Gespült aber nicht geschleudert

Frauen, die sich einen deutlich jüngeren Liebhaber zulegen, verstehe ich nicht. Zum einen käme ich mir mit so einem älter vor als ich bin, zum anderen bin ich mir sehr sicher, dass ein Mann ein gewisses Alter erreicht haben muss, bevor er erkennt, wann es besser ist, den Mund zu halten. Mein Nachbar Paul hat ein gewisses Alter erreicht. Ohne zu wissen, wie alt genau er ist, erkenne ich das gewisse Alter heute an seinem Schweigen. Er grüßt mich im Waschkeller nur mit einem Kopfnicken und schließt seinen Mund, nachdem er mir in die Augen gesehen hat, sofort und fest. Paul ist ein kluger Mann. Nur ein Wort, egal welches, und ich hätte zu schreien begonnen. Ihn an, das Haus zusammen undüberhaupt. Nur ein Wort und ich hätte geschrien. Es gibt diese Tage an denen man bereits Mittags weiß, dass es ein Fehler war überhaupt aufgestanden zu sein. Meistens ist es dann zu spät. Der Tag ist bereits in vollem Gange und an eine Flucht ist nicht mehr zu denken. Ich hätte es heute Morgen bereits ahnen müssen. Da stellte ich fest, keinen Kaffee mehr im Haus zu haben. Das passiert mir nur alle zehn Jahre und ist ausnahmslos immer ein schlechtes Ohmen. Ohne Kaffee mag ich das Haus nicht verlassen. Ich hätte es besser auch nicht getan. Auf dem Weg nach unten ist mir im Treppenhaus die Mülltüte gerissen und ich verbrachte eine Viertelstunde damit den feuchten Kaffeesatz der Vortage von den Stufen zu wischen. Frau Obst, meine Nachbarin passte auf, dass ich es auch gründlich genug machte. Sie muss direkt hinter dem Türspion gestanden sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich ihre Türe Bruchteile nach meinem beherzten „Scheiße!“ öffnet. Da sie nun schon einmal neben mir stand, erklärte sie mir auch gleich noch, dass ich bloß nicht auf die wahnwitzige Idee kommen solle, meinen Christbaum pünktlich zu Heilig Drei König abzuschmücken. Sie hätte das Monstrum durch mein Küchenfenster gesehen und könne sich vorstellen, dass das Zerlegen nicht geräuschlos von statten gehen würde. Und Ruhe, würde sie an diesem Samstag, der in Bayern ein Feiertag ist, von den Mietern verlangen. Allenfalls könne ich die Nadeln in meiner Wohnung mit der Hand aufsammeln, informierte sie mich. Einen Staubsauger am Feiertag würde sie nicht tolerieren. Dass ich Frau Obst tolerierte oder besser ignorierte lag nur daran, dass ich ganz froh war, dass sie mich an den bevorstehenden Feiertag erinnerte. Den hatte ich vergessen und war dankbar, am Wochenende nicht vor einem leeren Kühlschrank sitzen zu müssen. 

Muss ich jetzt aber doch. Obwohl ich mir in der Arbeit noch drei Rezepte aus dem Internet gesucht habe, in der Bahn einen Einkaufszettel schrieb und mich zwischen all die anderen Feierabendeinkäufer quälte, musste ich meinen Korb an der Kasse zurück lassen. Meine EC-Karte ist zum Jahresende abgelaufen und ich schwöre, dass ich keine neue erhalten habe. Ebenfalls einen Schwur könnte ich betreffend meines Kontostandes leisten. Entgegen des saublöden Kommentars von Herrn Meier, der im Rewe hinter mir stand, ist mein Konto nämlich nicht im Minus. Herr Meier ist übrigens jenseits des gewissen Alters. Wäre er nur zwanzig Jahre jünger, hätte ihn gebeten, doch bitte seinen Mund zu halten, weil es wirklich peinlich ist, wenn einer in einer Supermarktkassenschlange behauptet man sei pleite. Noch peinlich wird es, wenn die genervte Kassiererin erst überzeugt werden muss, dass sie die Kreditkarte als Zahlungsmittel akzeptiert und man dann feststellt, dass die nur mit PIN und nicht mit Unterschrift funktioniert. Ich kenne die PIN der Kreditkarte nicht. PIN, lacht Herr Meier. Als ob das der Grund sei.

