Zwischen den Zeilen 

Die Kommunikation via SMS mit dem, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Tür steht, habe ich nach zwei Monaten eingestellt. Ohne seine Stimme zu hören oder sein Gesicht zu sehen, verstehe ich ihn nicht. Eine unserer ersten SMS Dialoge kann ich noch auswendig:

„Hast du heute Abend Zeit?“
„Nein.“
„Schade.“
Wenn man verliebt ist, will man mehr als einzelne Worte. Und wenn man verliebt ist, ist man so blöd, sie unbedingt herauskitzeln zu wollen. Dann schreibt man:
„Hab mich nämlich schon an dich gewöhnt.“
„Schön.“
„Kannst du auch mehr als ein Wort auf einmal schreiben?“
„Ja ;)“
„Halleluja, Satzzeichen kann er auch!“
„Ist dir langweilig?“

Ich denke an ihn, während ich der monotonen Stimme meiner Freundin Manuela am Telefon lausche. Monoton ist ihre Stimme sonst nicht, aber gerade liest sie mir zum dritten Mal die SMS eines Mannes vor, der ihr Freund werden könnte. Sie endet mit einem: „Und? Was will er mir sagen?“ Ich weiß, dass das eine wichtige Frage ist und bitte sie, mir die SMS ein weiteres Mal vorzulesen. Sie liest: „Tut mir leid, am Mittwoch habe ich keine Zeit. LG Max.“, und ich nehme einen Schluck Wein. Beim analysieren einer SMS vom anderen Geschlecht, ist es hilfreich entweder a) emotional eingebunden zu sein oder b) eine Flasche Wein neben sich stehen zu haben. Obwohl ich a) emotional eingebunden bin, schadet ein Schluck b) bevor ich antworte nicht. Ok, sage ich. Ich glaube er hat am Mittwoch keine Zeit. Manuela stöhnt. Das hätte sie gesehen, pflaumt sie mich an, und dass sie durchaus lesen könne. Aber das zwischen den Zeilen, das würde sie interessieren und egal wie oft sie diese liest, sie kommt einfach nicht dahinter. Ich bitte um einen Screenshot, weil ich weiß, dass ich im Lesen zwischen den Zeilen nicht gut bin. Weil Manuela es auch weiß, bekomme ich ihn wenige Sekunden später auf mein Handy geschickt.

„Tut mir leid am Mittwoch habe ich keine Zeit. Lg Max.“

Ein Komma fehlt, sage ich und werde angepampt. Es geht doch nicht um ein blödes Satzzeichen. Es geht…. Manuela unterbricht sich und ich höre, wie auch sie an ihrem Wein nippt. Ach so, höre ich sie murmeln. Du meinst, wenn er sich schon bei einem simplen Satz keine Mühe gibt, dann kann man es gleich vergessen? Das meine ich nicht, freue mich aber, dass gerade ich ein fehlendes Komma gefunden habe. An Manuelas Atem höre ich, dass sie das fehlende Komma fast genauso traurig macht, wie die Tatsache das Max am Mittwoch keine Zeit hat. Ich versuche sie zu beruhigen. Du, das „G“ von „Grüsse“ hat er auch klein geschrieben, er ist einfach ein bisschen schludrig. Das hat nichts mit dir zu tun. Das G auch! Manuela zieht scharf den Atem ein und teilt mir mit, dass sie nun langsam verstehen würde, dass sie ihm – Max – wohl scheißegal ist. Eine gewagte Interpretation auf die wir erst einmal einen Schluck trinken müssen. Ich trinke, Manuela tippt eine SMS in der sie Max mitteilt, dass sie und er reden müssten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetzt, dass beim freundschaftlichen analysieren von Kurznachrichten grundsätzlich nur jene Nachrichten auseinander genommen werden, die nicht vom befreundeten Teil der Konversation stammen. Wäre es anders, hätte ich Manuela gesagt, dass der Satz „Wir müssen reden!“, in den ersten vier Wochen einer sich anbahnenden Beziehung besser nicht verschickt werden sollte und das Ausrufezeichen synonym für „Arsch“ steht. Max antwortet umgehend. Sowohl Manuela als auch ich halten das für ein gutes Zeichen. Ich bekomme seine Nachricht weiter geleitet.

