Hauptsache gelb

Heute stelle ich meinen Kolleginnen einen Blume auf den Schreibtisch. Jede von Ihnen bekommt ein gelbe Tulpe. Eigentlich müsste es der Zweig einer Mimose sein, aber da es a) in München schwer ist an Mimosen zu kommen und b) sie eh nicht wissen warum, wird es auch die Tulpe tun. Hauptsache gelb. Das sagte mir auch mein Freund als er mich vor Jahren in Verona von der Arbeit abholte und mir einen Strauß gelber Freesien in die Hand drückte. Mein Freund schenkte mir nur selten Blumen und wenn er es tat, dann immer mit einer etwas verlegenen Geste und genau darauf achtend, dass es nur ja nicht zu emotional wirken könne. Ich habe auch zwei sehr schöne Ketten und ein noch viel schöneres Armband im vorbei gehen geschenkt bekommen. „Da!“, sagte er, drückte es mir in die Hand und nuschelte etwas davon, dass er es zufällig gesehen und als für mich passend empfunden hätte. Geburts- und Jahrestage vergaß er immer. Mir war es egal. Ich erinnerte ihn und dann gingen wir essen oder fuhren ans Meer, ohne dass ich es ihm nachtrug. Meine Geschenke für ihn erhielt er pünktlich, weil es mir wichtig war. Ich die seinen dann, wenn ihm gerade einfiel, dass ich ihm wichtig war. Es fiel ihm oft ein und es hätte mich beschämt, jedes Mal ein Schmuckstück zu bekommen. Ich bekam schöneres. Meistens blieb er dann im gehen einfach nur abrupt stehen, sah mich von oben an, grinste und murmelte, dass es recht gut mit uns passen würde. Eine Antwort erwartete er nicht. Meistens kam sie trotzdem, indem ich ihm mit Anlauf in die Arme sprang und mich für das Geschenk in Form eines gemurmelten Satzes bedankte. Blumen bekam ich von ihm nur während der Jahre als wir in Italien lebten. Und dort sogar pünktlich. Nicht zum Geburtstag, sondern am 8. März, dem giornata delle donne.

Ich hatte gerade erst in Italien zu arbeiten begonnen, als man mir zu meinen morgendlichen Kaffee am Bahnhof ein Brioche umsonst dazu gab. Als ich fragt warum, lächelte man mich an und sagte, weil ich ein hübsches blondes Mädchen sei. Im Büro stand auf meinem Schreibtisch ein Wasserglas mit einem Mimosenzweig. Der sei für mich, weil ich es schön sei, dass ich jetzt hier arbeitete und mein Lachen so fröhlich klingt. Vom immer zu spät kommenden Kollegen erhielt ich eine gelbe Tulpe mit einem Grinsen. Er sagte, sie sei für mich, weil mit meinen mangelnden Italienischkenntnissen das Chaos, das man eigentlich Italienern zuschrieb, in Form einer Deutschen, eingezogen sei. Ich bekam auch am Mittagstisch im Einkaufszentrum ein gelbes Blümchen. Am Abend nahmen mich die Kolleginnen mit in ein Restaurant. Kaum ein Mann war an den Tischen zu finden, aber reichlich Frauen und alle hatten Blumen vor sich stehen. Hinterfragt hat diesen Tag außer mir, wohl keine. Später sagte mir eine Freundin, dass sie meine Fragen dumm fand. Freu dich doch einfach, meinte sie und hatte recht. Die Italiener stürzen sich gerne mit Leidenschaft in die Dinge und zelebrieren das, was ihnen wichtig ist, mit Hingabe. Am 8. März ist es egal ob man ein altes Weib hinter dem Gemüsestand oder ein junges Ding an der Supermarktkasse ist. Man braucht nicht wie am Valentinstag einen Mann um diesen Tag zu feiern, es reicht eine Frau zu sein. Man wird gefeiert und noch viel schöner, man feiert sich selbst. Nicht weil man sich für etwas besonders hält, sondern einfach freudig und herzlich. Ursprünglich entstammt er den für ihre Rechte kämpfenden Frauen. Auch nach dem Frauenwahlrecht, war es ihnen bis in die 70er Jahre in manchen, ländlichen Teilen Italiens fast unmöglich ohne männliche Begleitung in Lokale zu gehen. Der 8. März war die Ausnahme und Frauen feierten schon damals an diesem Tag und hauten ordentlich auf den Putz. Ein Recht, dass sich Frauen heute an jedem Tag heraus nehmen sollen und dürfen. Es ist ein Kampf der sicher noch nicht vorbei ist und doch ist an diesem Tag nichts vom Geschlechterkampf zu spüren. Gleicher Verdienst und Anerkennung in vielen Bereichen ist noch längst nicht an der Tagesordnung und doch haben es die italienischen Frauen geschafft, sich all das  zwar in Erinnerung zu rufen, ihren Kampf an diesem Tag aber ruhen zu lassen und sich einfach nur auf Händen tragen zu lassen. Als ich in Italien lebte, verdiente ich auch als ich fließend italienisch sprach nur die Hälfte meiner männlichen Kollegen. Es hat mich täglich geärgert. Die Blumen und die Komplimente nahm ich trotzdem gerne. Überhaupt freue ich mich über Komplimente jeder Art. Wahrscheinlich weil ich mich in Beziehungen nie beweisen musste und „schöne Augen“ oder „hübsches Lächeln“ für mich nie bedeuteten, dass man den Rest der in mir steckt übersehen könnte.

