München – Neapel

Ob wir uns vor Weihnachten noch einmal sehen, fragt der mutigste meiner Freunde am Telefon und wechselt dann abrupt das Thema. Er wartet meine Antwort nicht ab. Das macht er immer dann, wenn die Chance besteht, dass ihm die Antwort nicht gefallen könnte. Der Versuch den Faden wieder aufzugreifen ist sinnlos. Das ignoriert er und erst ganz am Ende eines Telefonates wiederholt er die Frage – als Feststellung. Er würde sich auf mich freuen, sagt er. Nächstes Wochenende sei gut, da habe er noch nichts vor. Ich eigentlich schon, aber wenn der mutigste meiner Freunde Fragen in Feststellungen verwandelt, dann ist ihm etwas wichtig. Nächstes Wochenende werde ich also am Hauptbahnhof stehen. Mit Herzklopfen. Nicht wegen ihm, sondern wegen des Bahnhofes. Ich bin der festen Meinung, dass kein Mensch sich dem ganz besonderen Zauber eines Bahnhofes entziehen sollte. Man sollte dort unbedingt ein paar Herzschläge lang ruhig stehen und das leichte Ziehen im Magen genießen. Sie wissen wovon ich spreche. Dieses Sehnsuchtsgefühl, das einen so glücklich und auch so unglaublich traurig sein lässt. Ich liebe es.

Der Münchner Hauptbahnhof ist hässlich. Grau, lieblos und bei Wind zieht es eisig über die Bahnsteige. Kulinarisch ist mittlerweile einiges geboten, früher aber, als ich noch regelmäßig mit dem Zug nach Italien fuhr, schmeckte nichts und alles war unglaublich teuer. Trotzdem kaufte ich mir vom knappen Geld immer zwei anspruchslose Zeitungen, eine Flasche Wasser, eine Butterbreze und eine Nussschnecke. 9 Euro, deren Ausgabe einem Ritual glich, von dem ich nicht abweichen wollte. Über der Schulter hatte ich die alte Reisetasche meines Vaters und ging etwas schief, weil ich immer zu viel dabei hatte. Das Ticket kaufte ich zwischen den Zeitungen und der Nussschnecke. Mit klopfendem Herzen sagte ich dann, Verona, Pisa, Mailand oder Neapel. Die Namen der Städte änderten sich, das Ziel nie. Immer fuhr ich zum mutigsten meiner Freunde, der damals noch mein fester und heute einer meiner besten Freunde ist. Lange im Voraus plante ich nie. Die Frequenz meiner Besuche hätte von meinem Kontostand und den Prüfungsterminen an der Uni bestimmt werden müssen. Das war sie aber nicht. Manchmal stand ich in der Mensa an und bekam ganz ohne Vorwarnung Herzklopfen. Oder ich jobbte an einem Freitagvormittag und konnte plötzlich nicht mehr richtig einatmen und die Stimme blieb mir weg. Dann wusste ich, dass ich am Abend in den Zug steigen musste. Ich musste. Und wenn es bedeutete, dass ich danach pleite war oder nicht genug lernen konnte, dann nahm ich es ohne nachzudenken in Kauf. Sobald ich beschloss am Abend den Zug zu nehmen, konnte ich wieder atmen, sprechen und essen. Es kam oft vor, dass ich den Zug um 23:41 Uhr nach Mailand nahm. Manchmal war dort die Endstation, dann dauerte die Reise nur bis 09:00 Uhr morgen, manchmal stieg ich dort um und musste noch eine Fähre nehmen, dann kam ich erst gegen 16:00 Uhr auf Elba an. Keine 30 Stunden später ging es schon wieder zurück.