„Warum? Ich kann grad nicht. Rufe dich später an, ist das ok?“

Während ich lese höre ich wie meine Freundin sich ein weiteres Glas einschenkt. Warum, lacht sie bitter auf. Warum, würde der Idiot auch noch fragen. Kleinlaut, frage auch ich, warum sie denn mit ihm reden müsse. Ich bereue die Frage sofort. Wenn ein Mann an einem Mittwoch keine Zeit hat, wird mir mitgeteilt, dann hätte er ja wohl ganz eindeutig kein Interesse an einer ernsthaften Beziehung. Trotzdem frage ich noch einmal nach. Wenn er so offensichtlich kein Interesse hat, warum muss man dann noch reden? Blöde Kuh, ist das Letzte was ich höre, bevor der Hörer auf die Gabel geknallt wird.

Weil der Wein gerade offen ist, schreibe ich einer anderen Freundin, die sich in einer ähnlichen, aber schon mehrere Wochen andauernden Situation wie Manuela befindet, eine SMS. Vielleicht kann ich ja helfen.

„Hi. Hast du es geschafft, ihm nicht mehr zu schreiben?“
„Huhu. Ja, habe ich. Ich habe ihm geschrieben, dass ich ihm jetzt nicht mehr schreiben werde.“
„Hast du ihm das geschrieben, damit er fragt, warum du ihm nicht mehr schreiben wirst?“
„Klar.“
„Kluges Kind. Und?“
„Er hat sich nicht mehr gemeldet.“
„Idiot“
„Vollidiot. Lustig, dass du gerade jetzt fragst. Ich trinke ein Glas Wein und überlege ob ich ihm noch mal schreiben soll.“
„NEIN“

Am anderen Ende der Stadt sitzt noch eine vor ihrem Handy und überlegt ob es subtil genug sei, darauf hinzuweisen, dass eine Flasche Federweise nicht ewig haltbar sei oder ob es als drängeln auf eine Verabredung gewertet werden kann. Ich haben für die Mädels jetzt eine WhatsApp Gruppe gegründet. Ich bin der Administrator weil ich gerade Urlaub und Zeit habe und eine Beschäftigung für den brauche, der manchmal mit einer Flasche Wein vor der Türe steht. Während ich in der Badewanne liege und mich in ein begehrenswertes und unwiderstehliches Wesen verwandle, darf er die Analysen meiner Freundinnen verfolgen. Wenn er höflich und sensibel bleibe, dürfe er auch in meinem Namen kommentieren, teilte ich ihm mit und hoffte, dass ein Männerhirn vielleicht eher wisse was ein Mann den nun eigentlich meint, wenn er sagt an einem Mittwoch keine Zeit zu haben.

 

57 Gedanken zu “Zwischen den Zeilen 

  1. Erinnert mich stark an eine nächtliche Autofahrt durch Berlin, ich brachte eine gute Bekannte/Psychokursmitteilnehmerin nach Hause (mit genialer schwarzer Lockenpracht und schön herber Stimme, also sie – na anderes Thema). Die fragte mich kurz vor dem Absetzen: „Du, ich muss Dich jetzt mal was fragen, so als Mann …“ Die Frage ging dann darum, dass ein neuer Bekannter von ihr auf einen Verabredungs-und-Absage-Dialog per SMS am Ende geschrieben hatte: „Also bis dann!“, was sie in tagelange Rätsel gestürzt hatte, wie das zwischen ihm und ihr jetzt eigentlich sei …

    Mittlerweile sind sie verheiratet und haben Kinder.

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      1. Ich versuche gerade wieder auszusteigen. Wenn es eine Nachrichten wären. Aber die von Bekannten und Freunden überfordern mich. Zumal ich den zu analysierenden ja gar nicht kenne….Wart nur ab, bald brauchen wir eine Selbsthilfegruppe 😉

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  2. Ich bin da ganz unanalytisch: der hat eben Mittwoch keine Zeit, und ? kann doch sein, oder ? Andererseits wieso gerade am Mittwoch ? Hm, Mittwoch, war da irgendwas an einem Mittwoch ? ———oder meint er Mittwoch als den Tag vor Donnerstag und was hat es mit Donnerstag auf sich ? Thor, der Gott des Blitzes. Aha vielleicht heißt das der Tag nachdem der Blitz eingeschlagen hat, Warum aber hat er da keine Zeit ……. *grübel*

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    1. Ich bin derzeit noch dabei den Mittwoch in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen. Könnte mir aber vorstellen, dass Christophrox mit seinem Kommentar ins Schwarze getroffen hat. Mittwoch war Fussball. Bayern spielte.

