Ich muss…

Bald werde ich am Hauptbahnhof stehen. Mit Herzklopfen.  Ich bin der festen Meinung, dass kein Mensch sich dem ganz besonderen Zauber eines Bahnhofes entziehen sollte. Man sollte dort unbedingt ein paar Herzschläge lang ruhig stehen und das leichte Ziehen im Magen genießen. Sie wissen wovon ich spreche. Dieses Sehnsuchtsgefühl, das einen so glücklich und auch so unglaublich traurig sein lässt. Ich liebe es.

Der Münchner Hauptbahnhof ist hässlich. Grau, lieblos und bei Wind zieht es eisig über die Bahnsteige. Kulinarisch ist mittlerweile einiges geboten, früher aber, als ich noch regelmäßig mit dem Zug nach Italien fuhr, schmeckte nichts und alles war unglaublich teuer. Trotzdem kaufte ich mir vom knappen Geld immer zwei anspruchslose Zeitungen, eine Flasche Wasser, eine Butterbreze und eine Nussschnecke. 9 Euro, deren Ausgabe einem Ritual glich, von dem ich nicht abweichen wollte. Über der Schulter hatte ich die alte Reisetasche meines Vaters und ging etwas schief, weil ich immer zu viel dabei hatte. Das Ticket kaufte ich zwischen den Zeitungen und der Nussschnecke. Mit klopfendem Herzen sagte ich dann, Verona, Pisa, Mailand oder Neapel. Die Namen der Städte änderten sich, das Ziel nie. Immer fuhr ich zum mutigsten meiner Freunde, der damals noch mein fester und heute einer meiner besten Freunde ist. Lange im Voraus plante ich nie. Die Frequenz meiner Besuche hätte von meinem Kontostand und den Prüfungsterminen an der Uni bestimmt werden müssen. Das war sie aber nicht. Manchmal stand ich in der Mensa an und bekam ganz ohne Vorwarnung Herzklopfen. Oder ich jobbte an einem Freitagvormittag und konnte plötzlich nicht mehr richtig einatmen und die Stimme blieb mir weg. Dann wusste ich, dass ich am Abend in den Zug steigen musste. Ich musste. Und wenn es bedeutete, dass ich danach pleite war oder nicht genug lernen konnte, dann nahm ich es ohne nachzudenken in Kauf. Sobald ich beschloss am Abend den Zug zu nehmen, konnte ich wieder atmen, sprechen und essen. Es kam oft vor, dass ich den Zug um 23:41 Uhr nach Mailand nahm. Manchmal war dort die Endstation, dann dauerte die Reise nur bis 09:00 Uhr morgen, manchmal stieg ich dort um und musste noch eine Fähre nehmen, dann kam ich erst gegen 16:00 Uhr auf Elba an. Keine 30 Stunden später ging es schon wieder zurück.

Wenn ich ein wenig Geld über hatte, dann leistete ich mir einen Platz im Liegewagen. Hatte ich Glück, dann waren alte Leute mit mir dort einquartiert und mindestens eine davon eine Frau. Hatte ich Pech, dann waren es nur Männer, die schnarchten und blöd glotzten. Ich lag immer auf meiner Tasche, damit sie nicht abhanden kommt und zog die Jacke wegen der glotzender Männer nicht aus. Vom einschlafen hielten sie mich aber nicht ab, die manchmal unverschämten Blicke. Das gleichmäßige Rattern lies mich einschlafen, noch bevor ich nach 90 Kilometern Österreich erreicht hatte. Die ersten Kilometer hatte ich immer die Augen offen. Es war schön, durch die Stadt zu fahren und zu wissen, dass man sie hinter sich lies. Ich schloss sie, wenn der Zug an Oberaudorf vorbei fuhr. Dort auf dem Berg liegt unsere Hütte und ich sagte ihr im vorbei fahren noch gerne Hallo. Danach schlief ich ein. Es war ein leichter Schlaf und ich wusste fast immer wo wir waren. Durch Österreich ging die Fahrt langsam. Der Zug ratterte gemächlich und ohne Eile. Er musste ja die Alpen hinauf und bis zum Brenner ist die Strecke nur langsam befahrbar. Oben an der Grenze wachte ich dann immer ganz auf. Der Zug stand lange dort und ich bin meistens kurz aufgestanden, weil ich mir einbildete, dass der erste Atemzug italienischer Luft etwas ganz besonderes ist. Heute würde ich zugeben, dass es einfach unglaublich stickig in dem 6er Abteil gewesen ist. Stickig und unbequem. Den ersten Kaffee habe ich dann dort oben getrunken und dazu die Nussschnecke gegessen. Ich glaube es war gegen halb vier, wenn der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Im Halbschlaf hörte ich die Namen der Stationen und weiß bis heute oft die deutschen Worte für die italienischen Orte nicht. Ich behauptete auch lange, den Fluss Etsch nicht zu kennen, bis mir meine Mutter erklärte, dass es der vor meinem Fenster sei. Ich wohnte damals in Verona und kannte nur die Adige.

