„Si incazatto“ heißt manchmal auch „willkommen zu Hause“.

In die kleine Bar an der Bushaltestelle vor der Chiesa di San Fermo Maggiore gehe ich erst am letzten Tag meines Verona Besuches. Ich musste in der Stadt erst wieder ankommen, um dort wie selbstverständlich einen Kaffee im Stehen zu trinken und mich mit dem gekauften, pappsüßen Brioche an die Bushaltestelle zu stellen. In den ersten vier Tagen hätte es sich falsch angefühlt. Ein Tourist, der zwischen all den Einheimischen in eine Bar gespült wird und aus Verlegenheit das bestellt, was dort ein jeder zu sich nimmt. Am letzten Tag, einem Montag, fühlt es sich so vertraut an, wie ich hoffte. Meine Freundin schlief noch im Hotel, als ich um kurz nach sieben Uhr in die Bar ging, bezahlte, den Kaffee an der Bar trank und mich dann an die Bushaltestelle setzte. Es wäre ein leichtes gewesen, in den richtigen Bus zu steigen, umzusteigen und im Industriegebiet auszusteigen. Den Hund vor der Bürotür zu begrüßen, einzutreten, sich zu setzen und beim ersten Klingeln des Telefons die Route eines LKW-Fahrers mit den auf dem Tisch liegenden Papieren abzugleichen. An diesem Morgen waren die fünfzehn Jahre meine Abwesenheit endlich zu einem Wochenende zusammen geschrumpft. Es war Montag. Ein Montag wie unzählige zuvor. Ein Café und ein Brioche im Stehen und dann ins Büro. Etwas müde vom Wochenende, aber leidlich zufrieden, weil man nach einem mit Crema gefüllten Brioche nicht missmutig sein konnte.

Am ersten Abend wäre ich am liebsten wieder umgedreht. Alles bekannt, aber nichts mehr vertraut. Ich würde nach Hause fahren, erzählte ich, als hätte ich mich nicht über zehn Jahre davor gedrückt, diese Stadt wieder zu betreten. Nach Hause….wenn man nach Hause fuhr, dann wusste man doch, in welcher Spur man sich einreihen musste, um an der saublöden Kreuzung am Bahnhof in die richtige Straße einbiegen zu können. Ich wusste es nicht mehr. Das Navi teilte es mir mit und ich empfand es als eine Frechheit, dass es meine Stadt besser kannte als ich. Die Uni links, der Fluss rechts, die Brücke, die kleinen Gassen – alles bekannt und doch waren sie mir zu fremd geworden, als das ich meiner Freundin sagen konnte, wo sie am besten parkte. Im Hotel – als würde man im Hotel wohnen, wenn man nach Hause kam – die ersten Worte. Ich spreche italienisch. Spreche es noch immer so fließend und mit so harten Akzent wie vor all den Jahren und doch fühlt es sich fremd an. Fremd, weil ich nur noch erkenne, dass die Frau an der Rezeption nicht aus Verona kommt, ihren Dialekt aber nicht mehr zuordnen kann. Am Abend verstehe ich nicht, was man mir in einer Eisdiele um die Ohren haut. Die Worte ja, aber nicht den Sinn. Ich stehe so blöd vor dem Tresen, dass man beginnt mich auf Englisch anzusprechen. Verzweiflung bis zu dem Moment, in dem ich verstehe, dass man keine Kugeln mehr bestellt, sondern eine Blütenform zu wählen hat. Ein Schwachsinn, bei dem ich auch in München auf der Leitung gestanden hätte. Dennoch – am Eis zu scheitern, macht einen zu einer Fremden. Das Lieblingsrestaurant am Fluss wurde zu einem Burger Laden und die Bar gegenüber meiner Wohnung wurde ein Schuhgeschäft. Wann bitte? Und wie kann sich so viel in nur zehn Jahren verändern? Mir ist schwindlig und ich bin fremd.

