(K)eine Zweckgemeinschaft

Es gibt viele Arten von Zweckgemeinschaften. Sie alle haben gemein, dass sie aus pragmatischen und nur selten aus romantischen oder tief empfundenen Emotionen heraus gebildet werden. So kann man manche Ehen durchaus auch mit der wirtschaftlichen Definition der Zweckgemeinschaft beschreiben. Nach ein paar Jahren sind sie der Zusammenschluss von mehreren Personen, die sich (häufig vertraglich) verpflichten, ein gemeinsames Ziel durch Zusammenwirken zu erreichen und die entsprechend erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen. Es versteht sich von selbst, dass die Beteiligten einer solchen Ehe, häufig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was das Schaffen der erforderlichen Voraussetzungen betrifft. Am Ende ist der Zweck der Gemeinschaft beiden Parteien nicht mehr bewusst und sie schaffen die Voraussetzungen den Zusammenschluss dauerhaft an die Wand zu fahren. Meine Freundin Roza und ich waren keine eheliche Zweckgemeinschaft. Das war damals, als wir uns in Italien kennenlernten, noch nicht erlaubt und beidseitig auch nicht erwünscht. Wir wurden zu einer Zweckgemeinschaft, weil wir keine andere Wahl hatten und uns in einem herunter gekommenen Waschsalon in Verona ganz pragmatisch die einzige noch funktionierende Maschine teilen mussten.

Während sich die Maschine träge aber unerträglich laut um unsere Kleidung kümmerte, teilten wir uns einen Espresso und ein Brioche. Wenn man die eigene mit fremder Unterwäsche wäscht, dann kann man auch gleich aus einer Tasse trinken und abwechselnd von einem Hörnchen abbeißen. Noch vor dem Schleudergang wussten wir, dass  wir uns nicht das letzte Mal getroffen hatten. Roza war wie ich fremd in der Stadt und  ich war wie Roza unangenehm knapp bei Kasse. Während wir die Wäsche in meiner Küche aufhängten stellten wir fest, dass wir noch mehr gemeinsam hatten. Beide waren wir ohne einen wirklichen Plan einem Bauchgefühl folgend in Verona gelandet und beide waren wir einem Mann hinterher gezogen. Und weiter hätten wir beide letzteres niemals zugegeben und versicherten uns, dass uns die kulturelle Vielfalt und die Abenteuerlust nach Italien getrieben hatte. Die warme italienische Luft trocknete die deutsche und die ungarische Wäsche in genau der Zeit, die wir brauchten um uns anzufreunden. Am Abend wusste ich bereits, dass Roza ihre kleinen Zehen hasste und vier Schwestern hatte. Vielleicht hatte sie auch nur vier Zehen und hasste ihre Schwestern. So genau verstand ich das nicht, weil uns neben all dem anderen auch unsere mangelhafte Kenntnis der italienischen Sprache verband. Natürlich hätten wir uns auf englisch unterhalten können. Machten wir aber nicht. Wer sich aber durch den italienischen Behördenwahnsinn gekämpft hat, der gibt nicht auf, nur weil er kaum ein Wort der anderen versteht. Wir brachten uns gegenseitig italienisch bei. Das hatte den hübschen Nebeneffekt, dass wir auch die Fehler und Eigenarten des anderen übernahmen. Nach einigen Wochen sprachen wir ein Italienisch das den harten deutschen Akzent von mir und den ungarischen Singsang von ihr ganz herrlich vereinte. Nur verstanden hat uns niemand mehr. Was will man von einer Zweckgemeinschaft auch erwarten.

Roza profitierte bei unserer Zweckgemeinschaft vor allem von meiner Wohnung. In Italien gab es für Unverheiratete in der Regel nur zwei Wohnarten. Entweder man mietete sich ein Zimmer direkt in der Wohnung seines Vermieters und gab jegliche Selbstbestimmung an der Türschwelle ab oder man besorgte sich ein posto letto. Einen Schlafplatz in einem Zwei- bis Vierbettzimmer, das man oft für Stunden nicht mehr betreten konnte, weil der Mitbewohner unter seiner Bettdecke Besuch empfing. Roza empfing ihren Besuch in meiner Wohnung und ich hockte oft stundenlang mit einem Buch in meiner Küche um das verliebte Paar nicht zu stören. Weil bei einer Zweckgemeinschaft aber immer beide profitieren müssen, nahm mich Rozas Freund, wenn sie arbeiten musste, abends oft auf seiner Vespa mit und zeigte mir die Stadt. Mit ihm und seinen Freunden lernten Roza und ich auch endlich italienisch und verbrachten ganze Wochenenden am Gardasee oder am Meer. Weil wir außer den Männern, denen wir gefolgt waren, kaum jemanden in der Stadt kannten, verbrachten Roza und ich so gut wie jede freie Minute gemeinsam. Bei Zweckgemeinschaften ist das so.

