Grazie, coraggioso amico.

Die Piazza Grande in Locarno kenne er nicht besonders gut, sagt der mutigste meiner Freunde. Man könne dort einen Kaffee trinken und dann später nach…. Nein, ich unterbreche ihn etwas ruppig. Ich möchte direkt nach Italien. Obwohl ich es nicht ausspreche, fügt mein Blick ein „Hopp! Mach schon.“, an und er lacht. Lacht, obwohl ich wirklich etwas unfreundlich geklungen habe. Ich hätte mir die Piazza schon angesehen schiebe ich freundlicher hinter her. Wirklich schön. Sehr mediterran, aber…diesmal ist er es der mich unterbricht. Nur fast, oder, fragt er und ich nicke. Es ist nur fast Italien und ich brauche es heute und jetzt ganz dringend. Ihn und Italien – denn diese Kombination ist die schönste und ich hatte sie lange nicht mehr. An der Grenze atme ich erleichtert aus und sage leise hallo. Zu ihm, der neben mir sitzt und zu dem Land, in dem ich vor Jahren ein kleines Stück von mir zurück gelassen habe. Als ich nach München zurück kehrte, habe ich es lange nicht gemerkt. Ich bin glücklich in meiner Heimat und möchte weder meiner Freunde noch meine Familie zurück lassen und doch weiß ich seit vielen Jahren, dass ich ein Stück von mir bei meinem übereilten Aufbruch in Verona zurück ließ. Ein paar Gramm Magen, etwas Verstand und ein gar nicht mal so kleines Stückchen Herz. Ich kann gut ohne diese Stücke leben, aber ab und zu muss ich runter und über die Grenze um für ein paar Stunden alles einzusammeln und die Lücken zu füllen. Einen kleinen Teil habe ich bei unserem Abschied vor Jahren auch in seine Tasche gesteckt und wenn er neben mir in Italien steht, dann bin ich vollständig. Dann schließt sich der Kreis.

Mein Buch ist fast fertig. Vor einem Kapitel drücke ich mich. Das des Abschieds. Ich weiß jetzt, dass es zu früh war und mir deshalb eben diese kleinen Teile fehlen. Ich mag nicht darüber schreiben, weil ich nicht daran denken kann, wie wir uns das letzte Mal gewunken haben ohne loszuheulen. Es muss in diesem Moment gewesen sein, als ich in das Auto stieg und er oben am Balkon stand, als ich ihm dieses kleine Stück in die Tasche steckte. All die Jahre hat er gut darauf aufgepasst. Bringt es mir an Weihnachten vorbei und schickt es ab und an per Whatsapp in Form eines Fotos. Das ist wichtig, weil es ja ein Stück von mir ist. Auch heute hat er es dabei. Legt es mir in den Schoß als wir in einem kleinen Ort von dem ich noch gehört habe anhalten. So, Italien, sagt er und stupst mich an. So, Italien, sage auch ich und fühle mich ungewohnt übervollständig. Wie schön er das fehlende Stückchen poliert hat, als er eine Trattoria aussucht, von der er wohl weiß, dass sie mir gefällt. Wein? Ja bitte. Selbst die kleinen Ecken und Kanten hat mein Stück, das mir fehlte noch. Die eine nervt mich immer. Jene, die jeden Kellner dazu veranlasst ausschließlich mit ihm zu sprechen und mich nicht einmal anzusehen. Klar, er bestellt für uns beide ist höflich und zuvorkommend, aber ich sehe dem Kellner an, was er denkt. Italiener mit deutscher Freundin. So war es schon immer. So wird es wohl immer sein. Ich habe keine glatt geschliffenen Stücke von mir zu vergeben. Irgendeine Schramme hat jeder Teil von mir. Ich spür sie aber nicht, wenn ich mit ihm, dem Mutigen zusammen bin. Es ist ok, es stimmt ja, ich bin die deutsche Freundin. Das Dessert bestelle ich selbst und kann die blöde Speisekarte an der Wand nicht entziffern. Dass er grinst und zu lachen beginnt macht es nicht besser. Das darf es auch nicht. Er muss grinsen, dann fühle ich mich zu Hause. Sorgfältig passt er auf, dass der Teil von mir auch wirklich genau in die Lücke passt und schlägt vor mit der Fähre an das andere Ufer zu fahren. Mobbyline schreie ich enthusiastisch und er verdreht die Augen, weil die kleine Autofähre nun wirklich nicht mit dem Fährschiff zwischen Elba und dem Festland vergleichbar ist. Mir ist es egal. Nun auch noch Wasser.

