkresse war zu dicht gewachsen und eine helfende Hand hatte sie heimlich versetzt, damit die kleinen Kerlchen auch ordentlich Platz zum Wachsen haben. An allem was rankt hängt am zweiten Tag ein Zettel von Frau Obst mit dem Hinweis, dass jede Ranke, die sich über die Brüstung hinweg zu ihr verirrt, gnadenlos von ihr gestutzt werden wird. Und wie jedes Jahr, weiß ich, dass das nicht stimmt. Im Gegenteil, sobald meine Blumen ihren Balkon erreicht haben, ermahnt sie mich, ordentlich zu düngen und ich habe sie schon dabei ertappt, wie sie heimlich über zarte Blüten gestrichen hat. Eine Schande nennt sie mich dennoch. Bei keinem Balkon hängt soviel Grünzeug über das Geländer wie bei meinem. Bei mir wächst es nicht, es wuchert. Meine Margeriten stinken und meine Tomaten würden zum Erbrechen süßlich riechen. Und nur weil im Moos des Osternestes vor vier Jahren plötzlich ein Samen aufging, sei das noch lange kein Grund eine Tanne heranzuzüchten. Doch nicht mitten in der Stadt.  Auch Herr Meier beschwert sich im Vorbei gehen und klärt mich auf, dass ich einen rechten Schmarrn anpflanze. Wir würden in Bayern leben und auf einen Balkon gehören Geranien und Petunien. Punkt. Vielleicht noch a bisserl Weihrauch und Bidens sonst aber auch nichts. Dennoch steckt er jedes Jahr heimlich ein paar Nusskerne in meine Kästen, weil ihm ein ordentlicher Walnuss oder eine Haselnussstaude vor dem Haus dann doch gefallen würde. Auch Frau Hinteranger aus dem Hinterhaus schaut ab und zu bei meinen Kästen vorbei und passt auf, dass ich sie nicht zu früh wieder nach draußen stelle. „Erst nach´m Sopherl, geh!“, erinnert sie mich und meint die kalte Sophie, mit der die Eisheiligen enden. 

Bis Mitte Mai kümmere ich mich nicht um meine Pflanzen im Treppenhaus. Obwohl ein jeder über sie schimpft, sind sie in guten Händen. Dem Wunder frisch sprießender Pflanzen kann sich keiner entziehen. Gerade erwischte ich Frau Obst beim Gießen. Sie schimpfte dabei, aber das liegt in ihrer Natur. 

29 Gedanken zu “Schandwuchs

  1. … Wir haben dafür gerade einen gemeinschaftlichen Hof-Flomarkt hinter uns!😀Und statt voll Gerümpel, wie vor zwei Jahren, als ich eingezogen bin, ist der Hof inzwischen regelrecht grün. Da geht also was, obwohl am Anfang alle Türen fest verschlossen waren… Frohes Weitersäen dir!😀 Sarah

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  2. herrlich geschrieben! auf meinem Balkon wuchert es auch, zu den Nachbarn hinunter und auch hinauf…haha. ich stelle mir manchmal vor, wie schön unsere Siedlung wäre, wenn alle Balkone so grün und blumig wären…..man müsste schon vom Boden her Pflanzen hochwachsen lassen, welche die kahlen und unschönen Metallträger umrankten….bis unters Dach. Das wäre was.

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      1. Eine Schande für die Nachbarschaft, sei ich, ließ mich meine Nachbarin Frau Obst, bei meinem Einzugs wissen. Gefährlich weit beugte sie sich in jenem Jahr über die Brüstung ihres Balkons und warf entrüstete Blicke auf den meinen.
        Oft reicht es schon, die ersten beiden Sätze zu lesen … 🙂
        Oberklugscheißerchen Herr Ösi

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      2. Ach Herr Ösi, ist das denn gentlemanlike, wenn sie dieser alten BesserwisserDame so deutlich vor Augen führen, dass ihre Demenz oder gar Alterssenilität schneller zunimmt als ihre Zahlen im Geburtsdatum. Diese Dame hat am Ende eines Textes schon wieder vergessen, was sie am Anfang gelesen hat – vielleicht sollte sie nur noch halbe Texte lesen.
        Aber wir können beide beruhigt sein, bei einer „Dame“ kann es sich unmöglich um mich handeln.
        Und prost auf alles Gewächs und Gekreuch und Gefleuch sagt
        Clara mit schmunzelnden Augen

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      3. Ich musste auch sehr schmunzeln, Clara, als ich die Antwort von Herrn Ösi gelesen habe. Zack, ein Satz der sitzt. Zum Glück war es nicht ich, die beim Schreiben den Wurm reingebracht hat. Demenz können wir bei dir ausschließen. 🙂

        Liken

      4. Dieser Satz war es:
        „An allem was rankt hängt am zweiten Tag ein Zettel von Frau Obst mit dem Hinweis, dass jede Ranke, die sich über die Brüstung hinweg zu ihr verirrt, gnadenlos von ihr gestutzt werden wird.“
        … der hat mich schlussfolgern lassen, dass Frau Obst UNTER Mitzi wohnen muss oder müsste.

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      5. Je nachdem wie Balkone in einem Haus angeordnet sind, hätte das mit dem unten doch aus auch Sinn gemacht. Könnte ich zeichnen, dann würde ich das ganze Haus für euch einmal aufzeichnen. Kann ich aber leider nicht.

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      6. Wie schön, dass ihr so aufmerksam beim Lesen seid. Es hat sich ja schon aufgelöst, aber Frau Obst wohnt neben mir. Anfangs hatte sie einen Balkon der von meinem doch einen Knick im Haus ein paar Meter entfernt war. Jetzt wohnt sie auf der anderen Seite neben mir und unsere Balkone sind nur durch eine Trennwand getrennt.

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