Hilflos im Schnee

Beachten Sie – Schnee, stand heute wörtlich auf der digitalen Anzeige an der S-Bahn Station. Ein etwas überflüssiger Hinweis, weil das was beachtet werden sollte, bereits mehrere Zentimeter dick auf dem Bahnsteig lag. Ich habe es dennoch beachtet, weil ich Schnee sehr liebe. Den Anweisungen folgend habe ich mir die Flocken im Licht der Laternen angesehen, sie mir von den Lippen geleckt und sie brav auf dem Ärmel meiner Jacke beim Schmelzen beobachtete. Nach einer Weile machte der Hinweis der Nahverkehrsbetriebe auch durchaus Sinn. Wenn man den Schnee nur intensiv genug beobachtet, merkt man gar nicht, dass seit fast 40 Minuten keine S-Bahn mehr einfährt. Das kann man in München auch nicht erwarten. Im Alpenvorland ist es absolut legitim, dass der erste Schnee des Jahres eine schnurgerade verlaufende Bahnstrecke lahm legt. Passiert es im Advent, sind die Münchener dank Glühwein und Weihnachtsvorfreude milde gestimmt. Nach den Feiertage ist es besser sie mit freundlichen Hinweisen abzulenken. Es bleibt zu hoffen, dass die Fahrgäste danke der Nachwehen der Festtage noch so lethargisch sind, dass sie sich auf dem schmal bemessenen trocknen Bereich unter dem Dach der Fahrradständer nicht an die Gurgel gehen. 40 Minuten lang habe ich den Schnee beachtet und bin dann zu Fuß zur Bushaltestelle gegangen.

Um mir die Zeit zu vertreiben schrieb ich meinem ehemaligen Kollegen in Verona eine SMS und teilte ihm mit, dass ich gerade aus dem Büro komme und der Schnee in dicken Flocken fallen würde. Seine Antwort kam binnen Sekunden. Er hoffe, dass alles gut gehen würde und legte mir ans Herz auf direktem Weg in den sicheren Hafen meiner Firma zurück zu kehren. Sofern dies noch möglich sei, schob er hinter her. Er wünschte mir alles Gute und ich war amüsiert und dennoch irritiert. Der Wortlaut entsprach in etwa dem was er mir schrieb als das italienische Fernsehen im Sommer über den Amoklauf in München berichtete. Verstehen kann das nur, wer mindestens einen Winter in Italien gelebt hat. Verona liegt nur etwa 170 Kilometer vom Brennerpass in den Alpen entfernt und das Skigebiet des Monte Baldo ist mit dem Auto schnell erreichbar. Dennoch verliert der durchschnittliche Veronese bei den ersten Flocken auf wundersame Weise den Verstand. Ich vermute sie passen sich dem restlichen Land an und verharren aus Solidarität in einer für das restliche Europa befremdlichen Schockstarre.

Als ich in Verona lebte fiel an einem Januartag Schnee. Fünf Minuten nach den ersten Flocken wurde ich beauftragt für meinen Chef Adriano ein Hotelzimmer in der Stadt zu buchen. Am frühen Nachmittag war die Schneedecke bereits auf bedrohliche 0,75 Zentimeter angewachsen und die komplette Belegschaft unserer fünf Mann starken Firma stand mit sorgenvoller Miene am Fenster und hatte die Arbeit niedergelegt. Da wo ein Zentimeter lag konnte schließlich binnen kürzester Zeit auch ein Meter liegen, teilte man mir mit. Man hätte es 1929 erlebt. Bis zur Riviera war die Schneedecke damals geschlossen und bis südlich von Palermo lag das weiße Unheil. Damals 1929, man könne sich noch genau erinnern. Ich hatte meine Kollegen deutlich jünger geschätzt, hielt aber den Mund. Schließlich lag es durchaus im Bereich des Möglichen, dass es nachts um 03.00 Uhr auf Brücken zu überfrierender Nässe kommen konnte. Der SUV meines Chefs hätte das nicht gepackt. Es war dem Mann nicht zuzumuten nach der Arbeit nach Hause nach Südtirol zu fahren. Wir sprechen hier  von etwas mehr als 100 Kilometern schöner Autobahn. Eigentlich sprach nur ich davon, als ich fragte ob ich ihn vielleicht falsch verstanden hätte, als Südtiroler wäre mit Schnee doch sicher vertraut. Meine Kollegen beachteten mich nicht und sprachen ausnahmslos von einem Schneechaos obwohl seit einer Stunde kein Schnee mehr fiel. Man beschloss das Büro einige Stunden eher zu schließen und auf schnellstem Weg nach Hause oder eben in ein Hotel zu fahren. Ich nicht. Ich blieb. Als Münchnerin mit einer Hütte in den Bergen, die besonders im Winter reizvoll ist, empfand ich es als äußerst lächerlich und blieb stur auf meinem Bürostuhl sitzen. Ein Fehler.

