Atmen – das reicht

Wenn man sich entschließt, nach Italien auszuwandern, dann sollte man unbedingt darauf achten, dass man im ersten Jahr einen besonders heißen Sommer erwischt. Einen, der später als Jahrhundert Sommer bezeichnet wird und an den man sich sein Leben lang erinnert. Nicht unbedingt, weil es sich bei einem solchen Jahrhundert Sommer um ein besonders schönes Ereignis handelt, sondern vielmehr weil man so auch gleich dieses Extrem am Anfang er- und überlebt. Extreme Hitze passt hervorragend zum Wahnsinn italienischer Behörden, Einsamkeit, Heimweh, einer Zahnwurzelbehandlung und ungewollten Kontakten mit der örtlichen Polizei und Feuerwehr. Wer auswandert, egal wohin, sollte sowieso darauf achten dass er jeden Mist bereits in den ersten Monaten erlebt und sich den Katastrophen gleich am Anfang stellt. Wer dann bleibt, den haut so schnell nichts mehr um. Ich erledigte den ersten Anruf bei der Feuerwehr gleich in der ersten Nacht, lies mein Auto am dritten Tag abschleppen und fand mich auf einer Polizeistation wieder, hatte meine hysterischen Heulkrämpfe in den Wartehallen italienischer Behörden in den ersten zwei Wochen und verzweifelte am italienischen Arbeitsmarkt im ersten Monat. Die entzündete Zahnwurzel beglückte mich in ersten Arbeitswoche und eine Wohnung mit Fenster ergatterte ich erst nach neun Monaten. Nach alldem glaubte ich gerüstet zu sein. Mit dem italienischen Sommer 2003 hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet.

Einen Erlebnisbericht über italienische Behörden gab ich vor einem Jahr den Titel „Dantes Inferno“. Passend dazu kann man einen italienischen Jahrhundertsommer als einen der neun Höllenkreise betiteln. Den betritt man freilich nicht als Tourist. Die bekommen gar nicht genug von der Sonne. Selbst wenn es ihnen den Hintern verbrennt, wenn sie in der Arena sitzen, murmeln sie noch etwas von herrlichem Wetter. Als Tourist schlendert man ja auch in gemächlichem Tempo durch die Gassen und pausiert alle naselang in einem schattigen Café. Kühlt die Körpertemperatur mit einem Pfund Eis herunter und fröhnt dem südlichen Dolce far niente. So hat sich das wohl auch mein Vater vorgestellt, als er im Sommer 2003 in München losfuhr um seine Tochter in Italien zu besuchen. Ich glaube, er hatte schon am Brenner die Nase voll. Dass er die Fahrt bereute, sah ich an seiner Körperhaltung, als ich ihn gegen fünf an einem Freitagabend in der Nähe der Arena traf. Er atmetet. Das erleichterte mich. Sehr viel mehr tat er nämlich nicht mehr. 450 Kilometer in einem damals noch unklimatisierten Auto hatten im den Rest gegeben. Er stieg ja schon bei großer Hitze in München, das sich ebenfalls in den Klauen des Jahrhundertsommers befand, ein. Vermutlich mit der Vorstellung, dass es nicht schlimmer werden könne. Ich musste ihn enttäuschen – es wurde schlimmer. Nicht einmal die Spaghetti mit Meeresfrüchten in dem schönen kleinen Lokal, in das ich ihn führte, schmeckten ihm. Er saß zwischen mir und dem mutigsten meiner Freunde atmete….und kaute. Das Kauen beruhigte uns ein wenig. Der arme, weich gekochte Mann musste ja zu Kräften kommen. Müde teilte er mir bei der Nachspeise mit, dass er nun verstehen konnte, warum ich eine Wohnung ohne Fenster gemietet hatte. Die wäre wenigstens kühl. In meiner ersten Woche in Italien hatte ich den Mietvertrag, auf meine Sprachkenntnisse vertrauend, unterzeichnet ohne das angemietete Loch  zuvor besichtigt zu haben. Es war scheußlich aber wenigstens kühl. Ich trank drei Espresso, bevor ich meinem Vater gestand, dass ich umgezogen war. Die neue Wohnung hatte eine riesige Fensterfront. Südseite.