Die alte Schulfreundin, die ich zum Essen zu mir eingeladen habe, quittiert meinen Vorschlag doch lieber etwas Essen zu gehen mit dem Hinweis auf meine Kinderlosigkeit. Es hätte sie schon gewundert, dass ich kochen möchte. Ihrer Erfahrung nach, sind Frauen die sich noch nicht vermehrt haben, da ja eher hilflos. Ich habe das Treffen ins nächste Jahr verschoben, weil mir einfiel, dass ich nur noch fünf Euro in der Tasche habe und das für die außerhäusige Nahrungsaufnahme nicht reichen dürfte. Auch. Und weil ich ahnte, dass wir uns nicht mehr viel zu sagen haben werden.

Jetzt stehe ich vor der Waschmaschine, die meine letzten zwei Fünfzigcent Stücke geschluckt hat und sich kurz vor dem Ende des Waschgangs dazu entschlossen hat, meine Wäsche lieber in der Lauge liegen zu lassen, als zu spülen und zu schleudern. Ohne ein weiteres Geldstück, wird sie sich dazu auch nicht überreden lassen. Ich sehe Paul an. Ohne etwas zu sagen, öffnet er seinen Geldbeutel und wirft eine Münze ein. Danke, sage ich, setzte mich auf die zweite Maschine und versuche mir einzureden, dass ich das Wochenende auch mit leerem Kühlschrank, ohne EC Karte und ohne Geld überleben werde. Meine Familie freut sich sicher über einen Besuch. Bevor Paul mich alleine lässt, dreht er sich an der Tür noch einmal um und zückt erneut sein Portmonee. Schweigend reicht er mir einen Fünfzigeuroschein und spricht dann doch. Ich müsse es ihm nicht zurück bezahlen. Er kennt das von früher. Kurz nach Weihnachten wird das Geld schon mal knapp und ich soll mich melden, wenn es nicht reicht.

Wenn ich wieder sprechen kann, ohne zu schreien, läute ich bei Herrn Meier und frage ihn, wem er noch alles von meiner angeblichen Zahlungsunfähigkeit erzählt hat. Dann kann ich mich auch gleich bei Paul entschuldigen, an dem bin ich – mit dem Schein in der Hand – nämlich vorbei gerauscht ohne ein Wort zu sagen. Wenn er verspricht den Abend über nichts zu sagen, teile ich die Flasche Wein und den Lachs, den ich eben in einem anderen Supermarkt erstanden habe, mit ihm.Außerdem kann ich dann um eine weitere Münze bitten. Die Maschine hat gespült, aber nicht geschleudert.

65 Gedanken zu “Gespült aber nicht geschleudert

  1. Liebe Mitzi!

    Ach hätte ich Ihren Text nur etwas früher gelesen, dann hätte ich etwas früher erfahren, dass morgen ein Feiertag naht und hätte …
    Sie haben völlig Recht. Es gibt so Tage, an denen es besser ist, nicht aufzustehen. Ich hoffe, für Sie lohnt sich morgen wieder das Aufstehen. Ich hingegen weiß, dass ich gar nicht erst die Küche betreten und nach Schokolade zu suchen brauche, weil ich die eigentlich morgen besorgen wollte …
    Aber ein wenig Diät nach Weihnachten kann ja nicht schaden.
    Genießen Sie Ihren Kaffee morgen früh 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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    1. Liebe Mallybeau, das Fehlen von Schokolade ist ärgerlich, aber ich sehe, dass Sie sich auch das schon schön reden und bin beruhigt. Wir sind ja eh viel zu verwöhnt, was die ständige Verfügbarkeit von allem angeht.
      Herzliche Feiertagsgrüße

