Oliven mit Mordgedanken

Kennen Sie das kleine, süditalienische Städtchen Cava de´Tirreni? Sie sollten dort unbedingt einmal vorbei schauen. Nicht nur weil dort, in der Provinz Salerno, das echte Italien beginnt (vergessen Sie Florenz und Rom) und auch nicht weil Ihnen die Schönheit der Amalfiküste Tränen in die Augen treiben wird. Selbst die besten Brioche in Maiori und die besten Cornetti in Minori (den Unterschied zwischen beidem kann Ihnen nicht einmal ein Italiener erklären. Feldstudien meinerseits führen aber zu dem Schluss, dass jeder eine Erklärung parat hat, Sie diese aber besser nicht hinterfragen), sind nicht der Hauptgrund. Cava de´Tirreni müssen Sie besuchen um dort den weltbesten Schweinebraten zu essen. Schweinebraten alla Mitzi. Fahren Sie hin und fragen Sie danach. Die Chancen, dass man sich an mich erinnert und Sie zum Essen einlädt sind recht hoch. Die Stadt hat nur knapp 50.000 Einwohner und für gefühlte 500 von Ihnen habe ich vor etwa 18 Jahren gekocht. Wenn ich den Gerüchten glaube, dann hat sich mein Rezept mittlerweile verbreitet.

Vorweg – sollten Sie aus Österreich oder Bayern kommen, dann lesen Sie bitte nicht weiter. Ähnlich der Schönheit der Amalfiküste, wird Ihnen auch mein Schweinsbraten die Tränen in die Augen treiben. Ebenfalls vorweg – ich kann einen guten Schweinsbraten auf den Tisch bringen. Einen sehr guten sogar. Nur in Cava gab es ein paar kleine Hindernisse. Hätte ich geahnt wie viele es sein würden, hätte ich die Bitte meiner Freunde, doch etwas typisch bayerisches zu kochen ohne zu Zögern abgelehnt. Weil ich es aber nicht wusste und mein Freund und ich schon zwei Wochen in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu Besuch waren, zuckte ich nur mit den Schultern, als er fragte ob ich für fünf oder sechs Leute etwas typisch deutsches kochen könnte. Mit Anfang zwanzig machte mich die Anzahl nervös aber ich wollte es versuchen. Gemeinsam mit dem Mutigsten meiner Freunde stand ich wenig später in der Metzgerei des kleinen Ortes. Weil er nicht nur der Mutigste, sondern auch der Italienischste meiner Freunde ist, überließ er das Einkaufen mir – der Frau. Dass ich damals noch kein Italienisch sprach, erschien ihm kein Hindernis und so deutete ich mutig auf ein halbes Schwein, das im Hinterzimmer von der Decke hing. Ohne Sprachkenntnisse erfordert es die hohe Kunst der Pantomimik um zu erklären, welches Teil des Tieres man gerne erwerben würde. Ich klopfte mir so oft auf die Schulter, dass auch der Verkäufer sich irgendwann auf die Schulter klopfte und mich vermutlich für zurückgeblieben hielt. Der Mutigste meiner Freunde steckte kurz den Kopf zur Tür rein und rief mir zu, dass neben unseren Freunden auch die Nachbarn zum Essen kommen würden. Meine Frage, wie viele davon beantworte er mit einem Schulterzucken. Ich rechnete leicht nervös mit nicht mehr vier sondern acht Erwachsenen. Ein Braten mit Beilagen sollte reichen. Als ich die Metzgerei verließ, war die Schweinehälfte noch vollständig und ich hielt ein schweres Stück Fleisch in den Armen, dass entfernt an einen Rollbraten erinnerte und mit Streifen von Bauchspeck in Form gehalten wurde. Dass es sich um Rindfleisch handelte war mir zu diesem Zeitpunkt schon egal, da mir auf dem Weg zum Auto mitgeteilt wurde, dass die Nachbarn zahlreicher als gedacht waren. Wir waren jetzt zu zwölft und ich erwarb ein weiteres Stück Rindfleisch um daraus einen original bayerischen Schweinebraten zu zaubern.