Nach drei Monaten wusste Roza alles von mir und ich von ihr. Seltsam, den eigentlich erzählt man sich in einer Zweckgemeinschaft weit weniger. Wir mussten es uns erzählen, weil wir keinen anderen hatten. Und keinen anderen brauchten. Sie wusste alles von mir und ich von ihr. Alles außer ihrem Nachnamen. An unseren Klingelschildern stand eine Nummer und kein Name. Als Roza ihre Koffer packte um für ein paar Uniklausuren nach Ungarn zurück zu fahren, vergaß ich zu fragen. Wir waren uns so sicher, dass wir uns im Winter wieder sehen würden, dass wir uns am Bahnhof nur kurz um den Hals fielen, uns ein Brioche teilten und uns emotionslos verabschiedeten. Als ich nach drei Monaten umzog und Roza noch immer nicht zurück war, gab ich meiner Nachmieterin meine neue Adresse, damit sie mir mögliche Post von Roza nachschicken konnte. Später erfuhr ich, dass auch sie schon nach wenigen Wochen ausgezogen war. Rozas Freund traf ich zufällig wieder. Roza hatte ihm ihre E-Mail Adresse dagelassen. Ihre Handschrift war so schwer zu lesen wie ihr italienisch am Anfang zu verstehen gewesen war. Unsere Mails kamen nie an.

Ich habe Roza nie wieder gesehen. Es war keine Zweckgemeinschaft. Für drei Monate war sie meine beste und engste Freundin und ich vermisse sie noch immer. Ab und zu frage ich mich, was sie damals aufgehalten hat. Und noch heute halte die Augen offen, denn irgendwann….irgendwann treffen wir uns wieder. Das weiß ich.

 

 

26 Gedanken zu “(K)eine Zweckgemeinschaft

  1. Eine schöne Geschichte!!!!!

    Es war aber doch eine Zweckgemeinschaft, die sich zu einer Freundschaft umwandelte.
    Sowas ist gar nicht so selten.

    Wielang warst du denn in Italien? vielleicht hat sie ja auch versucht, dich zu finden.

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      1. Später war es leichter. Da hatte ich Freunde und Bekannte und vor allem konnte ich nach recht kurzer Zeit fließend die Sprache und tat mich auch in der Arbeit leichter. Ich würde es immer wieder machen.

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  2. Eine Tür schließt sich, eine andere geht auf. In einem langen Leben geschah es mir oft, dass eine Freundschaft so endet wie im Fall von Rosa und dir. Heute ist man noch unzertrennlich, morgen ändern sich bei einem die Lebensumstände, schon ist der Mensch weg. Dein Text ließ mich nachdenken über all die verflossenen Kontakte, liebe Mitzi. Schön, wenn man sich noch genau erinnert, wie du das getan hast.

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  3. Liebe Mitzi,
    mich „stört“ in dieser wundervollen Geschichte das Wort „Zweckgemeinschaft“. Dieses Wort hat für mich eine sehr viel größere Distanz, als das, was Sie mit Roza erlebt haben.
    Dass Sie dieses Wort aber benutzt haben, zeigt mir, dass Sie eventuell ein klein wenig das Gefühl haben, dass Sie „ausgenutzt“ wurden. (Wohnung usw)
    Meine Frau und ich haben in der Jugend etwas Ähnliches erlebt, mit einem Studentpaar, die irgendwann einfach „verschwunden“ waren, als sie auf eignen Füßen stehen konnten.
    Wenn Sie Roza wiedertreffen, könnte Myriades Befürchtung sich bestätigen?!
    Ich drücke Ihnen trotzdem alle verfügbaren Daumen, dass Ihre Geschichte ein Happyend bekommt!
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich,
      ich benutzte das Wort, weil ich anfangs glaubte, dass es eine war und Freundschaften länger brauchen um zu wachsen. Ich habe mich getäuscht. Wir waren Freundinnen. Ausgenutzt fühlte ich mich nicht. Genervt hat es mich, aber ich war auch froh, Leben und Menschen um mich zu haben. Menschen die ich mochte. Es kann gut sein, dass Roza und ich uns heute wenig zu sagen hätten. Schlimm wäre es nicht. Wir hatten eine schöne und aufregende Zeit. Damals. 🙂
      Das Happy End ist daher gar nicht so wichtig. Trotzdem werde ich bei Gelegenheit vielleicht doch einmal auf die Suche gehen.
      Herzliche Grüße

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  4. Ich war immer die Einzelgängerin, was auch meine Partner zu spüren bekamen, aber ich kann deine Sehnsucht nachempfinden, ich hatte so eine Freundin in Irland, allerdings nicht in einer gemeinsamen Wohnung und habe auch den Kontakt verloren. Immer wieder denke ich an sie.

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