Nie ohne Fehler

Den mutigsten meiner Freunde fragte ich neulich, ob es in Ordnung sei, wenn ich ein Foto von ihm und mir als Cover für das neue Buch verwenden würde. Der Gedanke kam mir spontan als ich morgens versuchte in eine enge, frisch gewaschene Jeans zu schlüpfen. Während ich die Luft anhielt um den obersten Knopf zu schließen fiel mein Blick auf das Foto an der Wand. Ich sah es lange an. So lange es eben dauert den obersten Knopf einer Jeans zu schließen, die frisch gewaschen und in der Sonne getrocknet wurde – also durchaus einige Minuten lang. Je länger ich es ansah, umso besser gefiel es mir. Wenn man schon jemanden im Freundeskreis hat, der auf offener Straße von einem Model Scout angesprochen wurde, dann sollte man das unbedingt nutzen. Außerdem bin ich auf dem Foto im Hintergrund und hatte keine Gelegenheit, die schöne Aufnahme zu versauen. Verstehen Sie mich nicht falsch, mein 20jähriges Äußeres ist durchaus eines Covers würde (ein wohlwollender und milder Blick vorausgesetzt) aber ich neige dazu Fotos eine Geschichte erzählen zu lassen, die ich lieber für mich behalten würde.

Da gibt es zum Beispiel dieses eine Bild von mir, meinem damaligen Freund und drei anderen. Alle vier lächeln ihr bezauberndstes Lächeln, nur ich untersuche mit konzentriertem Gesichtsausdruck meine Gürtelschnalle, die wenige Minuten zuvor kaputt gegangen war. Oder das, wo wir vor dem Trevi Brunnen stehen. Hätte ich 1960 schon gelebt, dann hätte ich mich im Falle einer plötzlichen Krankheit Anita Ekbergs ohne Probleme  für Fellini ins Wasser stürzen können und La Dolce Vita überzeugend darstellen können. Ich schreibe das nur, damit Sie sich vorstellen können, dass dort vor dem Brunnen eine durchaus ansehbare junge Blondine stand. Eine, die man gern fotografiert. Dachte sich auch mein Freund. Er bekam ein Foto auf dem er selbst sein schönes Grinsen grinst und ich mir neben ihm ein Stück Rosmarin aus den Zähnen pfriemle. Sie merken es – ich halte nichts davon auf Kommando in eine Kameralinse zu lächeln, wenn ich gerade beschäftigt bin. Und wenn ich dann doch einmal wie Claudia Schiffer strahle, dann kann man sicher sein, dass ich für unschöne Accessoires gesorgt habe. Auf der spanischen Treppe in Rom auf der ich spät abends saß, lache ich so glücklich und herzhaft, dass es mir wirklich leid tut, dass vor mir die Reste des McDonalds Fressgelages verstreut liegen. Jeder der das Bild sieht, fragt mich ob das alles wirklich ich alleine gegessen habe. Natürlich – sonst hätte ich nicht so zufrieden und glücklich gestrahlt. Nicht viel besser sind die Aufnahmen, auf der ich zwar gut getroffen bin, sich im Hintergrund aber ein Obdachloser im Schritt kratzt oder sich ein kleines Kind auf meinem Arm gerade übergibt oder wahlweise einen Tobsuchtsanfall hat. Auf Fotos von mir ist der Regenbogen am Himmel nie zu sehen und die Chance auf kopulieren Tiere im Hintergrund gemessen an der Wahrscheinlichkeit, enorm hoch.