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      1. Ihr Bayern seid überhaupt verwöhnt, was die Anzahl der Feiertage betrifft – die meisten im Land. Früher, als ich noch werktätig war, habe ich meine Mutter oft verunglimpft, warum sie aus meinem Geburtsbundesland Bayern gleich nach meiner Geburt wieder weggeogen ist. Aber dann hinwiederum war ich doch ganz froh, weil ich so ganz und gar nicht ein CSU-Typ bin. Ich stelle fest, dass ich gar kein Parteityp bin.

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      2. Ja, das sind wir wirklich. Da wir es aber nicht anders kennen, fehlt uns ein auf ein Wochenende fallender Feiertag dann trotzdem. Schön ist, dass ich mir hier mit euch, unseren Bayern-Luxus wieder mehr zu schätzen weiß.
        Ein CSU Typ bin ich auch nicht. Im Moment würde es mir auch schwerfallen meinen Parteityp festzulegen. Sie, die Parteien, machen es einem auch nicht leicht, sie mit respektvollem Wohlwollen zu betrachten.

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  2. Es geht doch nichts über gute nachbarschaftliche Kontakte. Es heißt ja immer, heute kennt niemand mehr die anderen Mieter im Haus, und damit meint man eher die Bewohner von Hochhäusern. Ich selbst wohne in einem über hundert Jahre alten, zweistöckigen Haus. Sechs Wohnungen von denen eine gewerblich genutzt wird und eine als Waschküche für alle Mietparteien. Wir wohnen da also nur zu viert. Heute ist jemand ausgezogen. Als ich vom Einkaufen zurückkam, standen Möbel vor der Haustür, die offenbar auf ihren Abtransport warteten. Zu sehen war niemand, und da wir uns hier gegenseitig nicht besuchen, waren mir auch die Möbel völlig unbekannt. Ganz gegen meine Gewohnheit habe ich an der Tür gelauscht und mich aus dem Küchenfenster gehängt, aber das kann man ja schlecht stundenlang tun. Ich weiß bis jetzt nicht, wer ausgezogen ist. Ich weiß nur, dass meine Chancen, von jemandem eine Münze zu bekommen, wenn der Waschmaschine im Spülgang das Geld ausgeht, sich um 25% verschlechtert haben.

    Auch ich bevorzuge große Schweiger, aber müssen die auch noch unsichtbar sein?

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    1. Liebe Christa, schweigsam ist fein. In Kombination mit unsichtbar dann aber doch ein wenig zu anonym. Spätestens wenn man dringend eine Münze braucht. Auch ich würde anhand der Möbel nur eine einzige Wohnung im ganzen Haus wieder erkennen. Man kennt sich zwar, aber es ist eben doch ein großer Unterschied zwischen „vom sehen“ kennen und wirklich bekannt zu sein.
      Ich drücke die Daumen auf neue, freundliche Nachbarn mit ausreichend Münzvorrat.

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  3. Ja, solche Tage gibt es – bei mir war es der Vollmond-Sturm-Tag.
    Man sollte diese Tage ganz schnell abhaken, aber das Finale
    mit Lachs und Wein war dann doch noch ganz nett. 😉
    Übrigens, in Hessen sind die Geschäfte morgen offen…

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      1. Eben, es ist immer besser, etwas Galgenhumor zu haben. Am nächsten Tag sieht meist alles anders aus. Bei uns regnet es leider immer noch. Ich würde auch gerne mal wieder die Sonne sehen. 😉

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      2. Ob Du es glaubst oder nicht: heute Nachmittag riss der Himmel auf und die Sonne kam zum Vorschein, nebst blauem Himmel (freu), nachdem es vorher bis morgens durchgeregnet hatte. 🙂 😀

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  4. Boah, bin ich froh, in Niedersachsen zu wohnen. Da sind wir sparsamer mit den Feiertagen.
    Aber diese Peinlichkeit vor der Kasse wegen Nichtfunktionsfähigkeit der EC-Karte habe ich auch schon ein paar Mal durch. Bei uns fällt die Software der Spaßkasse häufiger mal aus und nix geht mehr. Shit happens.

