Herr Krüger wohnt bei Hasso

Im Aufzug steht ein Schäferhund. Ganz alleine steht er da, als ich im zweiten Stock zusteigen möchte. Er schaut und weil er saublöd im Weg rum steht, sage ich: „Steh um.“ Das ist die bayerische etwas ruppig Aufforderung, doch bitte zur Seite zu gehen. Sehr gängig ist sie nicht. Mein Vater zum Beispiel, nutzt sie nur, wenn ihm einer, den er gut kennt und bei dem Höfflichkeitsfloskeln nicht mehr nötig sind, im Weg herum steht. Eigentlich sagt er es nur zu meiner Mutter und mir. Der Schäferhund scheint es trotzdem zu verstehen und geht einen Schritt rückwärts nach hinten. Weil es nicht weit genug ist und ich einen Korb Wäsche in den Armen halte, schubse ich ihn sanft mit dem Oberschenkel weiter in den Lift und steige ein. Beim Schließen der Türen fällt mir ein, das ein deutscher Schäferhund auf der Liste als eine potentiell gefährliche Rasse geführt wird und überlege ob man dieses Exemplar womöglich aufgrund seiner Gefahr für die Hausgemeinschaft im Lift ausgesetzt hat. Da ich aber Aufzüge ebenfalls für potentiell gefährlich halte und die Türen bereits geschlossen sind, denke ich nicht weiter darüber nach. Trotzdem wünsche ich dem Hund ein schönes Wochenende als ich im Keller aussteige.

Eine Viertel Stunde später stehe ich wieder vor dem Lift und der Hund noch immer in ihm. Diesmal macht er mir freiwillig Platz und ich grüße ihn freundlich. Jetzt kennen wir uns ja schon. Wohin er gehört, sagt er mir nicht. Das macht aber nichts, weil der Aufzug im ersten Stock des Vordergebäudes anhält und mein Nachbar Herr Krüger beim Öffnen der Türen so tief und erleichtert nach Luft schnappt, dass ich glaube eine gewisse Wiedersehensfreude zu erkennen. Ich sage bewusst, dass ich es nur glaube, weil Herr Krüger es mir seit meinem Einzug extrem schwer macht, zu erahnen was er denkt, was er will und auch was er sagt. Herr Krüger ist schüchtern. So schüchtern, dass ich den Gedanken, das Tier könne zu ihm gehörten, gleich wieder verwerfe. Ein Schäferhund passt nicht zu ihm. Auch keine Katze. Herrn Krüger wäre vermutlich sogar mit einem Wellensittich überfordern. Mein Nachbar gehört zu jenen Menschen, die von einer solch großen Schüchternheit befallen sind, dass sie einem anderen nicht einmal in die Augen sehen können. Es wundert mich also nicht, dass Herr Krüger auf meine Füße starrt während er den Hund leise, sehr leise bittet auszusteigen. Dass der nicht reagiert ist nicht erstaunlich. Auch ich habe das leise Gemurmel meines Nachbarn kaum verstanden und ich stehe noch näher an der Türe als Hasso. Das hatte ich nämlich verstanden – der Schäferhund ist mit dem, an Originalität nicht zu überbietenden, Namen Hasso gestraft. Weil Hasso sich nicht bewegt und Herr Krügers Gesichtsfarbe immer röter wird, trete ich einen Schritt zurück. Die Türe schließt und öffnet sich etwa drei Mal während Herr Krüger Hasso sanft auffordert doch auszusteigen und gleichzeitig versucht die Lichtschranke zu blockieren ohne mir zu nahe zu kommen. Verzweifelt zieht er sogar eine Tüte mit Leckerlies aus der Jackentasche. Hasso zuckt kurz mit dem rechten Ohr. Dann legt er sich auf den Boden des Aufzugs und die Türen schließen sich endgültig.

Wir fahren in den zweiten Stock. Dort steige ich aus und schnalze mit der Zunge. Hasso steht auf und trottet hinter mir her. Er trinkt Wasser aus einer Gießkanne und ich setzte mich auf die Stufe vor meiner Wohnung. Wenig später liegt der Kopf des großen Hundes auf meinen Knien und er leckt über meinen Arm, während ich ihm hinter dem Ohr kraule. Als ich Herrn Krüger mit weinerlicher Stimme im Treppenhaus rufen höre, stelle ich mir vor, was er machen würde, wenn ich aufstehen und runter rufen würde: „Der Hund gehört jetzt mir.“ Gar nichts würde er machen. Er würde in seine Wohnung gehen und dort alleine rumhocken ohne auch nur den Versuch zu unternehmen seinen Hund wieder zu bekommen. Ich seufze und bevor mir die Idee zu gut gefällt stehe ich auf. Komm, sage ich und Hasso springt auf. Wir fahren nach unten, weil Treppen für große Hunde nicht gut sein sollen. Herr Krüger steht noch immer vor dem Lift. Ab jetzt, sage ich und Herr Krüger macht auf dem Absatz kehrt obwohl ich natürlich den Hund meinte.  Nach einem leichten Stups trottet auch Hasso davon.

Ich mache mir Sorgen. Nicht um Hasso sondern um Herrn Krüger. Wikipedia sagt, dass ein Schäferhund zwar lernwillig, aber auch selbstbewusst ist und eine fortdauernde und konsequente Erziehung braucht. Neben der rein körperlichen Auslastung ist geistige Beschäftigung unabdingbar für diese Rasse. Das klingt nicht gut. Voller Sorge, springe ich vom Wohnzimmertisch auf den Boden. Nach dem zweiten Mal wird unter mir gebellt. Hasso geht es also gut. Dann gehe ich auf den Balkon, beuge mich über die Brüstung und rufe Herrn Krüger. Weil der nicht reagiert, rufe ich Herrn Meier, der neben ihm wohnt. Nach dem dritten Mal brüllen, erscheint Herr Meier und zeigt mir einen Vogel. Ich entschuldige mich und äußere meine Sorge, dass Herr Krüger womöglich von Hasso aufgefressen wurde. Herr Meier beugt sich ebenfalls über die Brüstung und schüttelt den Kopf. Na, der sitzt doch da, sagt er und deutet auf eine Ecke des Balkons, die ich nicht sehen kann.