Wer nur meine Social Media Kanäle kennt hält mich für fotogen. Wer das wie ich aber nicht ist, weiß, dass einzig die Digitalfotografie der Grund für schöne Bilder ist. Eins von zwanzig ist dann eben doch gut. Und das ohne Filter oder Bearbeitung – das finde ich nämlich albern. Ich bin ein sehr großer Freund fotografischer Ehrlichkeit. Lernt mich ein Mann kennen und trifft mich in der Realität ist er in Zeiten von Filtern und Retuschen meist überrascht. Bis vor Kurzem interpretierte ich die Aussage, du siehst aus wie auf den Fotos, als Kompliment. Seit ein paar Monaten nicht mehr. Im Anschluss an ein Date traf ich mich mit einem Freund. Der sah mich kritisch an und fragte ob ich mich so mit diesem Typen getroffen hätte. Als ich nickte, erkundigte er sich, was ich mit meinen Haaren gemacht hätte. Nix. Ja, das würde man sehen. Mein Freund nannte mich mutig und das hielt selbst ich nicht mehr für ein Kompliment. Ich erklärte ihm, dass meine Haare ein Eigenleben führen und das kann man ruhig schon am ersten Tag sehen. Sonst erschrickt man sich später, wenn man nachts aufwacht und mich neben sich liegen sieht. Wie gesagt, ich bin für Ehrlichkeit das Äußere betreffend.

Trotzdem ist es schade, dass es aus der Zeit als ich in Italien lebte nicht das eine, perfekte Foto gibt. Nah dran sind viele. Man muss sich halt den Plastikmüll am Strand wegdenken und dafür den wirklich schönen Bikini bewundern. Oder ignorieren, dass das schöne Pärchenfoto direkt vor den überquellenden Mülltonnen aufgenommen wurde. Gestern ging ich den Karton mit all den Bildern noch einmal durch. Mit einem Glas Weißwein in der warmen Abendluft sitzend bin ich zurück nach Italien gegangen und fand die Bilder plötzlich sehr schön. Mit jedem weiteren Foto bin ich Stück weiter zurück gegangen und kurz vor neun in Gedanken wieder auf der Spanischen Treppe gesessen. Dass das Abendessen meiner Nachbarn auf dem Balkon vom McDonalds stammt hat sicher dabei geholfen. Der Weißwein auch. Trotzdem blicke ich seit gestern Abend wohlwollend und milde auf jede einzelne Fotografie. Sie sind echter, als die heutigen Bilder. Es sind noch wirkliche Momentaufnahmen die Geschichten erzählen.

13 Gedanken zu “Nie ohne Fehler

  1. zu Zeiten der noch-nicht-Digitalfotografie wurde eben mit Fotos anders geschummelt. Es gab ja Abschnitte in meinem Leben, wo ich einen neuen „Lebensabschnittsgefährten“ suchte – also auf dem Annoncenmarkt graste. Ich bekam dann Fotos von Männern zugeschickt, die entweder ein 20 Jahre altes Foto oder eines von ihrem jüngeren Bruder zuschickten.
    Da wäre mir deine haarige Ehrlichkeit aber weitaus sympathischer.
    Zum dritten Mal jetzt gute Nacht!

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  2. Ich bin ja ein großer Fan von Fotos, solange ich nicht drauf bin. Die Fotos auf denen ich lache seit meinem 11. Geburtstag kann man wortwörtlich an zwei Fingern abzählen. Besonders schön sind allerdings die Aufnahmen, bei denen man eine Person ruft, sie sich umdreht und man genau dann auf den Auslöser drückt. Die Gesichtsausdrücke sind herrlich, habe eine ganze Sammlung davon.

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  3. Eben hörte ich, dass ein Picasso für 95 Millionen versteigert wurde. Warum nicht in ein paar Jahren ein Foto mit historischem McDonalds Müll direkt an der Spanischen Treppe für … sagen wir mal … bescheiden 950.000 anbieten? Ohne Ihnen, versteht sich. Mit Ihnen landen wir wieder bei Picasso üblichen Preisen … 🙂

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      1. das werden sie bestimmt. der alltag ist leider schon voll wieder da. wenn das erste mal der wecker richtung büro klingelt, ist das meeresrauschen meist nur mehr eine ferne erinnerung…

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