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  5. Ich gebe es zu: so ein klitzekleines bisschen war ich schadenfreudig…“die im Süden“ mit ihren 9 Feiertagen mehr *grummelgrummel* 😉 , aber so eine derartige Pechsträhne würde mir ja echt zu denken geben, so rein karmamässig 😀

    Heute bist Du übrigens wieder in meinem Reader zu finden und nicht nur auf FB – gottseidank

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    1. Es sei dir vergönnt ;). Wobei….es ist ja ein Samstag heute. Ich würde diesen Feiertag also durchaus in den Norden weiter reichen. Wäre es ein Montag, dann wäre ich weit egoistischer.
      Wie schön – ich hatte schon überlegt woran es liegen könnte 🙂

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  6. Da gibts nur eins- schnellstens vergessen, Schwamm drüber ! Ach , es erinnert mich so daran, dass ich meinen Waschmaschinenchip (leider haben wir keinen Münzeinwurf) verschmissen habe. Daher musste ich mir einen ausborgen und dann ………. ach, ebenfalls Schwamm drüber …..

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  7. Du tust mir ja richtig leid mit dieser Fr. Obst. Wir haben nur einen Nachbarn, der immer pünktlich um sechs so laut hört, dass man an alles angrenzenden Zimmern ihn hört

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  8. Mitzi, warum ich diesen Satz „Ihn an, das Haus zusammen und überhaupt.“ zu meinem absoluten Favoriten gemacht habe, weiß ich nicht, aber er imponiert mir – vor allem wegen „und überhaupt“. Das ist eine meiner Lieblingsredewendungen.
    Ich werde es für den Rest meines Lebens nicht schaffen, in schikanösen Situationen ruhig zu bleiben und das Gegenüber mit Missachtung zu strafen – ist nicht meine Mentalität.
    Ansonsten: köstlichst!!!
    Lieb grüßt Clara

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    1. Liebe Clara, mach das „…und überhaupt“ ist meine Redewendung, wenn mir nichts mehr einfällt. Alleine schon, das trotzig oder genervt zu sagen, ist sehr angenehm. Ich bleibe zwar ruhig, aber ich koche innerlich – auf Dauer auch nicht zu empfehlen.

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      1. Ich noch mal – wie so ein Bullterrier, der lässt auch nicht locker! 🙂
        Watt’n Glück, dass du nicht 23 bist – davon bin ich ursprünglich ausgegangen – dann wäre es ja fast Enkelin-Chat gewesen. So ist es eine Kommunikation zwischen zwei gestandenen Frauen. „freu“

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      2. Locker lassen wäre in deinem Fall auch schade, Clara. Ich freu mich von dir zu lesen.
        Und die zwei gestanden Frauen…das ist eine gute Kombi. Bei zu viel Altersunterschied ist ein gutes Gespräch auch möglich, aber „näher dran“ muss man vielleicht manchmal weniger erklären.

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  9. Ich dachte mein Vermieter toppt alles, da bin ich ja gerade zu froh keine Frau Obst als Nachbarin zu haben. Ich tröste dich mit dem Gedanken, dass sie selbst lediglich eine verbitterte alte Schachtel ist.

    Mit dieser Art von Tagen bist du auch nicht allein, meine beste Freundin kam mich am Wochenende besuchen und dachte in Irland hätten wir Pounds… Wir haben zum Glück eine Wechselstube gefunden mit dem okayen Kurs.

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