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  3. Liebe Mitzi,
    das Erstellen einer SMS ist mit manchen Handys zwar mühselig, aber wer so ein mühseliges Handy hat und deshalb seine Kommunikation auf wenige Worte beschränkt, dem ist es wohl nicht wert, sich ein geeigneteres Werkzeug zu suchen, oder hat nichts zu sagen. Solche Leute schreiben dann auch in Foren und Blogs immer nur Einzeiler. Aber das scheint modern zu sein?!
    Gruß Heinrich

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  4. Liebe Mitzi!
    Was bin ich froh, hier auf Ihrer Bloghütte so brauchbare Alltagstips in Beziehungsfragen bzw. SMS-schreiben zu erhalten. Ich musste erschreckenderweise feststellen, dass ich ohne Handy wirklich in einer völlig anderen Welt lebe und somit vermutlich eines Tages völlig nichtsahnend mit einem Ausrufezeichen eine große Katastrophe hätte auslösen können!!!! 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  5. Der Versuch, in der Kurznachricht eines Mannes die Botschaft zwischen den Zeilen zu entschlüsseln, ist in den meisten Fällen müßig, weil es dort keine gibt. Wenn ein Mann schreibt, dass er am Mittwoch keine Zeit hat, meint er damit lediglich, dass er am Mittwoch keine Zeit hat. Möchte man die Gründe für seinen Zeitmangel erfahren, so wäre das einzig sinnvolle Vorgehen, ihn einfach danach zu fragen. Kurz: Männer schreiben genau das, was sie meinen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

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      1. Meinen Sie das wirklich oder….ich meine, wenn Sie es wirklich so meinen, dann hätten Sie es doch nicht noch einmal extra in Klammern betont.
        T´schuldigung. Im Ernst, es ist eine gute Analyse.

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  6. Ich bin da eher auch männlich und somit auch so ein Kurzmessagefan.Ich glaube kaum dass einer meiner Partner da etwas hinein interpretiert hat. Freundinnen vielleicht schon 😉 Erst nach der dritten Absage ist das für mich die Aussage von “ i moag it “ und das versteht dann irgendwie jeder 🙂

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    1. Ich denke, dass wir Frauen mit zunehmendem Alter nicht mehr ganz so viel interpretieren und einfach das verstehen, was gesagt oder geschrieben wird. Am Nachfragen bei Unverständnis, da kann sicher noch gearbeitet werden. Wobei….im Zustand akuter Verliebtheit gepaart mit anfänglicher Unsicherheit, beginne auch ich zu lange über banale Sätze nachzudenken. Ich treffe mich dann mit meinem besten Freund. Wenn der die Stirn in Falten zieht, höre ich auf weiter nachzudenken.

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  7. Liebe Mitzi, das ist dir ein schöner Text über die Qualen der Fernkommunikation gelungen. Zur Sache: Wenn sich zwischen den Zeilen eine Botschaft finden lässt, dann unmittelbar, sonst gar nicht. Es ist eine Frage der Intuition. Alle Gewissheit verschließt sich dem grübelnden Geist.

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    1. Lieber Jules, ich habe den Versuch zwischen den Zeilen zu lesen schon lange aufgegeben und halte mich in der Kommunikation mit Männern (mein eigenes Geschlecht denkt tatsächlich gerne um die Ecke und erwartet hellseherische Fähigkeiten) an genau das, was geschrieben steht. In 9 von 10 Fällen ist das auch gemeint. ;). Und der 10 Fall ist dann der wo ich grübelnd über dem Display sitze oder ins Fettnäpfchen springe ;).

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  8. Frauen wünsche sich klare und eindeutige Aussagen von Männern. Männer mögen klare und eindeutige Aussagen. Nur sind die klaren und eindeutigen Aussagen der Männer den Frauen oft nicht recht, deshalb interpretieren sie, was da gemeint sein könnte, weshalb Männer, in Kenntnis dieses Problems, unbestimmte Aussagen machen, damit Frauen etwas zu deuten haben.

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  9. Also erstens euren Interpretationswillen hätte ich gern in so mancher Unterrichtsstunde gehabt…. Gedichte aus dem Barrock sind mir heut noch ein Graus und zweitens: Ich dachte ich würde zu der Generation gehören, die mir ihrem Freund Schlussmachen weil er das blaue anstatt das rote Herz geschickt hat…

    Drittens, ich hoffe der Wein war gut 😉

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