Parken unter Beobachtung 

 

Ich bin eine gute Autofahrerin. Da können Sie jeden fragen. Wer bei mir auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, wird sicher von A nach B kutschiert. Als Münchnerin mit Verwandtschaft auf dem Land, fühle ich mich sowohl im Feierabendverkehr, als auch auf der Landstraße heimisch und bezeichne mich selbst als versierte und flotte Fahrerin. Flott, ja, stimmt mein Nachbar Paul mir zu. Versiert allerdings, würde er angesichts des eben beobachteten Einparkversuches jedoch bezweifeln. Mit einem überheblichen Grinsen wischt er sich die Finger an der Hose ab und legt seine halb gegessene Leberkäsesemmel zur Seite, bevor er an die Scheibe der Beifahrerseite klopft.

Von wem ich, die versierte Autofahrerin, das Auto geklaut hätte, das ich eben einzuparken versuche erkundigt er sich. Ich kläre ihn darüber auf dass ich das Auto weder geklaut habe, noch das es sich um einen Parkversuch sondern um einen vollständig abgeschlossenen Parkvorgang handelt. Paul, der mittlerweile halb im Fenster an der Beifahrerseite hängt wirft einen prüfenden Blick über seine Schulter und merkt an, dass man den Besitzer des Autos besser kein Foto das abgeschlossenen Parkvorgangs schicken sollte. Das Heck rage gefährlich mitten in die Straße hinein und der Besitzer des vor mir parkenden Sprinters hätte beim Versuch auszuparken sicherlich großes Vergnügen. Ein Blick in den Rückspiegel lässt mich erahnen dass ich womöglich tatsächlich noch nicht die endgültige Parkposition erreicht habe. Ich lasse den Motor an und starte einen zweiten Versuch, während Paul sich zurück auf die Terrasse der Kneipe setzt und weiter seine Semmel verspeist. Nach mehrmaligen Rangieren, dem Schließen des Fensters um meine Flüche zu verbergen und dem aggressiven Hupen mehrerer vorbeifahrende Autos stelle ich den Motor ab.

Wieder steht Paul auf und wieder klopft er an das Fenster der Beifahrerseite. Süffisant grinsend bietet er mir an den Wagen für mich einzupacken. Ich sage ihm das ich keine Hilfe benötige und er erwidert lächelnd, dass er das nicht als Hilfe sehe. Es betrachte es viel mehr als persönliche Herausforderung, da er selten ein so verkeilt stehendes Auto in einer Parklücke gesehen habe. Herausforderungen mag auch ich und lasse den Motor erneut an. Obwohl ich mich langsam daran gewöhne, meinen Nachbarn im Fenster der Beifahrerseite zu sehen, irritiert mich der Ausdruck in seinem Gesicht. Ohne das dämliche Grinsen fehlt im etwas. Als höflicher Mensch erkundige ich mich und wieder beugt er sich in den Wagen. Ob ich ihn verarschen möchte, fragt er und wartet die Antwort nicht ab. Der Sprinter vor mir besitze, wie die meisten Modelle seiner Bauart, eine Anhängerkupplung. An dieser sei ich nun drei Mal hängen geblieben. Eine Tatsache, die mir sicher nicht entgangen wäre, wenn ich beim Vorwärtsfahren geradeaus und nicht über meine Schulter geblickt hätte. Dann hätte ich vermutlich überdeutlich gesehen, dass der Sprinter beim touchieren gewackelt hätte. So viele Worte und kein einziges arrogantes Grinsen. So kenne ich meinen Nachbarn nicht. Ich bin überrascht und teile es Paul mit. Er auch, allerdings nicht positiv.

Wenige Augenblicke später sitzt Paul neben mir und es riecht neben dem vorhin geernteten Bärlauch nach Leberkäse und nach Verzweiflung. Den Geruch des Leberkäses hat Paul angeschleppt. Die Verzweiflung verströme ich.  Da verzweifelte Frauen kein schöner Anblick sind, streife ich die sicher ungewöhnlich große Anhängerkupplung ein viertes Mal und bugsiere das Auto meines Vaters knapp – sehr knapp – aus der unsäglichen Parklücke. Das Navi teilt mir mit, dass die Route neu berechnet wird und ich fahre meine Straße entlang.  Einfach geradeaus um die Nerven zu beruhigen. Paul sagt nichts. Auch nicht, als das Navi uns beim Abbiegen geduldig informiert, die Route abermals neu zu berechnen. Erst beim dritten Mal höre ich ihn fragen, wohin uns besagte Route eigentlich führen wird. Ich verschweige ihm, dass ich für die kurze Strecke vom besten meiner Freunde bis zu mir das Navigationssystem bemüht habe. Ich kenne den Weg, weiß aber nicht wie man das blöde Ding ausschaltet. Vor dem Italiener am Eck parke ich und stelle den Motor mit einem erleichterten Seufzen ab. Paul seufzt auch. Lächelt gequält und deutet auf das Feuerwehrzufahrts- Schild. Ohne ein weiteres Wort steige ich aus. Soll diese verdammte Karre ein anderer parken. Mir reicht es.