Wenn ich ein wenig Geld über hatte, dann leistete ich mir einen Platz im Liegewagen. Hatte ich Glück, dann waren alte Leute mit mir dort einquartiert und mindestens eine davon eine Frau. Hatte ich Pech, dann waren es nur Männer, die schnarchten und blöd glotzten. Ich lag immer auf meiner Tasche, damit sie nicht abhanden kommt und zog die Jacke wegen der glotzender Männer nicht aus. Vom einschlafen hielten sie mich aber nicht ab, die manchmal unverschämten Blicke. Das gleichmäßige Rattern lies mich einschlafen, noch bevor ich nach 90 Kilometern Österreich erreicht hatte. Die ersten Kilometer hatte ich immer die Augen offen. Es war schön, durch die Stadt zu fahren und zu wissen, dass man sie hinter sich lies. Ich schloss sie, wenn der Zug an Oberaudorf vorbei fuhr. Dort auf dem Berg liegt unsere Hütte und ich sagte ihr im vorbei fahren noch gerne Hallo. Danach schlief ich ein. Es war ein leichter Schlaf und ich wusste fast immer wo wir waren. Durch Österreich ging die Fahrt langsam. Der Zug ratterte gemächlich und ohne Eile. Er musste ja die Alpen hinauf und bis zum Brenner ist die Strecke nur langsam befahrbar. Oben an der Grenze wachte ich dann immer ganz auf. Der Zug stand lange dort und ich bin meistens kurz aufgestanden, weil ich mir einbildete, dass der erste Atemzug italienischer Luft etwas ganz besonderes ist. Heute würde ich zugeben, dass es einfach unglaublich stickig in dem 6er Abteil gewesen ist. Stickig und unbequem. Den ersten Kaffee habe ich dann dort oben getrunken und dazu die Nussschnecke gegessen. Ich glaube es war gegen halb vier, wenn der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Im Halbschlaf hörte ich die Namen der Stationen und weiß bis heute oft die deutschen Worte für die italienischen Orte nicht. Ich behauptete auch lange, den Fluss Etsch nicht zu kennen, bis mir meine Mutter erklärte, dass es der vor meinem Fenster sei. Ich wohnte damals in Verona und kannte nur die Adige.

Meine Zugreisen waren Weltreisen. Weil die italienische Bahn früher noch öfter und viel öfter und viel spontaner streikte als heute, blieb ich oft stecken. Einmal lief ich die ganze Nacht alleine  durch Rom um mir die Zeit bis zur Weiterfahrt zu vertreiben und einmal hing ich in einem winzigen Kaff ohne Bahnhofsgebäude fest und hockte fünf Stunden im Zug, dessen Heizung abgestellt war. Damals war ich furchtlos. Vor Jahren erzählte ich einer Freundin, dass sich einmal bei der Heimfahrt von Neapel, einer zu mir auf die Liege gelegt hat und seine Hand unter meinen Pullover schob. Sie murmelte etwas von sexuellem Übergriff und hatte wahrscheinlich recht. Ich war damals aber nur wahnsinnig wütend gewesen und schrie den Idioten an. Heute fürchte ich mich vor vielem, damals vor nichts. Ich war so glücklich, wenn ich hinfuhr und so traurig, wenn ich zurück fuhr. Damals hing ich zwischen den beiden Ländern und war immer auf dem Sprung. Emotionale Randgebiete mein Spezialgebiet und ich untragbar für mein Umfeld. Ruhig und gelassen war ich nur, wenn ich beim mutigsten meiner Freunde war.

Er schrieb mir eben. Ich müsse nicht kommen, es passt schon wieder. Das kann er vergessen. Ich habe die Tasche aus dem Keller geholt und neun Euro zur Seite gelegt. Der 39 Euro Flug nach Verona reizt mich nicht. Ich will für 135 Euro mit dem Zug fahren. Ich will das Ziehen im Magen spüren und die Vorfreude ihn zu sehen den ganzen Weg über den Brenner mit mir herum schleppen. Und Sonntags will ich mich am Bahnhof unter Tränen verabschieden. Er hasst das. Ich auch. Und ein klein wenig mag ich es. Im Zug nimmt man nämlich noch ordentlich Abschied. Langsam.

44 Gedanken zu “München – Neapel

  1. Der Nachtzug nach Rom ging früher von Gleis 11 ab. Ich konnte nie schlafen. Bimmelt es eigentlich an den Bahnübergängen (sofern es sie überhaupt noch gibt) in Italien noch. Das habe ich jetzt noch in den Ohren. Und den besten Cafe gab es in Roma-Termini. Morgens um 9 oder später.

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    1. Das Gleis wüsste ich heute nicht mehr, vielleicht auch das 11er oder eines daneben.
      An ein Bimmeln kann ich mich nicht erinnern, mir ist das Rattern so in Erinnerung geblieben, dass ich es wahrscheinlich überhört hätte :).
      Roma-Termini….allein der Name ist schön. Meinen liebsten Cafe-Tresen gab/gibt es in Verona – Porta Nuova.

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  2. Die Strecke kenne ich und die beschriebenen Gefühle sind mir nicht fremd und ab und an wenn ich zögernd vor einem nächsten Schritt stehe, rufe ich die Momente in denen ich über Mut nicht nachgedacht habe auf und schiebe mich selbst mit meinen Erinnerungen an. 😉
    Dir wünsche ich eine gute Reise.

