Wachwolf

Am ersten Tag meiner Rente, werde ich ins Tierheim gehen und einen Hund zu mir holen, den sonst keiner will. Einen besonders alten oder kranken, der in den letzten Jahren  seines Lebens einen Menschen an seiner Seite braucht. Vielleicht weil er es immer gewohnt war und vorschnell weggeben wurde oder weil sein Besitzer selbst gestorben ist. Einen, den übrig geblieben ist, weil er kränkelt, hässlich ist oder einen anderen Makel hat. Einen der sich so alleine und verloren fühlt, wie ich an meinem ersten Arbeitstag in Italien.

An diesem Montagmorgen spielte ich mit dem Gedanken alles hinzuwerfen und wieder zurück nach München zu fahren. Dass ich genau in dem Moment aufgeben wollte, als Arbeit und Wohnung in trockenen Tüchern waren, hätte niemand verstanden und ich hätte es nur schwer erklären können. Und doch beschloss ich an diesem Morgen, dass Italien eine dumme Idee gewesen war. Eine letzte Zigarette auf den Stufen eines fremden Bürogebäudes wollte ich noch rauchen und dann einfach abhauen und ab nach Hause. Dorthin wo es sich vertraut anfühlte. Dahin wo sich der Magen  nicht vor lauter Einsamkeit verkrampfte und zurück in ein Leben, dass mich nicht jeden Tag vor neue Herausforderungen stellte. Abenteuer mag ich nicht. Ich stolpere nie vorsätzlich, sondern immer nur versehentlich hinein. Versehentlich wäre ich beim Aufstehen auch fast über den kleinen Hund gestolpert, der sich neben mich auf Stufen gesetzt hat. Nur weil ich Hunde mag und dieser besonders putzig war, entschied ich mich eine zweite Zigarette zu rauchen. Der Hund blieb neben mir und ließ sich den Bauch streicheln. Ein warmer Hundebauch ist gut gegen Einsamkeit. Noch besser ist eine nasskalte Hundeschnauze, die einen um kurz vor neun Uhr anstupst und daran erinnert, dass man nicht großspurig vom Auswandern erzählt hat, nur um dann im ersten Monat aufzugeben.

Ich bin geblieben und der Hund wurde mein bester Freund. An meinem ersten Arbeitstag roch ich nach Hund, weil ich mein Gesicht in seinem warmen struppigen Fell vergraben hatte. Meine Kollegen erzählten mir, dass sie ihn Wolf nannten, weil er sich gerne füttern, aber nie streicheln lies.  Am zweiten Tag erschien ich mit ihm im Schlepptau und ab der dritten Woche, lag er jeden Vormittag unter meinem Schreibtisch. An den Nachmittagen nicht. Da machte er Jagd auf die LKWs, die im Kreisverkehr vor unserem Büro wendeten. Ich arbeitete mitten im Industriegebiet in der Nähe des Großmarktes. Keine besonders gute Gegend. Weder für kleine Hunde, noch für naive junge Frauen, die aus ihr Mittagessen aus Gründen chronischen Geldmangels in der Fernfahrerkneipe zu sich nahmen. Zwischen Prostituierten, wie ich später erfuhr. Bei fast vierzig Grad im Schatten und entsprechend luftiger Kleidung unterschied mich von ihnen nur, dass ich einen kleinen Hund im Schlepptau hatte und nach dem Essen wieder hinter dem Schreibtisch und nicht in einer LKW Kabine verschwand. Wolf begleitete mich jeden Mittag. Er brachte mich hin, wartete vor der Tür und ging mit mir gemeinsam zurück zum Büro. Unser kurzer Spaziergange führte entlang einer Schnellstraße und über einen Schrottplatz. Menschen begegneten wir kaum und wenn, dann wurden sie von Wolf immer ignoriert. Mit stoischer Gelassenheit spazierte er zwischen den Containern und Schrotthaufen umher und blieb dabei immer in Sichtweite. Auch an dem verregneten Herbsttag als mich zwischen Containern Mauern ein Mann ansprach. An diesem Tag, mitten auf einem verlassen und übersichtlichen Platz wurde mir schlagartig bewusst, dass meine einsamen Spaziergänge eine unglaublich dumme Idee waren. Ich denke nicht gerne an diese Begegnung zurück. Aber ich bin noch heute überzeugt, dass ich im genau richtigen Moment – als Wolf aggressiv zu bellen und zu knurren begann – losgelaufen bin. Ich schüttelt die Hand an meiner Schulter ab und rannte los. Über den Schrottplatz bin ich nie wieder gegangen.