Unser Haus hat jetzt einen Hund. Er heißt Hasso, Viech, Hutscherl und stolzes Kerlchen. Je nach dem wer ihn gerade ruft oder wem er im Aufzug begegnet. Er hört auf jeden. Nur nicht auf Herrn Krüger. Manchmal führt er Herrn Krüger aus. Dann schreitet der Hund durch die Straßen und knurrt, wenn ihm der Mann an der Leine zu langsam geht.

 

 

 

39 Gedanken zu “Herr Krüger wohnt bei Hasso

    1. Weitere Geschichten werden sicher folgen. Frau Obst winkt schon mit der Hausordnung ;). Das Sofa dürfte im Moment etwas nass sein. Aber wenn ich mir das rote Gesicht meines Nachbarn ansehe, dann dürfte ihm das egal sein.
      Herzliche Grüße

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  1. Liebe Mitzi!

    Ach das ist ja herrlich. Ich freue mich schon auf weitere Hasso-Geschichten. Ich liebe Hunde und hüte seit kurzer Zeit ebenfalls ab und an einen neu zugezogenen Nachbarhund. Wohlgemerkt noch hüte ICH den Hund. Mal sehen, wann sich das Blatt wendet und ich wie Herr Krüger von dem Vierbeiner spazieren geführt werde 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau
    PS: Ich hoffe, Herr Krüger ist noch am Leben…

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    1. Liebe Mallybeau, beide – Hund und Herrchen – erfreuen sich bester Gesundheit. Wir haben hier ein Auge auf die beiden, auch wenn Herrn Krüger die Aufmerksamkeit so gar nicht gefällt. Um Sie mache ich mir keine Sorgen. Inmitten Ihrer Almbewohner, werden Sie keine Probleme mit weiteren vier Pfoten haben.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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  2. Wie köstlich. Da mein Sohn auch einen Hund hat, bei dem ich manchmal auch nicht ganz genau weiß, wer der wirkliche Bestimmer bei ihnen beiden ist, habe ich die Hasso-Geschichte mit Schmunzeln gelesen. Nur eines ist bei Lenny und meinem Sohn 100%ig: Das Futter hat der Sohn in Verwaltung.

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  3. Heute ist Dein Buch gekommen. Ich wollte nur mal kurz reinschauen, ich hatte keine Zeit, der Abwasch, staubsaugen muß ich auch schon wieder, wer macht hier eigentlich den ganzen Dreck – und habe mich festgelesen. Du solltest einen Aufkleber auf dem Umschlag anbringen lassen: „Achtung! Nur lesen, wenn sie gerade sonst nichts anderes zu tun haben! Die Autorin haftet für gar nichts!“ Jedenfalls: Zufällig weiß ich nun wieder, daß Herr Krüger mit seiner Mutter zusammenwohnte. Ist das immer noch so? Falls ja, kann ich ihn gut verstehen – so eine Veränderung durch einen eigenen Hund kann dabei helfen, sich aus der mütterlichen Obhut zu befreien. Ein Schäferhund scheint mir allerdings eine sehr ambitionierte Wahl zu sein. Dackel sind auch schlecht, die sind gemein (mich hat mal einer gezwickt, nur, weil ich ihn zwingen wollte, unter dem Bett hervorzukommen, blödes Tier), aber vielleicht ein Pudel?

    Wann mache ich jetzt den Abwasch? Morgen kommt meine Begleiterin, sie wird nichts sagen, aber die Augenbrauen heben … ich sag einfach: Mitzi war schuld – und werde ihr das Buch in die Hand drücken. Wenn sie (hoffentlich!) hineinschaut, erstmal nur, um sich einen Eindruck zu verschaffen – ha! – gefangen! Ich werde genug Zeit haben, das Versäumte nachzuholen.

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    1. In diesem Fall bin ich gerne schuld. Sehr gerne sogar. Vielen lieben Dank für das feine Kompliment. Ich freu mich sehr, dass es dir gefällt und dass du es gekauft hast. Das meiste ist ja hier frei verfügbar und ich freue mich umso mehr, wenn es sich trotzdem jemand nach Hause holt.
      Die Mutter von Herrn Krüger ist verstorben. Es bleibt zu hoffen, dass mein Nachbar nun schleunigst in die Pubertät kommt und sich frei strampelt. Dass ein Schäferhund ein etwas zu großes Unterfangen ist sehe ich auch so. Ich fände noch immer Hamster oder ein Paar Wellensittiche am Besten.
      Herzliche Grüße…ich schau mal eben nach Hasso. Oder Herrn Krüger 😉

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  4. Ich mag diese leisen Menschen, die einem nie in die Augen sehen können und denen man später den Mord auch nie zugetraut hätte. Ein großer Hund mit einem entsprechenden Aggressionspotenzial ist ein schöner erster Schritt zu einem gewaltbereiten Diktator. Hat Herr Krüger vielleicht auch künstlerische Ambitionen, ein wenig Malerei vielleicht?

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  5. Ach Herjemine… Der arme Herr Krüger. Richte ihm von mir aus, dass Hundeschulen eine wunderbare Investition sind, besonders wenn er seine Psyche und eure Psyche retten möchte… Ist Hasso einmal General steht der dritte Weltkrieg vor der Tür, auch ohne die drei AHDS- Diktatoren ._.

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