Unser Büro lag im Industriegebiet und ich musste über eine Stunde zu Fuß nach Hause laufen, weil ab drei Uhr keine Busse mehr fuhren. Obwohl der Schnee kaum drei Zentimeter hoch  auf der Straße lag und die Wolkendecke bereits aufriss, verschanzte sich die Stadt als triebe eine nukleare Wolke über sie hinweg. Der von mir bevorzugte Gemüseladen hatte geschlossen und nur am Bahnhof wurde ein Minimum an Betriebsamkeit aufrecht erhalten. Vor der Arena auf der Piazza Bra traf ich meinen Nachbarn Luigi. Obwohl seine Wildleder Slipper im Schnee eine, auch für mich nachvollziehbare, Gefahr darstellten, lief er eilig auf mich zu. Was ich denn um Gottes Willen bei diesem Wetter alleine auf der Straße machen würde. Er hakte sich unter und zog mich energisch durch die sanft fallenden Flocken bis wir zu Hause waren. Seine Frau behielt mich gleich in ihrer Wohnung. In solchen Krisenzeiten müsse man zusammen halten – am besten bei einem dampfenden Teller Pasta. Ich widersprach nicht.

Vorhin stand ich etwa hundert Meter von meinem Büro entfernt auf der Straße und machte eine Pause. Ich hatte mich bereits fünf Minuten durch den Schnee gekämpft und war erschöpft. Kollegen eilten an mir vorbei, Passanten sahen mich seltsam an und eine alte Frau mit Rollator überholte mich. In so einem Moment musste ich einen Italiener anrufen. Nur bei ihnen konnte ich jammern. Nur sie bemitleideten mich und nur sie ahnten wie gefährlich ein solcher Schneefall war. Ich jammerte eine halbe Stunde, dann ging ich weiter. Dass ich 8 Zentimeter hohe Pumps ohne Profil trug, erwähnte ich nicht. Wer rechnet im Januar den schon mit Schneefall.

 

 

 

 

33 Gedanken zu “Hilflos im Schnee

  1. Hab mir im Internet glatt mal acht Zentimeter hohe Pumps angesehen, mit denen du durch den Schnee stapfst, liebe Mitzi. Alle Achtung! Das muss man können. Ich würde mir bei bestem Wetter und trockenem Untergrund schon die Haxen brechen. Sehr amusant finde ich, wie du das Verhalten der Leute in Verona geschildert hast, aber nördlich von Bayern ist man auch nicht genug an Schnee gewöhnt. Fällt grad etwas Schnee, titelt die Zeitung, die ich aus hygienischen Gründen nicht nennen darf, schon: „Schneeschock!“ Es alliteriert und macht heftige Bilder im Kopf, dass man denkt, oh, mal rasch nachgucken, wie man ihn kriegt den Schneeschock. Am Ende weiß ich es nicht, eine Schneeflocke trudelt auf meinen Kopf. Platsch, der Bürgersteig klatscht mir ins Gesicht, und ich muss reanimiert werden. Diagnose: Schneeschock!

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    1. Ich habe eben nachgemessen, lieber Jules. Es waren nur sechs Zentimeter – aber das klingt nicht dramatisch genug. Aber beide Höhen sind Zeichen von Dummheit, wenn sie bei Schnee auf dem Weg zur Bahn getragen werden.
      Dennoch nicht so dumm, wie die Zeitung die du netter Weise nicht nennst. Deren Übertreibungen stellen jeden Italiener im Schnee in den Schatten.

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  2. Vorhin kurz im kleinen Jeep zum Einkaufen. Rutscht herrlich in der Kurve (Beifahrerin kreischt, aber mei. Fränkin halt, da schneit’s wohl nicht). Beim Rückweg – und wir befinden uns durchaus in Stadtgebiet (Immenstadt) – sind Straße und Bürgersteg schon nicht mehr zu unterscheiden. Love it.

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  3. Naaja, ich erinnere mich an Zeiten in München, als der Schneefall plötzlich und unerwartet vor Weihnachten über die Stadt hereinbrach, da konnte ich nur mit der Tram zum Bahnhof kommen, um den Zug nach Hause in das weihnachtliche Elternhaus in Bremerhaven zu erreichen, obwohl ich einen viel zu schweren Koffer (Rollkoffer gab es noch nicht) mit mir führte, denn ein Taxi war beim besten Willen nicht zu bekommen.