Als ich nach zwei Jahren nach Deutschland zurück kehrte, fiel mir der Abschied von Wolf schwerer als der von Freunden und Kollegen. Nur der Abschied von dem Freund mit dem ich vor über zwei Jahren gemeinsam von München aufgebrochen war, traf mich noch härter. Wir waren zu zweit gekommen und jetzt ging ich alleine zurück. Am Tag vor meinem Umzug saßen wir auf der frisch gemähten Wiese vor dem Büro und ich hatte Wolf auf meinem Schoß. Als ein LKW vorbei fuhr, sprang er auf und rannte los. Kein Lastwagen konnte vorbei fahren, ohne dass der Hund ihn nicht laut bellend gejagt hätte. Heulend stand ich auf. Ein besseres Bild zum Abschied würde es nicht geben. Damals sagte ich zu meinem Freund, dass ich irgendwann zurück kommen würde. Dass ich jetzt gehen würde, aber irgendwann zu ihm und Wolf zurück kommen würde. Er hat den Hund noch jahrelang gefüttert und mir Fotos von ihm geschickt. Wolf jagt schon lange keine LKWs mehr, aber sein Bild hängt noch immer bei mir an der Wand.

Irgendwann gehe ich ins Tierheim und hole einen ähnlich struppigen kleinen Kerl zu mir. Es wird ein recht kleiner sein. Frech und putzig, aber nicht wirklich schön. Einer, der lieber großspurig los kläfft, als zuzugeben, dass er Schiss hat. Und einer, der den Schwanz nicht einzieht, obwohl er am ganzen Körper zittert. Einen, der ein bisschen wie ich ist, sagt mein Freund. Einen mit einer großen Schnauze und mehr Glück als Verstand. Und einen, der einen warmen Bauch und eine nasskalte Schnauze hat, sage ich.

  

42 Gedanken zu “Wachwolf

  1. Eine schöne Geschichte! Erinnert mich an ein Ehepaar, dem ich vor meinem Umzug nach Hamburg bei Speziergängen mit meinem Hund regelmäßig begegnete. Die beiden hatten zwar schon 2 Hunde, sind dann aber trotzdem ins Tierheim gegangen und haben sich dort den Hund geholt, für den sich die wenigsten interessierten und der am längsten dort war.

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    1. Ich finde das auch schön. Wenn Platz und Zeit für Hunde da sind, sind sie schöne Begleiter im Leben.
      Obwohl man natürlich nicht zu naiv rangehen sollte und sich bewusst sein muss, dass ein älteres Tier mehr Zeit und auch Geld in Anspruch nehmen wird.

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  2. If you need a true friend get a dog….. ich denke, der Spruch stimmt….obwohl einen schwer traumatisierten Hund grosszuziehen, wuerde ich mir nicht zutrauen….ich kann deine Gefuehle am ersten Tag sehr gut nachempfinden….wieder wunderbar erzaehlt von dir!

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    1. Das traue ich mir auch nicht zu, Ann.
      Wenn es soweit ist, werde ich mich schlau machen und am Ende wird sich zeigen, welcher Kerl sich bei mir wohlfühlen wird.
      Der Spruch stimmt für mich in jedem Fall. Obwohl ich Katzen so gerne mag, passen Hunde besser zu mir.

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  3. Der Hundeblick auf dem rechten Foto ist herzzerreißend. Ich mag auch Hunde sehr gerne. Als Kinder hatten wir immer welche. Eine liebevolle Geschichte hast du geschrieben die berührt.
    Meine Katzen sind aus dem Tierheim und ich wollte auch eigentlich eine die alt ist und die keiner mehr will. Leider waren dann zwei nacheinander so krank, dass ich sie doch nicht behalten konnte und so fand, als drittes, meine schwarze Cleo zu mir, die allerdings noch recht jung ist.

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    1. Meine Kollegen hatten versucht, ihm ein Zuhause zu besorgen. Aber da hat er sofort aufgehört zu fressen und war recht unglücklich. Wolf gehörte nach draußen, wo er in aller Ruhe toben und streunen konnte. Er hatte eine eigene Hundehütte hinter dem Büro und stand so gut im Futter, dass wir sicher waren, dass er mehr als eine Nahrungsquelle hatte. Eine meiner Kolleginnen verpasste ihm eine Wurmkur, eine andere besorgte ein Halsband mit Telefonnummer, damit man ihm dem Büro zuordnen konnte. Ich bin mir recht sicher, dass er ein glücklicher Hund war. 🙂

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  4. Als mein Hund sich uns im Tierheim ausgesucht hat und ich Näheres zu ihm wissen wollte, sagte die Tierpflegerin: „Ach, sie meinen den hässlichen Pudelmischling?“ Na, danke. Wir bekamen ihn billiger, weil er schon so „alt“ war; zwischen 5 und 7 Jahren, schätzte man. War ein ziemlich gutes Geschäft; Madame lebte noch über elf Jahre bei uns und war nie ernsthaft krank. Hunde aus dem Tierheim sind toll. Ich werde irgendwann auch wieder einen haben! Nur etwas Bestimmtes sollte man sich nie vorstellen. Wenn Du einen kleinen, struppigen Hund haben möchest, kann es durchaus passieren, dass Du mit einem glatthaarigen Riesenmöbel wieder aus dem Tierheim kommst, denn die Augen, weißt Du… die Augen… 😉