Als er mir später am Abend eine Zugkarte zurück in das Bergdorf kauft umarmt er mich lange. Vorsichtig nimmt er mir das kleine Stück von mir, das ich ihm vor Jahren in die Tasche gesteckt habe, wieder aus der Hand. Ich muss es ihm dalassen und ich weiß, dass er gut darauf aufpassen wird. Im Gegenzug bekomme ich neue Erinnerungen. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie viel Leben und Freundschaft er und ich in wenige Stunden packen können. Ein geklauter Schirm ist nur eine davon. Nicht die wichtigste, aber wahrscheinlich die, über die wir an Weihnachten lachen werden.

In meiner Hand ein Glas Weißwein, die Beine in der Sonne und den Frühsommerabend genießend sitze ich in München auf meinem Balkon. Trotz und wegen der Teile von mir, die vor Jahren in Italien zurück geblieben sind, bin ich sehr, sehr glücklich. Besonders weil ich weiß, dass ein ganz besonders wichtiges Stück von mir, weiter in seiner Tasche liegen wird. Langsam lege ich später ein winziges, kaum sichtbares Stück von ihm zurück in die Teedose auf dem Küchenregal. Wahrscheinlich hat er nicht einmal bemerkt, dass ich es habe. Bei unserem Abschied in Verona, habe ich es heimlich mitgenommen und seither immer bei mir. Es ist viel kleiner als das meine und ich glaube er merkt es nicht. Falls doch, nimmt er es mir hoffentlich nicht übel. Ich musste es klauen. So wie den Schirm.

20 Gedanken zu “Grazie, coraggioso amico.

    1. Als Romeo und Julia eigenen wir uns nicht. Aber man vermisst auch seine guten Freunde – ich die meinen eigentlich ständig. Am liebsten hätte ich alle in der gleichen Stadt.
      ´Von dem Festival habe ich gelesen – ein schöner Ort dafür.
      Viele Grüße
      Mitzi

      Gefällt 2 Personen

  1. fast wären mir tränen in die augen gestiegen, weil soviel gefühl in deinen worten mitschwingt. ich möchte gerne über den überstürzten abschied lesen, den du schon öfter angerissen hast, über den ich aber noch nie ausführlich zu lesen bekommen habe. aber ich kann es verstehen, wenn du dich davor drückst. es sind diese abschiede und diese vielleicht ein bisschen unvollendeten beziehungssinfonien, die letztlich in der lage sind, gefühle dieser art und intensität so zu konservieren, dass sie auf ewig bei begegnung sofort wieder auftreten.

    Gefällt 1 Person

    1. Eigentlich gibt es gar nicht so viel darüber zu schreiben. Gerade muss ich. Für das Italien Buch hiflt es nichts – kein Anfang ohne Ende. Ich bin auch ein schrecklich sentimentaler Mensch ;).
      Ein gutes hat es aber. Auch wenn der Abschied zum falschen Zeitpunkt erfolgte…er bedeutete kein Ende. Es ist anders heute, aber Italien ist immer noch ein Teil und ich mit meinem Freund noch immer befreundet.
      Trotzdem….ich hab alles fertig, nur nicht dieses blöde Kapitel.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s