Ein dummer Käfer

Er ist dumm, sage ich und blinzle in das Licht der Sonne. Wer, fragst du und streichst dir die Haare aus dem Gesicht. Eine Geste an die ich mich noch nicht gewöhnt habe, weil deine Haare kürzer waren, als ich sie noch jeden Tag sah. Der Käfer ist dumm, antworte ich. Er krabbelt schon wieder auf mein Knie, obwohl es da nichts zu holen gibt. Ich höre dich lachen und weiß bevor du den Mund öffnest, dass du etwas über ein hübsches Knie und ein nachvollziehbares Käferverhalten sagen wirst. Ich will es nicht hören, es würde mich nur stören, wenn du jetzt etwas nettes sagst. Man kann einem netten Menschen weniger böse sein und gerade will ich dir böse sein. Stellvertretend für die ganze Ungerechtigkeit der Welt und meinen dämlichen Klein-Mädchen-Weltschmerz, bin ich dir böse und mache uns ganz vorsätzlich den Ostersonntag Abend madig. Ich verderbe ihn mir. Dir kann ich nichts durch solch dummes Verhalten verderben. Wir kennen uns zu gut, als dass du nicht längst gelernt hättest, manche Minuten einfach wortlos verstreichen zu lassen. Wenn ich mich selbst nicht mag und trotzig wie ein kleines Kind auf meiner Lippe kaue, dann siehst du mich nur still schmunzelnd aus den Augenwinkeln an und wartest ab. Ab und zu lenkst du den Käfer auf meinem Knie Richtung Schienbein, beobachtest ihn einen Moment und schaust dann wieder über die Dächer der Stadt, in die ich ohne dich gezogen bin. Warum ich böse und traurig bin, fragst du nicht. Lange dauert es ja nicht, sagtest du einmal und auch, dass es sinnlos ist Momente der Traurigkeit schön zu reden. Man müsse da alleine durch, aber wenn einer daneben steht, dann würde es schneller gehen. Der dumme Käfer kriecht unter den Rand meines Rockes und du ziehst die Hand zurück. Seit wir kein Paar mehr sind, ist der Rand meines Rockes eine Grenze, die nur dumme Käfer überschreiten dürfen.  Du hältst mich fest, bevor ich zappelnd und nach einem Käfer suchend vom Mauervorsprung rutschen kann und grinst mich an. Versehentlich habe ich gelacht und du hast es gesehen. Einmal gelacht, kann ich nicht mehr böse und traurig sein. Ich war es für etwa zwanzig Minuten und jetzt ist es vorbei.

Unten in der Stadt läuten die Glocken. Es ist Ostern, sie dürfen wieder läuten und sie tun es hier, in der italienischen Stadt, mit besonderer Hingabe. Sie klingen anders als die Glocken zu Hause. Vielleicht liegt es auch nur an der Luft, dass die Schläge mächtiger und dröhnender klingen. Italienische Frühlingsluft ist schwerer als bayerische. Sie schleppt mehr Düfte mit sich herum und atmet sich wie die heimatliche es erst im August tut. Jetzt, wo ich wieder lache, fragst du mich, was eben los gewesen ist. Nichts, sage ich. Nichts, außer dass ich hier und du morgen wieder dort bist. Lächelnd erinnerst du mich daran, dass ich es war, die weg wollte und der München zu klein wurde. Nicht ohne anzumerken, dass Verona landläufig ebenfalls nicht als Metropole gilt. Mehr sagst du nicht. Wir wissen beide, dass Logik nicht unbedingt meine Stärke ist. Die Glocken läuten und du rauchst. Weit sind wir nicht gekommen. Nur ein paar Stufen und schon sitzen wir wieder auf einem Mauervorsprung. Wir werden uns noch öfter trennen und wiederfinden, meinst du und scheinst es nicht schlimm zu finden. Ich empfinde es als sehr schlimm, sage aber nichts mehr. Wenn ich jetzt wieder traurig werde, dann laufe ich Gefahr dich anzustecken und kein dummer Käfer könnte uns helfen. Ob dir das nicht manchmal zu anstrengend mit mir wird, wollte ich wissen, als die Sonne langsam unterging. Du hast mit den Schultern gezuckt und den dann den Kopf geschüttelt. Man beklage sich nicht über ein kurzes Sommergewitter, wenn einem tagelange Schlechtwetterfronten erspart blieben. Ein kurzer Schauer, kühlt die Luft nicht ab, meintest du und wir gingen Hand in Hand nach unten.