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    1. Das kann gut sein….dass ich mit einem halben Kalb nach Hause gehen werde. Oder mit einem ganz anderem. Letztendlich ist es egal und wie du sagst, wir werden es hoffentlich intuitiv wissen. Die Formulierung, dass der Hund sich mich aussucht und nicht umgekehrt, gefällt mir.
      Bisher hatte ich als Kind nur Meerschweinchen aus dem Tierheim. Es waren nie die hübschen. Eines hockte apathisch in der Ecke, wurde bei mir zu Hause aber munter und fröhlich, ein anderes hatte so schiefe Zähne, dass wir jahrelang zum Tierarzt laufen mussten, weil sie sich nicht von alleine abnutzten – aber sonst war Chester große Klasse ;).

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  5. Als Kind musste ich mal die Ferien bei einer Tante auf dem Bauernhof verbringen, wo ich sehr unglücklich war. Da hat mich so ein Hund auch getröstet. Als junger Vater habe ich mich oft mit närrischen Hundebesitzern herumgeplagt, die dachten, sie müssten unbedingt mit ihrem Hund auf den Kinderspielplatz gehen. Heute kann ich keine Hunde mehr riechen, und ich weiß nicht, obs an den Hunden liegt oder an den oft rücksichtslosen und verblendeten Hundehaltern.
    Es imponiert mir übrigens, dass du das Wagnis Italien in dem geschilderten Umfeld auf dich genommen hast.
    Aber was ganz anderes: Wieso denkst du jetzt schon an deine Rente, liebe Mitzi? Du bist doch noch eine junge Frau. Bis dahin gibts noch viel Schönes zu erleben, will ich doch hoffen für dich.

    Lieben Gruß

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    1. Bei so manchem Hundebesitzer frage ich mich auch, ob der Verstand des Besitzers ganz auf der Höhe ist.
      Das Umfeld wurde mit jedem Monat besser. Ich habe die Pausen schnell mit den Kollegen verbracht und Anschluss gefunden. Nur Anfangs habe ich mich verkrochen, weil mir das Gefühl einsam zu sein, fremd und völlig unbekannt war.
      Die Rente ist nur präsent, wenn ich an meinen zukünftigen Hund denke. Für den ist jetzt ja leider keine Zeit. Ansonsten ist sie tatsächlich noch in weiter Ferne und ich möchte mich nicht darüber beschweren ;).
      Übrigens…über die Post beschwere ich mich auch nicht mehr. Nix, return to Sender. Sie hat mich gefunden und ich habe mich sehr gefreut, lieber Jules.
      Liebe Grüße

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    2. Hundehalter sind eigentlich nicht eine unangenehme Abart von Menschen, sondern irgendwelche Menschen (ich vermute sogar, ein representativer Querschnitt durch die Bevölkerung), die es schön finden, mit einem Hund zusammen zu leben. Wenn Du mit einem Kind auf den Spielplatz gehst und Dich über Hundehalter ärgerst, die ihren Vierbeiner ausgerechnet da laufen (und Schlimmeres) lassen müssen, dann hast Du natürlich Recht, Dich zu ärgern, aber Du vergisst dann die zigtausend Hundehalter, die genau das nämlich nicht tun! Die siehst Du nur nicht – eben deswegen.

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    3. Ich habe viele nervige unangenehme Menschen in meinem Leben kennengelernt, generalisiere es aber auch nicht auf die Spezies…….nur mal angemerkt 😉

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  6. Ja, Hunde sind die treuesten Gefährten und Tröster. Meine schwerstkranke Patientin hat drei Hunde. Ihre Schwester hatte eine Hundeschule und sie bekamen immer wieder vor dem Tode gerettete Hunde aus dem Osten. Jetzt trösten die drei Hunde, wenn es meiner Patientin nicht gut geht. Sie liegt dauerhaft im Bett und dann springt die Windhündin zu ihren Füßen auf das Bett.
    Sie spüren jede Veränderung. So habe ich es auch als Kind erlebt.
    Da du schreibst, wenn du in Rente bist, gehe ich davon aus, dass du Zeit für dein Tier haben möchtest. Das finde ich nur gut. Man sollte sich nicht einen Hund holen und ihn dann allein lassen…

    Wieder löst du Erinnerungen aus, liebe Mitzi!
    Liebe Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

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    1. Ja, Silbia. Die Zeit fehlt mir jetzt. Das würde einem Hund nicht gut tun und um jeden Preis…das ist nicht gut.
      An die wohltuende Wirkung eines Tieres glaube ich unbedingt. Und dass sie mehr Instinkte haben auch.
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag.

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  7. Ach Hunde sind schon wunderbare Geschöpfe! Ich habe drei verrückte Kälber daheim und alle haben eine traurige Vorgeschichte.

    Übrigens, keine von den Dreien sieht so aus, wie ich es mir vorab vorgestellt habe 😉

    viele liebe Grüße
    Rebecca

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