Es graust mir davor am nächsten Morgen zu meiner alten Wohnung zu gehen. Ich versprach, sie zu zeigen und fürchte jetzt, dass ich mich dort auf die Straße setze und zum heulen anfangen werde, weil es falsch war jemals weggegangen zu sein. Als ich davor stehe piept das Handy. „Si incazzato!!! Sto ancora lavorando e sto diventando matto!!!“ Der, mit dem ich vor Jahren hier her kam, lebte und den ich irgendwann hier zurück ließ war stinksauer, weil er arbeiteten musste und ihn das gehörig ankotzte. Ne, er hätte keine Zeit, das hätte ich doch aus dem zweiten und dritten Ausrufezeichen herauslesen können. Und nachfragen ist nicht angebracht. Vor unserem Haus stehend lächelte ich. Das klang schon eher, nach einem Heimkommen. Ich hatte Pläne für den Abend und er musste arbeiten. Absagen mit mindestens drei Ausrufezeichen. DAS fühlte sich vertraut an. Mit einem warmen Gefühl im Bauch, teilte ich meiner Freundin mit, dass wir zu zweit bleiben würden. Es war egal, schließlich war es meine Stadt und wenn es das eine Restaurant nicht mehr gab, dann eben ein Duzend andere, die ich noch kannte. Mit jedem Schritt mehr war ich zu Hause. Meine Straße, mein Hügel und überhaupt…alles meins. In der Tasche ein Handy mit Nachrichten vom mutigsten meiner Freunde und dem Gefühl direkt neben ihm zu stehen.

Am späten Nachmittag sitzen wir in der Sonne vor einer Bar in einer kleinen Seitenstraße. Ich lausche den Gesprächsfetzen der anderen Tische und höre nur mit einem Ohr zu als man uns nach der Bestellung fragt und das Angebot herunter rattert. Entschuldigung, bitte noch mal, antworte ich und ernte ein mildes Lächeln bevor man in einem grottenschlechten Englisch zu übersetzen versucht. Ich sehe den etwa zwanzig Jährigen mit ebenso milden Lächeln an. Es sei nicht nötig, die Sprache zu wechseln. Es reicht, wenn er seine apulische Herkunft nicht in jedem Wort betonen würde. Wenn man aus Salento käme, müsse man sich doch bitte etwas bemühen. Er grinst, wiederholt und fragt, wo ich italienisch gelernt hätte. Entfernt klingt es nach dem Veroneser Dialekt, aber es würde sehr viel seltsames darin anklingen. Auch das ist nach Hause kommen. Der irritierte Blick, wenn ich den Mund aufmache. Dem mutigsten meiner Freunde müssen die Ohren geklingelt habe. Er, der längst akzentfrei spricht, amüsiert sich noch heute über mein Italienisch. Es geht mir leicht über die Lippen, man sagt mir aber es klänge als hätte es mich eine Horde, seit Jahren im Norden lebenden, neapolitanischer Eseltreiber gelehrt. Das nun nicht. Aber eine Horde LKW Fahrer. Der Unterschied ist wohl nicht groß.

Nach 24 Stunden war ich wieder daheim. Es hatte ein bisschen gedauert, aber jetzt war ich wieder zu Hause. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, all die Stücke einzusammeln, die ich vor Jahren bei einem übereilten Aufbruch liegen gelassen hatte. Dort ein angebissenes Brioche, da ein Stückchen Mut und Tapferkeit und an fast jeder Ecke ein wenig Lachen. Nach 24 Stunden war ich wieder daheim. Es hatte ein bisschen gedauert, aber jetzt war ich wieder zu Hause. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, all die Stücke einzusammeln, die ich vor Jahren bei einem übereilten Aufbruch liegen gelassen hatte. Dort ein angebissenes Brioche, da ein Stückchen Mut und Tapferkeit und an fast jeder Ecke ein wenig Lachen. Vermisst habe ich nichts davon und gemerkt, dass es fehlte, erst vor kurzem. Im Grunde hat sich nichts verändert. Einzig an den Zebrastreifen, halten die Autos nun wirklich meistens an. Wahrscheinlich zwingt sie eine EU Richtlinie mittlerweile. Am letzten Morgen stehe ich mit einer alten Frau an der Straße. Trotz des Zebrastreifens bleiben wir beide stehen, als ahnten wir, dass der Fahrer im Fiat Punto sicher nicht halten würde. Sie nickt mir zu, als er vorbei rauscht und  erklärt schimpfend, wie gefährlich diese Streifen auf der Straße seien. Jedes Jahr erwischte es einen Touristen, weil er so blöd sei, einfach darauf zu treten. Ich revidiere – nichts hat sich geändert.