Meine Zugreisen waren Weltreisen. Weil die italienische Bahn früher noch öfter und viel öfter und viel spontaner streikte als heute, blieb ich oft stecken. Einmal lief ich die ganze Nacht alleine  durch Rom um mir die Zeit bis zur Weiterfahrt zu vertreiben und einmal hing ich in einem winzigen Kaff ohne Bahnhofsgebäude fest und hockte fünf Stunden im Zug, dessen Heizung abgestellt war. Damals war ich furchtlos. Vor Jahren erzählte ich einer Freundin, dass sich einmal bei der Heimfahrt von Neapel, einer zu mir auf die Liege gelegt hat und seine Hand unter meinen Pullover schob. Sie murmelte etwas von sexuellem Übergriff und hatte wahrscheinlich recht. Ich war damals aber nur wahnsinnig wütend gewesen und schrie den Idioten an. Heute fürchte ich mich vor vielem, damals vor nichts. Ich war so glücklich, wenn ich hinfuhr und so traurig, wenn ich zurück fuhr. Damals hing ich zwischen den beiden Ländern und war immer auf dem Sprung. Emotionale Randgebiete mein Spezialgebiet und ich untragbar für mein Umfeld. Ruhig und gelassen war ich nur, wenn ich beim mutigsten meiner Freunde war.

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Ich muss für ein paar Tage weg. Ich muss einfach…zum mutigsten meiner Freunde, raus aus München und die Nase in den Fahrtwind halten.

Bis bald
Ihre Mitzi

 

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Ich muss…

  1. Gute Reise.
    (Und für hinterher: vielen Dank für diesen Text. Die Nachtzüge nach und durch Italien sind mir noch in lebhafter Erinnerung. Besonders die nach Triest, wo ich ein Semester studiert habe.Damals kaufte man einfach eine Breze und eine Fahrkarte und stieg ein.)

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  2. Ich weiß, dass du es damals keineswegs als Strapazen gesehen hast, die du auf dich genommen hast, um zu deinem Freund zu fahren. Das MUSSTE eben einfach sein und ich kann das so gut verstehen. Ich hatte mit dem Ort aber mehr Glück und weniger Strapazen, denn Berlin und Hamburg sind nur 284 km auseinander und es gab durchfahrende Züge oder schnellfahrendes Auto, die mich glücklich hin und traurig zurück brachten.
    Eine schöne Zeit für dich wünscht dir Clara

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  3. Nur ein einzige Mal in meinem Leben bin ich Nachtzug gefahren. Da war ich noch im Kindergarten und fand es sehr aufregend mir in einem fahrenden Zug die Zähne zu putzen. Muss ich wohl mal wieder machen.
    Außerdem war es die erste von mir passierte Grenze und ich wollte gerne bis dahin wach bleiben und den dicken roten Strich aus dem Atlas sehen. Aber auch mich hat das Rattern vorher eingelullt und dieses Highlight blieb mir verwehrt.

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