Zwei so ähnlich

Ein Zwillingspaar sitzt mir im Bus gegenüber. Drei Jahre sagt die Mutter zu einer anderen und viele sehen sie an, weil es faszinierend ist, wie sehr sie sich ähneln und weil es hübsche Kinder sind. Hübsche Kinder wart ihr sicher auch, denke ich und sehe dich verschwommen hinter dem Pärchen mit den Schultern zucken und dann nicken. Wie Hanni und Nanni höre ich dich lachend flüstern und steige aus, bevor man sich über mein Lachen wundert. Wie Hanni und Nanni, war das erste das ich sagte, als ich deinen Bruder das erste Mal sah und mit das dämlichste, was man zu zwei erwachsenen Männern über dreißig sagen kann. Auch dämlich, weil ihr für mich von Anfang an nicht gleich ausgesehen habt. In einen von Euch hatte ich mich bereits Hals über Kopf verliebt, als ich den anderen kennen lernte. Ähnlich, ja. Aber gleich niemals. Nie habe ich euch verwechselt. Zu unterschiedlich waren Gestik und Mimik. Vielleicht auch sehr ähnlich, aber von einem der beiden Augenpaare kannte ich bereits jede Schattierung der Iris und zwei der Hände hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon viele Stunden in den meinen gehalten. Ich kannte von einem die kleinen Muttermale und den leichten Knubbel am Schlüsselbein, das einmal gebrochen war. Alle Emotionen hatte ich in diesem Gesicht genau studiert und nur einer von beiden sah mich so an, dass mir Luft weg blieb. Anfangs auch, wenn er nur um die Butter am Frühstückstisch bat.

Dein Bruder sagte, dass er an seinem Gesichtsausdruck beim Frühstück arbeiten müsse, da er so etwas noch nie gesagt bekommen habe. Dabei lächelte er ein Lächeln, das zum Verwechseln einem glich, das ich bereits kannte. Man sagt, dass sich das Leben mit zunehmendem Alter im Gesicht spiegelt. Bei euch erst, als einer an einer fiesen Krankheit litt und einer krank vor Sorge wurde.

Die letzte Station gehe ich zu Fuß nach Hause. Ich lache. Du ziehst die Stirn in Falten. So wie damals, als wir bei Freunden von Euch eingeladen waren und weit nach Mitternacht einer fragte, mit wem von euch beiden ich eigentlich zusammen sei. Dein Bruder und ich lachten. Du zogst für einen kurzen Moment die Stirn in Falten bevor du schmunzelnd behauptet hast, dass wir uns darüber noch nicht einig seien. Es gab nichts, worüber man sich einig werden musste. Es war eine schlagfertige Antwort auf die immer wieder kehrende, scherzhafte Frage, ob ich mir sicher sein konnte, nicht versehentlich den falschen der beiden Brüder zu küssen. Gefolgt von Anekdoten alter Schulfreunde die erzählten, wie ihr die Klassenzimmer ganz nach belieben getauscht hättet. Ihr erzähltet mir, dass ihr es nur einmal gemacht habt und auch das nicht erfolgreich, weil eure Grundschullehrerinnen euch besser als gedacht auseinander halten konnten. Auch die Eltern und die Schwester taten sich meist leicht. Den Freunden fiel es manchmal auch nach Jahren schwer euch auf einem Foto zu unterscheiden. Auch mir. Eingefroren in einem Bild, war es nicht leicht und manchmal unmöglich. Die gleiche Art sich zu kleiden, das gleiche Fotolächeln, der gleiche Haarschnitt und die Hände auf 9 von 10 Bildern tief in den Hosentaschen vergraben oder vor der Brust verschränkt. An jenem Abend, als wir uns noch nicht lange kannten, wurden Fotoalben hervor geholt und man teste mich. Die Abschlussprüfung waren zwei Bilder, die am gleichen Tag aufgenommen wurden. Auf beiden wart ihr mit demselben Mädchen zu sehen. Auf dem einem stand sie neben dir, auf dem anderen neben deinem Bruder. Ihr wusstet was kommen würde, gingt auf den Balkon eine rauchen und ich ahnte, das mehr als eine eurer Ex-Freundinnen diese Bilder bereits präsentiert wurden. Die Frage unter lautem Lachen und Feixen: Mit wem von euch war sie, die Kathrin hieß, zusammen gewesen.

