Kalte Kastanien

Es ist schwer, das Gefühl von Einsamkeit einem zu beschreiben, der es nie war, sagtest du. Man könne ihn bitten, sich vorzustellen er stünde in der schönsten Herbstsonne und würde trotzdem frieren. Kein Frösteln, würde der Einsame empfinden, sondern jene Kälte, die sich in den Knochen festgesetzt hat und sich nicht vertreiben liese. Um zu frieren müsse man nicht einsam sein, entgegnete dein Bruder, es würde reichen binnen weniger Monate zwanzig Kilo an Gewicht zu verlieren, weil man sich wochenlang die Seele aus dem Leib kotzte. An manchen Tagen war es eine unbeschreibliche Freude den Tag mit euch zu verbringen. Vergleichbar mit Windpocken als Erwachsener, die einen just an den letzten sommerlich warmen Tagen des Jahres heimsuchten. Ich weiß nicht mehr ob mich eure Worte juckten oder ob es die letzten tapferen Ameisen waren, die durch das Laub auf der Wiese krochen. Weil letztere vermutlich unschuldig waren, bat ich euch, den Mund zu halten und still zu frieren. Ich fror nicht und wenn bei dreien einer zu frieren hatte, dann die Frau oder mit den Männern stimmte etwas nicht. Ruhe. Es ist September, fast noch Sommer. Niemand hat zu frieren. Amen, hast du gemurmelt, die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen geschlossen. Es ist warm sage ich, verschränke die Arme vor der Brust und schließe die Augen nicht. Es wäre eine Schande die Schönheit dieses Tages nicht zu betrachten.

Je schöner und prächtiger sich der Herbst präsentiert, umso trauriger und sentimentaler stimmt er, wenn zu befürchten ist, dass man seine Schönheit das letzte Mal sehen wird. Ich werde ihn wieder sehen. Unnötig in der Herbstsonne zu frieren. In die Armbeuge von einem der Frierenden kriechend, verfluche ich die Sonne, weil sie nicht kräftiger und wärmer strahlt. Der Sommer ist vorbei, flüstert sie leise und ich bitte sie, sich auf ihr Strahlen zu beschränken. Noch ist die Haut des Unterarmes, der auf meinem Bauch liegt sonnengebräunt und wird es bis tief in den Winter bleiben. Es ist eine Haut, die nie gänzlich verblasst und immer, selbst im Frühling, nach Herbst riecht. Eine Haut die, wenn man sich mit der Wange an sie schmiegt, nach frisch vom Baum gefallenen Kastanien riecht. Am Steiß und der Innenseite der Handgelenke ist sie ähnlich weich und warm wie Herbstfrüchte, wenn sie in der Sonne lagen. Eine Haut, die nie friert und es doch tut, wenn es der Kopf befielt, weil die Augen längst blind wurden.

Ich friere nicht, behaupte ich seit Wochen und tue es doch, weil ich mich frage ob die schöne Haut des kräftigen Armes im nächsten Jahr noch einmal so braun werden wird, wie sie es jetzt ist. Ich hoffe auf einen sonnigen Frühling und schiebe Rilke und sein Haus, das man sich jetzt nicht mehr baut, weit von mir. Als ob wir das nicht wüssten. Wer jetzt allein ist, wird es lange sein. Ach, halt den Mund. Weil er es nicht tut und sein Herbsttag seit der Grundschule in meinem Kopf fest verankert ist, reiße ich ein Büschel Gras aus. Es ist kalt, wie der Herbst es bald werden wird. Und die Kastanien, hier unter dem Baum sind weder weich noch warm. Ich setze mich auf. Stehe auf und sammle das, was so symbolisch für den Herbst ist in meinen Händen. Kalt, sie sind kalt, sage ich und beginne sie auf euch zu werfen. Ich ziele nicht gut, aber es sind genügend auf dem Boden verstreut, um euch zu treffen.

Ob ich verrückt geworden bin, möchtest du wissen und versuchst mich lachend vom Werfen abzuhalten. Nein, schreie ich dich an und werfe wieder und wieder. Ich will uns ein Haus bauen, brülle ich in dein verständnisloses Gesicht. Scheiß, Rilke, ich will süßen, schweren Wein und volle Früchte. Will nicht wachen, lesen und lange Briefe schreiben, wenn sie keine mehr beantwortet. Dein Lachen verstummt und ich bücke mich nach den letzten Kastanien vor meinen Füßen. Mit aller Kraft werfe ich sie gegen deine Brust.

Ich friere, sage ich und frage dich, ob du das nicht siehst.

 

32 Gedanken zu “Kalte Kastanien

  1. Ach welch herrlicher Text, liebe Mitzi.
    Nun nehmen die Jahreszeiten an Wärme ab, die Blätter verlieren ihr saftiges Grün und selbst Ihre Überschrift muss bei diesem Jahreszeitenwechsel ein paar Buchstaben fallen lassen. Ich hoffe, die Kastien finden einen warmen Fensterplatz in der Herbstsonne und reifen erneut zu Kastanien 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. Ein paar Antworten sind ja nun schon eingegangen zu Deiner herbstmelancholischen Betrachtung … Bei den Herbstgedichten fallen mir welche ein über die kühleren Tage, die Deine Jungs und Kastanien abkühlen ließen. Gerade erleben wir hier wieder etwas mildere Tage, die ein frühherbstliches Gedicht bei mir wachrufen:

    Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah.
    Die Luft ist still, als atmete man kaum.
    Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah
    Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

    O stört sie nicht, die Feier der Natur.
    Dies ist die Lese, die sie selber hält,
    Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
    Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

    Friedrich Hebbel

    Gute Herbstzeit!

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      1. Das Herbstgefühl und wohl auch das Lächeln auf den Lippen in Deinem Feedback ermuntern mich, hinzuzufügen, was mir das „Herbstbild“ von Hebbel bedeutet. Auf ihrem fortgeschrittenen Demenzweg mit zunehmendem Verlust des Sprechens, brachte meine Mutter damals dieses Gedicht heraus. Ein Herbstgeschenk. Wir sangen Herbstlieder.

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  3. es ist immer ein bisschen so, als wäre ich dabei bei diesen geschichten. als würde ich es nicht nur lesen, sondern als würde ich mich durch deine worte an etwas erinnern, das ich nie erlebt habe. ich bilde mir ein, dass ich es so in etwa schon mal formuliert habe, aber heute fällt es mir wieder besonders stark auf.

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    1. Obwohl es mir fern liegt, dich traurig machen zu wollen, ist es auch ein Kompliment, dass meine Erzählung dich mitfühlen lassen.
      Ich hoffe, dich mit der nächsten zum Lachen zu bringen. 😘
      Ich selbst erinnere mich auch. An ein vergangenes Gefühl. Wäre es noch präsent, dann könnte ich nicht darüber schreiben.

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  4. Herbstmelancholie in feinen Worten mit viel Zartheit und Mitgefühl. Es schwingt etwas von Abschied mit, das macht uns im Herbst so nachdenklich. Die Bräune und Wärme der Haut ist noch für einige Zeit gespeichert und lässt uns noch träumen…. Dankeschön für diese liebevolle Hommage an den Herbst.

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