Von meinem damaligen Freund am 8. März Blumen geschenkt zu bekommen, wunderte mich trotzdem. Warum er, der sich sonst nicht um Konventionen oder Gedanken anderer scherte, diese Tradition aufrecht erhielt, fragte ich ihn als ich zurück nach Deutschland ging. Er lächelte, legte den Arm um meine Taille und zuckte mit den Schultern. Erst vor einigen Jahren, als ich schon längst wieder in Deutschland lebte, erzählte er mir, dass ich ihm an einem 8. März einmal fast vor das Auto gelaufen wäre. Ich kannte ihn damals noch nicht, sprach erst Monate später das erste Mal mit ihm. Meine Jahrestage waren ihm egal, für ihn war es der 8. März den er mit mir verband.

22 Gedanken zu “Hauptsache gelb

  1. Interessant, wie wichtig die giornata delle donne in Italien ist. Wahrscheinlich stellst in Deutschland nur Du gelbe Blumen auf Kolleginnenschreibtische. Die katalanischen Spanier haben es ja mehr mit der Diada de Sant Jordi, dem Tag des Buches und der Rose am 23. April. Frauen kriegen rote Rosen, Männer Bücher, jeweils vom oder von der Angebeteten. Also nicht einfach so. Dafür aber rot 🙂

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    1. Sie sind wohl gelb, weil die Mimosen – die man ursprünglich als Symbol für diesen Tag wählte – gelb blühen. Ich denke die meisten Frauen freuen sich auch über weiße oder lila Blüten. Wie du sagst….Hauptsache er wird überhaupt begangen.

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  2. Oh, liebe Mitzi,
    wenn ich diesen Artikel gelesen hätte, bevor ich mich zum Weltfrauentag geäußert habe, hätte ich Sie in meiner Bloghütte hiermit begrüßt:

    Nun reiche ich sie Ihnen hier nach – noch ist es nicht zu spät!
    Gruß Heinrich

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  3. Das Verschenken von Blumen ist gewiss eine schöne Sitte, aber am meisten hat mich an deinem Text beeindruckt, dass du in Italien nur halb soviel verdient hast wie deine männlichen Kollegen. Italien gilt nicht gerade als Vorreiter bei den Frauenrechten. immerhin gibt es dort das allgemeine Wahlrecht für Frauen erst seit 1946.
    Gab es derart extrem ungleiche Bezahlung in deiner Branche auch in Deutschland? Ich kann gut verstehen, dass du dich darüber täglich geärgert hast. Es ist ja durch nichts zu rechfertigen. Mir scheint, solange solche Diskriminierungen alltäglich sind, sind Blumen und Komplimente wohlfeil. Wenn Frauen gerecht bezahlt würden, könnten sie sich die Blumen selber kaufen – in rauen Mengen.

    Den Weltfrauentag hat die Frauenrechtlerin Clara Zetkin schon im August 1910 initiiert. Ich fürchte, solange Frauen sich lieber im TV anschauen, wie der Bachelor Rosen an Frauen verteilt, wird die Gleichberechtigung noch weitere 100 Jahre auf sich warten lassen.

    Schöner Text, liebe Mitzi

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    1. Mein Beispiel in Italien war sicher extrem und auch meinem Quereinstieg geschuldet. Dennoch war meine Qualifikation ähnlich der, des Mannes. In Italien ist das Gefälle sehr viel größer als in Deutschland. Möglicherweise hat sich in den letzten Jahren etwas getan, aber ich fürchte nicht sehr viel.
      In Deutschland kenne ich die Benachteiligung auch. Allerdings nicht so extrem und die Firmen versuchen wenigstens einen Grund dafür anzugeben. In den meisten Fällen halte ich die aber für fragwürdig.
      Ich selbst empfinde extremen Feminismus manchmal auch als überzogen. Wenn ich mir aber das Frauenbild ansehe, dass einige, gerade junge Frauen schüren, dann kann ich nur den Kopf schütteln.
      Eine Rose, gerne. Ein Mitglied im Harem des Bachelors…man möchte sich abwenden und übergeben. 😉

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