Mein Vater überlebte. Im flachen Wasser des Gardasees liegend. Meine Freunde und ich waren froh, dass er sich ab und zu bewegte, sonst hätten wir uns doch Sorgen gemacht. Instinktiv hatte er aber genau das Richtige gemacht. Atmen, kauen, liegen und auf keinen Fall bewegen. So kann man einen Jahrhundertsommer fast genießen. Wenn man sich aber morgens schon überlegt wie viel Stoff man anlegen muss, um nicht als Flittchen zu gelten und nach einem Sprint zur Bushaltestelle auch die wenige Kleidung durchgeschwitzt hat, dann freut man sich über jedes Gewitter. Meine Kollegen machten sich damals Sorgen um ihren deutschen Neuzugang. Nicht nur, weil der mitten im Industriegebiet zwischen all den LKW Fahrern ein wenig zu kurze Kleidchen trug, sondern auch, weil er aus Kostengründen nicht in einem klimatisierten Auto zur Arbeit kam, sondern tapfer in der prallen Sonne die Schnellstraße entlang radelte. Zwei Drittel meiner Sommersprossen an Knien, Schultern und Nasenspitze stammen aus diesem Sommer. Natürlich hatte ich auch keine Klimaanlage in meiner Wohnung. Diese scheußlichen, aber herrlichen Kolosse konnte ich mir nicht leisten. Ich schlief mit hochgesteckten Haaren auf einer Isomatte auf dem Fliesenboden, weil es im Bett zu warm war und kühlte meine Körpertemperatur in klimatisierten Supermärkten auf ein erträgliches Niveau. Stur sorgte ich für Wasserknappheit im Viertel, weil ich die Blumen auf meinem Balkon durch den Sommer bringen wollte und verbrachte das Wochenende nicht am, sondern im Gardasee. Freunde besuchten mich in diesem Sommer kaum. Die wenigen die es taten, rieten den Daheimgebliebenen ab. In meiner Wohnung zeigte das Thermometer dank der großen Fenster auch nachts um drei noch eine laue Temperatur von etwa 38 Grad an.

Ich habe ihn geliebt diesen Sommer. Noch mehr als der mutigste meiner Freunde sich eine Klimaanlage kaufte. Abends schleppte ich mich die zwei Stockwerke nach oben zu ihm, ließ mich vor den Kasten fallen, streckte alle Viere von mir und verharrte regungslos. Der Mutige ignorierte mich und stieg gelassen über mich hinweg. Nur ab und zu blieb er stehen um zu sehen ob ich noch atmete.

 

12 Gedanken zu “Atmen – das reicht

  1. Sommer? Ich weiß gerade nicht, wovon du sprichst. Aber Atmen ist eine grundsätzlich gute Idee. Ach ja, ich mag die wunderschöne Spottlust deiner Texte und deine Bereitschaft, nicht nur über andere, sondern auch über dich, besonders über dich zu lachen.

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  2. Liebe Mitzi,
    Ihre Geschichte über den Jahrhundertsommer in Italien bringt mich dazu, mit dem aktuellen Wetter völlig zufrieden zu sein, und jeden noch so geringen Gedanken an Auswanderung zu vertreiben.
    Wenn ich auswandern würde, sowieso in kein Land auf diesem Planeten.
    Da die Raumfahrt aber noch nicht komfortabel genug ist (z.B.- Marsreisen ohne Rückfahrkarte) werde ich dieses Ansinnen auch auf das nächste (oder übernächste) Leben verschieben. Es gibt auch in der Heimat noch genug zu tun!
    Gruß Heinrich

    P.S. Jules hat hier in Ihrem Blog den Lesetipp „Großes Solo für Anton von Herbert Rosendorfer“ hinterlassen. Ich habe das Buch besorgt und mit Begeisterung gelesen. Ohne Inhalte zu spoilern: Anton L. ist auch nicht nach Italien gegangen! ,)

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    1. Sie waren schneller als ich, lieber Heinrich. Der Titel des Buches ist auf einem Zettel in meiner Tasche. Seit ich versuche nur noch in Buchhandlungen Bücher zu kaufen, sammeln sich die Notizen und es dauert bedeutend länger bis ich die Schätze erwerbe. Hier hoffe ich auf einen solchen Schatz und da es nun schon zweien gefällt, reihe ich mich hoffentlich ein.

      Sie sollten eh nicht auswandern. Nicht in ferne Galaxien. Das wäre arg weit und wer weiß wie da die Kommunikation funktioniert. Geben Sie im nächsten Leben bescheid, dann komme ich Sie besuchen, wenn die Post sonst nicht funktioniert.

      Herzliche Grüße
      Mitzi

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      1. Ergänzend möchte ich noch auf ein anderes Buch von Herbert Rosendorfer hinweisen: „Briefe in die chinesische Vergangenheit. Ich lese es gerade mit großem Vergnügen zum 2. Mal. Es ist quasi eine Gesellschaftsatire auif das Münchener Leben aus der Sicht eines chinesischen Mandarins. Doch das Allerbeste ist „Der Ruinenbaumeister“.Einige Leute verkürzen sich die Zeit bis zum Weltuntergang durch das Erzählen von skurrilen Geschichten.

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    1. Es liegt ja einige Jahre zurück, da kann man es leicht humorvoll nehmen. Damals wäre ich fast in Tränen ausgebrochen, als ich nach Hause nach München fuhr, Regen und Wolken angesagt waren und es dann doch wieder strahlenden Sonnenschein gab. Seit diesem Sommer, mag ich abkühlende Gewitter sehr gerne ;).

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  3. Ich lese, dass du schon einiges mitgemacht hast in deinem Leben, liebe Mitzi, und wie du es erzählst, klasse! An diesen brandheißen Sommer erinnere ich mich. Selbst an der See in Holland war die Hitze kaum zu ertragen. Ich habe da eine Nacht in den Dünen geschlafen, was ich seit meiner Jugend nicht mehr getan hatte.

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