In der Bäckerei besorgte ich das Brot für die Semmelknödel. Erklären Sie mal ohne Sprachkenntnisse, dass sie welches vom Vortag wollen. Ich versuchte es wieder mit Pantomime und deute diesmal kopfschüttelnd auf ein Kind und dann nickend auf eine alte Frau. Immer im Wechsel bis mein Freund mich fragte ob ich noch ganz dicht sei und in fließendem Italienisch erklärte, was wir gerne hätten. Auch hier betrat ich den Laden ein zweites Mal, als man mich daran erinnerte, dass alle natürlich ihre Kinder mitbringen würden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich bereits, dass der Abend in einer Katastrophe enden würde. Eine der Katastrophen, die man unaufhaltsam auf sich zurollen sieht und der man nicht ausweichen kann. Es gibt nur eine Lösung. Alkohol. Ein ordentlicher Schluck Rotwein, wenn man feststellt, dass das Fleisch zwar in die Bratenreine passt, die Reine aber nicht in den Ofen. Ein weiterer, wenn man hört wie der Freund immer wieder bestätigt, dass man in der fremden Küche keine Hilfe braucht und beständig die Türglocke neue, unerwartete Gäste ankündigt. Eine zweites Glas, wenn man den Braten nicht mit Bier oder Wasser sondern einem Schuss Rotwein ablöscht und ein weiteres, wenn die Semmelknödel zum ersten Mal im Leben im siedenden Wasser zu Brei zerfallen. Dann ist es Zeit für einen Grappa. Hat man diesen, nach dem Wein, intus spricht man auch besser Italienisch. Wenn ich mich richtig erinnere, erklärte ich verschwitzt und mit glühenden Wangen, dass alles nach Plan lief und weinte erst, als ich die Tür hinter mir schloss. Mein Freund Grappa riet mir, dass es nun an der Zeit sei alte Familienrezepte zu vergessen und zu improvisieren.

Wenn Sie nach Cava kommen und dort Schweinsbraten essen, dann wundern Sie sich nicht. Sie bekommen einen Rinderschmorbraten mit einer kräftigen Rotweinsauce, feinen Zwiebeln, stark verkochten Karotten und einer Note von frischem Thymian vorgesetzt. Überraschend lecker. Nur die Beilage in Form von Pfannkuchen ist gewöhnungsbedürftig. Diese sind mit Ricotta-Frischkäse gefüllt und in jedem dritten ist ein Olive versteckt. Die Olive wurde seinerzeit von der Köchin besonders liebevoll in die Pfannkuchen eingewickelt. Bei jeder einzelnen murmelte sie leise: „Ich bring dich um.“

Dass ich es nicht tat, lag am Charme meines Freundes. Ein Grinsen von ihm reichte und ich war versöhnt. Ein Grinsen, eine Flasche Rotwein, ein paar Schlucke Grappa und der Schönheit Italiens.

23 Gedanken zu “Oliven mit Mordgedanken

  1. Liebe Mitzi!
    Bisher war ich weder in Cava, noch hielt sich mein Bedürfnis, einen Schweinebraten zu konsumieren in Grenzen. Doch mit jeder Zeile, die ich hier nun verschlinge, läuft mir das Wasser mehr im Munde zusammen…. ich habe beschlossen nach Cava zu fahren und gleich am Ortseingang nach Mitzis Schweinebraten zu fragen (pantomimisch versteht sich)….
    … und Sie dürfen auch gerne mal sämtliche Almtiere bekochen, die bereits ungeduldig mit den Hufen scharren! 🙂
    Herzliche Grüße
    Bratenkuh Mallybeau M.

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  2. Hihi, köstlichst – die Geschichte, ich esse auch bei aller Liebe keinen Braten.
    Das Improvisieren hat ja nachhaltig geklappt. Manchmal entstehen tatsächlich tolle Kreationen,
    wenn frau improvisiert beim Kochen!

    Liebe Grüße,
    Silbia

    Gefällt 1 Person

    1. Ich heute auch nur noch, wenn ich Rind oder Schwein zuvor auf einer Wiese im Sonnenlicht gesehen habe.
      Geklappt ist Ansichtssache. Aber bei den Besuchen in München sind sie alle nett darüber hinweggegangen, dass etwas völlig anderes auf ihren Tellern war.

      Liebe Grüße

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