Schön gedacht

Eine Hummel brummt. So dicht neben meinem Ohr, klingt sie wie ein kleiner, dumpfer, nicht müde werdender Motor. Ein Geräusch, das nach Sommer klingt obwohl es erst Anfang April ist. Das vergesse ich leicht, weil Beine und Arme das erste Mal in diesem Jahr ohne Kleidung in der Sonne liegen und mir so warm ist, dass ich den Gedanken an ein Aufstehen schon seit über einer Stunde immer wieder verschiebe. Es schläft sich so leicht, hier in der Sonne. Es schläft sich so schön oberflächlich unter all den Geräuschen, die neben der Sonne wie eine zweite, ebenso schöne Decke sind. Eingehüllt in Wärme und Geräusche liege ich besonders gerne vor der Hausbank unserer Hütte im Wald. Im nahen Wald raschelt etwas, aber das ist keine Grund die Augen zu öffnen. In der Stille ist selbst ein Vogel oder eine Maus, die durch das Laub laufen so laut, dass man oft versucht ist an einen Menschen, der auf die Lichtung tritt, zu glauben. In all den Jahren kam noch nie ein Mensch durch den Wald zu unserer Hütte. Die kommen den Weg herauf und klingen ganz anders. Und doch glaubt man es jedes Jahr wieder: Da kommt einer durch den Wald. Kein Grund die Augen zu öffnen. Wenn einer kommt, dann wird er sich schon bemerkbar machen und nach dem Weg oder einen Schluck Wasser fragen. Die Bank auf der ich liege ist hart und das Holz drückt unangenehm an mein Schulterblatt. Kein Grund aufzustehen. Es ist zu warm und das Brummen der Hummeln dicht am Ohr, lädt ein, noch ein wenig zu schlafen und zu dämmern. Nur noch ein Viertelstündchen. Ein bisschen räkeln reicht und die Schulter liegt bequemer. Bequem genug, sich erst wieder zu bewegen, wenn das Holz der Bank an anderer Stelle zu drücken beginnt. Hier oben auf der Hütte im Wald bin ich gerne. Die Baumwipfel rauschen. Das tun sie auch, wenn kein Wind weht und kurz vor dem Wegnicken klingt es, als käme ein Auto aus dem Dorf nach oben gefahren. Aber das tut es nie. So gut wie nie. Und doch klingt das Rauschen der Baumwipfel manchmal wie ein Auto, das sich langsam den Waldweg nach oben quält. Kein Grund die Augen zu öffnen. Wenn eines kommt, dann hört man es an der letzten Steigung und kann sich dann noch immer aufsetzen. Hier oben ist es so leicht, nichts zu tun. Sogar das Denken lässt sich einstellen, wenn man es nur nicht versucht, denn dann würde man ja an den Versuch nicht zu denken, denken.

Das Holz der Bank drückt gegen meine Schulter, aber ich öffne die Augen nicht und bewege mich nur ein ganz klein wenig. Zu selten sind die Momente, in denen ich mich mitten in München, ganz so abgeschieden und geborgen fühle, wie auf der Bank vor unserer Hütte. An meinem Ohr summt eine der ersten Hummeln auf der Suche nach einer Stärkung. Noch gibt es auf meinem Balkon nicht viel zu holen. Die Schmetterlings- und Bienen-Blumenmischungen sind noch am Keimen. Die fette Hummel muss sich mit wenigen Narzissen beglücken. Die aber gönne ich ihr von Herzen. So wir mir die wunderbare Geräuschkulisse. Freilich ist es eine ganz andere, als oben in den Bergen. Lädt aber heute an diesem heißen Frühlingsmorgen ebenso zum Dösen und Schlummern auf einer Holzbank ein. Hier kommt niemand durch den Wald. Hier sind die Geräusche die man hört, meist wirklich den Menschen geschuldet. Unter mir stöhnt und ächzt es leise. Es ist Herr Krüger. Kein Grund die Augen zu öffnen. Er bringt, mit etwas Verspätung, seinen Balkon auf Vordermann. Es wird ihm nicht gelingen. Der seine war und ist immer ein Saustall. Da kann er heute noch so hingebungsvoll das Unkraut aus den Ritzen der Steinfliesen kratzen. Weil er leise ächzt und stöhnt, höre ich es auch hecheln. Nicht Herrn Krüger, sondern seinen Hund. Der Hasso liegt wie ich in der Sonne und rührt sich nicht. Würde er es, würde man es hören. Nicht den Hund, sondern Herrn Krüger, der jeden Schritt und jeden Mucks seines Hundes kommentiert. Das muss er. Würde er nicht mit sich oder dem Tier sprechen, hätte er gar keine Ansprache, weil er mit den Menschen nur sehr ungern redet.

In der Stille der Stadtmorgens hört man auch Herrn Meier. Nicht reden, aber den Kaffee umrühren. Der riecht bis zu mir und wäre ich nicht so schläfrig, würde ich aufstehen und mir auch einen machen. Vielleicht in einer Viertelstunde oder heute gar nicht mehr. Obwohl die Bank hart ist und ich zu faul bin mir ein Polster zu holen, werde ich liegen bleiben und dem Frühlingssonntag des Vorderhauses lauschen. Im Ahorn rauscht es. Kein Wind, sondern eine Plastiktüte, die der letzte Herbststurm hineingeweht hat. Bald ist sie vom Grün verdeckt. Endlich, denn sie ist scheußlich. Heute aber, rauscht sie wie die Fichtenwipfel am Rand der Lichtung unserer Hütte. Es ist so leicht sich an einem Sonntagmorgen in der Sonne liegend, alles schön zu denken.

23 Gedanken zu “Schön gedacht

  1. Liebe Mitzi!

    Dieser Tag ist genau richtig, um schön gedacht zu werden, während sich der Frühling endlich entfaltet. Und Herr Krüger ist mir sehr sympathisch, redet er mit Tieren doch lieber als mit Menschen, genau wie ich.
    Darf der liebe Tonnen-Tiger nun ebenfalls einen schönen Sonnenplatz genießen? Ich kann mir vorstellen, dass er sich über sein zweites Leben besonders freut und gemütlich in der Wärme schnurrt 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

      1. Hey, super, ich bringe eine Flasche badischen Grauburgunder mit, leicht gekühlt ist der genau richtig. Oder zwei – falls Paul noch dazukommt, oder die Nachbarin, die mit Frau Obst die Wohnung getauscht hat.:-)

        Gefällt 1 Person

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