Ballett zwischen U1 und U2

Ich kann Sie beruhigen. Der von mir vor einigen Tagen beschriebene Mitarbeiter der Münchner Verkehrsbetriebe sitzt noch immer in seinem Glaskasten an den S-Bahn Gleisen des Hauptbahnhofes. Man hat ihn nicht, wie befürchtet, strafversetzt. Er darf die Fahrgäste weiter anschnauzen und für die gebührende Ordnung am Bahnsteig sorgen. Vielleicht hat man ihn sogar befördert, wie einige von Ihnen vorschlugen. Heute morgen ist mir nämlich aufgefallen, dass er eine zur Uniform passende Kappe trägt. Eine solche Kappe darf nicht jeder tragen. Jedenfalls nicht die, die einen Stock tiefer zum Ballettensemble gehören. Ich glaube, wenn sie beim MVG arbeiten, dann ist der Satz „du bist ab morgen im Ballett“ gleichbedeutend mit „Ab nach Sibirern“. Dass der Münchner ein Hordentier ist, zeigt sich jeden Morgen und Abend an den Bushaltestellen und Bahnsteigen der Stadt. Nicht Herdentier. Ein Hordentier. So rennt die Horde völlig ungeordnet durch die Gegend und man wünscht sich mehr als einmal einen Leithammel, der für ein Minimum an Ordnung sorgt. Der Versuch, das den Schaffnern zu überlassen ist gescheitert. Sie haben es versucht. Über Jahrzehnte hinweg haben sie mit einer Engelsgeduld versucht die Ein- und Aussteigenden mit einem strengen „Zurückbleiben“ am Blockieren der Türen zu hindern. Wie konsequent sie dieses eine Wort immer und immer wieder geflüstert, gesagt und gebrüllt haben, erkennt man leicht daran, dass es meinem lieben Blogfreund Jules so deutlich in Erinnerung geblieben ist. Genutzt hat es nichts.  Die Horde rennt, trampelt, schubst und schiebt sich jeden morgen taub und blind über den Bahnsteig. Es reicht ein Einzelner, der abrupt stehen bleibt um Duzende aus dem Takt zu bringen, und Duzende treiben jeden Einzelnen in den Wahnsinn. Um die Horde im Zaum zu halten, versucht man vieles. Gelbe Striche auf dem Boden, die Laufrichtung weisen zum Beispiel. Sie sind sinnlos, da auch der Boden längst zur Werbefläche wurde und leichtsinnige, noch nicht ganz wache Münchner, doch tatsächlich stehen bleiben um zu lesen was dort steht. Besonders beliebt ist die Werbefläche direkt nach oder vor der Rolltreppe. Eingeweihte warten genau dort auf die S-Bahn und amüsieren sich über das Stocken der Horde und das laute Schimpfen der Rennenden über die Stehenden.

Seit neuestem versucht man dem Münchner alles abzunehmen, was auch nur im entferntesten ein Mitdenken erfordert. Man lässt ihn zum Beispiel nicht mehr selbst die Türen öffnen. Angeblich nahm das Drücken des Türknopfes an U- und S-Bahn zu viel Zeit in Anspruch. Die Türen öffnen sich jetzt alle gleichzeitig und ohne dass man irgendwas zu drücken hätte. Weil die Münchner aber neben den Horden- auch Gewohnheitstiere sind, drücken sie trotzdem und werden fuchsteufelswild, wenn sich die Türe nicht sofort öffnet. Das sie das nicht tut, liegt am Schaffner. Der ist nämlich auch Münchner, also auch ein Gewohnheitstier und noch nicht vertraut mit seiner Aufgabe als Leithammel. In etwa drei Jahren, werden wir es begriffen haben. Die Fahrgäste, dass sie nicht mehr drücken müssen und der Schaffner, dass er unbedingt drücken muss. Bis dahin pressen wir uns gegen geschlossene Türen, fluchen, drücken und schimpfen, das es eine Freude ist. Das gegen die Türe presse, dürfen wir jetzt allerdings an den großen Bahnhöfen  nicht mehr. Da steht jetzt das Sonderkommando der MVG und hindert uns tanzend daran.