 

18 Gedanken zu “„Si incazatto“ heißt manchmal auch „willkommen zu Hause“.

  1. hach! ich freue mich, endlich etwas über verona zu lesen! 24 stunden sind eigentlich keine lange zeit wenn man bedenkt, welche erfahrungen es zu überbrücken galt. das in einklang bringen von „alles hat sich verändert“ und „die essenz ist dennoch dieselbe“ ist für kopf und herz doch ein ganz schönes stück arbeit. und ich freu mich sehr für dich, dass du „dein verona“ zurückbekommen hast ❤

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  2. Liebe Mitzi,
    wenn ich das Wort Zuhause höre, habe ich vermutlich andere Gefühle. Bei mir hängt das Zuhause so gut wie gar nicht mit Orten zusammen, sondern nur mit Menschen. Natürlich habe ich eine ganz andere Lebenssituation. Ob es daran liegt, dass ich schon an über 10 Orten gewohnt und meistens in meiner eigenen Welt gelebt habe, weiß ich nicht. Muss ich noch drüber nachdenken. 😉
    Manche Gedanken dazu würde ich Ihnen anvertrauen, aber nicht dem Internet! 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, manche Gedanken taugen nicht für das Internet, das sehe ich auch so ;).
      Dass Sie Ihr Zuhause mit Menschen verbinden ist schön. Oft geht es mir ähnlich, denn erst die Menschen mit denen man etwas teilt, machen einen Ort zu einem Zuhause. Es ist auch praktisch. So kann man sich die alte Heimat einladen oder anderenorts besuchen. Wenn ich Orte, die ich als Zuhause empfinde besuche, habe ich oft das Gefühl dort den Geist oder den Nachhall all derer zu spüren, mit denen ich dort gewesen bin.
      Herzliche Grüße
      Mitzi

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  3. Schön, dass du über deinen jüngsten Verona-Aufenthalt geschrieben hast und gleichzeitig autobiographische Details deutlich werden lässt, liebe Mitzi. Dass du Italienisch von LKW-Fahrern gelernt hast, daran erinnere ich mich aus einem deiner früheren Texte. Dieser Text hier zeigt, dass es Konstanten gibt im Leben, aber auch, was Rabbi Akiba schon vor 2000 Jahren gesagt hat: „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.“ Andererseits hilft so eine Wiederbegnung und das Aufschreiben manchmal, Entwicklungen aus der Vergangenheit besser zu verstehen, Mir ging es gerade so. Lieben Gruß,
    Jules

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    1. Die Worte von Akiba (ich wusste nicht, dass sie von ihn sind) mag ich sehr und kann ihnen in vielen Situationen etwas abgewinnen. Das Leben ändert sich. Ob wir nun wollen oder nicht. Ich selbst hänge an den Konstanten und bin froh, wieder „daheim“ gewesen zu sein. Darüber zu schreiben hat schon immer geholfen. Gerade damals, als ich ging und es schon nach wenigen Wochen bereute. Lieben Gruß

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  4. So oder so ähnlich stelle ich mir alt-werden vor… Selbst wenn man in seiner Heimat noch wohnt. Hier und dort schließt ein Café, wird ersetzt und abermals vergessen. Ich bin gespannt wie es mir nach neun Monaten Abstinenz ergehen wird…

    Hut ab, dass du nicht verzweifelt bist!

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