    🙂

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    1. Auch solche Winter gibt es in München. Die mag ich besonders gern und habe dann auch passendes Schuhwerk an. Ich erinnere mich auch an Wintertage an denen kaum ein Durchkommen war. Einen schweren Koffer zu schleppen….die Erfahrung blieb mir bisher aber zum Glück dabei erspart.

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  4. Man muss nicht mal so weit in den Süden fahren, um das zu erleben. Hamburg ist auch so. Während die erste Schneeflocke fällt, bricht der öffentliche Nahverkehr zusammen (es gibt da eine spezielle „Zusammenbruchstaste“, die nur durch eine einzelne Schneeflocke ausgelöst werden kann). Eine Minute später rutscht und schliddert ganz Hamburgs motorisierte Einwohnerschaft auf dem Viertelzentimeter Neuschnee mit Tempo 30 zum nächsten Discounter (manchmal auch zum Übernächsten, wenn da gerade die Yogamatten im Angebot sind) um die Überlebensrationen zu laufen, falls man wochenlang eingeschneit werden sollte. Wird man aber nicht. Auf dem Rückweg stehen bereits drei Schneeräumfahrzeuge um die Schneeflocke herum, deren Fahrer und Beifahrer sich um die Ehre streiten, die Schneeflocke entfernen zu dürfen und so der Held des Tages zu sein. Während sie noch streiten, wird das Problem durch einen vorbeikommenden Hund gelöst, der einmal kräftig auf das Objekt pinkelt. Macht nichts. Die nächste Schneeflocke ist schon für übermorgen gemeldet…

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    1. Ich wusste, dass es für den Wahnsinn einen Grund geben muss. Die Zusammenbruchtaste hatte ich allerdings nicht vermutet. Macht aber Sinn.
      Hamburg im Winter – das scheint ein Spaß zu sein. Ich glaube, das muss ich mir mal ansehen. Fürchte aber, dann gar nicht erst anzukommen. Vielleicht wenn ich mich früh genug auf den Weg mache. Das Ballette der Schneeräumfahrzeuge würde ich allzu gerne sehen.

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      1. Hamburg im Winter ist lustig. Vor allem, wenn man (wie ich) in einer Straße dritter Klasse wohnt. Das sind die, in denen niemals geräumt und getreut wird. Wenn man da nicht selber schnell genug ist (und das ist man nie) hat man in kürzester Zeit bis zu 20 Zentimeter tiefe Eisrillen, aus denen man, wenn man mit dem Auto einmal drinsteckt, nie wieder rauskommt. Alle paar Meter hört man dann, wie der Unterboden mit einem fiesen Knirschen auf dem Eis aufsetzt. Nicht schön.
        Nett war allerdings vor ein paar Jahren die wilde Gänseschar, die mitten in einem Wohngebiet Halt gemacht hat, bevor sie weiter flog. Eine Gruppe von bestimmt hundert bis zweihundert der riesigen Vögel saß in den Vorgärten und unterhielt sich lautstark (ich nehme an, sie lästerten über Menschen. Sie machten ganz den Eindruck). Es wirkte etwas surreal, aber den Gänsen war das egal 😛

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      2. Diese fiesen Eisrillen kenne ich und bei dem von dir beschriebenen Geräusch läuft es mir kalt den Rücken runter. Vermutlich kenn ich es, weil ich auch nicht in einer Premiumstraße wohne. Je länger ich darüber nachdenke umso sicherer bin ich mir, dass vor meiner Tür auch noch nie ein Schneepflug gefahren ist. Aber die Kneipe unter mir streut mit Kippen – das geht ganz gut.

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  5. Ja, hier im „Norden“ verfallen auch viele in eine Schockstarre, sobald sich auch nur annähernd winterliches Wetter zeigt. Im Radio sprachen sie heute morgen von eisiger Kälte. Ich wollte mich schon darüber freuen, dass es wirklich mal wieder kalt wird und -20°C unterboten werden, aber dann waren es doch nur -0,5°C. Um 5:30 Uhr waren die Straßen zum Glück noch nicht so voll, so konnte ich mich ungehindert durch die etwa 0,1mm hohe Raureifschicht kämpfen. Aus irgendwelchen Gründen scheinen die Straßen nämlich immer glatter zu werden, je mehr Fahrzeuge sich auf ihnen befinden.