Einer der größten U-Bahn Bahnsteige am Hauptbahnhof ist der von U1 und U2. Der Bahnsteig wird von zwei Gleisen begrenzt auf denen abwechselnd die U1 und die U2 einfahren. Morgens im Abstand von drei bis vier Minuten. Um die Horden die dort umsteigen in den Griff zu bekommen, hat man über die ganze Länge des Bahnsteiges MVG Mitarbeiter verteilt, die die einfahrende U-Bahn begrüßen und die Wartenden von der Bahnsteigkante zurück halten. Elf sind es – ich hab sie gezählt. Elf äußerst missmutige Männer und Frauen, deren Blicke töten könnten. Kein Wunder. Ich würde auch nicht grinsen, wenn man mich nach Sibirern schicken würde oder mich zwänge morgendlich zwischen all den Pendlern zu tanzen.

Die U1 verlässt den Bahnhof. Elf Mann atmen tief ein, straffen die Schultern. Sie lösen die Oberarme vom Oberkörper. Ihre Hände berühren sich nicht – Vorbereitende Position der Arme. Die Füße leicht nach außen gedreht für einen besseren Stand – 1. Position der Füße.
Die Arme  heben sich auf höhe des Bauches – 1. Position der Arme – um gegen mögliche Knüffe und Stöße der Fahrgäste gewappnet zu sein. Ein stabilerer Stand ist jetzt nötig – 2. Position der Füße.
Die Arme werden fließend von der 2. Position nach oben geführt – da sich die 11 Tänzer zwischen all den Pendlern nicht in die Augen sehen können und gezwungen sind, sich per Handzeichen zu verständigen – die Schultern gehen nicht mit, fließend erreichen die Arme ihre Endposition – die 3. – und der Tänzer sieht seine Hände ohne den Kopf zu bewegen.
Die Primaballerina an der Rolltreppe und der Meistertänzer beim Lift winken kräftig und die ganze Reihe – längst haben ihre Füße die 5. Position eingenommen…… Dann müssen sie kurz die Augen schließen. Nicht die Tänzer, sondern Sie und ich. Denn dann….Sie glauben es nicht….mit einer Vielzahl kleiner Pas de cha springen 11 übergewichtige, missgelaunte MVG Mitarbeiter auf die andere Seite des Bahnsteigs. Sie weichen den Fahrgästen aus, trippeln durch sie hindurch. Pas de cha…Sie wissen schon, der kleine Katzensprung. Wenn Sie den nicht vor Augen haben, dann denken Sie einfach an den reizenden Tanz der vier kleinen Schwäne in Schwanensee, das ist ähnlich und das MVG Ballett würde sicher auch das Pas de quatre hinbekommen.
Leichtfüßig hüpft es schwitzend und schnaubend durch die Menge.
Ein angedeutetes Dempi-plié – Kniebeugen mit nach außen gerichteten Knien, die Fersen auf dem Boden – damit der Sitz der Uniform verbessert wird.
Für einen kurzen Moment erholen sich die Tänzer, schnauzen Fahrgäste an, irritieren Touristen mit einem Schulterzucken und verweilen einige Atemzüge ruhig in der 1. Position. Mit allem.
Die U-Bahn fährt ein. Der erste Akt endet mit dem Drücken des Knopfes an der Türe und 11 Mann stehen saublöd im Weg rum.

Wenige Augenblicke später beginnt es von neuem.

Sie müssen sich das selbst ansehen…. es ist wunderbar. Achten Sie auf den dritten von vorne – ich habe ihn so gerne. Er ist der einzige der lächelt. Und der einzige, der die Armpositionen ordentlich ausführt!

Es grüßt Sie ihre Mitzi

 

 

 

22 Gedanken zu “Ballett zwischen U1 und U2

  1. Liebe Mitzi,
    das hätte ich nicht gedacht, dass SIE so leichtgläubig sind und auf das MVG-Ballett reinfallen.
    In Wirklichkeit sind das undercover getarnte BND-Mitarbeiter (deshalb auch meistens so grimmig), die im Gedränge den Fahrgästen winzig kleine GPS-Tracker anheften. So eine U-Bahn Station ist der ideale Ort dafür, das Volk auszurüsten.
    Zwar ist das nur eine Übergangslösung, bis jedem bei Geburt ein Chip eingepflanzt wird, aber auch sehr effektiv.
    Egal, ob der Winzigtracker auf die Handtasche oder das T-Shirt gesetzt wurde, wandert er zielstrebig in die Frisur, ins Ohr, wo er sich im Ohrenschmalz versteckt oder an andere Stellen, die nicht so oft „grundgereinigt“ werden. So behalten 97% der U-Bahn-Fahrgäste den Tracker für lange Zeit – mache sogar dauerhaft.