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  3. Ganz wunderbar hast du das Gefühl beschrieben, das auch mich immer auf dem Weg in die bayerische Heimat befällt. Ein letztes Franzbrötchen vom besten Franzbrötchenbäcker Hamburgs am Hbf einstecken und dann die nächsten Stunden die Landschaft beobachten, ob sich die Windräder verändern, die Hausdächer, ob ich es fühle, wenn wir den Weißwurstäquator überqueren. Bei der Rückfahrt einen Kloß im Hals bis München, ein Gefühl von Freiheit im ICE, je näher die See zu rücken scheint. An den Nachtzug von Passau nach Hamburg hab ich aber nur schlechte Erinnerungen…
    Danke, Mitzi, für diese Gedankenanregung! 💛

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    1. Das langsame Verändern der Landschaft ist mit das Schönste. Fühlst du den weißwurstäquator? ;).
      Züge, die mit schlechten Erinnerungen verbunden sind, sollte man meiden – wenn es sich machen lässt. Ich hab auch so einen, in den steig ich nicht mehr. Ich muss aber auch nicht mehr nach Stuttgart.
      Liebe Grüße und einen schönen restlichen Sonntag.

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  4. Ich finde den Münchener Hbf gar nicht hässlich, ihm fehlt nur der Charme, den der Rest der Stadt hat….er wirkt etwas deplatziert!
    Und jugendlicher Leichtsinn, Hormone, Liebe…..irgendwie war die Welt zu der Zeit noch unkomplizierter…..ich erinnere mich gerade daran 😉 PS: Wenn Du es beschreibst, klingt sogar im Zug steckenbleiben oder streiken wie kleine Gottesgeschenke 😉

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    1. Die Erinnerung lässt einen alles wie durch einen Weichzeichner sehen. Wenn ich darüber nachdenke, denn war Rom zwar wunderschön, aber auch unglaublich kalt und ich hätte mir wirklich Geld für ein Hotelzimmer gewünscht. ;). Aber so ist es länger in Erinnerung geblieben.
      Für mich war sie schon damals kompliziert, die Welt. Aber ich hatte ein weit besseres Nervenkostüm und den festen Glauben, dass sich alles so ergeben wird, wie ich es mir erträume. Nix ist es geworden. Nicht ein Traum erfüllt ;).

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      1. ich denke, wenn jeder ehrlich wäre, würde er auch zugeben müssen, dass nichts so geworden ist, wie er/sie es sich erträumt haben…aber vielleicht ist es auch eine bessere Strategie, Dinge auf sich zukommen zu lassen…..

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  5. die schönsten montagmorgenmomente habe ich immer mit deinen texten. danke für diesen wundervollen. ich bin nie zug gefahren, aber irgendwas in mir kennt dieses gefühl dennoch, vielleicht aus einem früheren leben. oder deine worte machen gefühle so lebendig, dass man denkt, es wären die eigenen. ich hatte gänsehaut. ich spürte den abschied. und ich kenne diese furchtlosigkeit von früher, die man verliert.

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    1. Liebe Paleica, das ist das Schönste, was man mir sagen kann. Einen schönen Montagmorgenmoment schenken – was will ich mehr. Genau deshalb schreibe ich. Fühl dich umarmt und vielen, vielen Dank!
      Man muss wahrscheinlich gar nicht Zugfahren, um das Gefühl zu kennen. Aufbrechen, ankommen, unterwegs sein…das reicht.

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      1. bitte gern 🙂 ich weiß, wieviel es wert sein kann, wenn einem gesagt wird, dass das, was man hier tut, ankommt. wir sollten das alle viel öfter tun 🙂 also bitte liebe mitzi, schreib weiter (ich darf dich duzen, auch wenn du uns in den texten üblicherweise siezt?). alles liebe nach münchen!

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      2. Danke :-* das mache ich sehr gerne.
        Ja, bitte unbedingt duzen. Die Texte fallen mir leichter in der Höflichkeitsform. Vielleicht weil ich beim Schreiben meist eine unbekannte Größe vor Augen habe. Ansonsten mag ich das Du hier sehr gerne.

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  6. Aus gut ausgeklügelt touristischen Gründen lassen wir Züge, die unser Land bloß zur Durchquerung nutzen, um uns über den Brenner schnellstmöglich wieder zu verlassen, grundsätzlich im Schneckentempo durch die Gegend bummeln … 🙂

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    1. Eine gute Idee. Es ist ja auch ein überaus schöner Anblick, den man zwischen Kufstein und dem Brenner genießen kann. Als Münchner auf dem Weg nach Italien ist bis zur Grenzen nach Italien eh noch alles heimatlich. 🙂

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