    Pumps im Schnee. Naja, die kann man fast schon als Spikes durchgehen lassen und die sind im Schnee doch sogar von Vorteil 😀

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    1. Du bist der erste, der ahnt warum ich diese Schuhe angezogen habe. Einen Versuch war es wert – auch wenn er gescheitert ist. 🙂
      Je mehr ´Kommentare ich lese umso überzeugter bin ich, dass Schneechaos wohl keine italienische Erscheinung ist. Verraten werde ich es den ehemaligen Kollegen trotzdem nicht.

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  6. Zehn Jahre Bahnfahrten zum Büro haben mich zum Schneeüberlebenskünstler gemacht. Pumps in der Tasche, dicke Stiefel an den Füßen retten einen immer. Ich bin immer wieder überrascht, wenn bei Schneefall das Chaos ausbricht, Wir haben früher, auch bei hohem Schnee, jeden Berg mit dem Auto gemeistert, manchmal standen wir dabei auf der Rückstoßstange unseres Familien-VW-Käfers und hielten uns an den Skiern fest, es war ein abenteuerliches Vergnügen, dass mit herrlichen Skiabfahrten belohnt wurde.

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    1. Es muss ein tolles Bild abgegeben haben – der Käfer im Schnee und ihr auf der Stoßstange. Heute gibt es kaum noch Stoßstangen, die diesen Namen verdienen.
      Ich glaube wir sind einfach empfindlicher geworden und die Medien tragen zur schnellen Panik bei. 1 cm Schnee kann zu überhaupt keinen Problemen führen, wenn man mal von Glätte absieht. Die Schuhtasche habe ich an den meisten Tagen auch über der Schulter hängen.

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  7. sehr schön mitzi

    die italiener können mit schnee so gut umgehen wie die berliner … nämlich gar nicht.
    im moment herrscht in berlin auch schneechaos, die wiesen sind leicht überzuckert und die straßen aber frei  …dennoch …

    da lobe ich mir die finnen, 1 1/2 tage schneit es, -10 grad und dann später -19 und tortzdem wird geflogen 😀

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  8. Wenigstens konnten die Veroneser Kollegen das gar fürchterliche Schneechaos noch exakt auf 1929 datieren!

    „Bi uns op’n Dörp“, wo ich ursprünglich herkomme, ist man zumindest als Außenstehender verloren, denn Jahreszahlen sind hier beim Reminiszieren nahezu unbekannt. Wenn man etwas zeitlich verortbar machen möchte, hätte sich das etwa so angehört: „War das nicht in dem selben Jahr, als Bauer Knittelbeek die Maul- und Klauenseuche auf seinem Hof hatte?“ – „Nee, DAS war in dem Jahr als der Dorfkrug abgebrannt ist. Das mit dem Schnee war in dem Winter vor dem Sommer mit dem großen Regen, der die halbe Rapsernte vernichtet hat“.

    Es macht Spaß, den Zugezogenen dabei zuzusehen, wie sie versuchen aus derart präzisen Aussagen schlau zu werden… 😉

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    1. Ja, sie waren erstaunlich firm im nennen der Daten. So prompt kamen die, dass ich vermute, sie haben einfach irgendeine Jahreszahl genannt.
      Der Kalender euch op´n Dörp gefällt mir da schon um einiges besser. Eine echte Herausforderung für jeden der nicht seit der Kindheit damit konfrontiert wird.

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  9. So viele Erinnerungen werden bei dem Artikel wach: Gewaltmarsch vom Monte Baldo hinab. Die großzügigen Hinweisschilder der Italiener, dass es nur noch rund 30 Minuten zur Mittelstation seien und denen man alle zwei Stunden begegnete. Das Schneechaos ab der ersten Flocke in Birmingham, England. Wo man es noch einigermaßen nachvollziehen kann aber trotzdem völlig verständnislos das Chaos mitansieht, das sich, ähnlich wie wohl in Verona, in Birmingham damals im Auslandssemester abspielte… Danke für’s Erinnerungen wecken!!

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    1. Sehr gerne! Und lieben Dank für das Teilen deiner Erinnerungen. ich war in all den Jahren nie auf dem Monte Baldo und hab mir eben wieder vorgenommen, ihn dieses Jahr einmal zu besuchen. Ich werde mir merken, dass die Zeitangaben Blödsinn sind :).

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  10. herrlich! ich weiß genau was du meinst. hier wieder die analogie zu wien 😀 zum glück hatten wir den schneefall an einem sonntag, das hat das chaos begrenzt gehalten – und ich konnte ihn ohne negative gefühle genießen!

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