    Ich habe Sie oft beneidet, weil Sie durch das U-Bahnfahren so schöne Geschichten erleben, aber in diesem Fall bin ich froh, dass wir hier keine U-Bahn haben. 😉
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich,
      ich bin entsetzt! Es handelt sich also gar nicht um Unterhaltung und Service, sondern um eine fiese Aktion des BND? Das erklärt einiges. Angefangen vom Jucken auf dem Kopf bis hin zu dem seltsamen Gefühl, immer einen Blick im Nacken zu haben. Augenblicklich werde ich mir gründlich die Ohren putzen und hoffe so, schlimmeres zu verhindern.

      Wie gut, dass ich Sie habe.

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  2. Meine Kenntnisse des klassischen oder modernen Balletts enden schon bei der Rechtschreibung, das Kaufen der Eintrittskarten für entsprechende Veranstaltungen gehört schon nicht mehr zu meinen Fähigkeiten. Obwohl ich den Tanz nicht ablehne, also den, der nicht von mir getanzt wird. Übergewichtige ÖPNV-Bedienstete hingegen, ja, da wäre ich bereit, mir eine Vorstellung anzuschauen. Jetzt, nach deinem schönen Text jedenfalls.

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  3. Was für eine herrliche Poesie des Alltags … Ich bin ganz begeistert, was du aus einem so prosaischen Bahnsteig herausholen kannst. Und da wir hier auch ein großes Schauspiel haben, hoffe ich, dass jemand vom VVS deinen Text auch liest. 🙂

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  4. Beim Lesen habe ich gedacht: Welch genaue Beobachtung liegt den amüsanten Schilderungen zugrunde. Kompliment, liebe Mitzi. In Hannover habe ich derlei Tänze noch nicht beobachtet. Überhaupt scheint U-Bahnfahren nirgendwo so kompliziert zu sein wie in München. Auch dass sich in Münchner U-Bahnen immer alle nah den Türen knubbeln und auch nicht aufrücken, wenn sie der Fahrer barsch dazu auffordert, scheint mir typisch zu sein für München.

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  5. Ich habe herzlich gelacht.

    Anstatt mich bei Tschaikowski und irgendeinem Schwanen- oder sonst was See zu langweilen, werde ich demnächst nach München kommen und das MVG Ballett genießen.
    Die Eintrittskarten, so munkelt man, sollen zudem günstiger sein als ein jeder Opernbesuch … 🙂

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  6. Das klingt ja schrecklich…. In Paris erging es mir ähnlich. Es gibt die Linie A, die völlig automatisch ohne Fahrer fährt. Das klappt wohl alles sehr gut, das Problem dabei sind diese Sicherheitszäune an den großen Bahnsteigen. Sie sollen verhindern, dass Menschen auf die Gleise fallen, aber Linie B fährt per Fahrer. Und Türöffnung des Wagons genau auf die Türen der Sicherheitswände abzustimmen dauert teilweise ewig, besonders bei Fahranfängern.

    Aber eine herrliche Vorstellung vielleicht übernimmt Neumeyer bald dieses Bahnhofswächterballet in einem seiner neuen Stücke 😉

    Wir Hamburger sind da leider nicht so künstlerisch. Wir fluchen noch nicht einmal…. Wir schubsen nur.

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    1. Paris klingt tatsächlich schrecklich chaotisch. Man braucht schon viel Humor und Zeit um sich daran zu erfreuen. Außerdem finde ich den Gedanken ganz ohne Schaffner durch den Untergrund zu fahren etwas gruselig.
      Schubsen tun die Münchner auch. Es ist wohl eine deutsche Unart.

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