Erinnert wider Willen

Sicher würde ich mich gerne an den 4. April vor einigen Jahren erinnern, vermutet Facebook und präsentiert mir ein Foto, unter dem mein Name verlinkt ist. An dieses besondere Ereignis, möchte ich mich doch sicher erinnern und es vielleicht mit meinen Freunden teilen, schlägt Facebook vor und weiß nicht, dass ich dieses Bild sicher nicht mit meinen Freunden teilen werde. Es weiß auch nicht, dass seine simple programmierte Software, mich tatsächlich an ein besonderes Ereignis erinnert hat und will nicht wissen, dass ich daran dennoch nicht erinnert werden möchte. Seit Jahren schon kratzt Facebook am Schorf des Zurückdenkens. Es weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis sich diese dünne Kruste gebildet hat und wie leicht sie durch ein dummes Foto wieder Risse bekommt. Es hat keine Ahnung, wie schwer man lernt, Erinnerungen zu steuern und wie vorsichtig man wird, wenn man ihnen noch misstrauisch begegnet und noch nicht gelehrt hat mit zurück gebliebenen Andenken umzugehen. Beständig und ohne nachzudenken, was es ja nicht kann, diese Maschine, verweist es auf Geburtstage und Jubiläen ohne sich darum zu scheren, ob diese noch gefeiert werden wollen oder können. So gratulierten auch dieses Jahr viele Susanne zum Geburtstag. Lange nichts gehört, schrieben die einen, meld dich mal wieder, die anderen und sie alle wünschten Glück, Gesundheit und ein langes Leben. Auch mich hat Facebook vor einigen Wochen an ihren Geburtstag erinnert und ich besuchte ihre Seite ein letztes Mal. Es schmerzte, die Glückwünsche zu lesen. Schlimmer aber, zu lesen wie ihr Sohn gegen die Fröhlichkeit und das plappernde gratulieren ankämpfte. Meine Mama ist tot, schrieb er unter jeden Kommentar. Fragt ob sie alle verrückt, dumm und unsensibel seien. Was der Scheiß soll, wollte er wissen, tobte und brüllte, beleidigte und beschimpfte, weil die Kruste des Akzeptierens und Begreifens noch längst nicht über Schmerz des Verlustes der Mutter gewachsen war.

An deinen Geburtstag werden ich nicht erinnert, weil du der Meinung warst, auf diese Glückwünsche verzichten zu können und kein Geburtsdatum angegeben hast. Mich erinnert Facebook an andere Dinge. Im Winter zeigt es mir ein Foto deiner Hände. Schnee liegt darin. Denn hättest du für mich gesammelt, steht darunter. Ein alberner Post, aber er kommt jedes Jahr wieder. Auch das Foto deines Kühlschrankes, in dem ich ein halbes Duzend Fläschchen Nagellack deponiert hatte und das du mit „Beziehungsstatus: Es wird ernst“ untertitelt hattest.
Ich kann dein Profil nicht löschen. Es ist schwer Facebook dazu zu bewegen und für Nichtangehörige so gut wie unmöglich. Vielleicht wird Susannes Profil von ihrem Sohn gelöscht werden. Das deine bleibt bestehen. Wie könnte ich darum bitten es zu löschen. Dort, wo in deinen Händen Schnee liegt und mein Nagellack noch in deinem Kühlschrank steht, ist die Zeit stehen geblieben. Ich bat dich nichts von uns zu löschen und deshalb gibt es uns in diesem Datenraum noch immer. Dort lache ich in der Sonne auf deinem Balkon, liege auf deinem Bett und sitze mit dir in den Bergen im Schnee. Zwischen Bits und Bytes gibt es noch. Auf Facebook bist du noch bei mir.

Nur diese verdammten Erinnerungen muss ich lernen abzustellen. Es darf nicht sein, dass ich an der Bushaltestelle an das Foto mit den Zeilen aus Anna Blume erinnert werde. Vieles geht, aber das noch lange nicht.

Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!

Wir?!? Weiß dieses verdammte Facebook nicht, dass es kein wir mehr gibt? Wenn es mir mit Anna, mit meiner, mit unserer Anna kommt, dann tobe, brülle, beleidige und beschimpfe ich. Wie Susannes Sohn. Nur leiser. Ich bin es ja schon gewohnt. Jedes Jahr am 4. April.