Ich konnte es nicht sagen und verstand warum, diese Fotografien immer wieder gezeigt wurden. Obwohl ich euch mit Mühe und Glück richtig identifizierte, war es mir unmöglich festzustellen, wer hier seine Freundin im Arm hielt und wer nur für ein Foto posierte. Identisch die Art wie der Arm um die Schultern gelegt war, absolut gleich der geneigte Kopf und das warme Lächeln nach unten zu dem strahlenden, hübschen Mädchen. Es war die Freundin deines Bruders gewesen und weit nach Mitternacht war ich neugierig genug zu fragen ob das Klischee der geteilten Frau in diesem Fall….. Nein! Du zogst die Stirn in Falten. Ob ihr jemals versucht habt ein Mädchen, früher vielleicht, ohne das sie es mit bekam….Also bitte! Ein Augenverdrehendes Lachen und ein Stups in die Rippen. Aber es wäre möglich gewesen. Hast du behauptet und der, der dir so ähnlich sah, nickte zustimmend auf der Rückbank des Autos. Blödsinn, sagte ich. Blödsinn, dachte ich, bis ihr es lange Zeit später darauf angelegt habt.

Während ich nach meinem Schlüssel suche, ziehe bei dieser Erinnerung jetzt ich die Stirn in Falten und sehe im Spiegelbild der Türe wie du die Augen verdrehst. Ich nehme es euch noch immer übel. Ein bisschen. So wie du dich noch immer wunderst, dass ich mir am Ende eines Abends wirklich nicht mehr sicher war. Wäre dein Bruder bei uns, er würde behaupten, dass es nicht an der Ähnlichkeit, sondern an seinem Charme gelegen hat. Lassen wir ihn in diesem Glauben. Auf dem Weg nach oben bittest du mich leise diesen Abend doch endlich zu vergessen. Dein Bruder und ich lachen und du ziehst die Stirn in Falten. Manches ändert sich nie. Auch nicht die Erinnerung an diesen Abend.

9 Gedanken zu “Zwei so ähnlich

  1. Wobei das schon eine interessante Frage ist mit den Zwillingen, aber eher zur „Mechanik der Liebe“: Wenn du den anderen Zwilling getroffen hättest, sofern sie sich auch charakterlich ähneln, wäre es auch Liebe geworden? Und warum?
    Das musst du natürlich nicht beantworten, aber die Frage ist ein nettes Gedankenspiel, um einmal der Frage nachzugehen, wie das mit dem Verlieben funktioniert … Und was es dann für Liebe braucht. Oder bin ich eher die Ausnahme, die bei den ersten Begegnungen schlicht nicht auf die Details achtet und sich bei der Begegnung mit Zwillingen wohl erst einmal in beide verlieben müsste?

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    1. Die Eingangsfrage ist der dritte Teil dieser „Eier-Erzählung“. Kaum. Angefreundet, ja. Für den Rest hätte es nicht gereicht. Ich hab es mich auch mal gefragt, konnte es aber schnell beantworten. Gefallen hätte mir der eine wie der andere – klar, sehen sich ja so ähnlich. Aber dann kommt schnell das, was sich jenseits der Optik abspielt. Die ist der Türöffner und der erste nicht unwichtige Eindruck. Wenn es tiefer geht, dann hätten sein Bruder und ich keine Chance gehabt. Wir hätten uns in den Wahnsinn getrieben 😉

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  2. Ein solches Zwillingspaar ist mir (zum Glück?) noch nicht untergekommen, wobei ich deutlich mehr weibliche Zwillingspaare kenne als männliche… Zu meiner Zeit damals gab es dann Hinweise wie Muttermale oder verschiedenfarbige Schnürsenkel.
    Mir persönlich ist die Vorstellung eines mir ähnlich sehenden Individuums, allerdings zu gruselig.

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    1. Ich kann es mir selbst auch nicht vorstellen, glaube aber, dass man es wahrscheinlich anders empfindet, wenn man von Geburt an daran gewöhnt ist. Außer diesem einen, kenne ich kaum Zwillinge – die scheinen in meinem Jahrgang recht selten gewesen zu sein.

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