Paul hat schöne Hände. Das ist mir bisher nicht aufgefallen. Ich beobachte sie, während er das Navi ausschaltet, einmal um den Block fährt und dann hinter dem Sprinter einparkt. Ich sehe sie mir noch einmal an, als er die Stoßstange am Auto meines Vaters begutachtet und endlich doch, das für ihn typische Rhett-Butler-Lächeln lächelt. Es sei ihm ein Vergnügen gewesen, sagt er und verschwindet. Idiot, rufe ich ihm hinterher und bekomme als Dank eine angedeutete Verbeugung.

Mit dem Zipfel meiner Jacke wische ich verräterische Spuren von der Stoßstange und der Anhängerkupplung. Herr Meier steht vor der Kneipe und beobachtet mich. So breit grinst der sonst nie. Fast so breit wie Paul, der rauchend auf seinem Balkon steht als ich meine Wohnungstüre aufsperre. Ich vermute, dass die Flasche Wein vor meiner Tür und die darauf gekritzelte Telefonnummer von ihm sind. Also bitte….Rotwein und eine Telefonnummer. Das ist ein ebenso ausgelutschtes Klischee wie jenes, das Frauen nicht einparken können.

28 Gedanken zu “Parken unter Beobachtung 

  1. Amerikanische Forscher haben in einer Studie herausgefunden, dass besonders intelligente, gebildete und humorvolle Frauen am wenigsten gut einparken können. Sollten sie es wider Erwarten trotzdem perfekt beherrschen, haben sie eine Leiche im Keller und man sollte nicht unbewaffnet mit ihnen ausgehen!

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  2. Alles eine Frage der Notwendigkeit und der Übung, liebe Mitzi. Da du kein Auto besitzt, sondern als vernünftiger Mensch U-Bahn fährst, mithin selten in die Verlegenheit kommst, einparken zu müssen, kannst du keine Geläufigkeit entwickelt haben. Einparken ist sowieso eine bald überflüssige Fertigkeit. Autopiloten bzw. Assistenzsysteme machen das besser. Oder Leute wie Paul. Irgendwas kann ja jeder. Er scheint überdies ganz nett zu sein, falls er keine literarische Kunstfigur ist und seine positiven Eigenschaften von dir verliehen bekam. 😉

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    1. Irgendwas kann ja jeder….ein schöner Satz. Im rechten Moment mit dem richtigen Tonfall ist er eine „schöne“ Erwiderung auf vieles.
      Ein bisschen echt, ein bisschen Kunstfigur 😉
      Grauenhaft, dass ich erst nach Tagen die Kommentare hier beantworte. Ich hoffe du siehst es mir nach, lieber Jules. Verspätete, aber herzliche Grüße.

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  3. Hahaha, wunderbare Geschichte! Erinnert mich daran, dass ich einmal mit meinem damaligen Freund zusammen zur Post gefahren bin und dort genau vor zwei älteren Herren, die draußen Kaffee tranken, einzuparken versuchte. Weil die Parklücke zugegebenermaßen etwas eng war, ist der Freund auch noch ausgestiegen und wollte Hilfestellung geben. Nach dem ersten Versuch bin ich völlig entnervt aus der Parklücke wieder raus und davongebraust, um die nächste Ecke rum und habe da in Ruhe eingeparkt. Die beiden älteren Herren haben ihr ganzes Mitgefühl über meinem Freund ausgegossen (Ja, wo ist sie denn jetzt hin? Wie kommen Sie denn hier wieder weg? Macht sie sowas öfter?), der so stark war, mich trotzdem zu heiraten. Lieblingsmann eben 😉
    Liebe Grüße,
    die Hummel

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    1. Einen Lieblingsmann haut so etwas nicht um. Lieblingsmännern verzeiht man auch das Lachen oder Kopfschütteln in solchen Situationen.
      Die beiden Männer vor der Post sehe ich förmlich vor mir.
      Liebe Grüße und schöne Ostern.

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