14 Gedanken zu “Erinnert wider Willen

  1. Das ist ja furchtbar! Ich habe nur vor Jahren mal quasi gegen meinen Willen bei Facebook teilgenommen (meinen Kindern zu Liebe) und recht schnell bemerkt wie unsinnig und unpersönlich das ist. Eine Zeitlang hab ich es ironisch versucht, aber das kommt gar nicht an! Seitdem bin ich da weg und verachte Zuckerberg heimlich vor mich hin. Mit manchen Dingen möchte ich ums Verrecken nichts zu tun haben. Wenn ich mir vorstelle das noch irgendwelche Kommentare von mir irgendwo rumfliegen, losgelöst von jeglichem Einfluss meinerseits wird mir übel. Vergesst Facebook! Versucht es wenigstens… 😁

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  2. Liebe Mitzi, es gibt ein noch viel dümmeres Portal als Facebook – dort werde ich auch immer an Lucies und einen anderen Geburtstag erinnert – aber woher sollen sie es wissen, dass die Personen nicht mehr leben, wenn die Angehörigen nicht das Profil löschen lassen.
    Ich habe jetzt schon einer Freundin alle meine Zugangsdaten zu solchen Medien wie WordPress egeben, denn ich möchte, dass es dann dort steht, dass ich nicht mehr lebe.
    Vor kurzem hatte ich bei einem Blogger liebevoll angefragt, wie es ihm geht, weil er sich schon wieder wochenlang nicht hat lesen lassen.
    Seine Frau hat mir eine private Mail geschrieben und gesagt, dass er vor einigen Monaten gestorben ist und sie nicht die Kraft aufbringt, das zu schreiben.
    Ich drücke dich mit deinen Erinnerungen!

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  3. Liebe Mitzi,
    es gibt Künstlerinnen und Künstler, die können nun mal nicht auf solche Portale wie Facebook verzichten, wenn sie „am Ball“ bleiben wollen oder bekannter werden. Darum möchte ich ihnen nicht vorschlagen, das rigoros zu löschen. Das kann der Normalbürger machen, der keine Onlinepräsenz in der Form braucht. Heute ist es Facebook, morgen etwas anderes was „modern“ oder beliebt ist.
    All diese Dienste nutzen ihre User aus. Bei manchen wird es nur nicht bekannt.
    Sonst sollte man gleich das Internet abschalten. (Den Link haben Sie ja – *hihi*)
    Apropos abschalten. Man kann solche Benachrichtigungen bei FB abschalten.Das hilft in manchen Fällen sicher auch schon?!

    Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag mit nur guten Erlebnissen, die den Speicher der guten Erinnerungen so voll füllen, das der Platz für ungute Erinnerungen immer enger wird.

    Gruß Heinrich

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    1. Den Link habe ich ganz vergessen, lieber Heinrich.
      Natürlich könnte ich mich abmelden, die Benachrichtigungen abstellen und vieles mehr. Aber ich glaube, ich warte noch ein wenig und stelle dann einfach gleich das Internet ab.
      Vorher frage ich aber noch nach Ihrer Anschrift, damit Sie mir notfalls beim Einschalten helfen können. Denn so ganz, werde ich doch nicht darauf verzichten können. Es gibt zu viele Menschen hier, die ich ganz schrecklich vermissen würde.
      Herzliche Grüße

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  4. ist auch für mich immer wieder ein großes thema, diese daten und was mit ihnen passiert und denen, die gegangen sind. ich habe whatsapp-chatverläufe mit menschen gespeichert, die nicht mehr antworten können und kann mich nicht davon trennen. dieser raum ist wie luftanhalten, dieser unpersonalisierte raum, in dem es keine veränderung gibt.

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    1. Ein schöner Vergleich….Luftanhalten…das passt sehr gut. Natürlich kann man sich abmelden, kann Verläufe löschen oder Verlinkungen lösen. Nur will ich es am Ende doch nicht. Eben genau weil dort die Zeit stehen geblieben ist.

      Liebe Grüße

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  5. Hallo Mirzi, ein Beitrag der nachdenklich stimmt. Ich beschäftige mich seit März privat mit WordPress und habe schon ein paar interessante Erfahrungen gemacht und schöne Blogs gefunden. Unter anderm diesen hier. An Facebook habe ich mich bislang noch nicht rangetraut. Ich weiß gar nicht, welchen Nutzen so etwas für mich haben könnte und was die Probleme sein könnten. Um das zu erfahren müsste ich mich bei Facebook anmelden und würde gleich mittendrinn stecken. Einmal wollte ich eine alte Freundin über Facebook wiederfinden.Das ist mir zwar nicht gelungen aber ich habe monatelang Freundschaftsanfragen von Bekannten, ehemaligen Bekannten und Unbekannten bekommen, die vermutlich automatisch generiert wurden. Da habe ich mich schon gefragt: „Will mir jemand etwas mitteilen und gerne Kontakt haben oder ist das nicht echt ?“. Die größte Gefahr im Internet ist vermutlich die Verschwendung von Lebenszeit.

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    1. Deinem letzten Satz kann ich nur zustimmen. So schön das Internet ist, so hilfreich es sein mag…man kann viel zu viel Zeit damit vertrödeln und das echte Leben übersehen.
      Facebook nutze ich um mit Bekannten in Kontakt zu bleiben. Freundschaft definiere ich anders. Es ist praktisch und hat seine guten Seiten. Angesichts des Geschäftsgebarens und dem Umgang mit Daten überlege ich aber auch, mein Account zu löschen.

      Schön, dass du hier her gefunden hast. Liebe Grüße
      Mitzi

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