Der dumme Käfer blieb auf dem Hügel des Castel San Pietro und an manchen Tagen stelle ich mir vor, dass er noch immer dort oben hockt. Ich könnte ihm erzählen, dass du recht hattest und es einen mit den Jahren oft wegtreibt von denen, die man so gerne hat. Und auch, dass es nichts ausmacht, weil es reicht zu wissen, dass sie irgendwo da draußen sind. Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man sich wieder sieht, sich nach Jahren lockerer Verbindung wieder trifft und noch genauso nahe steht wie an einem Ostersonntag in Verona. Das Wichtige bleibt, könnte ich dem Käfer erzählen. Auch, dass tiefe Freundschaften räumliche und zeitliche Trennungen brauchen um sich weiter zu entwickeln. Aber es würde ihn nicht interessieren. Er ist ja nur ein dummer Käfer. Die Glocken läuten. Heute dürfen sie es wieder. Die zwanzig Minuten Klein-Mädchen-Weltschmerz sind selten geworden. Aber wenn sie kommen, dann steht auch heute noch einer neben mir und wartet still ab, bis sie vorbei sind.

27 Gedanken zu “Ein dummer Käfer

  1. Man beklage sich nicht über ein kurzes Sommergewitter, wenn einem tagelange Schlechtwetterfronten erspart blieben.

    Den merke ich mir, wenn ich mich in meinem Kleine-Jungen-Weltschmerz mal wieder über mich selbst zu ärgern beginne. Begrüß die Glocken, sie sind aus Rom zurückgekommen. Hab frohe Ostern. 🙂

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  2. Sehr schönes Verbalaquarell. 🙂

    Obwohl die Menschheit sich oft aufführt als hätte sie puncto Dummheit einen Alleinstellungsanspruch bin ich durchaus der Meinung, dass auch Käfer dumm sein dürfen.
    Wobei… ‚Käfer‘ sagtest du?
    Käfer…

    …egal 😉

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      1. Danke, stimmt, das war sicher noch schöner,

        solange es nicht der von Menschenmassen aus aller Welt heimgesuchte Balkon von Julia und ihrem Typen war *g*

        Ich fand die Stühle in der Arena unerträglich hart und winzig eng…

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  3. Ein vorwitziger Käfer, das mächtige Geläut zum Ostersonntag über Verona, und schon ist man als Leser in eine plastische Szene aus deinem Leben versetzt. Allmählich fügen sich die Puzzleteile zu einem Bild. Ist es die eine Beziehung, von der du so oft schon geschrieben hast, der eine besondere Mann in deinem Leben? Du bist weggegangen, erfahren wir jetzt. Glaubst du heute noch immer, dass Beziehungen „räumliche und zeitliche Trennungen brauchen, um sich weiter zu entwickeln?“ Wohin? Dass aus Liebe Freundschaft wird, wie es hier offenbar war?

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    1. Das glaube ich tatsächlich, lieber Jules. Freundschaften schadet es nicht, es ist aber auch nicht zwingend nötig. Wenn aus Liebe aber Freundschaft entstehen soll, dann halte ich es für sehr wichtig, ein wenig Zeit und Raum zwischen die Lebensabschnitte zu bringen. Herz und Kopf sind sonst schwer in Einklang zu bekommen. Wohin es dann führt, wird sich zeigen. Manchmal wird man sich vielleicht fremd, dann soll es so sein.
      Es ist einer der drei besonderen Männer in meinem Leben. Drei gleich….was auch immer kommen mag, ich kann wohl schon jetzt sagen, dass ich Glück hatte.

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      1. Eine schöne Vorstellung, dass aus Liebe Freundschaft werden kann. Leider passiert das nicht so häufig. Wenn man schon vorher befreundet war, bevor man sich liebte … oder sagen wir mal … sich anders liebte (denn Freunde lieben einander ja auch) … dann ist es manchmal einfacher.
        So meine Erfahrung.
        Doch es ist mit jedem Menschen anders … und daher: wunderbar, dass du gleich drei besondere Männer in deinem leben hattest/hast.

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